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Mittwoch den 18. März
1885
Gießener Anzeiger
Amts und Anzeigeblatt für dm Kreis Gießen.
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Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz - Bureau.
Berlin, 16. März. Im Abgeordnetenhause gelangte heute die Berathung des Cultusetats bis zum Kapital „Universitäten" zur Erledigung, wobei abermals die von Dem Abg. Büchtemann beantragte Streichung der Forderung für den Professorder Dermatologie abgelehnt wurde. Der Abg. v. d. Marwitz wies den neulich von dem Cultusminister v. Goßler über den Bischof v. d. Marwitz gemachten Aeußerungen zurück, worauf der Cultusminister das aktenmäßige Material über den Briefwechsel des Grasen Ledochowski mit dem Bischof v. d. Marwitz vorlegte, hierbei aber gleichzeitig anerkannte, daß der Bischof v. d. Marwitz zu den loyalsten Unterthanen des Königs gehöre und nicht nur bei diesem, sondern auch bei dem Papste für die während der Revolution 1863 bewiesene Haltung Anerkennung gesunden habe. — Die Fortsetzung der Etatsberathung findet morgen statt.
Wien, 16. März. Am nächsten Sonntag, den 22. d. Mts., wird an« läßlich des Geburtstages des Kaisers Wilhelm im Marmorsaale der Hofburg ein großes Diner stattfinden. Aus dem gleichen Anlaffe giebt der deutsche Botschafter, Prinz Reuß, am Samstag ein Diner.
Libarr, 16. März. Gestern traf aus der hiesigen Rhede der dänische Dampfer „Kjoebenhavn" ein, welcher die Passage nach Riga nicht hatte ermög* lichen können.
Bern, 16. März. Behufs Einschränkung der Gewerbesreiheit (Wirth- schaftswesen, Fabrikation und Verkauf gebrannten Wassers) beschloß der Nationalrath mit 103 gegen 18 Stimmen, eine Revision der Bundesverfassung (Art 31 und 32) beim Volke zu beantragen.
Rom, 16. März. Der König, der Kronprinz und ein brillanter Stab, darunter der deutsche Botschafter in deutscher Militär-Uniform, die Königin zu Wagen, wohnten heute der Fahnensegnung auf der Esplanade Macas durch den Königskaplan Anzino bei. Der König verlas unter Beifallsrufen den Tagesbefehl an die Truppen und hielt sodann eine Revue ab.
Paris, 16. März. Nach den letzten Depeschen befindet sich Courbet bei Gutzlaff an der Nordküste von China durch 7 Kreuzer und 3 Kanonenboote eng blokirt; dieselben machen unausgesetzt Jagd auf feindliche Schiffe.
London, 16. März. Die Botschafter von Deutschland, Frankreich und der Türkei, sowie Blum Pascha begaben sich heute Nachmittag in das auswärtige Amt und unterzeichneten dort die internationale Convention, betr. die Regelung der egyptischen Finanzen.
— Ein Telegramm des „Bureau Reuter" aus Hongkong vom heutigen meldet: Das Packetboot „Surat", der Linie Peninsular und Oriental-Company gehörend, wurde von einem sranzösischen Kreuzer angehalten, um nachzusuchen, ob dasselbe Kriegscontrebande mitführe. Das englische Geschwader in China hat Befehl erhalten, sich nach Hongkong zu begeben.
— Die „Times" sagt von der Reise des Prinzen von Wales nach Berlm, nach der glücklichen Bendigung der diplomatischen Differenz werde man in England wie in Deutschland die Empfindung haben, daß diese Reise von politischer Bedeutung sei, dieselbe bilde eine opportune Bestätigung der Thatsache, daß zwischen England und Deutschland keine jener Fragen vorhanden sei oder überhaupt nur entstehen dürste, die eine nationale Feindseligkeit erweckten oder zu wirklichen Schwierigkeiten für die Diplomatie Anlaß gäben. — Die Reise erinnere auch daran, daß die Freundschaft zwischen England und Deutschland nicht nur aus dem Richtoorhandensein von Ursachen der Eifersucht, sondern aus thatsäch- lichen Vereinigungs-Momenten begründet sei, welche in den Weltangelegenheiten doppelt mächtig sei, wenn sie, wie in diesem Falle, eine wirkliche Sympathie zum Ausdruck brächten. Gegenwärtig weise an verschiedenen Punkten Alles aus eine engere Gemeinschaft zwischen England und Deutschland hin, als solche möglich gewesen sei zu der Zeit, wo Deutschland eine rein festländische Macht war. Hinsichtlich der Berührung der beiden Colonialreiche sei es womöglich noch wichtiger als jemals, daß unglückliche Vorkommnisse, wie sie jüngst vorgekommen, in Zukunft nicht wieder eintreten.
London, 16. März. Im Oberhaus besprach heute Salisbury die Erklärungen Glüdstone's vom Freitag, betreffs der afghanischen Angelegenheit. Er verlangte Aufschluß bezüglich der Zett, wann das Uebereinkommen abgeschlossen worden. Eine wichtigere Frage sei wegen der Dauer des Abkommens, die wichtigste, ob die afghanische Regierung dem Abkommen beigetreten sei. Granville erwidert, Gladstone hatte oefoßt zwischen Rußland und England sei vereinbart worden. daß kein weiterer Vormarsch russtscher, resp. afghanischer Streitkräfte nach Punkten innerhalb der bestreitbaren oder bestrittenen Gebiete gemacht werben solle. Gladstone habe diese Erklärungen auf Grund von Telegrammen des englischen Botschafters in Petersburg, beren letztes vom 5. d. M. dattrt gewesen sei. abgegeben. Um lebe Möglichkeit eines Mißverständnisses zu verhüten, bade Granville diese Erklärung Gladstones nach Petersburg telegraphtrt und den englischen Botschafter aufgefordert, sich darüber zu tnformtren ob Giers„zu- gebe, daß die in den Telegrammen enthaltenen Versicherungen und das Abkommen in dem von Gladstone erklärten Sinne enthalien seien. Unter diesen Umständen halte er es nicht für wünschenswerth, naher auf die Anfrage einzugehen. Salisbury wird die Anfrage morgen wiederholen.
- Im Unterhause erklärte Fitzmauricr, die Unterhandlungen zur Herstellung eines freundlichen Einvernehmens zwischen England und Deutschland bezüglich her respectiven Protektorate in den Niger- und Kamerun-Distrtcten dauerten fort; wie auch das Ergebniß sein werde, die erwiesenen Rechte von Privatpersonen werden respeMrt werden; dies sei indessen nur ein Theil des allgemeinen Abkommens, durch welches man hoffe, alle zwischen beiden Regierungen hinsichtlich West- und OstafrikaS und der Süd-Pacifique-Gebiete in Frage stehende Verhandlungen mittelst gegenseitiger Cou-- ceffionen lösen ,u können. Einzelheiten würden dem Parlamente werden
sobald die Unterhandlungen genügend vorgeschritten setem 3« Unterhaus- meldete ferner Chaplin einen Antrag an, der di- Einsuhr lebenden Pteo-s aus Deutschland bekämpft, nachdem regierungsseitig zugestanden sei, daß dort die Maul- und Klauen- seuche herrscht. _______________________
Lokales.
Gießen, 17. Marz. Montag den 23. und Dienstag den 24. L Mts. finden öffentliche Sitzungen des Provinztalausschusses der Provinz Oberhessen statt und kommt zur Verhandlung: t
Montag den 23. l. Mts.:
1. Unterhaltung der Wege und Brücken in der Oberförsterei EichelSdorf, hier: Die Erbauung der Hungen-Schottener Straße.
2. Reclamation der OberfSrfleret ^rtenberfl iDegen
Cameralfiscus zu sämmtlichen Umlagen der Gemeinde Wallernhausen.
Dienstag den 24. L Mts.:
3. Die Bestellung eines Gemeinde-Einnehmers für die Gemeinde Wieseck.
4. Desgleichen für die Gemeinde Treis an der Lumda.
5. Klage des Ortsarmenverbandes Fravkfurt a. M. gegen ben OrtSmmen- verband Meder - Erlenbach wegen Unterstützung des Joseph Abel.
6 Klagende« Ortsarmenverbandes Darmstadt gegen den Ortsarmenverband Ilbeshausen wegen Unterstützung der Marte DLll.
Darmstadt, 16. März. Se. Königl. Hoheit der Großherzog wohnten am Samstag dem 14. d. Mts. dem Stiftungsfest des Kaufmännischen Vereins im Saalbau bis nach 10 Uhr bei.
— Die Erste Kammer tritt Montag ben 23. d. Mts., des Vormittags 9 Vs Uhr, für die Budget-Berathungen zusammen._________________________
Berlin, 16. März. (Reichstag.) Im Reichstage wurde heute die Berathung der PostoampfersubventionSoorlage fortgesetzt. t, £ m , TÄ ...
Regterungs-Commffsar Geh. Rath Releaux bezeichnete die Vorlage alS ei« Ganzes, aus dem man ohne Störung des Zusammenhangs nicht einen Theil heraus- nehmen könne. Von der australischen Linie dürfte der deutsche Handel nach den stott- gehabten Ausstellungen großen Vortheil erwarten.
Hiernach nahm Fürst Bismarck sofort daS Wort zu einer nachträglichen Auseinandersetzung mit dem Abg. Richter, dem er am SamStag irriger Weise die Streichung der Bemerkung von den „dynastischen Beziehungen" aus dem Stenogramm einer früheren Rede nachgesagt halte. Nach Constatirung bieseS JrrthumS erflfrte Fürst BiSwarck, daß er in seinen Verhandlungen mit England durch Richters Rede gestört worden sei, weil man in England den Worten des Führers der oppositionellen Mehrheit größeres Gewicht alS bet unS beilege und in diesem dort ben künftigen Letter der Politik sehe. Dynastische verwandtschaftliche Beziehungen erregten leicht den Verdachts daß die Politik verwandtschaftliche Rücksichten nähme. Bet den Hoheuzollervi set dies nte der Fall gewesen, sie hätten nie dynastische, stets nur nationale Politik getrieben. Eindruck machte eS im Hause, als nach dem Hinweis, daß Richter die Seele und der Führer der Opposition sei, von der Linken ein dies bestreitender Ausruf ertönte, der Reichskanzler ausrtef: „Ist etwa Einer unter Ihnen, der ihm das Waffer^retcht^alb^o^atjsche Abg. Dietz (Hamburg)betrachtete die Dampfersubvention wesentlich von dem Standpunkte aus, daß tn der fünfzehnjährigen Probe- und Sub- venttonszeit die R-gierung der Verstaatlichung der Schifffahrt einsehen werde.
Aog. Zorn von Bulach platdirte als Elsäffer mit Eifer für die unverkürzte Bewilligung der Vorlage. Er fand eS angebracht, dabei zu betonen daß das nationale deutsche Interesse für ihn bei Beurtbetluna der Frage gar nicht tn Betracht käme.
Abg. v. Jagdzewski (Pole) erklärte, daß seine Partei die Vorlage ablehnen werde. Er proteststte außerdem gegen die Unterstellung, alS ob die polnischen Abgeordneten die Erreichung ihrer Ideale von einem unglücklichen Kriege erwarteten.
Fürst Bismarck meinte hierauf, daß es doch einen kindlichen Glauben vorausfitz?, Deutschland werde gutwillig, ohne Krieg -ober* ohne Revolutionen, Provinzen herausgeben. 1
Abg. Virchow kritisirte die Colonisationsversuche der Regierung, die sich bisher noch immer auf solche Gebiete gerichtet hätten, welche zugleich durch daS Klima und durch die Malaria für die Deutschen unbewohnbar seien. Im Uebrtgen beweist er, daß Richters Bemerkungen von ben dynastischen Beziehungen, wenn man sie wohl- wollenb betrachten wolle, niemals die Deutung des Reichskanzlers Hervorrufen konnte.
Fürst Bismarck entgegnete, daß die betreffende Bemerkung doch keineswegs zum Nutzen der Dynastie gemacht sei. WaS die klimatischen Verhältnisse betrifft, so ist dafür nicht die Regierung verantwortlich zu machen, sondern der Handel, der sich diese Punkte ausgesucht habe. Die Rede des Führers der Opposition hatte im Auslände wohl Eindruck gemacht, weil man annahm, die Mehrheit des Reichstages sei nicht ^”t$r Nach^em^der^ Abg^R a'ck6 (Centrum) den Abg. Windthorst und seine Partei gegen die letzten Borwürfe des Reichskanzlers vertheidtgt, wurde die Debatte von den Nationalliberalen und Conservatioen geschlossen, um den Abg. Richter an einer Antwort zu öet A^nQmentltdjen Abstimmungen wurde dann die australische Linie mit 170 gegen 159 Stimmen angenommen; die afrikanische mit 166 gegen 157 Stimmen abgelehnt. Ein Antrag dcs Cmtruws auf Etablirung einer einzigen Linie nach Ostasien und keiner weiteren wurde mit der Wirkung bezüglich der Entscheidung abgelehnt, daß auch diese ostasiatische Linie mit 170 gegen 154 Stimmen als angenommen gilt.
Der Gesetzesparagraph gewinnt nun diese Fassung:
„Der Reichskanzler wird ermächtigt, die Einrichtung und Unterhaltung von regelmäßigen Postdampfschiffsverbindungen zwischen der deutschen Küste einerseits und Ostasien, sowie Australien andererseits, auf eine Dauer bis zu 15 Jahren an geeignete deutsche Unternehmer auf dem Wege der engeren Submission einzeln oder zusammen zu übertragen und in den hierüber abzuschließenden Verträgen Beihülfen bis zum Höchstbetrage von jährlich vier Millionen Mark aus Reichsmitteln zu bewilligen."
Ferner wurde im Anschluß an die Hauptlinie die Einrichtung und Unterhaltung einer Zwetgltnie von Triest über Brindisi nad) Alexandrien auf 15 Jahre unter einer Bethülfe bis zu 100,000 jährlich aus Reichsmitteln beschlossen und die weitere Berathung auf morgen vertagt. r Q, „
Die heutige Sitzung hatte eine fast achtstündige Dauer. Schluß 3/*7 Uhr.


