Nr. 19
Freitag den 23. Zarmar
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Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
r Echulftraße 7.
Erscheint täglich mit Au-ncchme des IHontagv.
Amtlicher
H k e i l.
Preis vierleliührlich 2 Mars 20 Pf. mit vringerlohn.
Lurch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Betreffend: Die Bestellung von Experten in Brandversicherung«- und Brandentschädigungiangelegenheiten.
B e k a n n t m a ch u n g.
An Stelle des wegen hohen Alters von feinem Amte entbundenen Experten Konrad Bock zu Grünberg ist der Maurermeister Christoph Nock zu Grünberg zum ständigen Experten in BrandversicherungS- und Brandentschadlgungsangelegenheiten für die Orte Allertshausen, Beltershain, Elimbach, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Kesselbach, Lauter, Lindenstruth, Londorf, Lumda, Odenhausen, Queckborn, NeinhardShain, Rüddings- hausen Saasen mit Bollnbach, Beitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain und Weitershain ernannt und verpflichtet worden.
Gießen, am 20. Januar 1885. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Betreffend: Wie oben. Gießen, den 20. Januar 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
Unter Hinweis zuzuziehen.
an die Großberzoglicken Bürgermeistereien der vorgenannten Gemeinden.
auf die vorstehende Bekanntmachung beauftragen wir Sie, den Experten Christoph Bock künftig zu den fraglichen Dienstverrichtungen
Dr. Boekmann.
Betreffend. Die Verwaltungsgesetzgebung im Großherzogthum Hesien. Gießen, am 21. Januar 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grobherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Jnsolge Weisung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz machen wir Sie darauf aufmerksam, daß im Verlage von A. Berg- fträßer zu Darmstadt ein von dem Grobherzoglichen Amtmann Dr. W. Zeller verfaßtes Handbuch der Verfassung und Verwaltung im Grobherzogthum Hessen, 2 Bände, und zwar zunächst der erste Band — Kostenpreis desselben ungebunden 5 JL 40 — erschienen ist; und daß im Verlage von
G- Jonghauü zu Darmstadt binnen Kurzem eine neue, nach dem heutigen Stande der Gesetzgebung umgearbeitete Auflage der Verwaltungsgesetzgebung im Großherzogthum Hessen von Provinzialdirector Friedrich Küchler — zwei Bände zum Subscriptionspreise von 10 — erscheinen wird.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberskcht.
Gießen, 22. Januar.
Am kaiserlichen Hofe wurde am Sonntag das Krönungs- und Ordensfest des Ordens vom Rothen Adler in der herkömmlichen Weise begangen. Da der Kaiser sich eine leichte Erkältung zugezogen hat, konnte er der Feier nur zum Theil beiwohnen und beauftragte für Den Rest derselben den Kronprinzen mit seiner Vertretung. Im Uebrigen ist das Allgemeinbefinden des greifen Monarchen durch die leichte Indisposition in keiner Wesse alterirt worden und erledigt er in gewohnter Weise die lausenden RegierungSgeschäste. Das Krönungsfest hat, wie üblich, zahlreiche Verleihungen des Rothen Adler- Ordens in feinen verschiedenen Abstufungen, sowie des Kronen-Ordens, zur Folge gehabt.
Der Militär-Etat hat den Reichstag auch noch während der ganzen Sitzung vom Montag beschäftigt, so daß die Specialdebatte Über den gleichfalls aus der Tagesordnung stehenden Justiz-Etat erst am Dienstag begonnen werden konnte. Der größte Theil der Montagssitzung wurde durch Die Debatte über die zum Bau einer Unterosficier-Vorfchule in Reu-Breisach (Elsaß) geforderte Summe von 289,000 JL ausgefüllt. Der fragliche Gegenstand hat den Reichstag schon früher wiederholt beschäftigt, aber die Position wurde trotz warmer Befürwortung Seitens der Vertreter der Reichsregierung stets abgelehnt und das nämliche Schicksal widerfuhr ihr auch diesmal. Von conserva- tiöer Seite beantragte Abg. v. Massow unter Hinweis auf die Nothwendigkeit, den Unterofficiers-Schulen gut vorbereitete Zöglinge zuzusühren, die Bewilligung der Forderung, worin er von Dr. Burklin (nat'lib.) und auch vom Abg. Grafen Moltke unterstützt wurde, der namentlich darauf hinwies, daß es dringend wünschenswetth sei, dergestalt die militärisch tüchtige elsaß-lothringische Bevölkerung für unseren, für die Armee so wichtigen, Unterofsiciersstand zu gewinnen. Aus finanziellen Gnünden erklärten sich indessen die Redner der Deutschsreisinmgen und Abg. Dr. Windthorst gegen die Forderung, wobei Abg. Richter darauf hinwies, daß es sich hierbei keineswegs um eine nationale Frage — entgegen den Ausführungen des nationalliberalen Abg. Fischer (Abgeordneter für Ulm) — handle, im Uebrigen habe' die deutschfreisinnige Partei Dutzende von Millionen für die Befestigungen von Elsaß-Lothringen bewilligt, ebenso die Forderungen für den Ausbau der Reichs-Eisenbahnen, für die Universität Straßburg u. s. w. Obwohl Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf wiederholt warm die Bewilligung der Position befürwortete, wurde dieselbe, entsprechend dem betr. Commissions-Antrage, mit geringer Majorität abgelehnt; der übrige Theil der Sitzung war von keinem allgemeinen Interesse.
Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Montag die erste Lesung des Etats. Aus den Ausführungen des Finanzministers ist Folgendes hervorzuheben: Der Etat pro 1883/84 habe die gehegten Erwartungen um 3 Mill. «X übertroffen. Der Gesammtüberschuß, welcher namentlich aus den Eifenbahnen herrühre, betrage 20 Mill. <A, die zur Tilgung der Eisen- bahnschulden ihre Verwendung finden. Für das laufende Jahr fei ein Überschuß von 10 Mill. zu erwarten, darunter 3 Mill, aus der Forstverwaltung, welcher Betrag sich bei der dringend wimschenswerthen Erhöhung
der Holzsteuer noch steigern werde. Bezüglich der Höhe der Matricularbeiträge des Etats pro 1885/86 bemerkt der Minister, daß dies kein Fiasco der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik sei, sondern die Nothwendigkeit der weiteren Ausbildung der inbirecten Steuern durch das Reich beweise.
Der Reichskanzler hatte bekanntlich in der Reichstags-Sitzung vom 10. Januar bei der „Kamerun-Debatte" die Bemerkung fallen lassen, daß die Eingeborenen in Neu-Guinea die dortige deutsche Occupation „hinausgeworsen" hätten. Weitere inzwischen eingelaufene Depeschen bezeichnen aber diese Mit- theilung als unbegründet; es handelt sich hierbei lediglich um einen Protest, den ein nicht in Neu-Guinea lebender Ausländer, welcher im englischen Interesse steht und wirkt, gegen Die deutsche Besitzergreifung von Neu-Guinea eingelegt hat, und mit diesem papierenen Widerstand wird die Bismarck'fche Staatskunst wohl fertig werden. Erfreulicher Weife kann die „Köln. Ztg.", welche diese Berichtigung bringt, mittheilen, daß im Uebrigen die Bemühungen des deutschen Handels, auf Neu - Guinea festen Fuß zu fassen, die besten Fortschritte machen.
Die Gerüchte von einem Bruche zwischen Frankreich und dem Vatican, die in Folge des Umstandes entstanden waren, daß der päpstliche Nuntius in Paris plötzlich nach Rom berufen worden ist, werden von dem klerikalen Journal „Le Monde" formell für unbegründet erklärt. Das Blatt hebt hervor, das nächste Consistorium fei fpeciell dazu anberaumt worden, um die neuen französischen Bischöfe zu präconiiiren, auch werde wahrscheinlich die Frage der drei französischen Cardinäle demnächst gelöst werden. — Aus Ostasien ist die überraschende Nachricht eingegangen, daß die Chinesen mit Flottenmacht in See gegangen sind, um den Cardinal Courbet anzugreisen und die Blckade Formosas zu durchbrechen. Ueber die Gegenmaßregeln Courbet's verlautet noch nichts; daß derselbe eine Niederlage erlitten habe, wird von der „Agence Havas" bementirt. — Der neue französische Kriegsminister Lewal gedenkr ein eigenthüm- liches Experiment, eine Mobilisirung im Kleinen, vorzunehmen. Er will nämlich die in Tongking stehenden Bataillone durch Freiwillige aus der activen Armee, welche mindestens ein Jahr gedient haben, completiren und die hierdurch in der Armee entstehenden Lücken durch eine entsprechende Anzahl der zur Disposition Gestellten ausfüllen. Der betr. Gesetzentwurf soll den Kammern nächstens unterbreitet werden.
Die egyptische Frage ist in London plötzlich zum Gegenstand eingehender diplomatischer Erörterungen geworden. Am Montag hatte der deutsche Botschafter, Graf Münster, eine längere Unterredung mit Lord Granville, dem englischen Minister des Auswärtigen, über diesen Gegenstand, worauf sich auch die Botschafter Rußlands und Oesterreichs zu Lord Granville begaben. Wie es heißt. hatten dieselben die Antworten ihrer Regierungen auf die von England bezüglich der Regultrung der cgyptischen Finanzverhältniffe gemachten Vorschläge überbracht. An demselben Tage empfing Lord Granville noch den türkischen Justizminister Hassan Fehmi Pascha, der vom Sultan mit der Mission betraut worden ist, zwischen England und der Pforte em Abkommen wegen Egyptens zu treffen; über das Resultat der Unterredung zwischen beiden Staats- l männern verlautet noch nichts. Da inzwischen auch der bekannte türkische Ad-


