Dr. L. O v erzier.
hett gütigst verbreiten zu wollen. Köln, den 20. October 1883.
Lokales.
G. Gießen, 24. Oktober. (Sterblichkeit in Gießen.) Die Zahl der Todesfälle während der Woche vom 14. bis 20. October betrug im Ganzen 8, davon 5 bet erwachsenen Personen, 3 bet Kindern. Von den Erwachsenen starb je eine Person an Bronchtenerweiterung, Bronchienentzündung, Lungenentzündung, Lungenschwindsucht, organischer Herzkrankheit. Von 2 fttnbern im ersten Lebensjahre erlag das eine einem Darmcalarrh, das andere allgemeiner Abzehrung: ein Kind von 2 Jahren starb rasch in Folge eines Lungenschlags. . . l
Gießen, 24. October. Die M e y e rf e l d'schen Eheleute dahrer feiern am 31. d. M. ihre g old ne Hochzeit. Die Feier findet Mittags 12 Uhr in der hiesigen Synagoge statt. Aus Anlaß dieses seltenen Familienfestes haben genannte Eheleute dem Herrn Bürgermeister dabier eine namhafte Summe zur Vertheilung an die hiesigen Stadtarmen überwiesen. Einen gleichen Betrag haben sie nach ihrem früheren Wohnort Treysa zu gleichem Zwecke gesandt-
stehen scheinen. Um halb elf Uhr Nachts traf-n hier mit dem Zuge aus Lauterburg drei Männer ein, welche auf dem Bahnhofsplatze eine Droschke anrtcfen und nach der Vorstadt Kronenburg fahren wollten. Mtlttn in der Fahrt klopften sie an die Fenster- schetben und ließen halten; nachdem sie ausgestiegen, erhielt der Kutscher rücklings einen Schlag auf den Kopf, einer der Strolche würgte ihn, während ihm ein Anderer ein mit Chloroform getränktes Tuch vor die Nase hielt- Doch hielt die augenblicklich eintretende Betäubung nicht lange vor und der wieder zur Besinnung gelangte Kutscher vereitelte durch sein Hilferufen, daß sich die drei Männer seines Gefährtes bemächtigten. Diese ergriffen sofort die Flucht- Ungefähr zwanzig Minuten vor ein Uhr klingelte es dann an der Apotheke zum „Storchen" in der Langgaffe. Der im dritten Stockwerk wohnende Provisor Franz L'enhardt öffnete das Fenster und erhielt aus seine Frage zur Antwort, es sei Jemand da, der em Rec--pt habe. Kaum war er hinadgestregen und hatte die Außenthür geöffnet, als seine Frau ein dumpfes Geräusch vernahm und die mit der Kasse verbundene elektrische Klingel ertönte. Als der Besitzer der Apotheke, Herr Reeb, zu Hülfe eilen wollte, fand er seinen Provisor tobt am «oben liegen- Der fünfzigjährige, länger als zwanz'g Jahre treu bem Hause bienenbe Gehülfe war entsetzlich zugerichtet, es war ihm ber Kopf gespalten, bas Herz durchbohrt, die Oberschenkel durchstochen und die Pulsadern an den Händen zerschnitten. Die Kasse war beraubt, es soll sich nicht viel mehr als 15 X darin befunden haben. Die Mordthat war innerhalb vier Minuten und jedenfalls durch mehrere Personen verübt worden; am Thatorte fand man ein langes und breites Schlachtmeffer. Endlich traf man bet der Ablösung mehrere Minuten nach 1 Uhr den Posten vom 25- Regiment am Hospital- thore schwer verwundet am Boden liegend. Der Schädel war ihm mit seinem Gewehre, das man zerbrochen fand, eingeschlagen, sein Leib war mit 17 Stichwunden übersät, in der Hand hielt der Arme, der heute früh noch lebte, einen falschen Bart- Die näheren Umstände an beiden Thatorten beweisen, daß beide Male ein kurzer, aber furchtbarer Kampf stattgefunden hatte. Um zwei Uhr war die gesammte Polizeimannschaft auf den Beinen; das Telephon hatte sich bewährt; die Untersuchung ward von dem Polizeibirector Feichter in Person augenblicklich eingeleitet; wie der überfallene Kutscher Schätzte aussagte, sprechen die drei Strolche, große kräftige Gestalten, norddeutschen Dialect.
Gingehandr.
Wieseck, 23. October. Bet der bevorstehenden Bürgerrnetfterwahl bringt man hiermit d!e gesetzlichen diesbezüglichen Bestimmungen zur allgemeinen Kenntniß:
Wählbar ist Jeder, welcher die hessische Staatsangehörigkeit besitzt, in der Gemeinde stimmfähig und zur Zeil der Wahl 25 Jabre alt ist.
Landwirthschaftliches.
i.
Der Anbau der Zuckerrübe.
Der Anbau der Zuckerrübe zum Zweck des Verkaufs an Rübenzuckersabrtken isk in allen Gegenden, in denen er eingeführt wurde, eine ergiebige, reiche Quelle b£ Wohlstandes geworden- Nicht nur werden hohe Geldsummen aus den angebauM Rüben selbst erzielt, sondern es sind auch die Ei träge an Körnern und FutterpflanM gleichfalls durch denselben bedeutend vermehrt worden.
Wenn auch die Ackerfläche, welche durch den Rübenbau dem Getreide-, btnt Hülsenfrüchte- und dem Kleebau entzogen wird, die Morgenzahl für den Anbau btefer letztgenannten landwirthschaftlichen Bodenerzmgnisse vermindert, so wird trotzdem nt Folge der sorgfältigen Bearbeitung und der überaus -reichlichen Düngung, welche ber Rübenbau einestheils erheischt, anderntheils ermöglicht, von ber burch den Rüdenbm verringerten Bobenfläche überall mit Sicherheit em höheres Körner- und FutterquantM gewonnen als vor der Einführung des Rübenbaues auf ber gesammten Ackerfläche.
Es ist eine außer jedem Zweifel stehende Tyatsache, die von allen denen, welche die landwirthschaftlichen Verhältnisse derjenigen Gegenden kennen, in denen der Zuckerrübenbau eingeführt ist, bestätigt wird, daß in Folge der beim Rübenbau erforderliche« besseren Bodenbearbeitung und Düngung ein volles Drittel (und darüber) a« Quantität aus Körnern u. s. w. mehr geerndtet wird, als vor ber Einführung der Anbaues ber Zuckerrübe.
Unter ben jetzigen für die Landwirtschaft so überaus ungünstigen Verhältnisse«, zu einer Zeit, in welcher die Einfuhr des Auslandes durch die leichteren Verkehrsverhältnisse die Preise der landwirthschaftlichen Erzeugnisse, namentlich des Getreide? fpecieU in Deutschland saft unter die Productionskoften drückt, ist es einzig neben bir vermehrten Viehhaltung die Einführung des Zuckerrübenbaues, welche die Einnahme« aus dem landwirthschaftlichen Betrieb blrect durch Verkauf derselben und durch bt® in Folge derselben vermehrten Körnerertrag zu steigern fähig ist und es wird bte V- fahrung die Thatsache bestätigen, daß alle Gegenden mit vorwiegend landwirthschasl- lichem Betrieb und nur einigermaßen günstigen Bodenverhältnissen in ihrem Wohlstand zurückgehen und ferner zurückgehen müssen, wenn sie nicht alsbald und energisch M Einführung des Zuckerrübenbaues übergehen
Der Ackerboden der Provinz Oberhessen ist mit nur geringen Ausnahmen M Rübenbau geeignet, wenn auch selbstverständlich je nach den Lagen die Erträge hoher oder geringer sein müssen. Gestützt auf eine sorgfältige Bodenbearbeitung und Cmilir der Rübe, sowie durch Anwendung genügender Mengen von stickstoff-, kalt- und ppoöpbors säurehaltigen Dungmitteln kann man mit Erfolg Zuckerrüben da ziehen, wo früh« Niemand daran dachte, daß man nur Runkelrüben bauen könne.
Tausende und aber Tausende Morgen von Boden, ber jetzt gering geachtet wir», können unb werben burch sorgfältigen Zuckerrübenbau in ihrem Werthe um das dopM und dreifache sich heben.
Witterrrngskunde.*)
25. October. Donnerstag. Nach den Küsten zu im Nordosten trüb bis regnerisch zumal frühmorgens, nachher aufgebtffert, auf Mittag zu wieder mehr zusammengezogen, Nachmittags aufgebessert, Nachts bedeckt mit Niederschlägen; nach Süden unb Osten zu angenehm und besonders Nachmittags heiter, aber auch dort Mittags mäßig zerstreute weiße bis dunkle Ballen; spät Abends Bedeckung.
26. October. Freitag. Frühmorgens Neigung zur Bedeckung, Morgens etwas aufgebessert, Mittags zunehmend zerstreute weiße bis dunkle Ballen, Nachmittags wieder besser bis herbstlich angenehm, spät Abends Bedeckung meist mit mäßigen Niederschlägen. Nach Westen und Nordwesten zu dürsten die Niederschläge ergiebiger sein; nachts windig, stellenweise stürmisch.
*) Aus Dr. L- Overzier's Wetter-Prognose für den Monat October abgeschlossen am 20. September (Verlag der M. Lengseld'schen Buchhandlung in Köln, Preis 1 XV — Nachdruck verboten.
Frost-Periode. Um den vielen Anfragen zu genügen, welche namentlich aus landwirthschaftlichen Kreisen an mich bezüglich der Zeit der nächsten Fröste ergangen sind, theile ich mit, daß die nächste Periode allgemeinerer Nachtfröste auf die ersten Tage des November fällt unb vom 1. bis 8. resp. 10. November reichen wird. Mit bem 11. oder 12. November tritt der Umschlag zu wärmerem Wetter ein. Das Nähere findet sich in meiner November-Prognose.
Ich fordere die Seewarte, aber auch meine Freunde auf, diese meine prognostische Aussage mit ber eintretenben Wirklichkeit zu vergleichen und bie Wahcheii zu conftatiren. ri L o L ...
Auf den Angriff des Herrn Dr. van Bebber, Abtheilungs-Vorstandes ber Deutschen Seewarte, welcher nur, ohne jeden wissentlichen Inhalt, kritiklos alle gegen mich ergangenen Anfeindungen und Verunglimpfungen wiederholt, habe ich keine andere
Die mir befreundete Presse bitte ich, obige Prognose zur Feststellung der Wahr-
Kirchliche Anzeigen der ev. Gemeinde.
Donnerstag, 25.,Oktober, Abends 6 Uhr: Erbauungsstunde in W
bie Anhänger Luther's sich trösten mit bem Choral „Gott wende alle Trübsal schwer". Der Kaiser gebietet die Vorführung Luther's, die Hörr.errufe der Herolde tragen den «efelil ^lt^-fjrumentQle§ Intermezzo, gleichsam ein Vorspiel zu bem folgenden gewaltigen Finale schildert in ergreifender Weise die Seelenkämpfe Luther's auf dem schweren Gange. Daran schließt sich sofort ein Duett zwischen Frundsberg und Lmher' Mönchlein, Mönchlein, die Stunde ist nun da, daß Du sollst stehen vor Kaiser und vor Reich". In bem folgenden, bas Intermezzo abschließenben Chore:
Wer unter Gottes Schirm gebaut" (bem 91. Psalm nachgebilbett sprechen bie Lutheraner ihrem Führer Muth ein, wahrend die Syncopen im Orchester mit dem Pizzicato ber Basse ihre innere Angst anbeuten. Herrlich wirkt dann der kanonische Einsatz „Ja, Gottes Treu ist Schild unb Schutz".
Es beginnt das Gericht unb mit ihm der Höhepunkt des Werkes. Der Wortführer ist ber Kaiser, bie Parteien treten als Doppelchöre einander gegenüber. Vom Kaiser aufgeforbert, sich zu vertheidigen, ringt Luther nach Fassung — lange Pause. Den Gegnern wächst ber Muth: „Nieder in Staub, abtrünniger Mann". Die Lutherischen arbeiten ihnen gleichzeitig entgegen mit den Worten- „^traue dem Herrn, $T)u erwählter Prophet!"
Luther beginnt anfangs schüchtern unb unsicher. Jedoch immer zuversichtlicher klingt seine Rebe; er weigert sich, seine Lehre zu widerrufen, falls man ihn nicht durch das 8eugniß ber heil. Schrift des Jrrthums überführe. Er schließt ruhig und fest mit ben berühmten Worten: „Hier steh' ich; ich kann nicht anders; Gott helfe mir. Amen.^ q Sturm erhebt sich, der seinen musikalischen Ausdruck wieder in Doppelchören findet. Der Muth ber Protestanten ist aber gewachsen. KnabenstiMcien fingen als cantus firmus das Luther'sche Lieb:
„Der römisch Götz ist ausgethan, Den rechten Papst wir nehmen an, Das ist Gott Sohn, ber Fels unb Christ, Der unser Trost und Zuflucht ist." ,
Jeder dieser vier Verse giebt Stoff zu einem Fugenthema, unb btefe vier Fugen werden nun vierstimniig von den Anhängern Luther's durchgeführt, wah^nd die Anhänger Roms gleichzeitig ihr „Zum Tode!" rc. rufen gelegentlich auch Mgierend, aber stets imitatorisch, und zu gleicher Zeit ber Knabenchor seine Chorstrophen durchführt. War schon ber frühere Doppelchor „Nieder in Staub" von der ergreifendsten Wirkung, so übertrifft doch dieser Chor mit dem cantus firmus alles, was in dieser Art seit Bach geschrieben worden. rr . cn
Schlag auf Schlag vollziehen sich nun die Ereignisse. Zwar versucht Kurfürst Friedrich ber Weife ben Kaiser für die neue Lehre zu gewinnen; aber was Luther nicht vermochte, kann auch der Kurfürst nicht vollbringen, dessen schwankender Charakter durch die seine Rede begleitenden unruhig mobultrenben Hörner und Fagotte 0yetd)net wird. Auf das von ihm eingeleitete Quartett: „Steh ab von Rom!" (von Kurfürst Friedrich, Luther, Martha und Katharina) hat der Kaiser nur eine ablehnende StntW°Sroi des Widerspruchs der Römischen („Dem Ketzer hält man nicht Geleit und Wort") verheißt er Luther freies Geleit aus Worms, verhängt über ihn die Acht und läßt ihn mit den rituellen Flüchen der großen Excommunication aus der Gemeinde der n nachdem der Bruch entschieden, erhebt sich der Reformator in seiner ganzen Größe. Ein feuriges Sopransolo (Katharina) schildert Luther wie er den Flüchen ber Gegner St-md hält, und aus ihm selbst bricht nun wie em Feuerstrom die Aechtung des Formchriftenthums heraus:
„Geächtet sei bte Satzung, So da tobtet den Glauben; Geächtet fei der Buchstab', So ba dämpfet ben Geist; Geächtet sei die Formel, So da würget das Leben V* ? "
Immer höher steigt die Begeisterung ber Seinen; sie findet ihren Ausdruck in bem Alt-Solo (Mattia) „S-ltg ber Schatz, ber Dich getragen."
Die Würfel sind gefallen; ein langer schlimmer Kampf wird folgen, doch Luther ist erfüllt von der Zuversicht des Sieges unb darüber hinaus ber Versöhnung. Die h^rliche As-äur-Arie mit ihrem breiten, gesangvollen, volksliederartigen Thema giebt feiner Stimmung Ausdruck:
„Wir aber haben heute einen Baum gepflanzet, In dessen Schatten singen Kind unb Kinbeskmb Dem Herrn unb Heiland fromme süße Lieber, So lange ihn die deutsche Zunge preist.
Gott kann auch stolze, abtrünnige Kinder Von ihrem Ungehorsam heilen.
Ja, Er wird's, Er wird es thun zu seiner Zeit: Da werden Alle fdne Stimme hören Unb wird ein Hirt und eine Heerde sein."
In dem nun beginnenden SchlußÄor, der auf den drei Versen des Lutherliebes „Ern' feste Burg" aufgebaut ift, wächst bie Gestalt des Reformators, über Zeit und Raum sich erhebend, mehr unb mchr zusammen mit ber Reformation, deren Idee in ihm verkörpert scheint. Der Schlußchor ift eine großartige Verklärung dieser Entwickelung.
DermLschteS.
Leihgestern, 23. October. Die erste Stunde der verwichenen Mitternacht brachte unferm Dorfe eine lange nicht gekannte größere Feuersnoth. Jäh fchosfen aus einer Scheuer am Nordende aus noch unergründeter Ursache mächtige Feuersäulen empor, erfaßten mit so ungestümer Raschheit zwei weitere Scheunen nebst zugehörigen Stallungen und Schuppen, daß die bestürzten Bewohner kaum noch ihr Vieh herausretteten. Gegen ein Dutzend Hühner jedoch sollen erstickt sein. Schnell bereite, umsichtige Entschlossenheit sachkundiger Männer, energische Leitung des Löschwesens durch den Oetsvorfteber, wackeres Eingreifen der Feuerwehr, insonderheit auch vieler Frauen, Mädchen und Kinder, hinderte das Element vor Allem an der Einäscherung der Wohnhäuser, nach denen bte Flammen bebenklich binüberzüngelten und überhaupt weiterer Ausdehnung nach Osten. Die nur einseitige Verbindung der Gebäude unb stete Windstille kamen sehr zu Statten. Freilich hüllte auch dichter Nebel das Flammenmeer so ein, daß man nur in ber Nähe des Ortes einen Feuerschein gewahrte, welcher Umstand zumal unter der Ungunst früher Nachmitternachtszeit die Nachbarorte bei allem Sturmläuten nicht hurtig genug die Feuerstelle bestimmt erkennen ließ. Immerhin fanden die Svritzenleute von Watzenborn-Steinberg, Groß-Linden, Grüningen und Lang-Göns zum Theil anstrengende Arbut, während aus größerer Ferne Gekommene nicht mehr einzugreifen brauchten. Wie man vernimmt, sollen die Abgebrannten versichert fein, gleichwohl befinden sich diese Leute, denen mit den Gebäuden das Futter und die un- gedroschene Frucht vernichtet ist, angesichts des kommenden Winters für ihr Vieh in nicht geringer Verlegenheit, so daß zur menschenfreundlichen Nächstenhilfe eine Gelegenheit geboten ist, bie hoffentlich nicht verabsäumt wird.
Straßburg i. E 23- October. In der vergangenen Nacht war unsere Stadt der Schauplatz grausiger Verbrechen, die unter sich in einer aewiffen Verbinduna_^
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