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Freitag den 30. März 1888.

iehencr Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des M-utagS.

lreiA vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

>urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Betreffend: Zusammenlegung der Grundstücke in der Gemarkung Saasen.

Bekanntmachung.

Die Karte nebst Anlagen über die neue Zutbeiluug der Kreuzwiesen liegt vom 31. l. M. bis zum 14. April l. I. auf dem Bureau der Großherzoglichen Bürgermeisterei Saasen zur Einsicht der Betheiligten offen. .

Etwaige Reclamationen können daselbst während der angegebenen Frist, müssen dort aber spätestens

im Termine Samsung den 14. April l. I., Vormittags von 11-12 Upt, bei Meidung späterer Nichtberücksichtigurg und der Annahme des Einverständnisses mit dieser Zutheilung vorgebracht werden, da eine Niederem)etzung m den vorigen Stand wegen Versäumniß der Frist gesetzlich nicht statthaft ist. .

Gießen, am 28. März 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann. _____________________________ .

Politische Uebersicht.

Gießen, 29. März.

Während der Ostertage litt der Kaiser Wilhelm an einer bei seinem hohen Alter nicht unbedenklichen Erkältung, verbunden mit einer Halsentzündung, doch befindet sich der Kaiser bereits wieder aus dem Wege der Genesung, welche ti>ol)L um jo mehr eine dauernde und vollständige sein wird, da an Stelle des Frostwetters seit einigen Tagen lindere Frühlingslüfte wehen. Wie aus dem kaiserlichen Handschreiben zu lesen war, sind anläßlich des letzten Geburtstages des Kaisers die Glückwünsche und Geschenke, zumal auch von den im Auslande wohnenden Deutschen, noch viel zahlreicher gewesen, als in den früheren Jahren, welcher Umstand nicht nur für die noch immer wachsende Popularität unseres Kaisers, sondern auch für das Wachsthum des nationalen Gedankens spricht.

Fürst Bismarck wird leider beinahe ununterbrochen von rheumatischen Leiden gequält, zu denen sich in voriger Woche auch noch eine Erkältung gesellt hatte, die in Gestalt einer Halsaffection auftrat. Glücklicher Weise beein­trächtigen diese Unpäßlichkeiten die Energie des Reichskanzlers nur wenig, wie derselbe in jüngster Zeit zumal gegenüber Spanien bewiesen hat, welches Deutjch- llind keine aus Gegenseitigkeit beruhenden Handels-Concessionen machen wollte, worauf nun an Stelle eines deutsch-spanischen Handelsvertrages nicht nur von Seiten Spaniens, sondern auch von Seiten Deutschlandsspanisch gepfefferte" Eingangszölle treten werden.

Die Swatau-Affaire scheint Anlaß gegeben zu haben, daß zwischen der deutschen und chinesischen Regierung ziemlich ernste Auseinandersetzungen stattfinden. Dies geht hauptsächlich daraus hervor, daß der Leiter unseres auswärtigen Amtes, Graf Hatzfeldt, am Ostersonntage den chinesischen Gesandten Li-Fong-Pao empfangen hat, welcher auch mit seinem ersten Gesandtschaflsrathe, Dr. Kreper, eine halbe Stunde mit dem Grafen Hatzfeldt conferirte. Der regelmäßige Empfangstag für die laufenden Geschäfte der Diplomaten ist im Berliner auswärtigen Amte aber der Dienstag, es müssen daher außergewöhn­liche Geschäfte gewesen sein, welche gerade am Ostersonntage den chinesischen Gesandten zum Grafen Hatzfeldt geführt haben. Wahrscheinlich verlangt die chinesische Regierung in der Swatau-Affaire eine außerordentliche Genugthuung, worüber indessen die deutsche Regierung wohl erst nach sorgsältigster Prüfung der Sachlage befinden wird.

Auf dem Gebiete unserer inneren Politik fehlt es in Folge d-er stattgehabten Feiertage naturgemäß an wirklichen Begebenheiten. Doch wollen wir nicht unterlassen, zu erwähnen, daß am 26. und 27. März in München die Hauptversammlung der Delegirten der bayerischen Handwerker- Bereine tagte, deren Beschlüsse für die Fragen, welche unsere innere Politik bewegen, theilweise von Bedeutung sind. Der bayerische Handwerkertag in München constituirte sich als ein Bestandtheil des Allgemeinen deutschen Hand- rverkerbundes und nahm sämmtliche Paragraphen des vorgelegten, auf den Be­schlüssen des Magdeburger Handwerkertages basirenden Statuten-Entwurfs in Betreff der Wiedereinsührung der Innungen mit Beitritts- und Beitragspflicht, der obligatorischen Arbeitsbücher, der Errichtung von Handwerkskammern, Ab­haltung von Meisterprüfungen, Beseitigung des Hausirhandels und der Wander­lager und Regelung des Submissionswesens und der Credite an. Im Ganzen waren Vereine und Handwerksmeister aus 80 bayerischen Städten und Ort­schaften durch 420 Delegirte vertreten.

Nach mehreren Kundgebungen der deutsch-österreichischen Presse zu urtheilen, ist man sowohl in den Regierungskreisen, als auch im Lager der Ezechen, Polen und Slowenen über die Erfolge der Ausgleichs- und Versöh- nungs-Polittk doch etwas stutzig geworden, denn an Stelle der einheitlichen Sentralgewalt erblickt man gegenwärtig im österreichischen Reichsrathe nur sich befehdende oder oft nur zufällig zusammenhaltende nationale Parteigruppen und ber von der Regierung erwartete Stärkezuwachs für ihre Stellung gegenüber den einzelnen Völkerschaften hat sich noch nicht gezeigt. So dürfte am Ende das Fiasko der decentralisirenden Ausgleichspolitik zu einer energischen Rückkehr, p einer österreichischen Centralpolitik führen.

Die Kundgebungen der Anarchisten in Paris erweisen sich als ziemlich lächerliche Tumulte einer Anzahl müßiger Köpfe und stellenloser Arbeiter. Die Negierung hat daher verfügt, daß die bei den letzten Straßen­aufläufen in Paris verhafteten Tumultanten wieder freigelaffen und nur zu einer einfachen Ordnungsstrafe verurtheilt wurden. Weitere Ruhestörungen sind auch in der französischen Hauptstadt in den letzten Tagen nicht mehr vorge- tommen und ist den früheren eine politische Bedeutung kaum beizumessen.

In Rom haben einige freche Patronen, ob Anarchisten oder Irredentisten, das weiß man noch nicht, in der Nacht zum Ostersonntag, ihrer thierischen Wuth ebenfalls durch die jetzt allenthalben grassirenden Bomben-Attentate Lust gemacht. Vor dem Justizministerium explodirte in selbiger Nacht eine mit Pulver gefüllte Flasche und vor dem KönigSpalaste fand man ebenfalls eine Pulverflasche. Schaden ist in keiner Weise angerichtet worden, aber trotzdem verdoppelt die Polizei in Rom ihre Wachsamkeit, da hinter diesen Pulver- Explosionen wohl doch mehr als ein bloßer Unfug steckt.

Der englische Premierminister Gl-adstone denkt in Folge seines hohen Alters und seiner schwankend gewordenen Gesundheit allen Ernstes daran, sein Amt niederzulegen, um einer jüngeren Kraft Platz zu machen. Ein Sohn des Premierministers, Stephan Gladstone, hat dies ausdrücklich bestätigt, doch dürfte Gladstone nur nicht urplötzlich seine Entlassung nehmen, sondern erst dann, wenn er einen passenden Nachfolger gefunden hat. Auch liegen die Dinge hinsichtlich der sich immer mehr verwirrenden irischen Frage zur Zeit jo kritisch, daß auch aus diesem Grunde Gladstone für die nächsten Monate nicht an seinen Rücktritt denken kann, zumal schon in den nächsten Tagen neue Maß­regeln gegen die widerspenstigen Iren im Parlamente berathen werden sollen.

Aus den osfrciösen Zeitungen Rußlands ist zu entnehmen, daß der Ausgang der Donau-Couserenz die russische Regierung befriedigt hat und diefetve sich namentlich wieder Deutschland mehr und mehr genähert fühlt. Die Negierung Alexanders III. hat in der Donau-Conferenz ohne Kriegslärm und Säbelgerassel einen namhaften Erfolg davongetragen, indem man auch Rußland auf einem Theile der unteren Donau eine maßgebende Stellung einräumte und zumal Deutschland diese Concession an Rußland rückhaltslos billigte. Daraus erklärt man sich allgemein die Stärkung der früher etwas blaß gewordenen deutsch-russischen Freundschaft und diese Thatsache ist auch durch die außer­ordentlichen Festlichkeiten bewahrheitet worden, welche am Geburtstage des Kaisers Wilhelm am russischen Hose veranstaltet wurden. _ .

Die revolutionären Umtriebe der sog.Schwarzen Mnd in Südspanie n sind nicht auf ausländische Einflüsse, sondern aus Mißstände localer Natur zurückzusühren, so daß bei einiger Umsicht und Energie der spanischen Regierung die Unruhe bald erstickt sein wird.

Türkei.

KonKairtinopel, 27. März. Es wurden ernannt: der ehemalige Tinamminister Tewsik Pascha zum Gesandten in Washington, Sadullab Pascha zum Pa^a MN Botschafter in Berlim Letzterer

erhielt den Großkordon des Osmanie-OrdenS nut Brillanten. Der Herzog von Chartres ist hier eingetroffen.

Ieutschürnd.

Darmstadt, 27. März. Das schon lange bestehende Project, die Dragoner-Garnison in Babenhausen eingehen zu lassen und hier in einer neu zu erbauenden Reiterkaserne unterzubringen, scheint neuerdings seiner Verwirk­lichung bedeutend näher gerückt zu sein. Wie verlautet, soll der Neubau umveu der Südseite unseres Exercierplatzes errichtet werden. Andererseits werden, und zwar in aller Kürze, auf dem Griesheimer Schießplatz sehr umfangreiche Militär- bauten im Voranschlags-Betrag von etwa 320,000 Jl. zur Ausführung aelanaen. (o1-- Journ. '

Darmstadt, 27. März. Die Eingabe einer Anzahl rheuchessycher ^a-weme- Händler um H-rv-isührung einer gleichmäßigen Besteu»ung des Handels mit Zu»t- scbweinen tn Ban.rn, Preußen und Hessen, die dadurch hervorgerufen ^inbe, B den beiden ersten genannten Staaten der fragliche Geschäftsbetrieb wesentlich in Hissm besteuert wird, konnte bei dem berichtenden Ausschuß zwei er Kammer Entgegenkommen finden. Ausschlaggebend erschien daß d P m i und Preußen keiner höheren Besteuerung nnterltegem als die^Ang h g und daß Letztere tm Großhcrzogthum die gleiche Steuer .. Staaten unzulässig haben. Da Ausnahmebestiuenrngen Angehöriger lwderer deutsch beslebcnden

sind, so könnte eine Ausgleichung dieser allerdings in austM ger ^tse v ueyeno n Ungleichheit nur dadurch geschaffen werden, daß die Jpb

Händler mit Zuchlschweinen auf die annäherndeHöbe, w s durchaus nicht Preußen bestes erhöht würde, em Ziel, welches von den Petenten ober beabsichtigt sein würde.

Arankreich.

Marseille, 28. März. Heute Abend explodirte hier in einem Magazin ein Petroleumfaß; vier Personen wurden entsetzlich verbrannt. Das Magazin ist gänzlich zerstört.