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Beilage p Nr. 218 des „Giessener Anzeiger".
Feulschland.
Berlin, 16. September. Das von der deutschen Re chsregterung erlassene verbot der Einfuhr amerikanischen Schwein.fleisches tat das Washingtoner Staats- orpartement auf die vielfachen gesundheitsschädlichen Manipulat onen, die in dieser Handelsbranche von gewissenlosen Jnterissenten vorgenommcn wurden, gelenkt Es hi nunmehr von Regterungtzwegen die 9tteders tzung einer aus fünf Mitgliedern zu d ldcnden Sachoerslündtgen - Commission tn Aussicht genommcn, welche sich über die ^age und den Betrieb des Schweinefle'schgescl.äsiS gründlich unterrichten soll. Wenn d e projectirte Maßregel in der Thal zur Ausführung gelangt, so darf man einem sehr interessanten Bericht entgegensehen.
England.
London, 17. September. Die „Times" erwidert auf den jüngsten A tikel der „Nordd. Allg. Ztg", England wünsche mit Frankreich auf gutem Fuße zu leben, sei gleichzeitig aber auch Deutschland wohlgeneigt, England trachte nicht danach, mcki- inrische Bündnisse mit Frankreich oder Deutschland abzuschlnßcn, sondern biete beiden Staaten seine Freundschaft an, das Wohlwollen Englands sei keine Gabe, welche ein Volk in vernünftiger Stimmung gleichgültig beh md^la bü ff. Ohne diplomatische Verträge könnten Freundschaftsbündn sse zwischen Völkern geschlossen werden England könne nicht vergessen, daß es mit Deutschland Vieles gemein habe, ein starkes Deutschland biete der Welt eine Bürgschaft dafür, daß keine Macht den Freden so leicht stören werde, dos deutsche Reich habe seine Stärke gut angewcnbet, sein Einfluß sei tm Allgemeinen ein heilbringender gewesen und dies sei zumeist dem Kaiser W lhelm zu verdanken.
Die große Parade des 4. Armeekorps
fand am 14 ds. Mts. auf dem historischen Schlachtfelde von Roßbach bet dem Herr- 1 chsten Wetter vor dem Kaiser statt. Von nah und fern hatte das seltene militärische Schauspiel Zuschauer in großen Massen herbeigelockt. Schon früh am Morgen entwickelte sich auf den zum Paradelelde führenden Straßen ein buntes Leben. Von allen Seiten rückten die verschiedensten Truppentheile an. Lange Wagenzüge, vom primitiven Leiterwagen bis zum eleganten Vierspänner, Reiter und Fußgänger, All s strömte nach Roßbach. Von Merseburg gingen die kaiserlichen und prinzl chen Reitpferde unter Leitung von Stallmeistern nach Gr.-Kayna, woselbst die hohen Herrschaften zu Pferde steigen sollten. Dort waren auch die für die fremdiändlschen Officiere bestimmten Pferde vom 10. Armeekorps gestellt und von Kaoallerie^Ordonnanzen geführt, aufgestellt. Da im Hauptquartier Merseburg die zu den Manövern erschienenen fremdländischen Officiere nicht mehr einquartirt werden konnten, so waren di.selben in Naumburg untergebracht und gingen per Extrazug bis zur Station Corbetha, woselbst Extraposten die Herren nach Gr-Keyna brachten. Der Platz, auf dem die Parade stattsand, war nuf beiden Seiten des Denkmals zur Erinnerung an die Schlacht von Roßbach ausgesucht. Die Truppen hatten westlich des Denkmals mit der Front nach Gr.-Kayna Paradeaufstellung genommen, während der Vorbeimarsch östlich des Denkmals stattfand. Die Kriegerveretne, wohl in Sräike von 7000 Mann, waren zu beiden Seiten des Platzes, wo der Vorbeimarsch stattfand, in Linie ausgestellt. Das Commando derselben hatte der General von Köthen, zuletzt Commandant von Torgau, während des Krieges von 1870 Commandeur des Königs - Regiments. (Nach dem Abretten der Treffen begrüßte der Kaiser seinen alten Commandeur, tr bem er ihm freundlich die Hand reichte.) Zwei große Tribünen boten dem Publikum G l genheit, das Parade- Mb auf das Beste zu übersehen. Die Truppen standen in zwei Treffen, Infanterie, Jäger, Pioniere im ersten, Kavallerie, Artillerie und Train im zweiten Treffen. Die ganze Parat)' commandirte der commandirende General des 4 Corps von Blumenthal, das erste Treffen der General-Lieutenant v. Grolmann, das zweite der General der Covollerie Freiherr v. Salmuth. Am Hütten Flügel der Parade hatten sich aufgestellt: der Kronprinz, Prinz Wilhelm, Prinz Friedrich Karl, Prinz Albrecht, Herzog von Koburg-Gotha, Herzog von Altenburg, Herzog von Anhalt, Fürst Schwarzburg Rudolstadt, Fürst Reuß f. L. Außerdem bemerkten wir Gmeral-F ldmarschall Graf Mottke, die Generale von Franseck', v Treskow, v. Zychttnski, v. Bredow, den General Stolberg-Wernigerode in der Uniform der Garde du Corps, und von fremdländischen Osfi- cieren den französischen General Baron de Lannay, z. Z. Commandeur der 5. Division (im Feldzug 1870 war der General Commandeur des 19. Infanterie-Regiments und gerieth bei der Kapitulation von Metz tn Gefangenschaft), den österreichischen General Freiherrn von Waldstätten, Commandeur der 6. Infanterie-Division (während des Feldzugs tn Bosnien nahm die Brigade Waldstätten hervorragenden Anlh il an den Kämpfen an der Bosna), den italienischen General Ernesto Gmdotti (tm Feldzug 1866 Generalstabschef des General Medici), den englischen General Sir Drury Lowe (führte zuletzt die englische Kavalleriediviston in Aegypten). Die Truppen waren bereits um 9 Uhr in's Alignement gerückt; die Infanterie, im Paradeanzug mit weißen Hosen und Tornister, stand bataillonsweise in Compagniefrontcolonne, Kavallerie in Escadrons- colonne, Artillerie und Train in Linie. Der Kaiser traf, begleitet vom General- Lieutenant Graf Lehndorff kurz vor 10 Uhr in Gr. Keyna ein, bestieg dort sein Leib- pferd Alexander und setzte sich nach dem rechten Flügel der Paradeaufstellung tm kurzen Galopp in Bewegung. Nachdem der General v. Blumenthal den Frontrapport überreicht und der Kaiser die Fürstlichkeiten und fremdländischen Officiere begrüßt hatte, begann das Abreiten der Treffen. Während dieser Zeit hatten die Truppen sich bereits zum Parademarsch formirt. Derselbe fand zuerst bet der Infanterie tn Com- pagniefront, bet der Kavallerie in Halbescadrons, bei der Artillerie in Battericfront, beim Train, der eine Pontoncolonne bespannt hatte, in Compagniefront statt; der zweite Vorbeimarsch für die Infanterie in Regimentscolonne, Kavallerie, Artillerie und Train im Trabe. Bei den Vorbeimärschen führten die Chefs ihre Regimenter, die Generale a la suite cotoyirten die betreffenden Regimenter. Nach Schluß der Parade besichtigte der Kaiser noch die Kriegervereine, verschiedentlich Dekorirte begrüßend und ansprechend. Der Staub war kolossal, aber der hohe Herr ließ sich durch nichts beirren und erst nach 1 Uhr wurden die Wagen bestiegen.
Vermischte».
Darmstadt. Die von den Großh. Kreisämtern aufgestellten Uebersichten über die im Jahre 1882 in entgeldlicher Pflege befindlich gewesenen Kinder unter 6 Jahren weisen deren Gesammtzahl zu 1536 und damit fast genau so viele als tm Jahre 1881 mit 1540 auf; es entfallen davon auf Starkenburg 859, auf Oberhessen 335 und auf Rheinhessen 442. Von der Gesammtsumme aller Pflegekinder waren ihrer Abkunft nach eh.-liche 461 (gegen 499 tn 1881) und uneheliche 1075 (1041). — Von ihren noch lebenden Eltern oder einem Elterntheil tn Pflege gegeben waren 1113 (1120) Kinder unb bavon eheliche 193 (225) unb uneheliche 920 (895). Waisen, bezw. Lanbes- waisen würben gezählt 100 (95), bavon eh l'che 87 (86) unb uneheliche 13 (9). Auf bem Wege ber öffentlichen Armenpflege in Pflege gegeben waren unb zwar einschließlich der ausländischen Waisen 323 (325) und von diesen eheliche 181 (188) unb uneheliche 142(137). Was de Heimathsverhältnisse ber von ihnen noch lebenben Ellern ober einem Elterntheil in Pflege gegebenen Kinder anlangt, so waren von diesen insgesammt 1113 Pfleglingen am Pfl gorte ortsangehörsg 395, davon eheliche 71 unb uneheliche 334. Ortsfremde inländische Kinder wurden gezählt 341, eheliche 69 und uneheliche 272 ortsfremde ausländische Kinder 377 unb davon eheliche 53 und uneheliche 324. — Die Zahl ber im Laufe bes Jahres abgegangenen Pflegekinder belief sich auf 457. Von diesen waren mit Vollendung des 6. Lebensjahres auS der Ueberwachung entlassen 155 K'nder ober 10 pCt. aller Pfleglinge. Durch Wegzug, Uebergang tn andere ent- g'ldliche Pflege außerhalb des Kreises ober in unentgelbltche Pflege ober zu ben Eltern rc. vor Vollendung des 6. Lebensjahres abgegangen waren 202 Kinder. Mit Tod abgegangen waren 100 Pflegekinder (eheliche 14 unb uneheliche 86) überhaupt 6,5 pCt. aller Pfleglinge gegen 6,3 pCt. 1881. Am Jahresschluß waren in Pflege verblieben 1079 Pflegekinder, damit hatte der Gesammtdestand der Pfleglinge eine Verminderung um 30 pCt. erfahren, wovon auf Abgang aus ber Pflege mit vollenbetem 6. Lebensjahr 10,0 pCt, auf Wegzug rc. vor diesem Zeitpunkt 13,2 pCt. unb auf Abgang durch Tob 6,5 pCi. entfallen. — Was bte Sterblichkeit anlangt, so erreichte dieselbe unter den Pflegekindern den höchsten Betrag tm Kreise B ngen. ES starben daselbst von den Pflegekindern überhaupt 16 pCt., von den ehelichen 6,3 pCt. und von den unehelichen 21,4 pCt Jrn Kreise Mainz war die Mortalität 15 pCt., dann folge' die Kreise Darmstadt, Heppenheim, Offenbach und Gießen mit einer Sterblichkeit oe- 7—9 pCt., während in den Kreisen Friedberg, Alsfeld, Büdingen, Lauterbach utr Erbach Sterbfälle bei Pflegekindern überhaupt nicht vorkamen. — Während in den Kreisen Mainz, Bensheim, Darmstadt, Groß-Gerau und Offenbach auf etwa 400 Einwohner der Civilbevölkerung ein Pflegekind gezählt wurde, entfällt tn den Kreisen Büdingen, Alsfeld und Alzey erst auf 12—14,000 Einwohner ein Pflegekind.
Frankfurt, 16. September. In der Husarenkaserne zu Bockenheim hat sich nach dem „B- A." am Freitag Nachmittag zwischen 1 und 4 Uhr ein Soldat im Arrest erhängt. Derselbe hatte einem Kameraden 20 «A gestohlen, war Überfühlt worden und sah wohl keinen angenehmen Tagen entgegen.
München, 14. September. Die Dampftrambahn von hier nach Nymphenburg hat gestern bereits ihr zweites Opfer seit der kurzen Zeit ihres Bestehens gefordert, indem ein 9jähriger Knabe beim Ueberschreiten bes Geleises von der Maschine erfaßt unb sofort gelobtet wurde. Da die Gefahr sich mit dem Eintreten bes Winters ganz erheblich vergrößert, so tritt an alle zuständigen Stellen, Behörben, Eltern unb Lehrer, bte bringenbe Pflicht, unablässig zur größten Vorsicht beim Ueberschreiten ber Geleise zu mahnen, bie Behörde dürfte aber außerdem auch ernstlich zu untersuchen haben, ob nicht durch die gegenwärtige Art des Betriebs, Fahrgeschindigkeit, Signale rc. bas Vorkommen von Unglücksfällen begünstigt wirb. Uns scheint in letzterer Beziehung bisher noch nicht Alles gethan zu sein, was geschehen könnte. Es wäre sehr zu beklagen, wenn bas an unb für sich so begrüßenswerthe Unternehmen burch häufigere Unglücks fälle bei bem Publikum in Mißkrebit käme. — Im hiesigen Milttärgefängniß hat sich, ber „Gerlchtsztg." zufolge, gestern ein Solbat bie Adern geöffnet; derselbe wurde in das Lazartth verbracht.
* Die diesjährige Entlassung ber zur Reserve zu beurlaubenden Mannschaften bet ben an ben Herbstübungen theilnehmenben Truppen erfolgt am ersten ober, zweiten Tage nach Beenbigung biefer Hebungen ober nach bem Eintreffen in ben Garnisonen. Für alle Truppentheile aber, mit Ausschluß des pommerschen und schleswig-holsteinischen Fußartillerie-Regiments (welche schon am 31 v. Mts. entlassen wurden) ist ber 29. b. M. ber späteste Entlassungstag ber Reservisten. Die zu halbjähriger aktiver Dienstzeit eingestellten Trainsoldaten werben am 31. Oktober dieses unb 30. April fünft'gen Jahres, bie Otkonomiehanbwerker am 29. ds. Mts. entlassen. Die Beurlaubungen zur Disposition ber Truppentheile (sog. Königsurlaub) erfolgen in btefem Herbst an ben Terminen zur Entlassung ber Resermsten unb bie Zahl ber zu Beur- laubenben wirb von ber Zahl ber einzustellenben Rekruten abhängen.
Rüb es heim, 14. September. Gestern unb heute würben bte 3 Gußtheile bes großen Hauptreliefs auf den Niederwald befördert. — Hatte schon das ©ettenreltef „Kriegers Abschied" durch seine herrliche Darstellung der rührenden Trennungsscenen überrascht, so findet tn noch höherem Grade die lebendige Wirkung der zahlreichen Porträts enthaltenden Figuren des Hauptreliefs unsere volle Bewunderung. Der mittlere Haupitheil mit der Reiterstatue Kaiser Wilhelms, sowie die heute eingetroffene „Rbein- und Moselgruppe" sind von Herrn C. A. Bierling in Dresden, die Seiten- theile von ber Gießerei Lauchhammer bafelbft gegossen, letztere Firma hat auch ben gestern bereits ausgestellten riesenhaften Adler geliefert — Von Seiten bes Comitös wird auf vielseitigen Wunsch eine „Germania-Verloosung" veranstaltet werden, zu welcher als Hauptgewinne von Herrn Professor Schilling modellirte, bei Herrn H. Gladenbeck und Söhne in Berlin gegossene Denkmal-Statuen (ca. 1 Meter hoch) angeschafft worden. Die Lotterie hat den Zweck, einen Beitrag zu den der Stadt Rüdesheim durch das Fest erwachsenden gewaltigen Unkosten zu liefern, gleichzeitig aber durch die Verbreitung der zahlreichen und werthvollen Gewinne, welche sich alle aufs Denkmal beziehen müssen, das Interesse für das große Nationalwerk im deutschen Volke noch mehr als seither zu wecken und nähren. Bekanntlich hat hierzu die Verbreitung der Photographien des Denkmals schon sehr viel beigetragen.
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