Ausgabe 
23.12.1883 Erstes Blatt
 
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wohl in jedem beliebigen Rühmen zur Geltung kommen, umsomehr in diesem Drama, dessen Schönheiten wir ntcbt durch die Lectüre, sondern allein durch eine Aufführung voll empfinden können. Eine andere Frage aber ist, ob die Dtrectton, wmn sie den Klassikern ihren Tribut bringt, dabei ihre Rechnung findet-

Dies bürgerliche Trauerspiel ist vielleicht das beste historische Drama in unserer ganzen Literatur. Man pflegt den Begriffhistorisch" freilich nur auf solche Stücke anzuwenden, in denen weltgeschichtliche Personen und Ereignisse eine Rolle spielen- Wofern aber in einem Drama der Charakter einer ganzen Zeit sowohl in den Gestalten wie in den Situationen festgchalten ist, so kann und muß ein solches Werk als einhistorisches" bezeichnet werden. All die corrumpirten Zustände der damaligen Epoche werfen ihre Reflexe mehr oder minder grell in SchillersKabale und Liebe", diesem wahrhaft phänomenalen Werk, in welchem wir Deutsche unsere größte Bühnen­tragödie haben. Es ist ein Leichtes, über die Bizarrerien in den Ausdrücken zu rarsonntren, das Geiühl für zu überschwänglich, den Verstand für zu satanisch zu Halles, diese Auswüchse sind leicht zu erkennen. Aber wie unter der faltigen Draperie der Worte immer uno immer wieder der menschliche Körper sichtbar wird, wie cs trotz aller weit ausholenden Bilder doch immer Unseresgleichen sind, die wir da handeln und leiden sehen, das .st daS Große an diesem seltsamen Gemälde. Scenen, wie die zwischen dem Kammerdiener und der Lady, der ganze fünfte Act, tragen mit Lapidaren die Flammenschrtft des Genius. Das Stück wird leben, so lange es Stände und Standes- vormtheile gibt, leben, so lange das Gefühl sich auslrhrtt gegen den Calcul und die Rücksicht. Auf dem furchtbaren Nachdruck, der auf die Empfindung gelegt wird, beruht das Geheimniß feiner noch um Nichts geschmälerten Wirkung. Mit der vollen inmren Erregung des Gefühls hat SchillerKabale und Liebe" geschrieben. Namentlich gilt dies von der Schilderung des alten Miller, Louisens und Ferdinands. Die Charak- tenstik der Kletnbürgersphäre selbst ist meisterhaft: gleich in der ersten Scene, wo Miller bei seinem Violoncell, die Frau Millerin bei ihrem Kaffee sitzt, blicken wir in diesen ganzen Lebenskreis hmem, wie in ein kräftig colortrtes niederländisches Bild. Nur der wachsende Ernst der tragischen Situationen, der furchtbare Sturm der Affecte, der in der Stube des Musikus zum Ausbruch kommt, nöthigt den Dichter, die Zeichnung in breiteren Ptnselstrichen zu halten. Der alte Miller ist ein in den kräftigsten Porträt­zügen gehaltenes Bild des deutschen Bürgercharakters aus den niederen Kreisen. Ein trefflicher Gegensatz ist die Mutter mit ihrer dummen, bornirten Eitelkeit. Die Liebenden sind sogenannte dankbare Rollen, aber sie psychologisch völlig glaubhaft zu zeichnen, in jede ihrer Phasen einzudrtngcn, ist nichts weniger als dankbar. Dock hat es Ferdinand leichter als Louise. In ihm ist alles Gährung. Wer feurig und männlich ist und das Gefühl aus der Brust schöpft, hat für die Hülste der Rolle schon gewonnenes Spiel. Ungleich schwieriger ist die Gestalt der Louise. Sie ist die einzige Schlller'sche Frauen- geftalt, deren Schicksal und deren Tragik lediglich ihre Liebe ist. Ein sechszehnjähriges Mädchen ist sie garntcht; von der ersten Scene an ist Louise schon nicht mehr naiv; sie ist über sich selbst hinausgewachsen, über ihren Stand, über ihre Jahre. Einige Uebertreibungen abgerechnet, ist sie eine glaubhafte erschütternde Gestalt. Die Hof- gruppe: den Präsidenten, den Hofmarschall v. Kalb und den in bescheidener Enfernung sich ihnen anschließenden Secretär Wurm hat Schiller mit jenen dicken, schreienden Farben gemalt, wie sie mehr der Satiriker, als der Dramatiker aufzutragen pflegt. Aber man kann deshalb nicht sagen, daß sie unwahr ober bis zur Carncttur getrieben fei, und jeder Charakterspieler wird bestätigen, daß der Hofmarschall zu drn dankbarsten komischen Chargen der deutschen Bühne gehört. Nur die Lady Milford steht hinter den übrigen Personen zurück. Sie ist gar zu sehr Theaterprinzessin, ihre Empfindungen und Entschlüsse sind allzu wandelbar, als daß man sie immer für möglich halten könnte. Immerhin hat sie bedeutende Züge, die einer Schauspielerin Gelegenheit genug geben, ihre Kunst zu zeigen. Sie ist temperamentvoll, eingroßes feuriges Herz", ihre Er­zählung, das Vorbild so vieler Theatererzahlungen, kann zum Paradestück werden aber sie g'bt sich zu wortreich, zu unbestimmt, es fehlen ihr die Contouren der Persön­lichkeit. Nur ihr Abschied vom Marschall zeigt schärfere Züge. Was die eigentliche Größe der dramatischen Composition des Stückes ausmacht, das ist, daß jede Scene sich logisch aus der voraufgehenden entwickelt und daß die dramatische Handlung von den Personen selbst gewacht wird.

Was die heutige Aufführung betrifft, so hat es ihr an einzelnrn guten Momenten nicht gemangelt, indessen beeinträchtigten einige der Hauptbetheiligten Darstellerichr oder minder den guten Eindruck ihres Spiels durch Ueberhasten der Rede; sie ließen an manchen Stellen die Worte wie werihlose Waare fallen. Im Punkte der Jnscenirung entsprach die Aufführung allen berechtiaten Ansprüchen.

Verwischtes.

Marburg, 20. December. Wie uns aus Berlin mitgetheilt wird, wurde unserer Universität zur Annahme der ihr seitens der Frau Gräfin Louise Wilhelmine Emilie Bose, geb. Gräfin v. Reichenbach-Lessonitz, zugewendeten Vermächtnisse von 700,000 und 100,000 X, sowie des für die chirurgische und medicinische Klinik für Kinder daselbst bestimmten Legats von 10,000 X und einer 30jährigen Rente von je 1000 X die landesherrliche Genehmigung ertheilt. Jngleichen ist die Annahme der Zuwendung einer ewigen Rente von jährlich 3000 X an die Kaiserliche Leopoldinisch- Karolinische Deutsche Akademie der Naturforscher in Halle an der Saale genehmigt worden. (£)- Z.)

(Auszeichnung j Herr G. N e i d l i n g e r in Hamburg, Vertreter der Original; Singer-Nähmaschinen, ist von Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Prinzessin Friedrich Karl von Preußen zu Höchihrem Hoflieferanten ernannt worden.

Handel und Verkehr.

Gießen, den 23. Decbr. Auf dem heutigen Markt kostete: Butter per Pfund X 0.801.10 Hühnereier per Stck. 78 H, Käse Stck. 59 Käsematte 3 X Erbsen per Liter 20 Linsen 30 Zaubtn per Paar 5065 X Hühner per Stück X 0.750.90, Hahnen per Stück X 0.802.00, Enten pr. St. X 2-000.00, Ochsenfleisch per Pfund 7072 H, Kuh- und Rindfleisch 5660 X Kalbfleisch 50 bis 54 X Schweinefleisch 6264 Hammelfleisch 6070 Kartoffeln per 100 Kilo X 3.203.50, Milch pr. Ltr. 1318 H. Ganse pr. Pfd. H 5470. Zwiebeln per Ctr. X 9. Weißkraut per Hundert X 47.

ArstMurl a. M., 22. Decbr., Nachmittags 2 Uhr Min. (Telegraphischer Eoursbericht. Mitgetheilt durch das Bankgeschäft Albert Kaufmann in Gießen.) Creditactten 247, Staatsbahnactien 27174. Galizier 2477,, Lombarden 121, Nord- westbahnactten 1567g, Gotthardbahnactien 897z, Darmstädter - Bankactien 1557z, Disconto Commandit 1937g, Oefterr. Silöerrente 667g, 4% Ungar. Goldrente 747°, 47o 1880er Ruffen 71716, 5°/o 1877r Russen 897i, 2. Orient-Anleihe 557g, 4o/e Spanier 567r. 5% Rumänische Rente 9374. 4% Unific. Eavvter, 5% Türken 9.716, Marienburger, Hess. Ludwigsbahnact.. Tendenz: fest.

Auszug aus den Standesamtsregistern des Standesamts Gießen.

Aufgebote.

December. 20. Der Diener Heinrich Otto zu Frankfurt a. M. mit Barbara Henninger, Tochter des verstorbenen Büttner« Johann Henninger zu Gießen- 21. Bier­brauer Georg Andreas Hebstrett zu Gießen mtt Marte Letdich, Tochter des Oeconomen Christian Friedrich Letdich zu Grüningen. 21. Maurer Peter Bombay zu Zell mit Anna Marie Wehner, Tochter des Maurers Johannes Wehner zu Ober-Breidenbach.

Geborene.

December. 9. Dem Gaftwirth Ernst Jughard eine Tochter. 10. Dem (Stabt* kassegehülsen Georg Wilhelm Döpier ein Sohn. 12. Eine Tochter von auswärts. 14. Dem Cigarrenarbetter Louis Rüger eine Tochter, Bertha. 14. Eine Tochter von auswärts, Marie. 15. Dem Lacklrer Carl Neuling ein Sohn, Wilhelm Franz. 16. Dem Techniker Josef Luther eine Tochter. Elisabrthe Therese Gertrude. 16. En Sohn von auswärts, Heinrich. 16. Ein Sohn von h er, Franz- 16- Dem Schreirnr Carl Köhler eine Tochttr. 17. Dem Schreiner Georg B^ck ein Sohn, Heinrich Fran,. 18. Dem Fuhrmann Justus Benner II. eine Tochter, Marie Louise Sophie. 18 /19. Johanna, Karoline und Wilhelmine, Drillinge von auswärts. 19. Dem Dreher Carl Müller eine Tochter, Marie. 19. Dem Schneider Heinrich Schmidt eine Tochter. 19. Eine Tochter von hier.

Gestorbene.

December. 14. Martin Heinrich Ludwig Carl, 1 Jahr alt, Sohn des Kauf­manns Carl Hosch- 14. Bergmann Julius Pfeiffer, 18 Jahre alt, von Ketzenroth. 14. Christine, 4 Jahre alt, Tochter des Taglöhners Johnnes Kreiling X 14 Berg­mann Heinrich Trus, 17 Jahre alt, von Altenkirchen. 14. Katharine Weigand, 54 Jahre alt, von Groß-Karben. 16. Taglöhnerin Marie Katharine Geißler, 60 Jahre alt 16. Anna Juliane Thiedemann, geb. Konrad, 69 Jahre alt, Wtttwe des Schreiners Johannes Thiedemann. 17. Musiklehrer Georg Ludwig Schierholz, 76 Jabre alt 18- Henriette Hofmann, geb. Gleim. 30 Jahre alt, Ehefrau des Secreiärs und Kassiers am Stadttheater Afols Hofmann. 18. Schutzmann Heinrich Jakob Gemmecker, ol Jahre alt. 19. Dienstmädchen Marie Rühl, 24 Jahre alt, von Homberg a. d.O- 19. Christian Carl, 1 Jahr alt, Sohn des Schneidets Carl Hmdrich. 20. Der Bahn­wärter bei der Oderh. Bahn Heinrich Christian M idenbaus, 58 Jahre alt 20. Eine Tockter von auswärts, Martha, 1 Monat alt 21. Katharine Schmidt, ßrb. Noll.

°li, Cchesrau des Metzgermeisters August Schwidt. 21. Fuhrmann Wilhelm Michel, 40 Jahre alt.

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getaufte.

Den 16. December. Dem Färber Adolf Vogt eine Tochter, Amalie Katharlne, geboren den 6. October.

Denselben. Dem Heizer an der Oberhessischen Bahn Ludwig Dern ein Sohn. Heinrich Ludwig, geboren den 1. October.

Beerdigte.

Den 18. December. Anna Juliane Th-edemann, geb. Konrad, Wittwe des Schreinermeisters Johannes Thiedemann, alt 69 Jahre, starb den 16. December.

Denselben. Marte Katharine Geißler, ledig, alt 60 Jahre, starb den 16. Decbr.

Den 19. December. Georg Schterholz, Musiklehrer, alt 76 Jahre, starb den 17. December.

Den 20. December. Henriette Hofmann, geb. Gleim, Ehefrau des Sekretärs und Kassiers am Stadttheater Adolf Hofmann, alt 30 Jahre, starb den 18. December.

Denselben. Heinrich Gemmecker, Schutzmann, alt 51 Jahre, starb den 18. Decbr.

Den 21. December. Marie Rühl, lebige Tochter des zu Homberg verstorbenen Landwirths und Bürstenmachers Michael Rühl L, alt 24 Jahre, starb den 19. x ecember.

Kirchliche Anzeigen der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Dienstag, den 25. Dezember (1. Weihnachtsfeiertag).

Vormittags 97r Uhr: Pfarrer Schlosser.

Mitwirkung des Kirchengesangvercins.

Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dingeldey.

Nach beiden Gottesdiensten Kollekte für die Kleinkinder-Bewahr anstalt zu Gießen.

Mittwoch, den 26. Dezember (2. Weihnachtsfeiertag'.

Vormittags 97r Uhr: Pfarrer Dr. Naumann.

Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dingeldey.

Nach beiden Gottesdiensten Kollekte für die Armen unserer Gemeinde.

Nach dem Abendgottesdienst am 2. Weihnachtsfeiertag, Abends 674 Uhr, wird der Kirchengesangverein seine Weihnachtsaufführung in der Kirche halten.

Die Pfarrgeschäfte in der Woche vom 23- bis 29. December besorgt Pfarrer Schlosser.

Katholische Gemeinde.

Hochheiliges Weihnachtsfest.

1.

1 Um 5 Uhr: Christmetten und Predigt. 8 Uhr: Frühmesse und Austheiluna der^hl. Comnmnwn. 7-10 Uhr: Hochamt und Predigt. 2 Uhr: Festandacht, hieraus

2.

1/ 4n i^u^Uhr an: Beichte. 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der hl. Communion.

7-10 Uhr: Hochamt. 2 Uhr: Andacht-

** £®ic Auggen Klagen über die Erfolglosigkeit einer Annonce und das dafür weggeworsene Geld wurden verstummen, wenn man von Haasenstein & Vogler in jj&ey bie Form, den Inhalt und die geeigneten Zeitungen zuvor fachmännischen Rath etnholen mochte. 962

Allgemeiner Anzeiger.

Oessentliehe biblische Vortrage | werden Sonntag und Mittwoch, Abends 8 Uhr, Canzleiberg 5, eine Treppe hoch abgehalten. j. Hohl

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