Ausgabe 
12.3.1885 Zweites Blatt
 
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drohende Wolken zeigten, hat sich jetzt wieder so weit geklärt, daß man die Ge­fahr ernster europäischer Verwickelungen als ziemlich verschwunden betrachten kann. Besorgniherregend sah allerdings die Situation aus; die russischen und die afghanischen Vortruppen standen einander im Norden von Herat plötzlich gegenüber, so daß im englischen Parlamente bereits das verhängnißoolle Wort: Krieg mit Rußland" fiel und die englische Presie einen äußerst drohenden Ton gegen Rußland anschlug. Die Situation gestaltete sich dadurch noch complicirter, daß die einzige Macht, welche zwischen den beiden großen Rivalen im Orient mit Aussicht aus Erfolg vermitteln konnte, Deutschland, von England selbst in auffälliger Weise brüskirt worden war. Erklärte doch sogar dieNordd. Allg. Zeitung", daß ein vertraulicher Verkehr zwischen den Staatsmännern Deutsch­lands und Englands durch die Jndiscretionen Lord Granville'ü unmöglich ge­worden sei. Da änderte sich wie mit einem Schlage das Bild; zur Ueberraschung von aller Welt sandte Fürst Bismarck seinen eigenen Sohn nach London, um mit dem englischen Minister des Auswärtigen die Mißversiändniffe, welche sich zwischen Deutschland und England ergeben hatten, auszugleichen. Fast gleich, zeitig war ein Einlenken des Petersburger Codinets zu bemerken; während von demselben die von England wegen der afghanischen Grenzsrage erhobenen Recri- minationen bislang in auffällig kühler Weise beantwortet worden waren, steckte man an der Newa plötzlich ein freundlicheres Gesicht aus. Der russische Bot­schafter in London versicherte dem dortigen auswärtigen Amte das lebhafte Be­streben seiner Negierung, sich mit England über die afghanische Frage friedlich auseinander zu setzen und sich hieran schließende, durchaus versöhnlich gehaltene Depeschen des Petersburger Cabinets gaben dieser Versicherung Nachdruck. Freilich ist trotzdem nicht ausgeschloffen, vaß es zu einem gelegentlichen Schar­mützel zwischen den russischen und afghanischen Vorposten kommen kann; dagegen Haden sich, besonders nach den jüngsten, für Deutschland so entgegenkommend lautenden Erklärungen der Regierungsvertreter im englischen Parlamente, die Beziehungen zwischen Deutschland und England wahrscheinlich schon in diesem Augenblicke wieder freundlicher gestaltet. Es steht deshalb zu erwarten, daß der deutsche Reichskanzler seinen ganzen Einfluß ausbieten wird, um ein fried­liches Arrangement beider Mächte herbeizusühren und selbst ein paar zwischen Ruffen und Afghanen gewechselte Flintenschüsse werden das Zustandekommen deffelben nicht hindern. Für den Augenblick scheint es somit gerechtfertigt zu sein, der nächsten Zukunft mit einigem Vertrauen entgegenzusehen. Die central- asiatische Frage ist allerdings einmal eröffnet, und wenn auch nicht schon morgen, so wird deren Lösung doch über kurz oder lang erfolgen müssen und dann die Entscheidung fallen, ob England oder Rußland künftig in Indien herrschen wird.

Erst nach zweitägigen blutigen Kämpfen ist den Franzosen die Entsetzung der etwa noch vier deutsche Meilen von der chinesischen Grenze gele­genen Festung Tuyenquan gelungen. Dieselbe hübet den äußersten französischen Posten im Norden Tongkings und wurde von einer starken feindlichen Streit­macht, bestehend aus Schwarz-Flaggen und der aus der chinesischen Grenzprovinz Mnnan zusammengezogenen Armee, vor einigen Wochen eingeschloffen. Zum Entsätze der hart bedrängten, schwachen französischen Besatzung brach der Oberst- Commandirende, General Briere de l'Jsle, von Hanoi Ende Februar mit dem größten Theile seines Expeditions-Corps nach Tuyenquan auf, wo er am 3. März eimras. Ein Bericht Briere de l'Jsle's besagt, daß der Feind sich in einem Defilö vor der Festung stark verschanzt hatte und konnten die Chinesen erst nach zweitägigen Kämpfen, in denen sie den hartnäckigsten Widerstand leisteten und große Verluste erlitten, aus ihren Verschanzungen herausgeschlagen werden, wo­mit der Entsatz Tuyenquans bewirkt war. Der französische Bericht besagt weiter, daß die Besatzung Tuyenquans nach Oeffnung einer Bresche 7 Sturm­angriffe ausgehalten und dem Feinde große Verluste zugesügt habe. General Regner habe chinesische Forts an der Grenze, sowie bedeutende Mengen von Munition und Magazine zerstört. Neber die weiteren Pläne der französischen Heeresleitung verlautet noch nichts Näheres, namentlich ist es noch unbekannt, ob General Briöre de l'Jsle einen Vorstoß nach China plant._________________

Vermischtes.

Homberg« d.O.am 5-MSrz. Se. Exc. Herr Oberconststorialpräsidcnt Dr. Goldmann und die Herren OderdomSnenrath Grünewald zu Darmstadt, Poltzetp. äsident von Strauß zu Wiisdaden, Pfarrer Stromberger zu Zwingenberg und Kretsbaumeister Schnitzel za G-ünberg besichtigten den Neuhof (Nm Ulrichstein) bet Homberg a. d. O. zum Zwecke der Gründung einer Arbeitercolonte. Dem Vernehmen nach eignen sich die dortigen Oeco^omte-Räumlichketten zu einer solchen WohllhättgkeUsanstalt, dagegen iteht der Errichtung der Colonte in dem von der Eisenbahn einige Stunden entfernten Neubof der Umstand entgegen, daß ausweislich der veröffentlichten Notizen in dem aus 84 Ortschaften bestehenden Kreise AlSfeld sich die Zahl der Vaganten erheblich ver­

mindert hat und außerordentlich gering ist, daß ferner der Transport der Arbeit suchenden Vaganten aus den verkehrsreichen Gegenden von einer zur and.ren Ver- pflegungsstatton bis nach dem Neuhof mit nicht unbedeutenden Kostm und m t ver- hältnrßmäßig bedeutendem Zeitaufwand verbunden ist, welche Nachtheile vermiede« werden könnten, wenn dte Colonte dahin verlegt würde, wo erfahruugsmäßig die Arbeitsuchenden in größerer Anzahl sich aufhalten oder wo nach der Entlassung auS der Anstalt in nächster Nähe Aussicht auf ein Unterkommen sich darbietet, was wohl stets in verkehrsreicheren Gegenden der Fall sein wird.

Daß durch die in der Arbettercolonie aufgenommenen Arbeitsuchenden im Sterb­falle während ihres Aufenthaltes in der Anstalt der Gemeinde oder bet eintretender Unterstützungsbedürfttgkett gleich nach der Enlassuug aus der Anstalt dem Landarmen- vrrband des KresseS keine Nachtheile erwachsen, dafür soll umfaffende Fürsorge getroffen worden sein. (A- Krsbl.)

Hanau, 6 März. Heute Morgen zwischen 10 und 11 Uhr richtete, wie wir derHan. Ztg * entnehmen, eine Windhose in der Gegend vom Akademregebäude btS zur Leipziger Straße ungeheuren Schaden an. Auf dem Becksschen Felsenk ller wurde vaS Dach des Fruchtmagazivs ganz abgehoben, ferner eine Faßhalle vollständig um- geworfen. Dte Felfinkeller von Gaus und Orichler sind erheblich am Dach beschädigt; in der Nicolay'schen Brauerei ist das Dach des Hopfenbodens demolirt- Der Orkan war so stark, daß tr geschlossene Fenster in den Rahmen durchbrach. Ferner sind der Bebraer Bahnhof und noch mehrere tm Ostvtertel gelegene Häuser mehr oder weniger beschädigt.

Heidelberg, 7. März. Wie wir soeben erfahren, ist der berühmte Chemiker Geh. Rath o. Bunsen, an der Gesichtsrose höchst bedenklich erkrankt Bet dem hoben Alter des Patienten, Bunsen ist 75 Jahre alt, hegt MSN ernste Besorgntffe über dessen Zustand.

Gingejandt.

Gieße«, 9. März.

Zur Sonntagsfeier. Von der wohl kaum zu bestreitenden Thatsache aus­gehend, daß eine möglichst regelmäßige SonntagSfeter für d«8 geistige und leibliche Wohl der Menschen unbedingt nothwendig ist, wenn nicht moralische und physische Erschlaffung an dte Stelle ernst-fröhlichen und gesunden Lebens treten soll, erlaubt man sich einige Vorkommnisse fragend zu beleuchten und geneigter Beachtung anheimzugeben.

Ist eS erlaubt, daß der Sonntag Morgen und gerade die Stunden vor und wahrend dcS HauptgottesdtensteS dazu benutzt werden, um z. B. Auszüge zu besorgen, wie dies Seitens einiger Soldaten an einem der letzten Sonntage mit Hülfe kleiner Karren in der Richtung vom Marktplatz durch dte Neustadt geschehen ist?

Oder fördert es vielleicht das berechtigte Gefühl Derjenigen, welche am Sonntag, dem Rufe der Kirchenglocken folgend, gewahren müssen, daß unter dem Kirchenläutm bald PtaninoS zu Clubconcerten abgeladen werden, hier Wagen mit Wirthschastsmöveln beladen, dort Dienstmannskarren, Bierfuhrwerke, Mtlchkutschen mit Schellengcklmgel rc. tn ganz ungentrter Weise dte zur Kirche führenden Wege unter großem Geräusche benutzen, die Straße theilweise sperren und tn Allem auch dte äußerliche Ruhe des Sonntags, auf welche dte Gesammthett ein unbestreitbares Recht hat, tn lärmendster und ungehörigster Art stören?

Wenn am Hellen Sonntag Mittag ein einheimischer Möbelwagen mit daran- hängendrm Transportkarren tn Begleitung von Dienstmännern dte Straßen durch­fahren darf, müßte man dann auch nicht das Fahren anderer, wenig sauberer Fuhr­werke geschehen lassen, zumal was dem Einen recht ist, auch dem Andern billig sein soll?

Wohin sollte es denn schließlich führen, wenn in dieser Weise unter Aller Augen Jeder sich anmaßen wollte, die Ruhe des Sonntags zu stören, weil es ihm nun gerade am Sonntag mal einfällt, zu commanbicen und arbeiten zu lassen, während er dochtv den 6 Wochentagen Zett genug dazu hat und solche vielleicht nutzlos verstreichen läßt?

So wenig es wohl zum Dienst des Soldaten gehört oder zu seiner militärischen Ausbildung noihwendig ist, daß er Sonntags zum Ausziehen commanbirt wirb, so wenig kann man dem, der seinen Sonntag tn seiner Wesse ruhig verleben will, zu- muthen, daß er sich Alles gefallen lasse, was andere ruhelose Menschen an dem Tage schaffen, welcher dem Gottesdienste und der Erholung von der Wochenarbett gewidmet sein soll.

Wer aber nun in vorgeichtlderter Weise den Sonntag zum geraden Gegentheil dessen macht, was er gesetzmäßig und zum Hesse der Menschen bedeuten mutz, den sollte man treffend und eventuell strafend dahin bedeuten, daß er kein Recht Hai. deo Tag durch sein Verhalten zu entheiligen und dessen Ruhe zu unterbrechen, an welchem seine Mitmenschen sich von der Arbeit und Mühe der Woche erholen und neue geistige und körperliche Kraft sammeln wollen, um in den kommenden Werktagen mit fröhlichem, frischen Muth den Kampf ums Dasein weiter zu führen! E. 8,

Schiffs Nachrichten.

Bremen, 7. März. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Donau, Capt. R. Rtngk, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 22 Februar von Bremen und am 24. Februar von Southampton abgegangen war, ist gestern 10 Uhr Abends wohlbehalten tn Newyork angekommen.

Bremen, 7. März. sPer transatlantischen Telegraph^ Der Postdampfer Elbe, Capt. F. Hamelmann, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 25. Februar von Bremen und am 26. Februar von Southampton abgegangen war, ist gestern 10 Uhr Abends wohlbehalten in Newyork angekommen.

Bremen, 7. März. sPer transatlantischen Telegraph.) Der Postdampsrr Nürnberg, Capt. A. Jaeger, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 18 Februar von Bremen abgegangen war, ist gestern wohlbehalten in Baltimore augekommen.

Bekanntmachung.

An Stelle des seitherigen Rechners des Spar- und Vorschuß-Vereins II. in Beuern Balthafee Linden- struth il. daselbst, ist Heinrich Adam Lindenstruth III. daselbst, eingetreten.

Gießen, den 26. Februar 1885.

Großh. Amtsgericht Gießen. 1715 Müller.

Die Liefermrg der sür unterzeichnete Anstalt in der Zeit vom 1. April 1885 bis Ende März 1886 erforderlichen Back-, Fleisch- und Specereiwaaren, sowie der Milch, der Seife und des Strohes soll auf dem Submissionswege vergeben werden

Offerten sind bis längstens zum 20. Mürz bei unterzeichneter Stelle einzureichen.

Großh. Direction der Entbindungs- Anstalt.

1720 Kaltenbach.

Allgemeiner Anzeiger. BekENtmachnng.

Die Lieferung des für das Vürgerhospital in der Zeit vom 1. Aprll d. I. bis 31. März n. I. erforderlich werdenden Bedarfs an:

Ochsenfleisch, Schweinefleisch, Schweine- und Nierenfett, Wurst, Brod, Wecken, Kuchen, Mehl. Milch, Bohnen, Erbsen und Linsen, sowie die Fertigung der Särge für die auf Kosten der Armenkasse beerdigt werdenden Personen soll aus dem Submissionswege vergeben werden. Offerten sind bei Herrn Armenkafferechner La über, bei welchem die Lieferungs­bedingungen eingesehen werden können, bis zum 16. d. MtS. verschlossen einzureichen.

Gießen, am 7. März 1885.

Die Armen-Deputation der Stadt Gießen.

A. Bramm.

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Riesen-Hafer erreicht zwar selten die Höhe des Triumpf- Hafers, hat aber auch nicht dessen Mängel als da sind: Hartes trockenes Stroh, leichte Lagerung und unegale Reifung. Cana- discher Riesenhafer gab bei vorjährigem Versuch auf leichtem Sandboden folgende Resultate: Auf 5 (Zentimeter gedrillt schossen aus jedem Korn 1015 Halme, die Rispe war lang und dicht besetzt; das schön weiße Korn, dick mit sestanliegender aber dünner Schale, ist außerordentlich mehlreich. Der Ertrag war der 60 fache der Aussaat (danebenstehender, der ge­wöhnliche, gab den 8 fachen). Höhe des Strohes 5 Fuß. Bei breitwürfiger Aus­saat darf nur % des gewöhnt. Hafers als Saatgut verwandt werden, gedrillt ist eure Drillmeite von 56 Ctm. zu empfehlen. Originalsack ä 100 Kilo 300 Jb, 5 Kilo 30 <M., Vr Kilo 3 M 60 inel. Sack franco nach allen Bahn- resp. Post­stationen. Versandt gegen Nachnahme oder nach Einsendung des Betrages. Amevi- kan. Trinmpfhafer 5 Kilo 12 M. 1 Kilo 3 M Berger & Co., Samen­handlung, KStzschenbroda-Dresden

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Gießen, den 5. Marz

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