1888
Freitag den 22. Juni
Nr. Hl
irchemr Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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In England läßt die furchtbare Unglücksbotschast aus der Stadt Sunderland selbst den Streit um die politischen Tagessragen momentan verstummen.
In Bern ist am Montag die neue Session der schweizerischen Bundesversammlung eröffnet worden. Zum Präsidenten des Nationalrathes wurde Kaiser (radikal) und zum Präsidenten des Ständerathes Hauser (radikal) gewählt.
Die rumänische Regierung kann sich mit den Beschlüssen der Londoner Donau-Conserenz, die bekanntlich keineswegs den Wünschen Rumäniens
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entsprechen, noch immer nicht zufrieden geben. Erst kürzlich hat Herr Liteano, der Vertreter Rumäniens in Berlin, den Versuch gemacht, Deutschland zu einer Action gegen die Beschlüsse der Londoner Conferenz zu veranlassen. Gutem Vernehmen nach ist inoessen Herrn Liteano hierbei vom Fürsten Bismarck der deutliche Bescheid geworden, daß sich die Signatarmächte der Londoner Donau-Conferenz in keine neue Discussion über ihre Beschlüsse einlassen könnten. Ob sich Rumänien mit dieser Zurechtweisung begnügen wird, ist jedoch noch fraglich. _ L r ,
In Süd-Afrika wollen die Wirren kem Ende nehmen. Wie dem „Reuter'schen Bureau" aus Durban, dervHauptstadt der Transvaal-Republik, gemeldet wird, hat eine beträchtliche Anzahl Basutos einen Einfall m das Transvaal-Gebiet gemacht. Natürlich werden die Boers sich ihrer Haut wehren und den Basutos auf deren Gebiet vielleicht einen Vergeltungszug abstatten, was wiederum für die Engländer eine günstige Gelegenheit wäre, in ihrer bekannten Manier zu „irrcerveniren." __________________
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Politische Ueberfkcht.
Gissten, 21. Juni.
Stuf dem Gebiete der Innern wie der hohen Politik macht sich eine qewisse Debe, ein Mangel an hervorragenderen Ereignissen immer fühlbarer und wenn dies auch vom allgemein menschlichen Standpunkte aus gerade nicht zu beklagen ist, so eröffnet dieser Umstand doch für die journaüstlsche Sommer-Campagne keine allzugünstigen Aussichten. Für die nächsten Wochen werden uns indessen die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses, welches heute, Donnerstag den 21. d. Mts., nach zehntägiger Pause wieder Zusammentritt, wohl noch über die sommerliche Verlegenheit hinweghelfen, namentlich sieht man der für Ende dieser Woche in Aussicht stehenden Fortsetzung der kirchenpolitischen Debatte mit Spannung entgegen. Sonderliche Ueberraschunqen wird dieselbe aber schwerlich bringen; man wird vielleicht noch einige mehr ober minder höfliche Redensarten austauschen, Dieses und ^eneS noch einmal berühren, im Ganzen jedoch wird das Haus voraussichtlich der kirchenpolitischen Vorlage in der Fassung der Commission zustimmen. Bekanntlich ist von derselben Art. 4, welcher eine neue Regelung des Einspruchsrechtes gegen diejenigen Geistlichen enthielt, bei welchen die Anzeigepflicht noch festge- halten werden soll, gänzlich beseitigt worden, ebenso Art. 2, welcher die Verweser eines Pfarramtes von der in Art. 1 ausgesprochenen Aufhebung der Ameiaepflicht ausnimmt; dafür ist bei Art. 1 ein bezüglicher Zusatz ausgenommen worden. Außerdem hat auch Art. 5 einen Zusatz erhalten, nach welchem den staatlich anerkannten Bischöfen in erledigten Diöcesen die Vornahme von Weihhandlungen gestattet ist. In dieser Fassung hat die Commisflou der Vorlage mit 13 Stummen — Centrum, Conservative, Fortschritt — gegen 8 Stimmen — Freiconservative, Nationalliberale, Secessionisten — zugestimmt und es ist nicht anzunehmen, daß bei der definitiven Abstimmung im Plenum das Stimmenverhältniß sich wesentlich verschieben wird.
Die von Berlin aus angeordnete Zurücknahme der auf die deutsche Unterrichtssprache bezüglichen Verfügungen der Posener Negierung soll auf die deutsche Bevölkerung in der Provinz Posen einen sehr verstimmenden Eindruck gemacht haben. Durch den betr. Erlaß des Cultutzministers wird die Ertheilung des Religionsunterrichtes in polnischer Sprache an die Kinder polnischer Zunge, soweit es sich um die Volksschulen handelt , wieder gestattet und glaubt man vielfach, daß dies nur ein Vorläufer zu weiteren Concesfionen an die Polen sei. Es heißt, daß der Oberpräsident von Posen, v. Günther, in Folge dieses Ministerial-Erlaffes seine Entlassung eingereicht habe.
lieber die in Berlin erfolgte Verhaftung des in Dresden lebenden greisen polnischen Dichters Kraszewski, welche so viel Aussehen erregt, liegen noch immer keine definitiv aufklärenden Mittheilungen vor. Von Berlin aus ist Kraszewski nach Dresden transportirt worden, wo er sich gegenwärtig in Untersuchungshaft befindet. Zugleich wurden in Dresden drei mit Kraszewski befreundete polnische Schriftsteller verhaftet, von denen jedoch eurer, Konopacki, bereits wieder entlassen worden ist. ,
Anläßlich des Todestages Garibaldi's hat nun auch m der französischen Hauptstadt nachträglich eine Garibaldi-Feier, und zwar am Sonntage, stattgefunden. Dieselbe sollte zu einer großen politischen Demonstration, zu einem Verbrüderungssest zwischen der französischen und italienischen Nation aufgebauscht werden, glich aber bei Weitem mehr einer wahren Komödie. Die Theilnehmer, deren Zahl sich auf ca. 1500 belief, setzten sich zusammen aus französischen Radikalen, italienischen Irredentisten, verschiedenen Deputationen der „Freidenker-Gesellschaften" u. s. w. Den Vorsitz führte Delattre, MckgUed der äußersten Linken; die Redner hielten mehr oder weniger begeisterte Reden , m denen von der Verbrüderung der Franzosen und Italiener, der Tripel-Allianz, der Revanche Frankreichs gegen Deutschland und andern Dingen die Rede war, die selbstverständlich mit frenetischem Beifall ausgenommen wurden. Der Schrift- steller Raquoni ging in feinem Enthusiasmus sogar so weit, den Franzosen 100,000 Rothhemden (Freischärler) zur Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen zu versprechen, was begreiflicher Weise ebenfalls stürmische Zustimmung sand. «Qm Uebrigen verlief die Feier ohne störende Zwischenfälle, einige „zweideutige Elemente, welche verschiedene Male versuchten, einen Scandal herbeizusühren, wurden glücklich zur Ruhe gebaacht. — Der in letzter Zeit mehrfach genannte Marquis Tseng, der chinesische Gesandte in Paris, ist am Montag von Petersburg nach Paris zurückgekehrt und hat seine Funktionen wieder übernommen. Man schließt hieraus wohl mit Recht, daß ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und China in nächster Zeit wenigstens nicht bevorsteht. Dem „Temps" zufolge wird das aus 3500 Mann französischer Truppen, ungerechnet die Landungs-Compagnien, und 1000 anamatischen Tirailleurs bestehende Expeditions-Corps für Tongking in ca. 14 Tagen an seinem Bestim-
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Darmstadt, 19. Juni. Der Verwaltungsrath der hessischen Ludwlgseiscnbahn- Gesellschast hat an die erste Kammer der hessischen Stände eine Vorstellung gerichtet, we che auf eine eingehend motivtrte Bitte um Ablehnung der von der zweiten Kammer beschlossenen Heranziehung der Actrengesellschaften zur Einkommensteuer hinauslauft. Aus dem ziemlich umfangreichen Actenstück heben wrr zunächst die Bemerttmg heraus, daß bei den Verhandlungen dec zweiten Kammer dre Kenntniß der thatsachlichen^Verhältnisse, wenigstens soweit die Ludwlgsbahn in Frage komme,, nicht in der wünschens- werthen Weise vorgeherrscht habe" Zunächst wirb gegen die viel ach verbre tete Ansicht, daß die Erträgnisse der Actiengesellschaften überhaupt nicht Einkommensteuer heran- grroaen würden, constatirt, daß ein solches Heranziehen allerdings der Fall fei und zwar tn bem Momente, wo diese Erträgnisse zum Einkommen einer consumirenden Persönlichkeit werden; die Aktiengesellschaft entwickele als solche keine conlumtrende, sondern lediglich eine produktive Thättgkett, sie könne deßhalb nur /u den aus der Produktion lastenden Steuern herangezogen werden. Im Uebrigen würden die ^ch ungetheilten Dividenden, durch die progressiv schwerere Belastung der höheren Einkommen, scharfer aetroffcn. als wenn sie nach der Vertheilung von jedem einzelnen Action ar.versteuert würden? was noch überdies für den ausländischen Acttonar einer hessischen Gesellschaft 6u einer Doppelbesteuerung führen und somit das ausländische Gew von der Capital- Anloge in Hessen abschrecken werde. Außer diesen prlncipullen Bedenken gegen dre Heranziehung der Aktiengesellschaften als solcher zur Einkommensteuer werden ferner noch eine Reihe besonderer Gründe gegen diese Besteuerung hlnstchtlrch der Eisenbärten und spectell der hessischen Ludwtgsbahn geltend gemacht- Eine ®l^/nnbap.n'®^,e?J*Q unterscheide sich von jeder freien Erwerbsgesellschaft dadurch, daß für Thättgkett ganz andere, den Capitalismus beschränkende Normen gezogen seien; in Wirklichkert erfülle die Eisenbahn-Gesellschaft nur eine, ihr von dem Staate übertragene, im öffentlichen Interesse liegende Aufgabe und zwar genau nach denselben Maximen und Gc- seüen welche auch für den Staatsbetrieb maßgebend seien. Es wird dann dargelegt, n wie hohem Maße die Ludwigsbahn, selbst unter ^intanfe6un0 ber effientl^en Erwerbsintenffen jener Aufgabe gedient habe; die Regierung selbst habe den Zuschuß, Sn "te neben d'm Staatszuschuß für die garanttrten
Strecken zu leisten habe, m ihrer Vorlage zur Secundarbahnsrage auf ca. 710,000 beziffert Alsdann wird aus dem Wortlaute der Concessronsurkunde dargelegt, daß es hhdirt fraalid) erschiene ob ein solches Novum in der Besteuerung der hessischen ßub? wiZbaM Zulässig sei und ,schließlich durch vergleichende Statistik
der Nachweis zu führen gesucht, daß die hessische Ludwlgsbahn sch^n letzt hoherbesteuert^W al* iebe anbere ^enbabn von gleichen procentualen Steuerertragnts en. Soweit wir unterrichtet sind, herrscht in der ersten Kammer wenig Neigung, den Beschluß der zweiten Kammer durch ihre Abstlmmung gutzuheißen.
d Berlin, 18 Juni. Unser allen humanen Bestrebungen tn so hohem Grade zu- aänalickes Zeitalter hat auch die öffentliche Krankenpflege bis zu einem früheren Generationen unbekannten Maße sowohl der Leistungsfähigkeit als auch der effcktiven Pe tunaen aeförbeTt Mehr und mehr strebt die Tendenz der Gegenwart dahin die srüber sast ausschließlich in Betracht kommende Privatkrankenpflege emzuschranken, n°m nt ch wo es die Behandlung wirklich schwerer Lechen gilt- Mehr uno mehr «g
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än d-rmtig großer, daß die oorhandenen Kräsle nicht «usreich-n, allen °n sie h-ran^ tretenden Ansorderungen im uotlen Umfaitfl /°st^,nn-roalv des großen
Kräfte dringend wünschenswerth erscheint. Andrers l Institution und der
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verheiraihen sollten — verbürgt wird. ba§ Augenmerk allgemeiner, als
Vorstehende Ausführungen^ verfolgen Z ^otöen Kreuzes wirkenden bislang geschehen, auf die unter dem Z -u g(bt uns ein Aufruf des
Krankenpflegerinnen-Vereine hlurulenkem wofelbfi tn den nächsten Monaten
Krankenpflegermnen-Jnstituts tn f § @r[etnung der Krankenpflege bevor-
die Eröffnung eines neuen, h Attisch en Cur sus^ gmeigt sein sollten,
steht. Jungfrauen oder Wittwen. w lch oa^^^^ ^chs gebeten. Anwartschaft werden um Einsendung etneö beaü0l UO Persönlichkeiten, welche von kräftiger auf Berücksichtigung haben lndeß nur )oi überschritten haben, Ausweise über SSX. s 5ÄÄ <•»>• ■» iw*"
Krankenpflegerinnen-Personals ist für §er Bekanntmachung des Frankfurter
sanitärer Hinsicht zu wichtig, als b^man bU möglichst größte PublicitSt
und° Mrkung"wünschcn^sollte. Mächten diese Zeilen zur Verwirklichung des Wunsches beitragen Heisern Die Totalsumme der beim Reichstage eingegangenen
i Gelder für "e Ueberschwemmten erreichte, wie der Präsident bei Schluß der


