1883
Nr. 227. Zweites Blatt. Sonntag den 30. September
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Wochenschau,
Gießen, 29. September.
Eine erhebende nationale Feier verlieh der abgelaufenen Woche einen besonderen Glanz und bildete zugleich den effectvollen Hintergrund für die am Mittwoch beendeten Kaiser-Manöver bei Homburg — die Enthüllung und Einweihung des National-Denkmals auf dem Niederwald. Am Freitag hat dieser bedeutungsvolle Act in Gegenwart des Kaisers, der königlichen Prinzen, der am Hoflager von Homburg zugegen gewesenen deutschen Souveräne, der Vertreter der anderen deutschen Fürsten und anderer Fürstlichkeiten stattgefunden; außerdem wohnten der Feier die commandirenden Generäle sämmtlicher Armee- Corps, der Gesammtvorstand des Reichstages, eine große Anzahl sonstiger Nota- bilitäien, zahlreiche Deputationen der deutschen Militär- und Krieger-Vereine bei, ganz abgesehen von den sonstigen nach vielen Tausenden zählenden fremden Gästen. Unter solchen Umständen gestaltete sich die Einweihung des großartigen National-Denkmals auf dem Niederwald zu einem ergreifenden nationalen Moment, der nicht nur im Herzen aller Deren, welche persönlich an der Feier Ihnlnahmen, sondern auch im ganzen übrigen Deutschland noch lange nachzittern wird. So schaut denn nun die Colossal-Figur oer Germania als ein ehernes Sinnbild der wiedererstandenen deutschen Einigkeit, emporragend im deutschen Walde, herab auf den „deutschesten Strom" und auf die lieblichen Gefilde, welche der Vater Rhein hier durchflulhet und als eine in Stein und Erz verkörperte Mahnung für die Stämme Deutschlands, die unter heißen Kämpfen errungene Einheit sich stets zu bewahren und immer mit vereinten Kräften ein- Zustehen für das Wohl des großen Vaterlandes'
Die Manöver des 11. Armee-Corps haben, wie schon oben an- gedeutet, am Mittwoch ihr Ende erreicht, an welchem Tage die Manöver der dm Divisionen in der Gegend von Vilbel stattfanden. Theils noch an dem- leiben Tage, theils im Laufe des Donnerstags haben die fremdländischen Furst- uchkeiten, nach herzlicher Verabschiedung vom Kaiser, Homburg wieder verlassen: Kaiser Wilhelm selbst wird die nächsten Wochen in Baden-Baden an der Seite »einer erlauchten Gemahlin verbringen, deren Geburtstag — 30. September — me herkömmlich, in Baden-Baden gefeiert wird. Den Manöver« und Festtagen von Homburg widmet die „Prov.-Correjp." mit folgenden Worten eine bemer- kmswerthe Betrachtung: „Die diesmaligen Kriegsübungen des „Volks in Waffen" und die bei Gelegenheit derselben unserem Kaiser bereiteten glänzenden Ovationen haben fürstliche Gäste zu Zeugen, deren Anwesenheit die Bedeutung die er festlichen Tage erhöht. Gemeinjam mit dem König von Sachsen, dem ruhmreich bewährten Genossen der letzten deutschen Feldzüge, weilen zwei Mo- mrchen am Hoflager unseres Kaisers, die beide über fern ab von der deutschen Grenze belegens Staaten walten, König Alfons XII. von Spanien und König Man der Beherrscher des unseren österreichischen Freunden und Nachbarn ireundlchaftlich verbundenen serbischen Staates. In dem Erscheinen dieser Für- Iten darf ein erneuter Beweis dafür gesehen werden, daß die Beziehungen des deutschen Reiches zu den übrigen Staaten des Welttheils, ohne Unterschied der Seographffchen Lage-derselben, durchaus freundschaftlicher Natur sind, und daß eie von unserer Regierung gehegten Gedanken des Friedens und der vertrauens- Mn Eingebung an die allen Völkern gemeinsamen Culturausgaben in den weiten Kreisen des europäischen Völkerlebens getheilt werden.
1 bIr Dispensfrage bringt jetzt der „Kuryer Poznanskv", das ^rgan Ledochowskis, eine Bestätigung der Mittheilung der „Schlei Qta" M welcher der Bischof von Kulm, v. d. Marwitz, autorisirt ist, die Dispense >ur alle preußischen Diöcesen zu fordern.
Die Anwesenheit des rumänischen Ministerpräsidenten Bratiano » «Wn und bie auszeichnende Art, mit welcher er vom Wiener Hofe behandelt hnfhL ^m£dt Bretts die Aufmerksamkeit der ungarischen Presse. Die wieder- stl- o^brenzen, welche Herr Bratiano mit dem Grafen Kalnoky und dem । CTen Neuß, dem deutschen Botschafter in Wien, hatte, sowie der Umstand, B(oec rumänische Staatsmann am Mittwoch vom Kaiser in besonderer Audienz Mangen wurde, sprechen für die Wichtigkeit der Mission Bratiano's. Die-
M zunächst auf die definitive Regelung des Verhältnisses Rumä- ti Oesterreich beziehen und glaubt man, daß durch die Anwesenheit Bra- A "der österreichischen Hauptstadt namentlich die Donausrage zu einer aber x m befriedigenden prmclpiellen Lösung geführt worden ist. Daß er örtpvf i Verhaltniß Rumäniens zur deutsch-österreichischen Allianz in Wien Menfc Lr ett geht aus den Besprechungen zwischen Bratiano und Prinz D-mm^vor und kann man annehmen, daß hierdurch die Beziehungen des ^rerchs zu den verbündeten Kaiserstaaten eine weitere Stärkung ! zviscken n.?$bc"? m dieser Beziehung durch die Gasteiner Konferenzen ^rden war etl unb bem Herrn Bratiano schon vorgearbeitet
dis Siät^^ und Bangen in schwebender Pein" - so könnte man k Pran{rei$ unö ^hlua kennzeichnen. Trotz alles Hin- und
6 b'r „ehrlichen Mäkler-Rolle" Englands ist der Tongking- loäe Sediehen und kein Mensch weiß bis dato zu sagen,
i Wna habAprbfr $ mnben roirb- Ju Paris courstrt das Gerücht, i löiXm WM««1 Regierung die Annexion von ganz Anam und dem A die 9 blÄ ?um Rothen Flusse vorgeschlagen, während China für Wtfbe aberb m blestr Lrme gelegene Hälfte von Tongking beanspruche. LNKsse ist es des Tongkmgnefischen Gebietes nördlich vom Rothen
Frankreich zu thun. denn derselbe enthält sehr ergiebige Mineral
Lager und ausgezeichnete Häfen und es ist darum nicht wahrscheinlich, daß die französischen Staatsmänner auf einen derartigen Vorschlag Chinas eingehen würden. Unterdessen sind aus Tongking Nachrichten eingetroffen, welche auf einen allgememen Rückzug der „Schwarzen Flaggen" hindeuten. Dieselben sollen Sontay, ihren Hauptstützpunkt am Rothen Fluß, geräumt und die Citadelle den Anamrten überlassen, desgleichen auch die Ortschaften Phung, Lungo und Day aufgegeben und sich auf das linke Flußufer zurückgezogen haben. Viele Mandarinen haben dem französischen Civilcommissar Harmand ihre Unterwerfung angezeigt. Falls sich diese Nachrichten bestätigen, so werden sie bei den französisch-chinesischen Verhandlungen nicht unerheblich für Frankreich in's Gewicht fallen.
Gerade eine Woche ist jetzt verstrichen, seit der englifche Premier von feinem Ausfluge nach' Kopenhagen wieder in London eingetroffen ist. Während dieser Zeit und schon vorher ist der Besuch Mr. Gladstone in der dänischen Hauptstadt bekanntlich ein Gegenstund lebhaftester Erörterungen seitens der europäischen Presse gewesen, worauf Mr. Gladstone durch die ihm nahestehenden englischen Blätter schleunigst erklären ließ, daß seinem Besuche in Kopenhagen keinerlei politische Motive zu Grunde gelegen hätten, sondern daß derselbe lediglich als eine Erweiterung seiner Vergnügungstour durch die Nord- und Ostsee zu betrachten sei. An dieser Erklärung muß man sich vorläufig genügen lassen, obgleich man es allerorts für sehr zweifelhaft hält, daß die Besprechung zwischen dem Beherrscher aller Reußen und dem leitenden Staats- manne Englands so durchaus harmlos gewesen sein sollte. Im Uebrigen wird Herr Gladstone gefunden haben, daß während feiner Abwesenheit von England sich in den inneren Verhältnissen des Jnselkönigreichs nichts geändert hat, mit Ausnahme Irlands, wo die Agrarbewegung sich wieder in zahlreichen Vergehen und Verbrechen Luft macht, die vas englische Cabinet vielleicht wieder zu scharfen Maßregeln gegen die „grüne Insel" nöthigen werden.
Der Ministerwechsel in Bulgarien, durch welchen dem russischen Einflüsse in diesem Lande die Spitze abgebrochen worden ist, hat in Rußland bös:s Blut gemacht und das officiöse „Journal de St. Petersbourg" ergeht sich dem Fürsten Alexander gegenüber m allerhand drohenden Redensarten. Indessen, der Bulgarenfürst weiß, daß fein Volk hinter ihm steht, welches die russischen „Befreier" hat genugsam kennen lernen, es würde ohne Zweifel im Falle der Gefahr wie Ein Mann zum Fürsten Alexander stehen. Allerdings herrscht über die nächsten Absichten Rußlands gegen Bulgarien noch Ungewißheit, doch darf man wohl erwarten, daß eine etwaige Vergewaltigung Bulgariens durch die russischen Bajonette auf den entschiedenen Widerstand des übrigen Europas stoßen würde.
In Egypten ist seit mehreren Tagen kein Todesfall an der Cholera mehr vorgekommen und dürfte nunmehr die Epidemie als erloschen zu betrachten sein. Gegenwärtig finden in Egypten die Wahlen zur Landesversammlung und zum gesetzgebenden Rathe unter sehr lebhafter Betheiligung der Wähler statt. Riaz Pascha, der Minister des Innern, hat die Wahl zum Mitgliede des gesetzgebenden Rathes ausgeschlagen.
In dem unglücklichen Peru wollen, obwohl sich vor einiger Zeit in Lima ein neues Cabinet constituirt hat, noch immer keine friedlicheren Verhältnisse Platz greifen. Caceres, das Haupt der peruanischen Kriegspartei, setzt mit seinen Banden den Kampf gegen die Chilenen fort und will von einem Friedensschluß mit Chile nichts wissen. Außerdem soll zu Chimha eine Verschwörung behufs Niedermetzelung aller chilenischen Garnisonen in Peru entdeckt worden sein.
Lokales.
Gießen, 29. September. Was eine centralisirte Krankenkasse zu leisten vermag, ist aus Foiaendem zu ersehen:
Die Central-Kranken- und Sterbekasse her Tischler (Schreiner) und verwandten Berufsgenossen Deutschlands (eingeschriebene Hilsskasse) wurde von den Arbeitern im December 1876 gegründet- Die Mttgltederzahl ist nach Schluß des 2. Quartals 1883 auf 14174 angewachsen, das Baarvermögen ist auf 29410,19 Mark gestiegen. Diese Kasse ist in 208 Orten vertreten. Die Krankenunterstützung betrug im 2. Quartal 1883 über 44 000 Mark und verblieb ein Ueberschuß von 6000 Mark.
Die Kosse gewährt ihren Mitgliedern im Falle einer Erkrankung, sowohl auf der Reise und in allen Orten Deutschlands Unterstützung und im Sterbefalle ein Beerdigungsgeld.
Die Beitragsleistung und die Unterstützungen sind nach gleichen Grundsätzen bemessen und sind dieselben nach Klassen wie folgt eingetheilt:
Wöchentlicher Beitrag Die Unterstützung beträgt
1. Klosse 20 Pfg. wöchentlich 8 Mark,
4. „ 35 y u 14 „
und wird 26 Wochen das volle und 26 Wochen die Hälfte des Unterstützungsgeldes ausbezahlt. Das Beerdtgungsgeld beträgt für Mitglieder der 1. Classe 50 Mark, der 2. Klaffe 65 Mark, der 3. Klasse 80 Mark und der 4. Klasse 95 Mark- Ein besonderer Beitrag wird für die Sterbekasse nicht bezahlt-
Jeder gewerbliche Arbeiter, welcher im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte ist und das 45. Lebensjahr noch nicht überschritten hat, findet Aufnahme. Das Eintrittsgeld beträgt 1 Mark-
Die Central-Krankenkassen der Metallarbeiter und die der Schneider weisen ebenfalls günstige Resultate auf und sind auch diese Kassen stets im Steigen begriffen. Aufnahmen zu der Central-Kranken- und Sterbckasse der Tischler rc. finden statt durch Heinrich Jentzen, Bahnhofstraße 20, der Metallarbeiter durch A. Bock, Neustadt (Löber's Hof), und zu der Krankenkasse der Schneider durch O tto Kölle, West- anlaae 105.


