Lokales.
Gießen, 20. Januar. Sonntag den 21. Januar, Vormittags VglO Uhr, findet im „Frankfurter Hof" dahier eine Deleairten - Versammlung des Verbandes oberhess. frei will. Feuerwehren statt, wozu jeder Feuerwehrmann Zutritt bat.
** Gießen, 19. Januar. REbeater.] ES war gewiß für Viele eine angenehme Gelegenheit, datz eine gewisse Veiühmiheit genießende Lustspiel „Durch die Intendanz" gestern sehen und beurteilen zu können und doch werden sich für den Inhalt diese- preisgekrönt.n Stücke« und für diese Menschen nur wenige erwärmen und davon anaezogen fühlen. Bor ollen Dingen leidet da« Stück an einer erschrecklichen Breite. Die Schürzung dcS Knotens hat nicht viel Mühe verursacht, die Handlung geht durch ein Nadelöhr, die Zeichnung der Charaktere ist der Verfasserin leicht gefallen: denn e« sind keine voihonden, einige Scenen sind wirksam, andere wieder gesucht und gezwungen, die Sprache erbebt sich nickt besonders über daS Niveau deS Gewöhnlichen und waß die Kalauer anbctiifft, so könnte man glauben, die Verfasserin wohne in Berlin statt im gemüihlichen Sckwabknlande. Man denke nur an den „SptrituS-Witz" im zweiten Akte und andere Banalitäten! Der Commerctenrath Herr v. Kuhn verweigert dem Dichter Waldau die Hand seiner Tochter, um sie ihm später, ohne daß eine Veränderung in dessen äußerer Lage eingetreten ist, dock zuzugestehV Daß sick ein Lieutenant in einen Backfisch von unter siebzehn Jahren, der noch im kurzen Nock einhergeht und die Sprache eines Kinde« führt, verliebt und sie zur Gattin nimmt, mag nicht unwahrscheinlich fein, aber die ästhetische Wirkung ist doch eine verfehlte.
Im Ganzen macht daS Stück trotzdem einen so üblen Eindruck nicht, und wäre der Umstand nicht, daß eö unter 400 Eoncurrenzstücken preisgekrönt wurde, dann st anders vielleicht anders, aber daS drückt eS gar sehr herab, denn da sollte man doch erwarten als diese leichte Waare.
«Matz da« Spiel anbelangt, fo darf den Darstellern, wenn man davon absieht, daß sWMIt wenigen Aufnahmen sich oftmals versprachen, da« Zugeftändnlß gemacht werben, daß sie sich bemühten, ihre Aufgabe zu erfüllen.
Herrn Lühr'v Han« Waldau muß alS ein schöne« Gebilde bezeichnet werben, nicht minder gut war die .Marie" deö Fräulein HerzenSkron; Fräulein Freund entwickelte ein naive«, wahrheitsgetreue« Spiel. Der Baron Rottek de« Herrn Drescher war stramm und kavaliermäßig. Herr Ernst lieferte einen vortrefflichen Intendanten. Auch Herr Pallmann wußte sich mit dem Journalisten Strohberger, dem Vertreter der in Deutschland gottlob seltenen Revolverpresse, gut abzufinden Herr Heiritz und Frau Hauptmann al« Freiherr und Freifrau von Kuhn Dberreglffeur v. Levnroth wußte Herr Arno nicht viel zu wirken. — Die Aufnahme deS Stückes war im Ganzen keine ungünstige.
t Herr £>u«o Edward, der am Sonntage in der Unlv->sit«t«-AuIa die Dichtung FitgcrO, eines in Bremen wohnenden bedeutenden Künstler«, oortraflen wird, tft bekanntlich erster Held und Liebhaber an unserer Grobherzogli»«« Hofbühnc in Darmstadt und verfügt über ein mächtige«, klangvolle» und sehr uwdulationdfähigeH Organ. Sein Vortrag beweist ein seine« Versiändniß der Dichterindividualttät und die Fähigkeit sich in die Situationen mit Schnelligkeit bineinzuversetzen die Charaktere auSeinanderzuvalten und in Sprache und Geberde umzusetzen. Wir entnehmen darüber einer Darmstädter Zeitung Folgende«: ,, . Ä . .. .. _ . .
Dcr übervolle Saal an jenem Abend bewies sowohl da« lebhafte Jntercsie de« Publikum« für die zum Vortrag kommende Dichtung, al« auch den Wunsch, dieselbe durch da« gesprochene Wo'i aus sich wirken zu lassen. Fiiger« Werk (eine freie Bearbeitung de« bekannten Märchenstoffe«) ist eine Schöpfung von bohem poetischen Werth und bat fick der hierort« in weiteren Kreisen bisher wohl nicht allzubekannte Dichter durch die Recitatton derselben ohne Zweifel die Gunst nnd Anerkennung d r Zuhörer im (Sturme errungen
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Nr. 17. Erstes Blatt. Sonntag den 21. Januar 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblntt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulftrahe 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. ?'^eljShrlich 2 Mark 20 Pf. tritt Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vrerteliährstch 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Gefundene Gegenstände:
1 Taschentuch, 1 Dketermaß, 1 Brillenfutteral, 1 Broche, 1 Armspanae, 2 Handschuhe, 15 Stück Stäbchen für Corsetts, mehrere Schlüssel.
Gießen, den 20. Januar 1882. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Deutschland.
m. Darmstadt, 19. Januar. sErstr Kammer der Stände 8. Sitzung.^ Die erste Kammer trat heute zu einer Sitzung zusammen, deren wesentlichsten BerathungS- gegenständ die Vorlage der Regierung wegen vorläufiger Bewilligung der Summe von 500,000 JL zur Beseitigung des NothstandeS in den überschwemmten LandeStheilen bildete. Nach dem von dem Fürsten zu Nsendnrg und Büdingen NamenS deS FianzauSschusseS mündlich erstatteten Ber cht beantragt der Ausschuß Beitritt zu dem bewilligenden Beschluß des andern Hauses. — Herr Wernher (Nierstein) wünscht, daß die Regierung bei Verwendung der Summe bezüglich deS Wiederaufbaues der durch das Hochwasser zerstörten Gebäude die Anlage derselben auf höher gelegenen Punkten in'S Auge fasse. — Graf zu Solms-Laubach führt aus, man müsse einen nicht unbeträchtlichen Theil der stattgehabten Ueberschwemmung den Regulirungen der Flüsse im Oberland, aber auch in unserem Lande zuschreiben. Man solle deßbalb mit weiteren Regulirungen sparsam und möglichst vorsichtig vorgehen und namentlich eine Bewaldung der kahlen Höhen des VoelSbergs anftreben. — Herr Heyl (Worms) bemerkt, alle bis jetzt stattgehabtrn Unterjuchvngen des Rheinstrom« seien auf lokale Beschwerden beschränkt gewesen und es fehle ein einheitlicher Bauplan. Wir Haden m Hessin ein zu enges Hochwasserprofil, die Landdämme liegen zu nahe am Strom und die Einengungen des Rheins bet Mainz und Worms haben einen so wesentlichen Aufstau des Wassers auf die obeihalb liegenden Flußgebiete zur Folge gehabt, daß schon drßhalb d^e Dämme unbedingt erhöht und verstärkt weihm müss.n. Tos Einschreiten d.s Reichs müffe in dieser Beziehung angetufen und der Bauablhetlung dcs Mimstetiums müsse eine im Wasserbau erprobte technische Kraft zugesühit werben, welche alle Verantwortlichkeit für das nunmehr zu Geschehende zu übernehmen habe, dessen Tragweite für die Nachkommen unberechenbar fei. — Ministerialpiäsident Schleiermacher erklärt sich im Wesentlichen mit den Ausführungen des Vorredners einverstanden, tbellt m>t, daß das Gutachten der Rheincommission heute auch dem Präsidium der ersten Kammer zugehen werde, und glaubt, daß d>e Erörterung von Einzelheiten wohl heute nicht angezeigt erscheine. Die Kammer beschließt hierauf einstimmig die Verwilligung der angeforberten 500,000 JL
Bezüglich des Gesetzentwurfs, die Errichtung einer stehenden Brücke über den Main bei Kostheim bett., erklärt Graf zu Solms-Laubach Narrnns de« Finanz- auSfchusfes, derselbe sei noch nicht in der Lage gewesen, sich darüber schlüssig zu machen, und wird dieser Gegenstand von der Tagesordnung abgesetzt.
Die übrigen Gegenstände der Tagesordnung, me.st bauliche Anforderungen, welche gestern die zweite Kammer beschäftigten, werden durch Beitritt zu den jenseitigen Beschlüssen e’-lebigt.
Darmstadt, 19. Januar. Erledigt ist: Die Stelle eines Kreisassistenz- arztes des Kreis-Gesundheitsamts Gießen mit dem Amtssitze zu Grünberg und jährlichem Gehalt vom 600 JL nebst einem Jmpsbezirk. Bewerbungen sind binnen 10 Tagen einzureichen.
Darmstadt, 18. Januar. Dem LandeS-Comitö zur Unterstützung der Wasserbeschädigten im Großherzogthum ist von dem von Sr. D^aj. dem Kaiser aus dem zur Linderung des augenblicklichen 9tothstandeS in den durch Ueber- jchwemmung heimgesuchten deutschen Gebieten Allergnädigst bewilligten Betrag von 600,000 «X die weitere Summe von 50,000 unter dem Gestrigen überwiesen worden.
Mainz, 18. Jan. Die Stadtverordneten-Commission hat einstimmig den Beschluß gefaßt, den Gouverneur der Festung, Freiherrn v. Worsna, zum Ehrenbürger der Stadt Ntainz zu ernennen.
Berlin, 18. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Nachricht des „Deutschen Tagebl." von einer Demission des Staatssecretärs Burchard als jedes Grundes entbehrend; Burchard sei in Folge übergroßer Anstrengung toOn politischen Fragen sei nickt im Entferntesten die Rede gewesen. Zwischen Burchard und seinen Collegen und dem Reichskanzler herrsche unbedingteste Uebereinstimmung in allen vorliegenden politischen und finanziellen Fragen.
77 Die Fortschrittspartei beantragt im Reichstage, den Kanzler zu ersuchUO die Beschwerden, welche unter den Kaufleuten, Industriellen. Handwerkern, Lanb- wirthen über die Stempelsteuer von 1881 aus Schlußnoten, Rechnungen und die dazu gehörigen Ausführungs-Bestimmungen in allen Theilen des Reiches laut geworden find, eingehend prüfen zu lassen, besonders auf die Wirkung dieser Steuer, aus den Geschäftsbetrieb außerhalb des Börsenverkehrs zu unter* uchen und von dem Ergebniß dem Reichstage in der nächsten Session Rtitthei- lung zu machen.
— Die Entscheidung, ob das Reichsgericht definitiv in Leipzig verbleibt, steht bei Berathung überc die Position: „500,000 JL für den Bau eines Reichsjuftiz-Palastes in Leipzig" im Reichstage zu erwarten. Es wird ein Antrag auf Verlegung des Reichsgerichts nach Berlin eingebracht werden.
- Die Krankheit des Staatssecretärs Burchard ist so bedenklich, daß an nne rasche Genesung, welche ein baldiges Wiederausnehmen der Dienstgeschüfte gestatten würde, nicht zu denken ist. Somit fehlt für die nächste Zeit der natür- lichc Vertreter des Bundesraths bei den Etatsberathungen im Reichstage. Mit der Wiedergenesung des Staatssecretärs Bötticher geht es ebenfalls sehr lang- Mi, wie von Ansana an angenommen war.
Ltraßvurg, 19. Januar. Der Reich«tag«abgeorbnete für Straßburg, Kable, vrotesttlt in einem Schreiben energisch gegen die „irrthümliche Auslegung seine« Pro. Kamm« durch den mit diktatorischer Gewalt ausgerüsteten" Statthalter. Wicma!« beute „Action" Krieg, dessen Gräuel Straßburg schwer empfunden habe, sondern lediglich
unverdrossene Vcrtheidigung der Interessen des Heimathlandes, werkthätigen Anspruch aller Reckte und Freiheiten, welche einem civillsirten Lande nicht versagt werden dürfen. „Action" sei die 1878 erfolgte Correctur des früheren Schlagwortes „Abstention".
Krankreich.
Paris, 17. Januar. Im Hotel „Continental" versammelten sich gestern die Vertreter von einigen zwanzig Preßorganen aller politischen Schattirungen von Paris, um ein Comitö für die Unterstützung der überschwemmten Elsässer zu ernennen und über die geeignetsten Mittel, Hülfe zu schaffen, sich zu benehmen. Trotz deü Widerstandes der Minderheit wurde beschlossen, eine theatralische Vorstellung zu geben und die Spitzen der Künstlerwelt zur Vtttwirkung aufzufordern.
Lyon, 19. Januar. Anarchistenproceß. In dem heutigen Erkenntniß nahm der Gerichtshof das Vorhandensein eines Anarchistenbundes an, welcher den Charakter der Verbrüderung mit der Internationalen habe und darauf ausgehe, die Arbeitseinstellung, die Beseitigung des'Vaterlandes, des Eigenthums, der Familie und der Religion herbeizuführen. Gauthier, Bernard, Krapottin und Bordat wurden zu fünfmonatlichem Gefängniß, 2000 Frcs. Geldbuße, zehnjähriger Ueberwachung und Verlust der bürgerlichen Reckte auf 5 Jahre verurtheilt. Fünf Angeklagte wurden freigesprochen, die übrigen zu sechsmonatlichem und vierjährigem Gefängniß verurthellt. Bei der ÜrthellS-Publicatton wurden tumultuarische Zwischenfälle veranlaßt, namentlich durch die Frauen der Verurthellten. Die Soldaten stellten die Ruhe her. Die Fürstin Krapotkin verließ den Saal am Arme der Luise Rttchel.
Paris, 19. Januar. Der Minister be8 Innern, Fallieres, ist gegen jede Aus- > Hdfung von Prinzen, unb KnegSmimfttr Billor weift die verlangte DiSponibillsttung ber bienenben OrleanSprinzen zurück. Die republ'kaniscke Union will aber ber milderen, von bir Regierung acceptirten Fassung des Floquet'sckcn Antrags nur zustimmen, wenn die Pr nzen von Orleans au« ber Armee beseitigt werben. Man hält deßhalb eine Minister krisis für unoermeiblick. Es verlautet, Saussier solle Kriegsminister und Premier werden und Billot bas Commando Ehanzy's erhalten.


