Ausgabe 
21.10.1883 Zweites Blatt
 
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Sr. 2LS. Zweites Blatt. Sonntag den 21. Oktober 1888

Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohr.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Wochenschau.

Gießen, 20. October.

Der Kaiser wird, falls nicht noch in letzter Stunde eine Aenderung in seinen Reise-Dispositionen eintritt, am Montag Vormittag von Baden-Baden in Berlin zurückerwartet. Vom Grafen von Stolberg - Wernigerode ist dem Kaiser bereits eine Einladung zu Jagden im Harz zugegangen, welcher derselbe am 25. d. Mts. zu folgen gedenkt.

Auch die zu Ende gegangene Woche hat uns in Bezug auf unsere innern Angelegenheiten absolut nichts Neues gebracht und diese Signatur: Nichts Neues, wird unsere innere Politik wohl auch noch in den nächsten Wochen tragen. Von den gesetzgebenden Körperschaften ist allein der Bundesrath in Activität, indessen sind dessen Berathungen bis jetzt nicht geeignet gewesen, das Interesse weiterer Kreise zu erwecken. Was die Mittheilung anbelangt, daß sich unter den dem Bundesrathe zugegangenen und für die nächste Reichstags- Session bestimmten Vorlagen sich der längst erwarteteGesetzentwurf zur Ent­schädigung Verurtheilter" befinde, so wird von competenter Seite versichert, daß an den Bundesrath noch keine derartige Vorlage gelangt sei. Die ganze Ange­legenheit liege noch im weiten Felde, wenn auch im Reichsjustizamte eifrig Material hierzu gesammelt werde; auch die von München aus verbreitete Nach­richt, daß die bayerische Regierung in Bezug auf diese Vorlage die Initiative ergriffen habe, wird als eine reine Erfindung bezeichnet. Die aus kirchen­politischem Gebiete ebenfalls seit längerer Zeit herrschende Ruhe hat jetzt einer gewissen Erregung Platz gemacht, die sich in den klerikalen Blättern kundgiebt. "Den Anlaß hierzu hat die Reise des Kardinals Hohenlohe nach Deutschland und die Unterredungen, welche er in München mit dem italienischen Gesandten Grasen Bartolani und dem altkatholischen Stiftsprobst Dr. Döllinger gehabt, gegeben. Es wird versichert, daß Kardinal Hohenlohe die Reise nach München gegen den ausdrücklichen Wunsch des Papstes unternommen habe und dieses selbstständige Austreten des genannten Kirchenfürsten macht es allerdings begreif­lich, daß gegen denselben in der ultramontanen Presse große Entrüstung herrscht. Zm Uebrigen scheint aus diesen! Vorgang zu erhellen, daß in den leitenden Kreisen des Vatikans keineswegs eine freundlichere Stimmung gegen Deutschland Platz gegriffen hat.

Allerorten im evangelischen Deutschland beschäftigt man sich eingehend mit den Vorbereitungen zu der im nächsten Monat stattfindenden Feier bes 400jährigen Geburtstages Luther's. Lutherkirchen, Lutherstistungen, Luther- ftatuen u. s. w. sollen das Andenken des großen Reformators äußerlich fest- balten, während dasselbe im Herzen der Protestanten nicht nur Deutschlands, sondern auch der ganzen übrigen Welt auch ohne eine derartige äußerliche Mahnung unvergänglich fortleben wird. Zu wünschen wäre, daß die kirchliche Feier am 10. November überall in derselben Weise begangen würde, um auch auf diese Weise die Einheit der Protestanten Deutschlands in der Verehrung luther's darzuthun.

In Berlin haben in dieser Woche die Neuwahlen zur Stadtver- ordneten-Versammlung stattgefunden. Am Donnerstag wählten die der dritten Klasse angehörigen Wähler, am Freitag diejenigen zweiter Klasse und am Sams- Q9 folgen die Wähler erster Klasse. Nicht nur in der Reichshauptstadt, son­dern auch im übrigen Deutschland sieht mau dem Ausgange des langen und erbitterten Wahlkampfes mit großer Spannung entgegen und das Resultat wird Mch einen Gradmesser für den Ausfall der im nächsten Jahre stattfindenden Reichstagswahlen, soweit sich dieselben auf Berlin beziehen, abgeben.

Die Feier der Wiederaufbauung Szegedins ließ in dieser Woche im österreichischen Kaiserstaate die Politik und namentlich die leidige kroatische Frage etwas in den Hintergrund treten. Kaiser Franz Joses selbst ^hm hierbei den Anlaß, das neue Szegedin, das aus dem Trümmerhaufen, in 'velchen es vor 5 Jahren durch die wilden Fluthen der Theiß verwandelt wor­ben war, mit seiner Gegenwart zu beehren und drei volle Tage weilte der Monarch in dem wiedererstandenen Szegedin, dasselbe eingehend besichtigend. Aus Nah und Fern war die Bevölkerung in der Stadt zusammengeströmt und brachte dem allgeliebten Herrscher stürmische Ovationen dar und auch bei der om Dienstag Abend erfolgten Rückreise desselben nach Wien fanden enthusiastische Kundgebungen der zahlreichen Volksmenge statt.

In Frankreich nimmt der Bruch zwischen dem Cabinet Ferry und den Radikalen gegenwärtig die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß die Banket- und Programm-Reden Ministerpräsidenten Ferry in der Normandie, die sich ausschließlich gegen d>e Radikalen, die Clemenceau, Rochefort, Revision und deren Heerbann, rich­teten, das Tischtuch zwischen der Regierung und der äußersten Linken vollständig Nitzwei geschnitten haben und daß von nun an die Mitglieder der äußersten Unken der französischen Deputirtenkammer zu den erbittertsten Gegnern des Ministeriums Ferry gehören werden. Das ganze Land, soweit es nicht den Evolutionären Doctrinen der Radikalen und Anarchisten huldigt, wird der Auf- l'vrderung des Ministers an die gemäßigten Republikaner, mit ihm gemeinsam glegen das Treiben der Radikalen Front zu machen, beistimmen, an Herrn Ferry «der wird es sein, die entschiedenen Worte, welche er in Rouen und Havre ge­brochen, nun in nicht minder entschiedene Thaten umzusttzen. In den Ver­handlungen zwischen Frankreich und China scheint ein gänzlicher Stillstand ein- Dtreten zu sein, denn man hört hierüber schon seit Wochen nicht mehr das geringste. Man erwartet indessen den Marquis Tseng in diesen Tagen aus

London in Paris zurück und glaubt, daß alsdann die Verhandlungen wieder einen rascheren Fortgang nehmen werden.

Das russische Kaiserpaar ist am Dienstag von seiner bisherigen Sommerresidenz Peterhof nach Gatschina übergesiedelt, wo es einstweilen resi- diren wird. Ob das kaiserliche Paar später wieder das Winterpalais in Petersburg zu beziehen gedenkt, ist noch unbekannt. Vorläufig scheint es, als ob Kaiser Alexander seine Abneigung gegen Petersburg anläßlich der Un­ruhen, die hier während der Moskauer Krönungstage vorkamen, noch nicht ganz überwunden hat.

Aus den beiden Königreichen der Pyrenäenhalbinsel waren in der letzten Zeit zwei Ereignisse von weiterein Interesse zu verzeichnen. In Spanien vollzog sich die Constituirung eines neuen Ministeriums unter dem Vorsitze Posada de Herrera's, welches umfassende innere Reformen auf seine Fahne geschrieben hat. Zu denselben gehören in erster Linie die Er­weiterung des Stimm- und Wahlrechts, die Wiedereinführung der Civilehe und die Reorganisation des Heeres und werden sich die demnächst einzu­berufenden Cortes zunächst mit den betreffenden Vorlagen beschäftigen. In Be­zug auf seine auswärtige Politik verspricht das Cabinet Herrera, die guten Beziehungen Spaniens zu allen Mächten weiter zu pflegen und vor Allem will es Spanien wieder zu Frankreich in ein freundschaftliches Verhältniß bringen; ob letzteres aber so rasch gelingen wird, muß mindestens abgewartet werden. Gleich Spanien hat jetzt auch das benachbarte Portugal eine Revolte zu verzeichnen, die aber nicht vom Militär, sondern von den Bauern aus­gegangen ist, welche sich in der Stärke von 3000 Mann unweit der spanischen Grenze zusammenrotteten und die Republik ausriefen. In den Lissabonner Regierungskreisen legt man aber der Revolte keinerlei Bedeutung bei, ja, man bezeichnet sie als niedergedrückt. Letztere Auffassung steht aber mit der Meldung, daß die Bauern die gegen sie ausgejandten Truppen zurückgeschlagen haben, einigermaßen im Widerspruch.

Die Zeit der in diesem Jahre so ungemein zahlreichen Fürstenreisen scheint noch immer nicht ihren Abschluß gefunden zu haben. Gegenwärtig weilt das belgische Königspaar in Holland, wo es am Mittwoch auf der Grenzstation Loo von dem König und der Königin von Holland in herzlichster- Weise empfangen wurde. Am Abend des genannten Tages setzte das belgische Königspaar die Reise nach Amsterdam fort, wo den höhen Reisenden am Donnerstag vom König und der Königin von Holland ein Besuch abge­stattet wurde. Man hält den baldigen Eintritt einer Krisis im holländi­schen Cabinet Heemskerk für wahrscheinlich, da das Project des Finanzministers, zur Deckung des vorhandenen Defizits eine Anzahl Steuern zu erhöhen, in der Deputirtenkammer auf lebhaften Widerspruch stößt.

Vermischtes.

Darmstadt, 17. October. Bekanntlich ist das Grotzherzogthum Hessen den andern Staaten Deutschlands vor einigen Jahren mit einem Gesetz über den Schutz der in fremder Pflege befindlichen Kinder unter 6 Jahren vorangegangen, welches Ge­setz inzwischen in verschiedenen andern Ländern als Muster gedient hat. Dieser Schutz wird nach bestimmten Vorschriften durch die Localpollzeibehördm unter Mitwirkung von ärztlichen Kräften ausgeübt. Aus einer umfassenden statistischen Arbeit über die Ausübung des Gesetzes entnehmen wir, daß dasselbe während des Jahres 1882 auf 1536 solcher Kinder anzuwendcn war, davon 759 in Starkenburg, 335 in Oberhessen und 442 in Rheinhessen. Von sämmtlichm Kindern waren 461 (30 pCt) ehrliche und 1075 (70 pCtO uneheliche. In Bezug ans die Kinderzahl nimmt der Kee>s Darmstadt mit 168 die dritte Stelle ein; ihn übertreffen Mainz mit 252 und Offenbach mit 194 Kindern. Die Todesfälle bei diesen Kindern beliefen sich auf 100, also 6,5 pCt., was als ein überaus günstiges Verhältniß zu betrachten '.st.

Ziegenhain, 13. October. Gestern hatten wir wieder einen neuen Beweis davon, wie verhäugnißvoll cs werden kann, wenn unverständigen Kindern im Haus Streichhölzchen zugänglich gemacht werden. Einige 56jährige Knaben verspürten große Lust, sich Kartoffeln zu braten. Nichts leichter als das! Der eine besorgte dre Zündhölzchen, der andere das nöthige Stroh und der dritte die Kartoffeln. Zum Heerd fanden sie ein zum hiesigm großen Schulhause gehöriges Stallgebäude ganz geeignet. Bald rauchte es und flackerte luftig ein Feuerchen. Zum Glück kam ein Kindermädchen gerade noch recht, um die Knaben aus dem Bereich desselben zu retten, nicht aber früh genug, um das feuerchen zu dämpfen. Das wurde schnell zum Feuer, welches den ganzen oberen Theil des Gebäudes in Brand setzte. Nur dem raschen, energischen Eingreifen der städtischen und der freiwilligen Feuerwehr war nächst der herrschenden Windstille es zu verdanken, daß das verheerende Element nicht weiter um sich g iff und die angrenzenden Schulgebäude verschon: blieben. Deren Bewohner hatten den Schrecken und die Angst davon. Möchten doch die Eltern strengstens darauf achten, daß b:e Kinder nicht in dm Besitz solchen gefährlichen Spielzeugs ge­langen können!

Melsungen, 12. October. Die ohne Unterlaß in Publikum und Presse scharf gerügte Unvorsichtigkeit im Gebrauche von Schußwaffen, die schon so manches blühende Menschenleben vernichtet hat, fordert immer und immer wieder neue Opfer. Hier abermals ein Beispiel. In dem Dorfe Körle bet Melsungen begiebt sich dieser Tage der Försterlehrlina Müller, ein junger, in Handhabung der Waffe noch sehr uner­fahrener Mann, in Begleitung eines ebenfalls nicht sehr jagdkundigen Octse'nwohners auf die Jagd nach Feldhübnern. Beide Nimrode durchstrelften das F ld längere Zeit vergeblich, endl'ch geht eine Kette Hühner in Schußweite auf. Müller nimmt die Hühner sofort aufs Korn - ein Schuß kracht - ein gellender Aufschrei, und ein junges Mädchen von 13 bis 14 Jahren stürzt schwer verlöt zusammen. Ein Schrot­korn des unglückseligen Schusses hatte die Stirn getroffen, mehrere andere die Lunge durchbohrt. Den furchtbaren Schrecken des Jägers kann man sich denken. Dos Mädchen war in gebückter Stellung auf dem Felde beschäftigt und angeblich durch einen Busch den Blicken des Schützen entgangen. Es war das hoffnungsvolle Töchterchen des Schneidermeisters Jakob und gestern hat cs der Tod von unsäglichen Qualen befreit. Den unvorsichtigen Schützen aber erwartet eine Anklage auf fahrlässige Tödtung.