_ 23S. Mittwoch den 14. October 1883
’* Gießener Anzeiger
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Bureau: Schulstraße 7. Erscheint tätlich mit Abnahme des Montags. 2 ^Q^r.2^ ?f- mit Bringerlohn.
_ __ Durch bie Post bezogen vievteliährlich 2 Mark 50 P».
Amtlicher Hheil.
Betreffend- Das Unsallversicherungsgesetz, hier die Erstattung der Unfallanzeigen. Gießen, am 10. October 1885.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzoglichen Bürgermeistereien der Landgemeinde» de- Kreise-.
Der 51 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 bestimmt, daß von jedem in einem versicherten Betriebe vorkommenden Unfall, durch welchen eine in demselben beschäftigte Person gelobtet wird oder eine Körperverletzung erleidet, welche eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen ober den Tob zur Folge hat, von bem Betriebsunternehmer ober bem Stellvertreter desselben der Ortspolizeibehörde binnen zwei Tagen nach dem Tage, an welchem der Betriebsunternehmer, beziehungsweise dessen Stellvertreter, von dem Unfälle Kenntniß erlangt hat, schriftliche Anzeige zu erstatten ist.
Nachdem das Reichsversicherungsamt auf Grund des erwähnten §51, Abs. 4 ein für sämmtliche Berufsgenossenschaften paffendes Formular für die hiernach zu erstattenden Unfall-Anzeigen festgestellt hat und als Bezugsstelle deffelben die Großherzogliche Bürgermeisterei des Ortes, an welchem der Unfall vorgekommen, bezeichnet worden ist, empfehlen wir Ihnen hierdurch, einen Vorrath von 25 Formularien zu Lasten der Gemeindekaffe anzuschaffen und sehen zu diesem Behuse innerhalb acht Tagen Ihrer Bestellung der gedachten Anzahl von Formularen entgegen, worauf Ihnen solche durch uns zugehen werden.
Sobald Sie demnächst in den Besitz der Formulare gelangt fein werden, wollen Sie den Betriebsunternehmern bekannt geben, daß eintretenden Falls Formularien zu Unfallsanzeigen durch Sie bezogen werden können.
Schließlich bemerken wir hinsichtlich des Kostenpunktes, daß der Preis für 25 Stück auf 70 vereinbart ist, welcher zur Zahlung auf die Kreiskaffe anzuweifen ist.
Bei Abgabe des Formulars an den Betriebs-Unternehmer kann von Letzterem ein Betrag von 3 H erhoben werden, sodaß der Gemeinde die Kosten der Anschaffung der fraglichen Formularien ersetzt werden.
Dr. Boekmann-
Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, am 10. October 1885.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstande des Kreises.
Wir werden Ihnen die Verzeichnisse in rubr. Betreff in den erften Tagen b. m. zurücksenden.
Zugleich erinnern wir die Schulvorstände, welche unserer Verfügung im Gießener Anzeiger Nr. 221 noch nicht nachgekommen sind, an sofortige Erledigung derselben.
__________________________________________ Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 13. October.
Die verschiedenen Diplomaten-Zusammenkünste der letzten Zeit, welche sich alle um die Balkankrise drehten, haben noch in voriger Woche wiederum eine Vermehrung erfahren. Im Gebäude ver russischen Botschaft in Berlin hat am Donnerstag der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands, Herr v. Giers, eine längere Conserenz mit den russischen Botschaftern in Wien, Paris und Berlin, dem Fürsten Lobanoff-Rostowski, dem Baron Mohrenheim und dem Grafen Paul Schuwaloff, gehabt, worauf Herr v. Giers am Freitag , früh die Rückreise nach Petersburg angetreten, während auch Fürst Lobanoff und Baron Mohrenheim aus ihre Posten zurückgekehrt sind. Nachdem Herr v. Giers in Kopenhagen die Wünsche seines kaiserlichen Herrn in Betreff der von den Mächten auf der Balkan-Halbinsel einzuschlagenden Politik eingeholt, sich auch bei seinen wiederholten Besuchen in Friedrichsruhe über die bezüglichen Anschauungen des Fürsten Bismarck informirt und nunmehr die Unterredung mit den diplomatischen Vertretern Rußlands in Wien und Paris gehabt hat, kann man wohl einer energischeren diplomatischen Action der Mächte im Oriente entgegensehen. Ob der bislang so schleppende Verlauf derselben in der That auf Differenzen zwischen den Mächten wegen der Behandlung der bulgarischen Frage zurückzuführen ist, wie verschiedene Gerüchte wissen wollen, lassen wir einstweilen unerörtert. Der serbische Minister-Präsident Garaschanin soll allerdings dem Correspondenten eines französischen Blattes gegenüber geäußert baden, er betrachte das Einvernehmen der drei Kaisermächte durch die Vorgänge in Bulgarien als compromitlirt und werde der Gegensatz zwischen Oesterreich und Rußland anläßlich des jetzigen Conflictes zu Tage treten. Das osficiöse Wiener „Fremdenblat^ bezweifelt indessen entschieden diese Aeußerung und fügt hinzu, Garaschanin wisse sehr wohl, daß die Einmüthigkeit der Mächte in Bezug auf die Erhaltung des Friedens, sowie die guten Beziehungen Oesterreich-Ungarns zu demselben durch die Schwierigkeiten bei Regelung der Balkan-Verhältnisse Seine Störung erleiden würde.
In den inneren Angelegenheiten des deutschen Reiches herrscht eine fast sommerliche Stille, die jetzt nur durch die sich stärker geltend machende Wahlbewegung in Preußen in etwas unterbrochen wird. Die Aufstellung der Candidaturen ist nunmehr in allen Wahlkreisen erfolgt, die Parteien haben ihre Wahlaufrufe erlassen und ihre Landes-Versammlungen gehalten und somit sind die Wahlvorbereitungen im Großen beendigt. Dagegen gilt es noch, im engeren Kreise zu arbeiten und die verschiedenen localen Interessen, die in den einzelnen Wahlkreisen durcheinander spielen, zu schlichten und zu ordnen, vielleicht auch noch dieses und jenes Wahlkartell abzuschließen und diese und ähnliche Vorkehrungen füllen den letzten Abschnitt der Wahlcampagne aus. Daß die Koryphäen der einzelnen Parteien auf dem parlamentarischen Schauplatz wieder erscheinen werden, darf im Allgemeinen als gewiß betrachtet werden. Nur bei einzelnen bekannten Parlamentariers ist dies noch nicht so ganz ausgemacht. Dies gilt u. A. auch von Herrn Hofprediger Stöcker, welcher in Berlin und in Bielefeld candidirt. In Berlin stehen seine Chancen nicht beson- I ders günstig, da hier bekanntlich bei den Landtagswahlen die Deutsch-Freisinnigen ।
br in Händen haben. Aber auch eines der drei Bielefelder Mandate ist Her Stöcker noch nicht absolut sicher. Die dortigen Conservativen und Nationalliberalen haben sich nicht einigen können, da letztere Herrn Stöcker als conservativen Candidaten entschieden abgelehnt haben. Die drei in Bielefeld concurrirenden Parteien, die Conservativen, die Nationalliberalen und bie Frei- sinigen, haben nun jebe selbststänbig ihre Canbibaten aufgestellt. Eine Stichwahl ist unter solchen Umständen ziemlich gewiß und Herr Stöcker hat hierbei in Folge der nationalliberalen Gegnerschaft eben nicht die besten Aussichten. Ob Herr Stöcker eventuell noch in einem dritten Wahlkreise ausgestellt war, ist noch nicht bekannt.
Man kann wohl schon jetzt den Prinzen Albrecht von Preußen als Regenten Braunschweigs begrüßen, lieber die Regentschasts- und Erbfolgefrage verlautet nämlich von unterrichteter Seite aus Berlin, es gelte für wahrscheinlich, daß Braunschweig in eine Art Personal'Union mit Preußen komme ober, genauer, baß bie Verwaltung des Herzogtums an den Kaiser übergehe. Dies würbe nach allen Seiten hin als bie beste Lösung anzusehen fein. Nach allen Anzeichen zu urtheilen, kann es baher kaum noch zweifelhaft fein, baß Prinz Albrecht von Preußen der braunschweigischen Landesver- sammlung bei ihrem in nächster Woche ersolgenben Wiederzusammentritte als Regent vorgeschlagen werden wird. Nach Einsetzung der Regentschaft soll auf eine Abänderung des Regentschafts-Gesetzes in der Weise hingewirkt werden, daß der Kaiser die Souveränetät zunächst ausübt, im Namen und Auftrag des Kaisers würde dann Prinz Albrecht als Regent, Statthalter ober Verweser, je nachbem, im Herzogthum walten.
Die österreichische Regierung hat sich nun boch bazu aufgerafft, dem czechischen Uebermuthe eine gebührende Zurechtweisung zu Theil werden zu lassen. Der Statthalter von Böhmen, Baron Kraus, hat die Auflösung der Gemeindevertretung von Königinhof verfügt, welche vor einiger Zeit eine an» maßende Verwahrung an den Statthalter richtete, und in derselben die Schuld an den bekannten Königinhofer Exceffeu den — Deutschen selber aufbürdete! Diese Anregung ist denn nun gebührend zurückgewiesen worben unb stnb außer dem Bürgermeister Schip bie Mitglieber ber Königinhofer Gemeindevertretung. Stuchlik und Lorenz, vom Amte suspenbirt worben. Demnächst wird auch der Proceß gegen die Urheber ber Königinhofer Exceffe seinen Anfang nehmen und sind in denselben 45 Personen verwickelt.
Die französischen Republikaner haben sich von dem ersten Schreck, den ihnen die Wahlsiege ber Monarchisten verursacht, wieder erholt und beginnen bie Sache allmälig etwas kaltblütiger zu betrachten. Bei den Stichwahlen haben sich fast überall in den betr. Departements Opportunisten und Radikale über gemeinsame Candidatenlisten geeinigt und erscheinen somit weitere Wahlsiege der Monarchisten, abgesehen von einzelnen Departements, so gut wie ausgeschlossen. Auch die Regierung bewahrt ihre kühle Ueberlegung und hat beschlossen, daß die Minister vorläufig sämmtlich auf ihren Posten blei- ben sollen, erst nach dem Ausgang der Stichwahlen sollen bann definitive Beschlüsse bezüglich der nothwendigen Personal-Veränderungen im Cabinet Brisson gefaßt werden. Die Zeit zwischen bem ersten und bem zweiten Wahlgange wird


