Ar, 2S Zweites Blatt. Sonntag beit 28. Januar 1883.
6)id)cncr Anzeiger
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Wochenschau.
Gießen, 27. Januar.
Zwei Ereignisse — das eine ticsschmerzlich, das andere freudiger Ärt — lenkten in der zurückgelegten Woche unsere Blicke mit doppelter Tbeil- nahme auf unser erhabenes Kaiserhaus: Das am Sonntag erfolgte Hinscheiden des Prinzen Karl von Preußen und das am Donnerstag stattgefnndene Silberne Ehejubiläum des deutschen kronpnuzlichcn Paares. Der Tod des einzigen Bruders, welcher unseren! greisen Kaiser noch lebte, hat in der kaiserl. Familie tiefe Trauer hervorgerusen und auch aus die Silberne Hochzeitsfeier des künftigen deutschen Kaiserpaares seinen bunkelu Schatten geworfen. Aber wenn auch hierdurch den lauten Freudenbe^eugungen, mit denen ganz Deutschland den 25. Januar zn begehen gedachte, Schweigen auferlegt worden ist, so konnte doch nichts btc innigen Wünsche, die an diesem Tage für das fernere Wohlergehen des hohen Jubelpaares aus Millionen Herzen aufgestiegen sind, zurückhalten. Mögen diese Wünsche und Hoffnungen Kronprinz Friedrich Wilhelm und seine erlauchte Gemahlin durch abermals 25 Jahre hindurch geleiten, möge dem edlen Fürstenpaare auch der Schimmer des goldenen MyrthenreiseS erstrahlen!
Der Reichstag erledigte an den beiden ersten Tagen dieser Woche bei der Fortsetzung der zweiten Lesung des Reichshaushalts Etats die Special-Etats des Reichsheeres und der Marine, des ReichSjustiz- und des Reichsschatzamtes, wobei es an bewegten Debatten und mancherlei unliebsamen Zwischenfällen nicht fehlte. Am Mittwoch setzte das Haus seine Sitzungen wegen der Trauerfeier für Prinz Karl aus und fuhr am Donnerstage mit der Specialberathung des Etats fort. Dieselbe dürfte wohl erst im Lause der nächsten Woche zu Ende geführt werden; ob sich dann der Reichstag vertagen wird, um vielleicht den Berathungen des preußischen Abgeordnetenhauses Platz zu machen, erscheint vorläufig noch ungewiß.
Ueber die Gründe der jetzt von! Centrum befolgten Taktik gehen die Meinungen auseinander. Während einerseits die Vorstöße des (Sen* lrums als eine Folge der bis jetzt resultallofen Verhandlungen zwischen Staat und Kurie hergestellt ivird, findet man auf der andern Seiten, daß diese Vorstöße immer nur einen „vorbeugenden" Charakter hatten, wenn die Verhandlungen erfolgversprechend waren. Dieser letztern Ansicht schließt sich auch die „Rordd. Mg. Ztg." an, indem das officiöje Blatt meint, daß der Briefwechsel zwischen dem Kaiser und dem Papste keineswegs abgeschloffen fei, sondern eine Antwort der Kurie auf das letzte Schreiben des Kaisers erwartet werbe.
Für Oe st erreich bildet die am Mittwoch erfolgte Ankunft des leitenden russischen Staatsmannes, Herrn v. Giers, in Wien! ein Ereigniß, ivelches selbst das Interesse an den Verhandlungen des österreichischen Reichüratheü und des ungarischen Unterhauses etwas abschwächt. Herr v. Giers stattete auf seiner Rückreise von Italien nach seiner nordischen Heiiuath der österreichischen Hauptstadt diesen Besuch ab, besten politischer Charakter schon aus dem Unistande erhellt, daß Herr v. Giers bald nach seiner Ankunft dein Grasen Kalnoky, dem Minister des Äeußern, einen längeren Besuch abstattete; am Donnerstag wurde der russische ÜJiinifter auch vom Kaiser empfangen. Ueber den eigentlichen Zweck der Anwesenheit des Leiters der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands in Wien sind bereits eine Menge Combinationen ausgetaucht; jedenfalls scheint aber dieser Besuch dazu bestimmt, die etivas gelockerten Beziehungen zwischen Oesterreich und Rußland wieder fester zu knüpfen tmd an dein Erfolge dieses Schrittes dürfte nicht zu zweifeln fein,
Frankreich wurde in dieser Woche durch die sich jagenden Gerüchte über den Ausbruch einer allgemeinen Krisis im Cabinet Duclerc in beständiger Spannung erhalten. Die Berathungen, ivelche letzteres fast täglich abgehalten hat, zeugen auch dafür, wie ernst das Ministerium selbst die augenblickliche Lage auffaßt. Dasselbe ist indessen selbst nicht einig bezüglich der Maß- regeln, welche gegen die Thronprätendenten ergriffen werden sollen, welche Frage bekanntlich jetzt die gesammte innerpolitijche Lage Frankreichs beherrscht. Die „Agence Havas" meldet, daß zwar im Cabinet Einstimmigkeit bezüglich der Ablehnung des Antrages Floquet, sämmtliche Mitglieder früherer Herrscherfamilien Frankreichs auszuweisen, herrsche, daß dagegen die eigenen Gesetzentwürfe der Regierung gegen die Thronprätendenten den Widerspruch verschiedener Cabinetsmitglieder, wie des Kriegsministers Billot und des Marinemmijterü Jaureguiberry, erfahren hätten. Am Donnerstag hielt das Ministerium eine lange Conserenz mit der Commission ab, die zur Vorberathung der erwähnten RegierungSentwürse von der Kammer gewählt worben ist. In parlamentarischen Kreisen glaubt man an eine Verständigung der Minister unter einander und auch mit der Kammer-Majorität; es ist darum noch sehr ungewiß, ob sich das Schicksal des Ministeriums Duclerc zur Stunde bereits entschieden hat. — Die Ex-Kaiserin Eugenie hat nach kurzem Ausenthalt Paris am Mittwoch wieder verlassen; ihr Wunsch, eine Unterredung mit dem gefangenen Prinzen Rapoleon zu haben, wurde ihr von der Regierung nicht gestattet.
Das politische Leben in England pulsirt noch immer in sehr langsamen Schlägen und wirb wohl erst mit dem am 25. Februar stattfinden- oen Wiederzusammentritt des Parlaments in raschere Bewegung gerathen. 'Rur das Interesse an der irischen Frage bleibt fortwährend bestehen, wofür die ver- ichiedenen Processe, ivelche sich vor dem Dubliner Gerichtshöfe gegen agrarischer mb politischer Vergehen Angeklagte sich in letzter Zeit abspielten, zeugen. Der fibeutenbfte derselben ist der Staatsproceß gegen Davitt, Healy und Ouiun, ne elften beiden Parlamentsmitglieder, alle drei aber hervorragende Anhänger
der Landliga. Alle drei, welche angeklagt sind, in aufrührerischen Reden zum Bürgerkriege aufgereizt zu haben, wurden am Mittwoch dieses Vergehens für schuldig befunden. Eine eigentliche Verurtheilung erfolgte aber nicht, sondern Davitt und Healy sollen je 2000 Pfd. Sterl. und Quinn 1000 Pfd. Sterl. stellen, als Bürgschaft, daß sie die öffentliche Ordnung nicht stören werden. Im Falle, daß die Kaution nicht gestellt wird, tritt eine Gefängnißstrafe von je 6 Mon aten ein.
Das Zuchtpolizeigericht von Rom hat den Schneider Valeriani, welcher vor einigen Wochen einer Stein gegen den Wagen des österreichisch- ungarischen Botschafters beim Vatikan schleuderte, zu drei Jahren Gesängniß verurtheilt. Für Valeriani ist dies eine harte Strafe, für Oesterreich aber eine glänzende Genugthuung für die mehrfachen Kränkungen, die seine Vertreter in Rom und andern Städten Italiens in jüngster Zeit von fanatisirten Volks- maffen erdulden mußten. Freilich liegt in der Verurtheilung Valerian.'S noch keine sichere Bürgschaft für die Fortdauer der guten Beziehungen zwischen Italien und Österreich.
Zwischen den Herrscherhäusern von Spanien und Bayern hat die Verlobung des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern mit der Infantin Maria della Paz eine bedeutsame Annäherung geschaffen. Prinz Ludwig Ferdinand ist der Sohn des verstorbenen Prinzen Adalbert von Bayern und dessen Gemahlin, Amalie, Infantin von Spanien, und wurde am 22. October 1859 zu Madrid geboren. Seine Verlobte ist die zweite Schwester des Königs Alfons und am 23. Juni 1862 geboren. König Alfons machte am Dienstag den obersten Staatskörperschaften officiell Mittheilung von dieser Verlobung.
Die englische Rote bezüglich Egyptens ist auch in dieser Woche, so viel darüber bekannt, noch von keiner Seite beantwortet worden; auch die Pforte, als die in Egypten mit am meisten interefflrte Macht, scheint sich noch zu keiner Antwort entschlossen zu haben. Was die französische Protestnote gegen die Aushebung der Controle anbelangt, so ist man sowohl in Wien wie in Berlin der Ansicht, daß hierdurch eine recht interessante internationale Rechtsfrage aufgeworfen wurde. Es handelt sich nämlich darum, ob der zwischen Frankreich, England und Egypten wegen der Controle abgeschlossene Vertrag, den die beiden letzteren Contrahenten als aufgehoben erklären, noch als bestehend zu betrachten ist, wenn dies Frankreich, als der dritte Contrahent, behauptet. Möglich, daß diese Frage einem Schiedsgerichte zur Entscheidung unterbreitet wird.
Der ilntcrijiuig der „ffimbriit“.
Wir [affen von einem Geretteten noch einige Mittheilungen folgen, btc wir in eambU®1nri®iflMC»«mburner, Nomen« Homel, der in dem Boote sich betont da« von der Theta" ausgenommen wurde, erzühlte, b-tz er im feilen tod)1of gelegen höbe, al« er oeoen 2 UDr wie er meint, von einem furchtbaren Drohnen au,geschreckt würbe, m ir ihm al« neige sich do« Schiff zur Seite und er hörte ein furchtbare« Rauschen w e b ! bonneende Äerönf» eine« Wasserfalle« Er lag »unclchf. der treppe, schnell urana er auf um ble Strümpfe anzustehen, aber beim Wtebertretcn ransäue schon da« Wasser um feine Beine und eiligst sprang er die Treppe hinaus. Er war einer der (Men btc das Wcrbcrf erreichten unb einige andere folgten -bm, iväbrcnb plötzlich ein sm chtbare« Jammergeschrei von unten ertönte; bock nicht lange, dann horte man amgelnde, schluchzende Töne — und Alle« wurde plötzlich giU Auf dem Derk waren aUe Dichter erloschen und Hamel schien cö, al« wenn nur wenig Personen sich aus Deck
Berlin, 25. Januar. Die Fortschritts- unb Volkspartei haben solgmbe Inter- pellaiion im Re chtzlage eingebracht:
„Bcabsicht'gt der Herr Reichskanzler aus Anlaß des Unterganges der ^Cim- bria" neue Bestimmungen in Erwägung zu nehmen ober aus dem Wege Internationaler Vereinbarungen anzubohnen, welche zur Verhütung von Collrssionen zur See beantragen im Stande sind."
Von Dr. Werner Siemens erhält die „RaUonal-Zeitung" folgende Mitiheilung:
„Die gusammenstöße von Sch>ff«n aus ort ncr See bei Nebelwetter nehmen in höchst btnngfiigenbtr Weise zu. ES i-t dies auch ganz erklärlich, da die Zahl der Dampfer, welche die Meere durchk- eu^u, von Jabr zu Jahr beträchtlich zunimmt. Akustische S'gnale, Dampfpfeifen, Nebelhörner, Schüsse Helsen wenig zur Vermeidung der Erfahr, da sie einmal leicht überhört werden, weil das Gchöi- durch die eigenen S'gnale abgestumpft wirb, unb ba es unmöglich ist, bei Nebelwetter die Rötung zu erkennen, aus welcher ba Schall kommt. Die Schiffslaternen mit ihrem schwachen Lichte reichen bei einigermaßen du» chsicht'ger Luft aus, um Entfernung und BewegringS- richiung eines SchiffeS zu trfennen. Bei einigermaßen dichtem Neb^l sind sie aber nur auf sehr geringe Entfernung hin sichtbar. Das einzige denkbare .Mittel, um wenigstens die Richtung, in welcher sich ein Schiff im Nebel befindet, rechtzeitig zu erkennen, besteht darin, e ne sehr starke Lichtquelle anzuwenden, die den Nebel aus größere Entfernungen hin zu durchbrechen veirnag. AuS der beifolgenden iLch-lderung, deren Richtigkeit ich verbürge, geht hervor, mit welchem Erfolg em kiäft'ges elektrisches Sicht der Erfahr des Zusammarstoßes zu begegnen vermag. Aebnliche 61 folge bat auch die deutsche Marine "bei ihren Versuchen mit elektrischem Lichte bei ihren Hebungen in diesem Sommer auf der Panzerstotte erzielt. Es sollte hiernach jeder Dampfer ge- uöihigt werden, bei Nebelwetter, welches so stark ist, daß bte Signallichter nicht wenigstens einige hundert Meter weit deutlich erkennbar sind, ein starkes elektrisches Licht mit Parabolspiegel anzuwendeu unb mit bemfelben kontinuirlich den gonjen Horizont abzuleuchten. Schon ein einziger Lichtblitz, welcher dann daS andere schiff trifft, gibt bemfeiben bte Richtung an, in welcher der gefahrdrohende Dampfer |uD befindet, und kann daS Unglück eines Zufammenstoßeö ab wenden. Die Erzeugung deS elektrischen Lichtes bietet für rtnen Dampfer nur verhältmßmäßig unbedeutende Schwierigkeiten und Kosten. Dem Einivande, daß bas Elcktrtiche Licht bte L)kznal- orbuung stören würbe, kann fein Gewicht bctgelegt werben, da bet ^belwetter d e ©lgnoU!d)tcr überljoupl Nicht sichtbar sind. ES wäre wünfch-nSwcrtb wcnn die Journal- tiefe fiel« brennenber werdende Franc der Sicherheit
einer eingehenden und zu entschiedenen Handlungen anregenden D'«kussion unterwürf n, damit sie nicht wieder einschläst, wenn der Schreck, den da« gröbliche „Cimdria -Sreig- nitz aller Welt eingefloßt hat, vorüber ist."


