Ausgabe 
25.2.1883 Zweites Blatt
 
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Beilage pt Ur. 47 desGießener Anzeiger".

Berlin, 21. Februar. Der BundeSrath hat in seiner heute abgehaltenen Plenar» sitzung die Kaiserliche Verordnung, betreffend die Einfuhr amerikanischen Schweine­fleisches, einstimmig angenommen. Einige kleine Erleichterungen für die Seestädte, betreffend den Zwischenhandel, die Verprootantirung von Seeschiffen u. drgl. sollen Genehmigung gefunden haben. Der Handelsvertrag mit Serbien wurde den Aus­schüssen überwiesen, ebenso der Entwurf eines Gesetzes, betr. die Abwehr und Unter­drückung der Rcblauskrankhelt.

Das Gesetz lehnt sich an das preußische Gesetz vom 27. Februar 1878 an, welches sich durchaus bewährt hat, und enthält Abweichungen und Erweiterungen unter Berück­sichtigung der internationalen Convention.

Darnach unterliegen alle Rebpflanzungen der Beaufsichtigung und Untersuchung besonderer Organe, welche bei ihren Nachforschungen eine bestimmte Anzahl von Reben entwurzeln können; insbesondere sollen die Rebschulen, in welchen Reben zum Verkauf gezüchtet werden, regelmäßig untersucht werden. Bet Ermittelung des Insekts können die Landesregierungen verbieten, daß Reben und Rebtheile oder Erzeugnisse des Wein­stocks und auch andere Pflanzentheile von dem betreffenden Grundstück entfernt werden. Sie können die Vernichtung der angesteckten Rebpflanzungen und Desinfektion des Bodens anordnen und die Benutzung des Grundstücks zur Rebenkultur untersagen Die Versendung und Einführung bewurzelter Reben in einem Wetnbaubeztrk ist unter­sagt, ebenso der Verkehr mit bewurzelten Reben zwischen verschiedenen Wetnbaubezirken. Die Grenzen der Weinbaubeztrken werden von den beiheiligten Landesregierungen fest­gesetzt. Die Ausführung des Gesetzes und der auf Grund desselben erlassenen Ver­ordnungen überwacht der Reichskanzler, welchem von jedem Auftreten der Reblaus, sowie von dem Verdacht des Vorhandenseins des Insekts innerhalb .incs Bundes­staates unverweilt M-ttheilung zu machen ist. Auf einer besonderen Karte soll der Stand der Krankheit jedesmal ersichtlich gemacht werden, lieber die Untersuchungen ist dem Reichskanzler Bericht zu erstatten. Die Eigenthümer, auf deren Grundstück die Reblaus aufttitt oder Anzeichen für das Vorhandensein deö Insekts sich vorfinden, haben sofort der Ortspolizetbehörde Anzeige davon zu machen.

Die Kosten für die Vernichtungen der Rebpflanzungen und Desinfektion des Bodens trägt der betreffende Bundesstaat, in dessen Gebiet die infizirte Rebpflanzung gelegen ist.

Am Scheidewege.

Jeder Mensch gelangt auf der Bahn seines Lebens an gewisse Wendepunkte, bei welchen sein Geschick in ein anderes Geleise einlenken, seine Thätigkett eine andere Richtung einschlagen muß, als dies bisher der Fall war. Mehr als in anderen Augen­blicken des Lebens beseelt dann den Menschen der Wunsch, nur ein wenig den Vorhang htnwegziehen zu können, welcher ihm wie allen Erdgeborenen die Zukunft verhüllt; denn wer möchte außer dem Bruder Leichtsinn den Sprung in's ungewisse Dunkel wagen? Leichter mag dem Verständigen und Urtheilsfähigen noch der Schritt auf dem ungewiffen Wege in die Zukunft werden, wenn er die Entscheidung für sich selbst zu treffen hat; zdenn das Bewußtsein, seine Pflicht bisher nach Kräften erfüllt, manchen Freund erworben, manche Anerkennung gefunden zu haben, hat ihm das Vertrauen auf die eigene Kraft gestärkt und ihm die Zuversicht gegeben, auch ferner fein Wirken von Segen begleitet zu sehen.

Aber schwerer muß es ihm sein, für Andere, die noch nicht für sich selbst zu denken und vernünftige Entschlüsse für die Zukunft zu fassen vermögen, bestimmte Ent- schließung darüber zu fassen, auf welcher Berufsdahn sie künftig und für's ganze Leben wandern sollen. Darum folgt der Vater mit ernstem Sinn und beklommenem Herzen dem Kinde zur Kirche, wo es nach vollendeter Schulzeit konfirmirt werden soll, und die gute Mutter kann die Thränen nicht zurückdämmen, sind sich doch beide der wichtigen Entscheidung bewußt, welche nun für sie und für das Kind gekommen ist.

N'cht für alle Elternberzen mag die Beantwortung der Frage:Was soll nun aus dem Knaben oder dem Mädchen werden?" gleich schwer sein; denn wo die körper- liche, geistige und sittliche Entwicklung des Kindes in richtiger Weise gefördert worden und normal vorwärts geschritten ist, da wird auch die Hoffnung berechtigt sein, daß das Kind nicht unbedacht mit beiden Beinen tn's Leben htneinsprtngen wird, um sich gleich beim ersten Anlauf die Füße zu verstauchen. Aber wichtig muß für alle Eltern und Erzieher die Beantwortung dieser Frage fein. Zwar mag vielleicht denjenigen Eltern, welche mit Glücksgütern reich gesegnet sind, diese Frage weniger brennend er­scheinen, da sie die Zukunft ihres Kindes für jeden Fall gesichert glauben. Und doch, wie wandelbar sind die Lebensverhältnisse des Menschen und wie verfehlt muß das­jenige Leben sein, welches kein Ziel und keinen Zweck hat, welches kein fröhliches Vorwärtßftrebcn, kein segensreiches Wirken kennt! Jedes Elternpaar, jeder Erzieher hat also die heilige Pflicht, aufs Gewissenhafteste zu erwägen, welchem Berufe sich das Kind nach der Schulzeit zuwenden soll.

r Freilich wird diese Wahl nicht ganz leicht sein; denn nicht nur kommt ange­sichts der außerordentlich großen Zahl der verschiedensten Berufsarten zur Wahl die Qual sondern vor allen Dingen gibt es in Rücksicht auf das Kind selbst verschiedenerlei SU bedenken. Ist der sorgende Vater bereits ziemlich einig mit sich selbst und denkt: Das und das soll mein Sohn werden" so wendet ihm ein sachverständiger Freund « w 1' ^?eißt Du nicht, daß dieses Gewerbe außerordentliche körperliche Kraft er­fordert/ Oder ein wohlmeinender Lehrer macht ihn aufmerksam, daß der Sohn nicht genug geistig beanlagt sei, um einen Beruf zu ergreifen, der das Denkvermögen in er­höhtem Maße in Anspruch nimmt. Oder die Augen, die Brust u. s. w. des Knaben frnd zu schwach oder endlich derselbe hat nach keiner Richtung eine bestimmte Neigung erkennen lasten, die einen Fingerzeig für die Wahl seines zukünftigen Berufs abgeben konnte. Vielleicht hat es in dieser Beziehung an der rechten Aufmerksamkeit seitens der Ettern gefehlt, denn selten ist ein Kind, das außer dem Gefallen an rein kindischer nicht auch eine bestimmte Neigung zu technischer ober geistiger Beschäftigung jetgte. Da ist es nun Aufgabe der Eltern, bet Zeiten klärend und anregend auf die unk aren Vorstellungen ihrer Kinder einzuwirken, die vorhandenen Netgungskeime zu bestimmten Entschlüssen zu entwickeln. Dann wird der Knabe längst vor dem Augenblicke seiner Entlassung aus der Schule einen bestimmten Entschluß gefaßt und dadurch die Sorge der Eltern um seine Versorgung bedeutend vermindert haben.

Bet der Entwicklung, welche heutzutage unser Gewerbe genommen hat, stehen nun dem Bestreben, einen Knaben in eine gute Lehre unterzubringen, mannigfache Schwierigkeiten entgegen. Dem Einen mag es angezeigt erscheinen, den Knaben einem großen Geschäfte, das fabrikmäßig betrieben wird, zuzuführen, während der Andere es für bester halt, ihn zu einem kleinen Meister in die Lehre zu thun. Im ersten Falle meint man wohl, daß der Knabe schon bei Zeiten den Maschinenbetrieb kennen lerne, aur welchem doch nun einmal heutzutage alle wirklich lebenskräftige und gewinn­bringende Industrie bafirc. Im andern Falle ist man der Ansicht, daß es für den angehenden Lehrling bester sei, im Handbetrieb einer kleinen Werkstatt die verschieden­artigsten Arbeiten zu Gesicht und unter die Hände zu bekommen und so nach allen Seiten hin ein Handwerk wirklich zu erlernen, anstatt nur eine einseitige, wenn auch große Fertigkeit in blos einzelnen gewerblichen Arbeiten sich anzueignen. Zu den be­reits angedeuteten Vortheilen, welche die Lehre in der Werkstatt eines tüchtigen Kiein- gewerbtretbenden bietet, kommt aber noch das eine, jedenfalls nicht das unwesentlichste für dre Beurtherlung der ganzen Frage, hinzu, daß nämlich der Knabe nicht bloß in der Arbeit unausgesetzt ein tüchtiges Vorbild hat, sondern daß dem durchaus noch erzlehungsbedürftigen jungen Menschen nicht die verderbliche Freiheit nnb Aussichts- wsigkeit geboten wird, die das Leben in der Fabrik leider meist mit sich bringt Die Vortbetle einer solchen Lehre in der Werkstatt eines kleinen Meisters werden nach be­endigter Lehrzeit auch bald genug hervortreten; denn der Geselle wirb in der Fabrik gern angenommen, weil er befähigt ist, in die verschiedensten Branchen des Fabrtk- betriebs einzutreten und vermöge seiner Vielseitigkeit und größeren Umsicht eine ganze Gruppe von Arbeiten anzustellen und zu beaufsichtigen.

Für ein Mädchen, welches durch die äußeren Lebensverhaltnisse der Eltern ge­zwungen ist, nach vollendeter Schulzeit sich einen selbstständigen Erwerb zu suchen, ist es nicht weniger als für den Knaben wichtig, daß die Zucht und der Geist einer ordentlichen Familie auf dasselbe wirkt und das Vorbild eines wohlgeordneten Haus­wesens sich demselben einprägt. In einer ordentlichen Familie kann das Mädchen für 'bren künftigen Mutter- und Hausfrauenberuf lernen, auch aus dem Kleinsten Nutzen zu ziehen und mit beschränkten Mitteln doch eine befriedigende Existenz zu führen. Ohne Zweif-l muß also für die auf Erwerb angewiesene Jugend einestheils die Lehre in einer kleinen Werkstatt, andemtheils der Dienst in einem wohlgeordneten Haus- roefen al§ die zweckmäßigste und segensreichste Vorschule für das Leben, für die künftige selbstständige Existenz angesehen werden. Cz.

vermischtes.

Ein philantropischer Arzt Philadelphias annoncirte jüngst einen populären Vortrag unter dem Titel:Was soll man thun, bis der Arzt kommt?" Ein offenbar nur sehr wenig vom Geist wahrer Bruderliebe durchdrungener Zeitungs- schreiber derselben Stadt sah sich gemüßigt, diese Frage, noch ehe der Doctor sie in feiner Vorlesung beantworten konnte, mit den folgenden drei Worten zu erledigen: Sein Testament machen!" 0

sDer Erfinder des Südpols.) Der Findigkeit eines Briefträgers ist es ge­lungen, denErfinder" des Südpols ausfindig zu machen. Als nämlich vor Kurzem irgend eine Kreuzbardsendung der Berliner Anthropologischen Gesellschaft an eines ihrer Mitglieder, den verdienstvollen Dr. med von den Steinen, welcher als Arzt und Naturforscher an der deutschen Südpolarexpedition Theil nimmt, abgesendet wurde, kam dieselbe mit folgendem schriftlichen Vermerk des Postboten zurück:Adressat weilt zur Ze l in Süd-Georgien zur Erfindung des Südpols!"

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