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Nr. 171, Freitag den 27. Juli 188S.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Stettin^#.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. irdt Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Politische Ueberfkcht.
Gießen, 26. Juli.
Der Hochsommer, die Zeit der Hundstage, hat nunmehr seinen Anfang genommen, wie uns wenigstens der Kalender belehrt, und hiermit ist jener Zeitabschnitt im Jahre gekommen, in welchem in der Politik die tiefste Ebbe herrscht und in dem recht eigentlich der Satz gilt: Das Unbedeutendste, hier wird's Ereigniß! Für unsere innere Politik mangelt es jetzt in der That an irgendwelchen bedeutenderen Ereignissen; überall tiefe Ruhe, um nicht zu sagen, Abspannung und sogar auf dem Gebiete des Kirchenstreites schweigen Vie Stürnie. Die Berliner Osficiösen haben die Lärmtrompete gegen den Vatikan wieder bei Seite gelegt und auch aus den Spalten der päpstlichen Organe klingen jetzt versöhnliche Stimmen herüber, es ist also Waffenstillstand zwischen beiden Parteien eingetreten. Einiges Aufsehen hatte die vor kurzer Zeit aufge- lauchte Nachricht hervorgerufen, daß der preußische Eisenbahnminister Maybach, welcher von seinem längeren Urlaub wieder nach Berlin zurückgekehrt ist, der Verwirklichung des Reichseisenbahn-Projectes näher treten werde, natürlich unter Gutheißung des Fürsten Bismarck. Jetzt wird indessen versichert, daß zur Zeit an die Uebernahme der Eisenbahnen der Einzelstaaten durch das Reich noch nicht zu denken sei, da namentlich die größeren Mittelstaaten der Realisirung dieses Gedankens den entschiedensten Widerstand entgegensetzten. Es ist dies auch sehr erklärlich, da für diese Staaten die Eisenbahnen die ergiebigsten Einnahmequellen bilden und so wird man an leitender Stelle in Berlin den Reichs- eisenbahn-Gedanken einstweilen wohl auf sich beruhen lassen müssen. Dagegen erörtert man im Schooße der bayerischen Staatsregierung ernsthaft die Absicht, die Privatgesellschaften gehörigen Eisenbahnen in der Pfalz zu erwerben und , wird diese Angelegenheit in der Herbstsession des bayerischen Landtages jedenfalls mit zur Sprache gelangen.
Der nach langen Verhandlungen endlich erfolgte Abschluß des neuen deutsch-spanischen Handelsvertrages hat bei einem Theile der deutschen Industriellen nicht befriedigt, da verschiedene Branchen von der Zollherabsetzung ihrer Erzeugnisse bei der Einführung in Spanien ausgeschlossen worden sind. Es gilt dies namentlich in Bezug auf die in Hamburg aus russischem Roh- spiritus hergestellten Sprits, für welche Spanien keinerlei Zollerleichterungen gewährt hat, worüber die Hamburger Spritsabrikanten begreiflicher Weise nicht sehr erbaut sind. Man findet in Hamburger Blättern sogar die Andeutung, daß nun wohl die bisher in Hamburg betriebene Rectification des russischen Sprits nach Scandinavien werde übersiedeln müssen, um von dort aus der Vortheile der ihr in Deutschland verwehrten spanischen Zollerleichterungen theil- hastig zu werden; es scheint indessen, als ob man in Hamburg die Dinge ein wenig zu schwarz sieht.
Die Czechen haben auf dem Prager Landtage ihren längst geplanten Feldzug zur Abänderung der böhmischen Landtags-Wahlordnung eröffnet. Dr. Rieger, der Führer der Alt-Czechen, hat nebst 71 Genossen einen Antrag eingebracht, betr. die Niedersetzung einer Commission zur Vorbe- rathung dieser Angelegenheit. Czechischerseits ist das Resormproject bereits ausgearbeitet, dem man den Schein der Unparteilichkeit zu geben verstanden hat. Das Wahlrecht soll nämlich hinsichtlich der Bevölkerungs-Ziffer und der Steuerleistung gleichmäßig vertheilt und beiden Volksstämmen soll gleiches Recht zu Theil 'werden; auch wird die Commission die Theilung des nicht fideicommissa- rischen Großgrundbesitzes in mehrere Wahlbezirke und die Ausdehnung des Wahlrechtes auf die Fünfguldenmänner erwägen. Daß diese Vorschläge nur eine weitere Zurückdrängung des deutschen Elementes im böhmischen Landtage bedeuten, bedarf kaum erst einer Erwähnung. — In der Affaire von Tisza- Eszlar sind die Zeugenverhöre nahezu beendigt und kann man nunmehr dem Nrtheil in dieser gerichtlichen Tragicomödie entgegensetzen.
Die Erklärungen, welche der französische Minister des Auswärtigen, Herr Challemel-Lacour, jüngst im Senate bezüglich der Tongking-Frage gegeben hat, alhmen einen recht kriegerischen Geist. Falls Challemel-Lacour mit den wahren Absichten der Regierung nicht hinter dem Berge gehalten hat, so muß man wirklich glauben, daß Frankreich dem Kaiser Tu-Duc von Anam in optima forma den Krieg erklären wird, falls Anam den französischen Forderungen nicht nachgiebt. Dagegen schlüpfte der Minister über den Stand der Angelegenheit mit China leicht hinweg, während doch gerade in den französisch-chinesischen Beziehungen und Verhandlungen der Schwerpunkt der ganzen Tongking-Affaire liegt. Die Erklärungen Challemel-Lacours lassen daher an Klarheit viel zu wünschen übrig und dieser Meinung giebt man auch in den Pariser politischen Kreisen Ausdruck. — Ueber den Zwischenfall mit Madagaskar lagen bis zur Stunde noch keine weiteren Mittheilungen vor.
In England ist die so viel Staub aufwirbelnde Suezkanal-Angelegenheit wi ein kritisches Stadium getreten. Am Montag theilte der Premier Gladstone im Unterhause mit, daß die Regierung beschlossen habe, die Sanction des Parlaments für das Suezkanal-Abkommen mit Herrn v. Leffeps nicht nachzusuchen. Der englische Ministerpräsident hat hierniit offenbar einen kühnen Schachzug gegenüber seinen politischen Gegnern, den Conservativen, gethan, denn die letzeren haben es verstanden, in dieser Frage, welche die Handels-Interessen Englands in Egypten, nach der Meinung der Engländer, stark berührt, die Leidenschaften des sonst so pflegmatischen Jnselvolkes auszustacheln und die parlamentarischen Verhandlungen über die Kanal-Angelegenheit wollen die Tories benutzen, dem Cabinet Gladstone ein Bein zu stellen. Diese schöne Gelegenheit hat ihnen nun
Mr. Gladstone genommen, aber es fragt sich trotzdem, ob diese Affaire so glatt für das englische Cabinet verlaufen wird; in England ist bekanntlich auch zu unbedeutenderen Dingen die Zustimmung des Parlaments erforderlich und nun will die Regierung in einer so wichtigen Angelegenheit, wie es die Erbauung des zweiten Suezkanals immerhin ist, über den Kopf des Parlaments hinweg verhandeln — dies dürste selbst unter den Anhängern Gladstone's stark verschnupfen.
In Italien haben vor Kurzem die Ersatzwahlen zur Depu- tirtenkammer stattgefunden. Aus verschiedenen Anlässen waren 21 Mandate erledigt und das Resultat der Wahl bestand in einem eclatanten Siege des Ca- tzinets de Pretis, denn in sämmtlichen 21 Wahlbezirken wurden die Anhänger der Regierungspartei gewählt. Die so verstärkte Majorität der Regierung, über welche dieselbe nun in der Deputirtenkammer verfügt, ist mehr als hinreichend, um alle Pläne der Gegner (Radikale, Klerikale und demokratische Linke) mit Leichtigkeit hinfällig zu machen.
Die Rumänen bemühen sich augenscheinlich, eventuellen kriegerischen Ereignissen der Zukunft schon jetzt Rechnung zu tragen. Hierzu gehört auch die Anlage umfassender Vertheidigungswerke in verschiedenen Gegenden des Landes und die beschlossene Befestigung der Hauptstadt Bukarest; die Regierung hat die diesbezüglichen Pläne genehmigt und ist vom Kriegsministerium bereits eine Submission auf Lieferung von Ziegeln zur Fortification ausgeschrieben worden.
Die anglo-indische Regierung hat in ihrer afghanischen Politik einen nicht unwichtigen Erfolg zu verzeichnen. Abdur Rhaman, Emir von Afghanistan, hat die ihm angebotene Jahressubvention angenommen und sich somit in die Protection Englands begeben; ein Besuch des Emirs in den von den Engländern besetzten festen Plätzen Kandahar und Herat soll nachfolgen.'
Das rapide Umsichgreifen der Cholera in Unter-Egypten und namentlich in Kairo hat zu einer außerordentlichen Berathung des egypti- schen Ministeriums geführt. In derselben wurde beschlossen, eine außerordentliche Sanitätscommmission einzusetzen, welche aus den egyptischen Ministern, den Generalen Stephenson, Wood, Baker Pascha, Salem Pascha und Osman Pascha bestehen soll. Am Montag ist auch der Khedive in Kairo eingetroffen, um die Differenzen zu schlichten, welche zwischen der Sanitätscommission und der einheimischen Verwaltung hinsichtlich der Maßregeln gegen die Cholera entstanden sind. Der Khedive wurde enthusiastisch von der Bevölkerung empfangen.
Keutschlünd.
Berlin. Nach vielen Bemühungen ist es bekanntlich zu einer einheitlichen Rieseintheilung in Deutschland gekommen, da m Folge der Schritte des Vereins deutscher Papierfabrikanten nicht blos die Reichsbehörden, sondern auch die Regierungen der Bundesstaaten es den Unterbehöcden zur Pflicht gemacht haben, fortan bei Bestellungen und Submissionen von Papier das R.es zu 1000 Bogen zu Grunde zu legen. Nun hat man sich in der Papierindustrie auch über die Herstellung von Normalformaten geeinigt und der Vorsteher der Reichsdruckerei hat bei den ersten Verhandlungen mtigetheilt, daß er zur Zeit mehr als 120 Formate auf Lager habe und daß er nach einer oorgenommenen genauen Prüfung und Sichtung mit 12 Formaten vollständig autzkommen könnte. In der That hat man sich, wie wir hören, jetzt über 12 Formate geeinigt, welche in der letzten Generalversammlung des Vereins deutscher Papierfabrikanten einstimmig angenommen wurden. Inzwischen Haden der Voistand des Deutschen Buchdrucker-Verbandes und der Vorstand der VerlegerVereme diese Formate angenommen und auch die.Papierhändler stellen sich der Sache sehr freundlich gegenüber. Wir hören, der Vorstand der deutschen Papierfabrikanten habe die Absicht, sich an die Reichsregierung wie an die Einzelregierungen der deutschen Bundesstaaten mit der Bitte zu wenden, es möchten künftig dem Bedarf die Normalformate zu Grunde gelegt und dadurch die Annahme der letzteren im großen Publikum gesichert werden. Es ist zu hoffen, daß damit einem Uebelstande, an welchem Producenten wie Con- sumenten gleich schwer leiden, für alle Zeit ein Ende gemacht wird.
England.
London, 24. Juli. Oberhaus. Der Unterstaalssecretär Departement des Krieges, Graf Morley, gab auf Befragen an, daß von den englischen Truppen tn Egypten bis jetzt im Ganzen 4 Mann an der Cholera gestorben seien.
Unterhaus. Gladstone erwidert auf eine an ihn gerichtete Anfrage, die Unterhandlungen mit Portugal wegen des Kongolandes würden fortgesetz. Northcote kündigt den Antrag an, die Königin in einer Adresse zu ^suchen, daß bei allen Unterhandlungen und Schritten betreffend den Suezkanal die Anerkennung eines ausschließlichen Monopols auf Herstellung einer Wasserverb ndungzwischen dem Mittelländischen und dem Rothen Meere verweigert werde. Gladstone erklärt, er werde spätestens am Donnerstag zur Berathung dieses Antrags Tag befUmmen und bemerkt Northcote gegenüber, er habe niemals gesagt, daß Lesseps ein Monopol für die Wasterverbinduna zwischen dem Mittelländischen und Rothen Meere besitze, die Regierung habe in ihrer Correspondenz betreffs des Jsthmus die Eoncession jemals als gleichbedeutend mit Exclusivttät angesehen und nichts getban uwi das Land an eine besondere Anlickt über die Concesston zu binden. Die Worte „exclusives Recht hätten auf das Recht bezogen, Andere an der Durchstechung des Isthmus zu hindern, aber nicht auf die Separatfrage, ob die jetzige Suezkanalgefellfchaft ohne eine neue Concession einen neuen Kanal bauen könne.
Amerika.
New-Bork 24 Juli. Während eine Anzahl Veranügungsreisender in Baltimore aus dem Damme in dem Flusse Patapsco die Ankunft des Schiffes erwartete, stürzte der Damm Eich ein; eine große Anzahl Personen fiel in das Wasser, gegen 70 Personen ertranken. _______ « , ..—--------------
^TeleMphische Depeschen.
Wolff'ö telegr. Correspondenz-Bureau.
Wildbad Gastein, 25. Juli. Se. Maj. der Kaiser Wilhelm hat die Kur ununterbrochen mit bestem Erfolge fortgesetzt, das Befinden desselben ist ein


