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Nr. 174.

Dienstag den 31. Juli

1883

Bureaur Schulstraße 7.

Preis vierteljührlich 2 Mark 20 Pf. mit Bnngerlohrr. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

ZreuLschtand.

281 2uli. Das Großh. Oberconsistorium hat nunmehr ein Ausschreiben an sämmtliche evangelische Pfarrämter des Großherzvgthums gerichtet, betr.die Feier des 400jährigen Geburtstages Dr. Martin Luther's." Im Eingang wird darauf Bezug genommen, daß Se. Königs Hoheit der Groß­herzog eine Feier des betr. Tages in allen evangelischen Gemeinden des Landes angeordnet, söwie daß die kirchliche Oberbehörde vor Erlaß des Ausschreibens mit dem Ministerium des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulange- legenheiten, in's Benehmen getreten sei, behufs einer nut der kirchlichen Feier zu verbindenden Schulfeier. In zwei Anlagen sind zur Auswahl für den Fest­gottesdienst Altar-Lectionen und Predigt-Texte dargeboten, desgleichen das Gebet, welches auf die Predigt zu folgen hat. Zugleich bietet das Großh. Ober- conststorium eine kleine Festschrift dar.Dr. Martin Luther. Kurze Darstellung seines Lebens und Wirkens. Zum Behufe der Schulfeier am 10. November 1883, dargeboten von Großh. Oberconststorium." Das Büchlein, welches hübsch ausgestattet ift,. enthält in 10 Abschnitten auf 23 Seiten eine gedrängte Dar- stellung der wichtigsten Erlebnisse aus dem äußeren und inneren Lebensqang Luthers bis zu dessen Tod.

Berlin, 28. Juii. Der Herr Cultusminister v. Goßler hat an die König!. Regierungen einen längeren Erlaß gerichtet, welcher sich mit den Maß­regeln gegen die Choleragefahr befaßt. Bleibt den mit der Wahrung der sani­tären Interessen betrauten Landes-Polizeibehörden immer noch ein weites Feld der Thätigkeit aus eigener Initiative, wie die localen Verhältnisse es bedingen, und ist ihnen auch der weiteste Spielraum j: nach den eigenthümlichen Verhält­nissen der einzelnen Bezirke für die prophylaktischen Maßnahmen gewahrt, so enthält doch der Erlaß zahlreiche hochbedeutsame Details, wie sie eben gegenüber der Gefahr gewiß vollständig am Platze sind. Es heißt in demselben:

Das Auftreten der Cholera in Egypten legt in Anbetracht der leichten Verschleppbarkeit dieser Krankheit den Sanitätsbehörden die Pflicht auf, den öffentlichen Gesundheitsverhältniffen die größte Sorgfalt zuzuwenden und sanitäre Uebelstande in geeigneter Weise und energisch zu bekämpfen, damit nirgends Zu­stände entstehen, welche die Entwickelung epidemischer Krankheiten begünstigen. Die prophylaktischen Maßnahmen beziehen sich zunächst auf die Reinhaltung des Bodens durch ordnungsmäßige Beseitigung oder Unschädlichmachung der Dejec- twnen und Abfälle aller Art, durch Reinhaltung und Desinfection der öffent­lichen Bedürfnißanstalten im Freien, sowie in geschlossenen Räumen. Auf die Fernhaltung gesundheitswidriger Nahrungs- und Genußmittel ist zu achten, ins­besondere auf die Beschaffung eines ausreichenden und gesunden Trinkwassers besondere Sorgfalt zu verwenden. Die Beschaffenheit der Brunnen und der anderweitigen Bezugsquellen für das Trinkwasser, die Lage der Aborte, Dung- stellen und sonstigen zur Aufnahme von fäulnißerregenden Substanzen bestimmten Anlagen ist erneut in sorgfältige Controls zu nehmen. Nicht minder bedürfen die Wohnungen, namentlich diejenigen, welche von einer dichtgedrängten oder einer ffuctuirenden Wohnbevölkerung benutzt werden, eingehender Beobachtung, wie Massenquartiere, Herbergen, Logir- und Kosthäuser, ferner Privatquartiere, welche von mehreren Personen bewohnt werden, sodann Räume, welche bei öffentlichen Bauten von Arbeitern zum Wohnen benutzt werden. Gewerbliche Anlagen, in welchen, sei es Fäulniß erregende, sei es zur Verbreitung anstecken­der Krankheiten geeignete Stoffe sich befinden, bedürfen einer erhöhten Beauf­sichtigung. Auch auf die vagirende Bevölkerung, sowie aus die aus Nachbar­staaten im Grenzverkehr, namentlich im Flußverkehr auf diesseitiges Staatsgebiet übertretenden Personen ist die Aufmerksamkeit der Executiv-Organe zu richten. Märkte, Messen und andere Veranstaltungen, welche Gelegenheit zur Anhäufung größerer Menschenmassen geben, werden eingehender Beachtung bedürfen."

Ausdrücklich ist in dem Erlaß noch betont, daß keine Maßregeln ergriffen werden, welche geeignet sind, die Bevölkerung zu beunruhigen, daß vielmehr überall nur die Ueberzeugung erweckt und bestärkt werde, daß es sich lediglich um vorbeugende Anordnungen handle, welche zur Beseitigung der erfahrungs­mäßig den Ausbruch und die Verbreitung ansteckender Krankheiten befördernven Mißstände bestimmt sind.

Viceadmiral Bätsch ist unter Stellung » la suite des See-Osficiercorps unb Contreadmiral Berger als Viceadmiral zur Disposition gestellt.

Stuttgart, 28. Juli. DerStaats-Anz." meldet die Ernennung des Generalmajors Steinheil, Commandeurs der 53. Infanterie-Brigade, zum Knegsminister. a a

Hamburg, 28. Juli. Fürst Bismarck ist mit der Frau Fürstin Bis­marck, dem Grafen Wilhelm Bismarck und dem Dr. Schwenninger heute Vor­mittag von Friedrichsruhe mittelst Extrazugs nach Kissingen abgereist.

Aesterreich.

Wildbad Gastein, 28. Juli. Se. Maj. der Kaiser nahm heute früh wie gewöhnlich ein Bad, machte des kalten Regenwetters wegen aber erst später eine Promenade. Gestern Abend verweilte der Kaiser abermals im Hause des Grafen Lehndorff, wo eine Dilettanten - Vorstellung stattfand. Die Berge ringsum sind stark beschneit.

Nyiregyhaza, 28. Juli. Tisza-Eszlarer Proceß. Der Vertheidiger Friedmann bezeichnet in seinem Plaidoyer die Untersuchung als unerfahren und befangen, sie sei hartnäckig auf einem Wege geblieben, der von der richtigen Spur ablenke. Der Aberglaube an einen rituellen Mord, welcher bei dem

Volke von Tisza-Eszlar leicht Eingang gefunden habe, sei das Irrlicht gewesen, welches den Untersuchungsrichter in den Sumpf geführt habe. Der Vertheidiger halt religiösen Fanatismus als Motiv der That für ausgeschlossen und weist darauf hm, daß auch die Satzungen der jüdischen Religion den rituellen Mord ausschließen. Bezüglich des Zeugen Moritz Scharf sagt der Vertheidiger, der­selbe sei von Anfang an ungesetzlich behandelt und provocirt worden, und die Aussagen desselben vor Gericht und bei dem Local-Augenschein in Tisza- Eszlar enthielten Widersprüche. Auch Friedmann verlangt Freisprechunq der Angeklagten. a

Der Vertheidiger Szekely wies auf die in der Aussage Moritz Scharfes enthaltenen Widersprüche hin und betonte das von seinen Clienten Junger, Lustig und Abraham Braun nachgewiesene Alibi. Der Vertheidiger Heumann plädirte sehr heftig und leidenschaftlich und zog sich durch seine Angriffe auf die Führung der Untersuchung wiederholte Ermahnungen des Präsidenten zu. Derselbe be­schuldigte geradezu die Administrativ-Behörde des Comitats, daß sie mit dem Haupte der Administration bemüht gewesen sei, falsche Zeugen zu schaffen, Lügen zu verbreiten und die Christen gegen die Juden zu Hetzen. Auch die per- sönlichen Rechte und Freiheiten seien verletzt worden.

Italien.

Rom, 29. Juli. Ein neues furchtbares Unglück hat die Insel Ischia betroffen: ein Erdstoß hat ganz Cassamicciola zerstört. Nach einer Privat- Depesche derCapitale" zählen die Opfer nicht nach Hunderten, sondern nach Tausenden. Ein Telegramm der TelegraphewAgentur bestätigt, daß viele Men­schen umgekommen sind. Aus Neapel sind der Präfekt, Militär und Aerzte auf verschiedenen Dampfern aufgebrochen. Auf der Insel befindet sich der Director des zoologischen Instituts, Dr. Dohrn, sowie die Deputirten Fortunato und Capelli, die wie jener als Badegäste sich dort aufhalten. Dieselben sind gerettet. Die telegraphische Verbindung mit Ischia ist daher für den Privatverkehr un­terbrochen. (Fr. Ztg.).

Von hier gingen sofort zwei Compagnien Pioniere nach Cassamicciola ab, ebenso der Minister Genala, sowie eine große Anzahl Journalisten. De Pretis ist sehr leidend und traf nicht, wie er beabsichtigte, heute hier ein. Bis jetzt hat Italien keine Ouarantänemaßregeln gegen England getroffen.

Turin, 28. Juli. Der ehemalige Viceadmiral Graf Persona ist heute gestorben.

Aegypten.

Alexandrien, 28. Juli. (Telegramm desReuter'schen Bureaus.") Heute sind hier mehrere Cholera-Erkrankungen vorgekommen, eine der erkrankten Personen ist gestorben.

Kairo, 28. Juli. (Telegramm desReuter'schen Bureaus.") In den letzten 24 Stunden betrug die Zahl der hier an der Cholera Gestorbenen 277, davon kommen auf die Vorstadt Bulak 73. Bis heute früh haben in genannter Vorstadt die Cholera-Sterbefälle erheblich abgenommen.

Kairo, 28. Juli. (Telegramm desReuter'schen Bureaus") Bis heute früh 8 Uhr sind in den letzten 24 Stunden an der Cholera gestorben: in Damiette 11, in Ghizeh 24, in Zifteh 12, in Chibin-el-Kum 92, in Mehallet 58, in Tantah 29, in Mitgmar 37, in Dagadoud 13, in der Provinz Galliu- bieh 20, in der Provinz Manufieh 39 Personen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenr-Burearr.

Wildbad Gastein, 29. Juli. Se. Maj. der Kaiser wohnte heute nach der Promenade dem Gottesdienste in der evangelischen Kirche bei, wo der Oberhofprediger Dr. Kögel die Predigt hielt. Das Wetter hat sich aufgeklärt.

Kisstngen, 29. Juli. Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist, von der Frau Fürstin Bismarck, dem Grafen Wilhelm Bismarck und Dr. Schwennin­ger begleitet, gestern Abend 9 Uhr 45 Min. hier eingetroffen und von dem zahlreich versammelten Publikum freudigst mit Hochrufen begrüßt worden.

Rom, 29. Juli. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Genala, ist nach Ischia abgereist.

Triest, 29. Juli. Der LloyddampferApollo" ist mit der ostindisch- chmesischen Ueberlandpost heute Nachmittag aus Alexandrien hier angekommen und zur Quarantäne nach dem Lazareth übergeführt worden.

Neapel, 29. Juli. Gestern Abend 9 Uhr 45 Min. hat auf der Insel Ischia ein heftiges Erdbeben stattgefunden, dessen Folgen noch verheeren­der sind, als im Jahre 1881. Besonders schwer getroffen wurden die Orte Cassamicciola, Forio und Lacco Ameno, woselbst viele Häuser eingestürzt und zahlreiche Personen unter den Trümmern begraben sind. Von hier wurden Dampfschiffe mit Chirurgen und Militär an Bord nach der Insel entsendet, um möglichst Hülfe zu leisten und die Verwundeten hierher zu transportiren Bis heute Mittag find gegen 100 Verwundete hierher gebracht worden. Die Zahl der Tobten läßt sich noch nicht feststellen.

Alexandrien, 29. Jnli. (Telegramm desReuter'schen Bureaus.") Heute sind hier abermals zwei Personen an der Cholera gestorben. Ein Hospital für die Cholerakranken wird in der Vorstadt Gabari eingerichtet, man hofft dasselbe schon in einigen Tagen fertigzustellen.

Neapel, 30. Juli. (Privat-Depesche.) Die Zahl der bei dem Erdbeben zu JSchia Umgekommenen wird auf 2000 ge°