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Samstag den 29. September

226.

1888

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Bureau: Schulstraße 7.

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Politische Ueberficht.

Gießen, 28. September.

Die glanzvollen Kaisertage in Homburg sind nun wieder wmibergerauscht, da die Manöver des 11. Armee-Corps am Mittwoch ihr Ende «nicht haben und der so glänzende Kreis fürstlicher Gäste, welchen Kaiser Wilhelm in dem kleinen Taunusbad um sich versammelt sah, hat sich schon be- beutenb gelichtet. Im Laufe des gestrigen Tages sind der König von Serbien

Wien resp. Belgrad zurückgereist und erfordert auch die drohende Krisis im serbischen Cabinet dringend die Anwesenheit des Herrschers; desgleichen hat jtflern Morgen König Alfonso von Spanien Homburg verlassen und sich zu- «ächst nach Brüssel begeben, während der Kronprinz von Portugal und * »englischen Prinzen sich gleichfalls vom Kaiser verabschiedeten. Letzterer traf Wegleitung der königlichen Prinzen und der deutschen Fürstlichkeiten, welche dm Homburger Manövern beigewohnt hatten, am Donnerstag Nachmittag in äranffutt ein, wo die hohen Herrschaften einen mehrstündigen Aufenthalt nah- «ti und kurz nach 10 Uhr Abends erfolgte die Ankunft derselben in Wies- d-dmi, wo sie übernachteten. Von hier aus begeben sich der Kaiser, die könig- Sm Prinzen und die andern Fürstlichkeiten, unter ihnen der König von Sachsen, die Grobherzöge von Hessen und von Sachsen-Weimar u. s. w., am Vormittag d-S 28. September nach dem Niederwalo, um der feierlichen Enthüllung und linMihung des National-Denknials beizuwohnen. Dieser erhebende Akt und die ihm unmittelbar folgenden Festlichkeiten, unter denen wir nur die Huldigung der rladt Rüdesheim, die Begrüßung des Kaisers und seiner fürstlichen Begleiter it der Rhcinhalle durch Deputationen der Städte Mainz und Bingen und die Kmdefahrt der Dampfer-Flotille auf dem Rhein hervorheben, bilden erst iizmtlich den ebenso glänzenden wie würdigen Abschluß der Kaisertage am Nam und Rhein und sicher wird dieser große nationale Weihemoment in den Herzen ter, welchen es vergönnt war, denselben an Ort und Stelle mit durchzu- M, noch lange nachklingen. Am Samstat, den 29. September, reist der Wer nach Baden-Baden weiter, wo am 30. September, wie herkömmlich, der mirrtstag der Kaiserin int engsten Familienkreise gefeiert wird. Der gemein­te Aufenthalt der kaiserlichen Majestäten in Baden-Baden wird dem Ver- ^hm.en nach bis zur zweiten Hälfte des October dauern.

- Bismarck hat am Montag seine Gasteiner Nachkür, welche ihm

m Allgemeinen recht gut bekommen ist, beendet und mit seiner Familie Gastein M genannten Tage verlassen. In Salzburg übernachtete Fürst Bismarck; hier «arm au$ der deutsche Botschafter in Wien, Prinz Reuß, und dessen Ge- Whliin zur Begrüßung des Reichskanzlers erschienen. Wie verlautet, würde Diielbe noch einige Tage in Berlin zubringen, ehe er sich nach Friedrichsruhe Webt.

Gegenüber den Festlichkeiten, welche die Anwesenheit des Kaisers 'Z Merseburg, Homburg und am Rhein hervorgerufen hatte, ist die innere Milk während der letzten Wochen etwas zurückgetreten und dies um so mehr, auf diesem Gebiete keinerlei hervorragende Begebenheiten in letzter Zeit zu 1 Zeichnen waren. Die sommerliche Ruhepause ist indessen nun doch vorüber m schon beschäftigt man sich in den Berliner Regierungsämtern mit den Vor- M, welche dem Bundesrathe und dem preußischen Landtage während der Mrltehenden Herbstsession zugehen sollen. Was die nächste Session des Kchstages anbelangt welcher dem Vernehmen nach jedoch erst im kommen- l« Januar Zusammentritt so dürfte uns dieselbe eine entschiedene Fort- Huitg der Bismarck'schen Socialpolitik bringen. Wenigstens wird von ofsiciöser We^die Insinuation, als ob Fürst Bismarck den Grundgedanken seines social- Milchen Programms aufgegeben habe, zurückgewiesen und hierbei speciell Atc, daß der Reichskanzler zwar seit Jahresfrist durch seine Krankheiten ver- ^Eirt worden sei, stch an der Förderung der von ihm angeregten socialpoliti- W Reform in demselben Maße wie früher zu betheiligen, trotzdem werde er ?. an in der kaiserlichen Botschaft angedeuteten Grundzügen festhalten.

Nordd. Allg. Ztg.» versichert sogar, daß Fürst Bismarck von der Bei- MLing der Berufs-Genossenschaften als Unterlage der Arbeiter-Unfall­en"^ fe,"e feInere <"E-he Mitwirkung bei den Geschäften abhängig

r6 ^rQ9e hat zwar gegenwärtig an Schärfe etwas ver- trotzdem wird fte aber der ungarischen Regierung noch genug zu schaffen :5el l 'eser W°ch° -st der ungarische Reichstag zusammenMreten und . e* i-ch ----4 ledenfalls mit der kroatischen Angelegenheit eingehend zu be- lroolIen bis auf Weiteres den Reichstags- Ä k°er Mhr-r der kroatischen Nationalpartei, MMg. Krestlcs, hat diese Absicht dem ungarischen Ministerpräsidenten Tisza feine politischen Freunde nicht stzl um Reichstage erscheinen wurden, als bis die Verfassunqs-Zustände in LsM'im wieder hergestellt seien. Man darf gespannt sein, welche^Schritte Herr «Ä l»eser TM d-r Kroaten gegenüber thun wird. - Der rumänische M-rprasident Bratiano wei t zur Zeit in Wien, wo er bereits wiederholte E!m«mzen mit dem DttNlster des Auswärtigen, Grafen Kalnoky, hatte: am Ml»»ch wurde Herr Brattano auch vom Kaiser in Audienz empfangen. Man o« wohl nicht mit Unrecht die Anwesenheit des leitenden rumänischen ^«nnes mit einer weiteren Annäherung Rumäniens an das deutsch- o.Meichische Bundmß zusammen.

Die französisch-chinesischen Verhandlungen sind in den letzten Tagen um keinen Schritt weiter gefördert worden und schwebt überhaupt über der ganzen Angelegenheit noch große Unsicherheit. Mit begreiflicher Ungeduld sehen daher die Politiker an der Seine dem Eintreffen der Antivort der chine­sischen Regierung auf die Vorschläge Frankreichs wegen Tongkings entgegen, da man von dieser Antwort Klärung der Situation hofft. Einstweilen hat die Stockung in dem Hin- und Herschachern zwischen Frankreich und China aller­hand Gerüchte von Theilungs-Vorschlägen Chinas, von Concessionen Frank­reichs u. s. ro. hervorgerufen, welche nur beweisen, wie unsicher die ganze Situa­tion ist. Was die Vermittelung Englands anbelangt, so scheint dieselbe zu weiter nichts, als zu einer unverkennbaren Verstimmung der Franzosen gegen England geführt zu haben, während sich die englischen Staatsmänner wohl ein anderes Resultat von der von ihnen übernommenen Rolle, einesehrlichen Maklers" versprochen hatten.

In Irland ist dienationale" Agitation wieder zu neuem verbrecherischen Thun erwacht, wie aus den sich häufenden Agrarverbrechen her­vorgeht. In de« Grafschaften Clare, Limerick und Mayo machen sich die Aus­schreitungen der irischen National-Liga besonders bemerklich und der Vicekönig von Irland, Lord Spencer, hat daher 46 Bezirke der genannten Grafschaften unter die Bestimmungen desVerbrechen-Verhütungsgesetzes" gestellt. Da der Mörder des Kronzeugen Carey, O'Donnell, jetzt vor die Londoner Assisen ver­wiesen worden ist, so scheint es fast, als ob dieser Umstand mit der neu erwachten Agrarbewegung in einem gewissen Zusammenhänge steht; jedenfalls würde die­selbe durch die Verurtheilung O'Donnell's, welcher ob seiner Thal von der irischen Liga fast zu einemNational-Heiligen" proklamirt worden ist, nur an Stärke gewinnen.

Deutschland.

Darmstadt, 27. September. Se. Maj. der Deutsche Kaiser haben an Se. Königl. Hoheit den Großherzog das nachstehende Schreiben gerichtet: - » Durchlauchtigster Fürst, freundlich lieber Vetter und Bruder:

Eurer Königl. Hoheit Division habe Ich bei den soeben beendeten großen Hebungen des 11. Armee-CorpS durchweg in einem so vortrefflichen Zustande gefunden, daß es Mir zur besonderen Freude gereicht, Eurer Königl. Hoheit Meinen Glückwunsch zu solchem Resultat und Meine lebhafteste Anerkennung für Ihre Truppen auszusprechen. Ich verbleibe mit den Gesinnungen unver­änderlicher Hochachtung und Freundschaft

Eurer Königlichen Hoheit sreundwilliger Vetter und Bruder.

, gez. Wilhelm.

Homburg v. d. H., den 26. September 1883.

An des Großherzogs von Hessen und bei Rhein Königliche Hoheit.

Darmstadt, 27. September. Se. Maj. der Kaiser und Se. Kaiser!. Hoheit der Kronprinz werden am Samstag den 29. d. Mts. zu einem Besuche der Großh. Familie dahier eintreffen.

Se. Königl. Hoheit der Großerzog werden dieserhalb am Samstag Mel­dungen und Vorträge nicht entgegen nehmen und Audienzen nicht ertheilen.

Darmstadt, 27. September. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 18. September den Kreisbauaufseher des Kreisbauamts Grünberg, Martin Seibert, in gleicher Diensteigenschaft in das Kreisbauamt Alsfeld zu versetzen.

Aesterreich.

Prag, 24. September. In Königinhof wurden gestern den Mitgliedern der dortigen Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins die Fenster eingeschlagen. Der Gensd'armerieposten daselbst wurde vermehrt. Gestern früh wurden Pla­kate mit der Inschrift:Nieder mit dem Schulverein!" an den Straßenecken gefunden.

Telegraphische Depeschen.

Wolffs telegr. Corresporrderrz-Brrreau.

Frankfurt a. M>, 27. Sept. Der König von Spanien und der König von Serbien sind in gemeinschaftlichem Salonwagen heute früh 73/< Uhr hier eingetroffen. Der Extrazug wurde sofort nach dem Neckarbahnhof übergeführt und dort dem Pariser Zuge anaeschlossen. Auf dem Neckarbahnhofe begrüßten beide Könige den kurz vorher mittelst Extrazugs eingetroffenen Kronprinzen von Portugal. Nach etwa halbstündigem Verweilen verabschiedete sich der König von Serbien von dem König von Spanien und dem Kronprinzen von Portugal auf das Herzlichste und begab sich zu Wagen nach demRussischen Hof", um Nachmittags 5 Uhr die Reise nach Wien fortzusetzen; der König von Spanien und der Kronprinz von Portugal haben bereits 81/» Uhr mit dem Pariser Zuge ihre Reise fortgesetzt. Die Abreise des Prinzen von Wales nach Kopenhagen erfolgt morgen-

In dem auf der Zeil gelegenen Palais des Großherzogs von Hessen, auf dessen Zinne die großherzogliche Flagge weht, fand zu Ehren des Königs Milan heute ein Dejeuner statt, an welchem Prinz Ludwig von Battenberg mit seiner Braut, der Prinzessin Victoria, der Prinz Ernst und die Prinzessinen Ella, Irene und Alix, sowie der Herzog und die Herzogin von Connaught theilnahmen. Der König von Serbien sandte für die Prinzessinnen kostbare Bouquets. Nachmittags 5 Uhr findet für die genannten Herrschaften ein Diner bei dem Prinzen von Wales im Hotel d'Angleterre statt.

Homburg, 27. September. Der König von Sachsen machte heute Vormittag einen Ausflug nach dem Römerkastell bei Saalburg und wurde da-