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Nkr. 2EZ. Donnerstag den 25. Januar L88S
Amts- itnb Anzeisieblatt für den Kreis Gießen.
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»l'rcflu: Schulftraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». *rds vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. i„it Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.
Amtlicher Htzeil.
Bekanntmachung.
~ x.-x 9" Gemäßheit des §9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hierniit nachstehende
Mrchschmttsmarktpreffe vom Monat December 1882 veröffentlicht: ’
„ „ Hafer M. 13.-, Heu JL 6.-, Stroh Ji. 6.- per 100 Klloaramm.
Greffen, den 23. Januar 1883. Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
______________________________ Dr. Boekmann.
3ur Silbernen Hocbzeit des deutschen Kronprinzen.
Wenn auch unser Kaiserhaus durch das Absterben eines geliebten Tiit* gliedes in tiefe Trauer versetzt worden, so feiert das deutsche Volk doch heute am 25. Januar den Gedenktag der Silbernen Hochzeit des Kronprinzen des deutschen Reichs.
Das deutsche Volk feiert seinen geliebten alten Kaiser als Heldengreis, aber daß auch unser zukünftiger Kaiser, der deutsche Kronprinz, bereits die «Fünfzig" überschritten und die Kronprinzessin schon feit Jahren Großmutter geworden, das paßt nicht recht zu dem Bilde, welches im Herzen des Volkes von dem verehrten Jubelpaare lebt, denn dort steht — dauernder als Erz — der Kronprinz als ein Ideal jugendlicher männlicher Schönheit und dieses Volks- berz hat Recht, denn auch heule noch tritt der Kronprinz mit seiner hohen strammen Gestalt, mit seinen edlen vom schönen Vollbart umrahmten Zügen und mit jenem treuen gemüthvollen Lächeln, mit feinem offenen leutseligen Wesen und mit seinem die Herzen erobernden Blick vor uns in Jugendkraft; noch heute sicht auch die deutsche Kronprinzessin vor uns in voller Lebenskraft und in werblicher Anmuth, die sich bei ihr so herzgewinnend mit mütterlicher Fürsorge 'und Stolz auf ihre Kinder vereint. Und wahrlich, bei allem Glanz und Ruhm, es ist nicht das geringste Verdienst des jubelnden Paares, daß sie gerade im Familienleben den Deutschen ein leuchtendes Vorbild geworden sind. Die eigene einfache Lebensweise, die gemüthliche Häuslichkeit, die sorgfältige Erziehung der Linder, der schlichte Sinn, der nicht nur empfänglich ist für das eigene Glück, sondern auch für das fremde Leid, die Liebe, die nicht nur erfreut, sondern in schwerer Stunde auch mitweint und tröstet das sind Familienlugenden, !vnd wo sie auch in reichem Maße hervortreten, sie verdienen bei der Silber! Hochzeit zuerst Lob und Preis, denn sie ist — ein Familienfest.
Die Silberhochzeit des deutschen Kronprinzen tritt freilich aus diesem mgen Rahmen heraus. Der Held und Sieger von Königgrätz, Weißenburg Md Wörth, der Erbe einer Kaiserkrone, die er dem ersten deutschen Kaiser Mhelni auf blutiger Wahlstatt erringen hals, der edle Prinz, der für Kunst unb Wissenschaft stets ein offenes Herz zeigte und heute noch begeistert an seine ngcne Burschenzeit zurückdenkt, der Feldmarschall, welcher im Frieden durch seine 'chneidigen Jnspectionen in Rord und Süd das richtige Instrument für Deutsch, lands Macht und Sicherheit scharf erhält, der Protektor alles Edlen, Guten ünd Schönen — er ist zu sehr, zu innig verknüpft mit allen öffentlichen Beziehungen des deutscheti nationalen Lebens, als daß das Volk dies nicht anerken- iku und durch volle herzliche Theilnahme an allen Ereignissen, welche den Kronprinzen und feine Familie betreffen, bekunden sollte. Auch die Kronprinzessin hat sich die Liebe des Volkes erobert, sie erleichtert der Kaiserin die oft mhevolle Thätigkeit bei Vereinen und milden (Stiftungen, bei der stillen Aus- •tag von Wohlthätigkeit und Barmherzigkett. Durch ihre Fürsorge für die Erziehung, Fortbildung und Berufsthätigkeit des weiblichen Geschlechts hat sie ch bei Lebzeiten ein Denkmal gefetzt. So ist es natürlich, daß das deutsche Volk mit dem edlen Jubelpaare das Fest der Silberhochzeit rnie ein Volks- Pft feiert.
Glückbedeutend für die Zukunft möchten wir diese Sympathie des Volkes M seinen Kaiser und seine Rachfolger nennen; es ist in der Thal eine seltene äunft der Vorsehung, daß sie uns nicht nur einen so welterfahrenen, tüchtigen oio kräftigen Erben der Kaiserkrone bescheerte, sondern ihn Deutschlands Leid oid Schwäche noch mitfühlen lehrte und Deutschlands Macht und Größe mit |«ringen ließ. Ein solcher Fürst, an der Seite einer Kaiserin aus englischem Hause, wird auch bie conftilutioneUe Freiheit in die rechte Bahn lenken. Und «rum eint sich heut' das ganze deutsche Volk zu dem Ruse: Glückauf im albernen Myrthenkranz! Heil Friedrich Wilhelm! Heil Victoria!
Friedrich Wilhelm und Victoria!
Deutschland.
Berlin, 22. Januar. Der Großherzog und die Großherzogiii von ^aden sind heute Mittag, die beiben Töchter des verstorbenen Prinzen Karl, ir Landgräsin Anna von Hessen und die Prinzessin Louise heute früh hier ein- »troffen. Der Kronprinz und Prinz Wilhelm waren beidemal am Bahnhofe Mi Empfang.
Camburg, 22. Januar. (Der Untergang der „Cimbria.") Die Hoffnung, daß außer den durch die „Theta" unb den „Diamant" aufge- lonimenen Schiffbrüchigen noch weitere Passagiere unb Mannschaften der .«ümbria" gerettet worden seien, muß leider aufgegeben werden. Rach den iBifagen der Geretteten konnten mir 4 Boote ausgesetzt werben: Rr. 1, 3, 5 ifcb 7. Boot 1 und 7 wurden von dem englischen Schiff „Theta" ausgenorn- m und nach Cuxhaven gebracht. Boot 5 ist gekentert. Von dem Boot 3,
das gleichfalls gesunken ist, rettete sich eine Anzahl Personen in die aus den Fluchen hervorragende Tackelage der „Cimbria" und wurde von dort durch die Boote der Bark „Diamant" abgeholt. Die Liste der Geretteten kann also leider als abgeschlossen gelten; 56 von fast 500, ein entsetzliches Unglück. Unter den Ertrunkenen befinden sich u. A. die Geschwister Rommer aus Biberach, die „schwäbischen Singvögel", die eine Concert - Tournee durch Amerika machen wollten, ferner die 6 Indianer, die sich im Berliner Panoptikum hatten sehen lassen (f. Z. auch in Gießen in Wenzel'S Garten). Die überwiegende Mehrheit der Zwischendecks-Passagiere bestand aus Ungarn, Polen und Russen.
— Ein (Sorrefponbent der „Frkf. Ztg." schreib! unterm 20. Januar: Die zur Rettung ausgesandten Dampfer sind zurückgekehrt. Ihr Suchen war erfolglos, nickt einmal treibende Leichen sahen sie. So steht denn der Gesammtverlust an Menschenleben fest Er beträgt: 434. Nur 56 wurden gerettet,-da darunter fick 21 Mann von der Besatzung befinden, so stellt sich die Zahl der geretteten Paffagiere auf 35, wahrlick ein bcjammcrnSwerthes Resultat. Ein Einblick in die Verlustliste wirft nur noch herr- ergreifender: Von den 42 Ungarn, welche an Bord waren, wurde nickt ein einziger gerettet; 22 Berliner ertranken gleichfalls. Von 6 Bayern würbe Kirschdaum aus Würzburg gerttttt, der sich an der Mastspitze angebunden hatte. Die 6 Indianer au8 Michigan, welche sich in Berlin gezeigt hatten, erkaufen sämmtlich, wie es scheint unten im Zwischendeck. Der anvrallende „Sultan" tödtete sofort 6 Passagiere, ein anderer wurde durck den Anprall sofort ins Mcer geschleudert. Die heute Nachmittag hier eingetroffenen 17 Gerettetn würben nickt im Boote, sondern in der Takelage gefunden, wo sie, so gut es eben ging. dis an die Brust im Wasser, sich 9 Stunden lang frftbtellcn, bis cs das klarer werdende Wetter gestattete, dah sie vom „Diamant" gesehen werden konnten. Diese Leute zeigten sick sämmtlich, soweit sie deutsch sprechen, mit Ausnahme deS Heizers Schmidt, sehr empört sowohl über den CapUän des „Sultan", als crtid) über den Bremer Ngenten der Compagnie. Ich stehe davon ab, bte Klagen der Leute, bie sich auf Vorgänge auf der „Cimbria" beziehen, vier wieoerzuaeben, da erstlich der andere Theil der Geretteten des Lobes voll war über das Verhalten dec Mannschaft und andererseits, weil die seeamtliche Untersuchung des Falles genügende Klarbeit bringen wirb Die Aussage des CapitänS des „Sultan", daß er nach b«r Eollision unweit der „Cimbria" gehalten unb ein Boot ausgesetzt habe, wird durch diese Leute bestätigt. Sie sahen ein Boot mit vier Personen besetzt nachher „Cimbria" Herkommen, bemerkten aber, daß, als diese vollständig sank, das Boot sofort umkehrte. Meine Gewährsleute meinen, daß sie von den Insassen des Bootes unbedingt hätten flffeben werden müssen. Daraus, daß diese in einer Entfernung von ca. 200 Schritt gesehen wurden, gebt Übrigens bervor, daß das Wetter nicht allzu neblig war. Der „Sultan" ist hier daS Zitt zahlreicher Neugieriger. Er liegt am Saudthor-Qum Ein großes Lock hat er an der Steuerbordseite, obschon er die ,Cimbria" mit der Backbordseite traf Er muß unbedingt die „Cimbria" mit voller Gewalt getroffen haben. Der „Sultan" wird behufs Erleichterung der Untersuchung polizeilich besetzt gehalten. Er soll Übrigens, falls die erforderlichen Bürgschaften nicht gestellt werben, polizeilich beschlagnahmt werden.
Der Dampfer „Sultan", zur Rbederei der Herren C. M. Lofthouse u- Co gehörend, ist ein regelmäßiger Trader zwischen Hamburg unb Hüll, er liegt, wie bereits gemeldet, im Hamburger Hafen und bte Verwüstung, welche er selbst am tioibertfcetl erlitten, gibt Zeugn ß von der Gewalt, mit welcher er in die „Cimbria" eingesahrcn ist. Die Zahl der Klagen, welche im ersten Augenblicke unb auch jetzt noch gegen ben „Sultan" erhoben worben sind, ist Legion, bte meisten derselben werben aber des Grundes entbehren und (8 muß nbgcwaitet werden, welche Schuld dem Schisse und seinem Capitän beizumessen ist. Letzterer, Mr. Cuttill, begab sick, nachdem daS Schiff fesigemacht war, sofort aufs britische Consulat, um dort Kunde von dem Unfall zu geben und eine vorläufige Verklarung abzulegen, das Schiff selbst ist jedoch an die Kette gelegt, b. h. von der Hafenpolizei mit Beschlag belegt, 18 darf an ihm nichts vor» genommen unb besonbers an bem erlittenen Schaden nichts auSgebessert werben, btS bie Sachverständigen der hiesigen Behörden ben Dampfer in Augenschein genommen haben; überbteB barf ber Dampfer sich nicht eher von der Stelle rühren, bis seine Rheder ei unter Beobachtung ber gesetzlichen Kauielen sich verpflichtet, für allen ungerichteten pekuniären Schaden aufzukommen.
Die Hauptursache ber Katastrophe wirb unzweifelhaft in der Thatsache zu suchen sein, daß die Dampfer aller Nationen heutzutage bet unklarem und nebeligem Wetter zu schnell fahren. Der llebergang von der Segelschifffahrt zur Dampfschifffahrt ist allerdings auf ber einen Sette eine bedeutenbe Errungenschaft, anbererscits i|t ahn burck ben enorm gewachsenen Dampfvcrkehr die Sicherheit der Seeftraßen elhedttw gemindert. Die Segelanweisungen schreiben allerdings unseren Capitänen vor, der Nebel langsam zu fahren, bie Rhebereten verlangen dagegen schnelle Reisttr, und es gibt gar nicht wenige Rhedereteu, welche ihren Capitänen für besonders rasche Wahrten Grafficationeu auSzahlen. Für die Schnelligkeit, mit welcher ber „Sultan sick bewegt, ist beim auch ber zer> issenc und ze;stückelte Bug d.s ^ch'ffeS sprechender Beweis.
Srankreich.
Pari», 22. Januar. Da» Cabinet hat jetzt, wie es heißt, beschlossen, den Prinzen 9<npolcoit vom Senate richten zu lassen. — Die Kaiserin Eugenie trifft diesen Abend mit dein Herzog von Baffana auf dein Nordbahnhase ein. „Paris" berichtet, daf, die Umgebung des Elaste in verwichener Nacht fortwährend von starken Patrouillen durchzogen wurde, weil die Anheftung von Aufrufen ivährend der N'acht befürchtet worden und man auch Anzeige erhalten hatte, daff die Anarchisten vor dem Palaste des ElysÄ Dynamit-Patronen legen wollten.
— Die bem Appell au peuple angebörenben Deputaten haben beschlossen, brei aus ihrer Mitte sollten ihre Mandate niederlegen, alsdann solle der Prinz


