Mx. 216. Zweites Blatt Donnerstag den 22 October 188S
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Politische Ueberficht.
Gießen, 21. October.
Heber den Termin für den Zusammentritt des Reichstages ist auch jetzt noch nichts Authentisches bekannt, trotz der verschiedenen hierüber courstrenden Mittheilungen. Auch die von der „Rat.-Ztg." mit einer gewissen Bestimmtheit gebrachte Nachricht, der Reichstag werde gegen den 20. November einberufen werden, kann noch nicht als gewiß betrachtet werden. Bekannt ist nur, und einer alten parlamentarischen Gepflogenheit entsprechend, daß der Reichstag im November — und zwar nach dem 15. November — zusammentritt, der Termin selbst ist aber, wie gesagt, noch nicht bekannt, es scheint überhaupt, als ob man sich an maßgebender Stelle in Berlin hierüber noch nicht definitiv schlüssig gemacht hat. Herrn v. Puttkamer's Anwesenheit in Baden-Baden hat mit dieser Angelegenheit nichts zu thun gehabt, da die Gegenzeichnung der kaiserlichen Ordre bezüglich der Einberufung des Reichstages, wenn sie nicht durch den Reichskanzler erfolgt, durch besten Stellvertreter für das Innere, StaatSjecretär v. Bötticher, zu geschehen hat, denn Herr v.Putt- kamer vertritt den Fürsten Bismarck nur in Preußen als Vicepräsident des Staatsministeriums. — Die Reise des preußischen Ministers des Innern nach Baden-Baden zum Kaiser hat sich in erster Linie aus die endgültigen Anordnungen hinsichtlich der Landlagswahlen bezogen. Da die Urwahlen am 29. October stattfinden, so wird bestimmt erwartet, daß die preußische General- Synode bis dahin mit ihren Arbeiten fertig werden wird und diese Erwartung ist um so eher berechtigt, als die Mitglieder der Synode einen in der That anerkennenswerthen Fleiß entwickeln. Sie beweisen dies durch die rege Theil- nahme sowohl an den Verhandlungen des Plenums selbst, wie an denen der verschiedenen Commissionen und es werden daher auch einige brauchbare Kirchengesetze, wie die Entwürfe über das Dienstalter bet Geistlichen und über das Pfarrwahlrecht der Gemeinden von dieser Thätigkeit Zeugniß ablegen.
In Betreff der Versetzung des bisherigen deutschen Botschafters Grafen Münster von London nach Paris und des noch auf Urlaub befindlichen StaatssecretärS im auswärtigen Amte, Grafen Hatzseldt, nach London, schreibt man von Berliner officiöser Seite: Für den Personenwechsel in der Botschaft beim Hofe von St. James lag guter Grund vor. Die orientalische Frage steht gegenwärtig nach verschiedenen Seiten hin im Vordergründe der internationalen Verhandlungen. Neben dem rumelischen Aufstande, der eine möglichst rasche Lösung erheischt, rückt auch die Regelung der egyptischen Frage vor die Entscheidung durch die Großmächte. Wie immer bei größeren ober geringeren Krisen in bet europäischen Türkei, dürsten auch diesmal noch weitere Forderungen der sich aus ältere Versprechungen der Pforte stützenden Völkerschaften des ottomanischen Reiches in den Bereich der Berathungen des europäischen Areopags gezogen werden. Welchen Einfluß bei allen diesen Fragen Großbritannien ausübt, ist bekannt, und es kam vor Allem darauf an, nach London als Botschafter einen mit den orientalischen Verhältnissen vertrauten Diplomaten zu senden. Hierbei mußte an erster Stelle Graf Hatzseldt in Betracht kommen, der durch seinen langjährigen Aufenthalt in Konstantinopel einen vollständigen Einblick in die dortigen Verhältnisse sich erworben hat. — Dem Grasen Münster widmet die „Times" einen sehr warm gehaltenen Abschieds- Artikel. Ohne es in der Vertretung der ihm anvertrauten Interessen an Festigkeit fehlen zu lassen, habe Graf Münster, so führt bas Cityblatt aus, vermöge seiner Vertrautheit mit englischen Sitten unb Anschauungen immer seine Aufgabe in der versöhnlichsten Weise zu erfüllen vermocht; man werde ihn in der Londoner Gesellschaft sehr vermissen. Andelseits begrüßt die „Times" den Grafen Hatzseldt ebenfalls mit sympathischen Worten.
Gras Taasfe hat in der SamstagS-Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses die Interpellation des Polen-Clubs wegen der Ausweisungen von Polen aus Preußen in recht nüchterner und geschäftsmäßiger Weise beantwortet. Der Ministerpräsident erklärte trocken, daß die preußische Regierung diese Ausweisungen als eine rein interne, durch die Verschiebung der consessio- nellen. und sprachlichen Verhältnisse bedingte Maßregel betrachte. Die österreichische Regierung könne daher in dieser Angelegenheit im Allgemeinen nichts weiter thun; doch versicherte Graf Taaffe, daß das Wiener Cabinet in Fällen, die bemerkenswerth erschienen seien, mit Erfolg seine Vermittelung habe ein- treten lassen. In polnischen Kreisen wird man von dieser Antwort gerade nicht sehr erbaut sein, indessen schließt der ziemlich schroffe Ton der preußischen Antwort eine weitere Verwendung der österreichischen Regierung in der AuS- weisungssrage aus. — An demselben Tage hat im Abgeordnetenhause auch die Adreß-Debatte ihren Anfang genommen und da nicht weniger als 31 Redner gegen und 29 für den Adreß-Entwurf der Majorität eingeschrieben sind, so läßt sich noch gar nicht absehen, wann diese große Redeschlacht zum Abschluß gebracht werden wird. Am Samstag spielte in den Verhandlungen die böhmische Frage die Hauptrolle, wobei der Czechenführer Dr. Rieger natürlich die Rechte und Forderungen seiner Stammesgenossen voll vertrat. Nach dem animirten Tone zu schließen, der den ersten Verhandlungstag der Adreß-Debatte beherrschte, werben bie Geister in bet ersten Session des neugewählten österreichischen Abge- oronetenhauses schärfer als je auseinanderplatzen.
Von den am 18. October vollzogenen Stichwahlen zur französischen Deputirtenkammer waren bis Montag 214 bekannt, 56 fehlten also bis dahin noch. Unter den 214 Gewählten befinden sich 199 Radikale .ober Opportunisten unb 15 Monarchisten — ein Resultat, welches nach oem
zwischen den beiden erstgenannten republikanischen Parteien abgeschlossenen Com- promiß nicht mehr überraschen kann. Unter den Gewählten befinden sich Rou- vier, Cochery, Raynal, Carnot, Clemenceau, Spuller, dagegen ist — ein empfindlicher „Echec" für die Monarchisten — der Herzog v. Broglie unterlegen.
Im Schlosse zu Fredensborg ist es jetzt recht still geworden, denn am Sonntag ist die dänische Königssamilie selbst von Kopenhagen abgereist, mit ihr haben gleichzeitig auch bie letzten ver Gäste des dänischen Hofes, bie russischen Herrschaften, bie Heimreise angetreten. Die dänische Königsfamilie hat, begleitet von der Prinzessin von Wales, an dem genannten Tage sich aus dem Dampfer „Danebrog" nach Lübeck und von da weiter per Bahn nach Frankreich begeben, wo auf dem Stammschloffe des Herzogs von Chartres die Vermählung der Tochter desselben mit dem Prinzen Waldemar von Dänematk stattfinbet. Der Kaiser unb bie Kaiserin von Rußland sind mit ihren Kindern auf der Dacht „Derschawa" nach Petersburg abgereist.
Die russische Regierung scheint in starken Finanznöthen zu fein, denn sie sinnt fortgesetzt aus neue Steuern. Den Petersburger „Nowoski" zufolge hat das Finanzministerium eine Special-Commission aus den Repräsentanten der verschiedenen Ministerien eingesetzt behufs Berathung über Heranziehung der Eisenbahn-Unternehmungen zur Zahlung von Handelssteuern, sowie über den Modus der Besteuerung der Einkünfte aus Eisenbahn-Actien. Auf die famose Couponsteuer also eine Eisenbahnsteuer — vas wird die industriellen und gewerblichen Kreise Rußlands sehr freuen!
Deutschlands Seemacht.
Gar mancherlei Grunde veranlassen bie deutsche Nation, sich in hohem Maße für die Marine zu interessiren. Die Kriegsmarine beansprucht ungeheure Geldausgaben und legt auch, wie die Verluste des Panzerschiffes „Großer Kurfürst" und der Eor- vette „Augusta" bezeugen, dem Vaterlande zuweilen ganz außergewöhnliche Opfer auf. Da fragen sich Manche, zumal Solche, welche Deutschland noch aus der Zeit her kennen, wo es noch gar keine Kriegsflotte besaß, ob die Pläne mit der deutschen Marine nicht vielleicht gar zu hochfliegende sind. .
Dergleichen verzagte und engherzige Patrioten oder gar scheelsuchtige Geister mögen sich beruhigen, denn die deutsche Seemacht hat erstens unbedingt eine fühlbare Lücke in der Großmachtstellung des Reiches ausgefüllt und zweitens dürfen wir, trotz aller Opfor die .Marine, auf deren Erfolge stolz sein. Welche Macht der Erde hat in so kurzer Zeit wie Deutschland eine Kriegsmarine ersten Ranges gebildet und welche könnte es ihr gleichthun? v c ,
Wer die deutschen Kriegsschiffe gesehen hat, wer einmal m Kiel oder Wilhelms- Hafen war, wer die Torpedoflottillen manöveriren sah, der wird freilich schon einen Begriff davon haben, was zur Vertheidigung der deutschen Meere, zum Schutze des deutschen Handels auf fremden Gewässern und zur Entfaltung deutscher Macht in fremden Erdtheilen durch die Errichtung der Kriegsmarine in fünfzehn Jahren geleistet wurde. Stach dem Augenschein können sich aber die deutschen Reichsangehörigen nur in der Minderzahl von der Bedeutung und Tüchtigkeit der Marine überzeugen, von hohem Werthe ist daher für alle diese das gewiß unparteiische Urtheil, welches die englische Heeres- und Marine-Zeitung (Army and Navy-Gazette) neuerdings über die deutsche Flotte gefällt hat. Dieses Blatt, welches ein großes Ansehen in englischen Marinekreisen genießt, schreibt, daß Deutschland jetzt in der Lage sei, einen erfolgreichen Seekrieg zu führen, und fügt hinzu, daß, wenn Deutschland noch einige Jahre wie bisher in Entwicklung seiner Marine fortfahre, auch diejenigen Stationen, welche bislang ausschließlich um die Palme der Seeherrschaft zu ringen gewohnt waren, sich leicht von ihrem weitschauendcn deutschen Nachbar überflügelt finden möchten. Den deutschen Kriegsschiffen spendet die englische Fachzeitung das Lob, daß sie durchweg neuester Eonstruction, gut bewaffnet, gut ausgerüstet, schnellfahrend und nut trefflich ausgebildeten Mannschaften besetzt seien. Die deutschen Seeofficiere bezeichnet sie voll von großem Selbstvertrauen, was vielleicht manchmal etwas übertrieben erscheine, aber immerhin seine Berechtigung habe, denn die englische Zeitung ist überzeugt, daß die deutschen Marine-Officiere sich auch im Ernstfälle bewähren werden, rote fte denn schon manches Beispiel von Kühnheit und Energie an den Tag gelegt hätten, welches ihre innere Tüchtigkeit rechtfertige. Die Uebungs- und Schulgeschwader der deutschen Marine seien, was Stärke und Aussehen anbetrifft, so beschaffen, daß sie zuweilen die englischen Geschwader in Schatten stellen könnten.
Universität- - Chronik.
— Professor Dr. W. Dittenberger in Halle hat den an ihn ergangenen Ruf nach Straßburg abgelehnt.
— Die philosophische Fakultät zu München hat dem Ehefredacteur der „Allgemeinen Zeitung", Otto Braun, welcher kürzlich sein 25jähriges Jubiläum als Redacteur dieses Blattes beging, den philosophischen Doctorgrad honoris causa verliehen, um der dankenden Anerkennung für die eifrige Unterstützung und Förderung, welche der Jubilar den wissenschaftlichen und akademischen Interessen hat angedeihen lassen, Ausdruck zu verleihen. t . .
— An Stelle des jüngst verstorbenen Dr. v. Thun hat der bisherige Wiener Privatdocent, vr. E. Philipps wich von Philippsberg als außerordentlicher Professor der Bolkswirthschaftslehre einen Ruf nach Freiburg erhalten und angenommen.
Vermischtes.
Mainz, 16. Octbr. Der vormalige Ober-Stabsarzt Dr. Hennicke vom 27. Feld- Artillerie-Regiment aus Wiesbaden, welcher vor dem hiesigen Kriegsgericht wegen Befreiung vom Militärdienst und Vergehen gegen die Sittlichkeit verurtheilt worden war, wurde heute fi'üh 8 Uhr per Eisenbahn nach Cassel ttansportirt, um in dem bei Cassel befindlichen Zuchthause Wehlheiden untergebracht zu werden. Bet der Heimlichkeit, welche das militärische Gerichtsverfahren im strikten Gegensatz zur bürgerlichen Proceß- ordnung noch immer beobachtet, war die Art seiner Strafe bis fetzt nicht zu erfahren. Dr Hennicke befand sich in Eivil und als Eskorte begleiteten ihn em Unterofficier und ein Gefreiter mit aufgepflanztem Seitengewehr, was auf Degradation schließen läßt, denn verurtheilte Officiere, welche ihren Rang beibehalten, können mir durch Officiere eskortirt werden. Auf dem Bahnhofe hatten fich bet der Abreise des Ber- urtheilten noch einige Officiere und Militärgerichtsbcamte emgefunden und als nun Dr Hennicke da^ Coups 3. Classe bestieg, commanbirte emer der Officiere „scharf laden" worauf die Eskorte ihre Gewehre lud und sich ui dasselbe Coups begab.


