Berlin, 14. Juli. Der Kaiser hat seine Abreise von der Mainau um 24 Stunden verschoben und wird erst Montag Mittag die Mainau wieder verlassen. , .
— Prinz Wilhelm empfing Vormittags im Schlosse tue Glückwünsche des Staatsministeriums anläßlich der Geburt seines zweiten Sohnes.
— Se. Maj. der Kaiser hat die kirchenpolitische Novelle am 11. d. Mts. Allerhöchst genehmigt und vollzogen.
Hesterreich.
Wien, 14. Juli. Der Graf von Paris und die übrigen Prinzen von Orleans sind heute Nachmittag nach Paris zurückgekehrt. — Der Oberbaurath Baron Ferstel ist heute Abend gestorben.
Nyiregyhaza, 14. Juli. Tisza - Eszlarer Proceß. Dr. Stanislaus Horvath, der dritte jener Aerzte," welche der ersten Leichenschau und Obduction beiwohnten, hält bei seiner Vernehmung an dem Inhalte des Obductionsproto- kolles fest; obgleich er viele Wasserleichen secirt hat, fo hat er doch niemals eine Wasserleiche von solchem Aussehen gefunden. — Am Dienstag findet eine Localbesichtigung in Eszlar statt. _ , .
FrohSdors, 13. Juli. Der Schwächezustand des Grafen Chambord hat zugenommen, in der vergangenen Nacht hatte der Gras einen Ohn- machtsanfall.
Ararrkreich.
Pari-, 14. Juli. Die alljährlich am heutigen Tage stattfindende Truppenrevue wurde Nachmittags im Bois de Bologne abgehalten und verlief in größter Ordnung. Der Präsident Grövy und die Minister wurden bei der Ankunft auf dem Paradeplatz von der zahlreichen Volksmenge mit Hochrufen aus die Republik begrüßt. Als die Truppen vor Gr6vy vorbeidefilirten, brach die Menge abermals in Beifallsrufe aus.
Paris, 14. JuU. Unter Thetinahme des Präsidenten des Mumzipalraths, des (Seinenlärdicn, der Senatoren und Deputtrten von Paris, sowie einer sehr großen Volksmenge hat heute Vormittag 9 Uhr die feierliche Enthüllung der Statue der Republik auf der Place du Chateau d'Eau ftattgefunden. Der Seinepräfekt wies in feiner Rede darauf hin, daß die Statue der jetzigen Republik einen Olivenzweig in der Hand holte, um anzuzeigen, daß die Zeit der Grausamkeiten vorüber sei, das allgemeine Stimmrecht sei an die Stelle der revolutionären Aktion getreten, die jetzige Republik müsse ihre (Starte aus dem Rechte schöpfen. Die Republik, in diesem Sinne verstanden und geleitet, werde friedlich ihre Geschicke verfolgen, indem sie die ohnmächtigen Drohungen ihrer Gegner mit Verachtung zmückweise. Die französische Nation wolle ihren Willen nicht anderen Völkern auferlegen, sondern verlange nur frei und geachtet für sich zu leben, kein Opfer werde ihr zu groß sein zur Aufrechterhaltung chrer Unabhängigkeit. Nach einer wetteren Rede des Präsidenten des Muniztpalraths, welcher sich über die muniztpalen Freiheiten von Parts verbreitete und auch auf eine zu erlassende Amnestie htndcutete, folgte die Enthüllung der Statue, welche von den Thetlnehmern mit dem Rufe: „Es lebe die Republik!" begleitet wurde. Auch der Ruf: „Es lebe die Amnestie!" wurde von einzelnen Seiten hörbar. Dte Stadt hat aus Anlaß der Nattonalfeter festlichen Flaggenschmuck angelegt, in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen ist reges Leben, das Wetter ist zweifelhaft.
Kngkand.
London, 14. Juli. Wie dem „Standard" aus Hongkong vom 13. d. Mts. gemeldet wird, sind 3000 chinesischer Truppen von Canton nach Ganchan, an der Grenze von Tongking, beordert worden.
Spanien.
Madrid, 14. Juli. Die amtliche „Gazeta" veröffentlicht eine Verfügung der Regierung, durch welche angeordnet wird, alle Provenienzen aus England einer strengen Beobachtung zu unterziehen, da die englische Regierung keine Vorsichtsmaßregeln gegen die Einschleppung der Cholera getroffen.
Außlavd.
Petersburg, 14. Juli. Der nach Tomsk verbannte frühere Intendant des Rustschuk'schen Detachements, Makschejeff, ist Allerhöchst begnadigt worden.
Aegypten.
Alexandrien, 14. Juli. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus.") Während der letzten 24 Stunden bis gestern Abend 7 Uhr sind in Damiette 38, in Mansurah 57 und in Samanud 15 Personen an der Cholera gestorben.
Asten.
Simla, 14. Juli. Es geht hier das Gerücht, Marquis von Ripon habe der englischen Regierung telegraphisch seine Demission als Vicekönig von Indien eingereicht.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Correspondenz-Bureau.
Paris, 15. Juli. Gestern Abend veranlaßte in Roubaix eine Bande von 300 Anarchisten Ruhestörungen und versuchte in das Rathhaus einzudringen. Ein Polizeicommissar wurde verletzt, sechs Verhaftungen wurden vorgenommen.
Dresden, 15. Juli. Der Präsident des evangelisch-lutherischen Landes- Consistoriums, v. Uhde, ist gestern Abend gestorben.
Kairo, 15. Juli. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus.") In -Ghizeh, einer Vorstadt von Kairo, kamen 5 Cholera-Todesfälle vor. Ghizeh ist deshalb durch einen Sanitätscordon abgesperrt worden.
Alexandrien, 15. Juli. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus"). In den letzten 24 Stunden starben in Damiette 43, in Mansurah 51, in Shirbin 6, in Menzaleh 20, in Talka 3, in Chobar 13 Personen an der Cholera. Während der letzten 12 Stunden kamen in Samanud 10, in Shibin- et-Kom 2 und in Zisteh 2 Cholera-Todesfälle vor.
Sprottau, 15. Juli, In vielen Orten des Kreises haben gestern und vorgestern schwere Gewitter, verbunden mit orkanartigem Sturm, großen Schaden angerichtet, in mehreren Ortschaften hat der Blitz eingeschlagen, die Papierfabrik in Eulau ist niedergebrannt.
A^ew-Nork, 15. Juli. Nach hier eingegangenen Nachrichten haben andauernde starke Regengüsse in mehreren Districten der westlichen Unionsstaaten großen Schaden gethan, der Staat Missouri wurde von heftigen Stürmen heimgesucht, welche große Verheerungen anrichteten.
Pestd, 10. Juli. (Privat-Depesche). Bei der Feuersbrunst, welche die Stadt Liptos - Centmiklos und das Dorf Verbicza am 13. ds. verheerte, _bubten mete Menschen ihr Leben ein; ferner sind gegen 20 Menschen vermißt.
Gestern wurden 8 der Verunglückten beerdigt; unter den Opfern befindet sich auch der Stadthauptmann.
Lokales.
Gießen, 16. Juli. [14. Mittelrheinisches Turnfest.^ So wett es uns heute möglich in, berichten wir über das bis jetzt verlaufene Fest, einen ausführlicheren Bericht uns cvent. vorbehalter d:
I. Turntag. Samstag Nachmittag IVa Uhr fand eine Sitzung des Kreisausschusses statt, der sich unmittelbar der 43. Mittelrh. Turntag unter Vorsitz Reuters- Darmstadt anschloß. Vertreten waren 61 Vereine mit 94 Stimmen. Dem ersten Punkt der Tagesordnung: „Aufnahme neuer Vereine", folgte , der Antrag des Turngaues Hessen auf Einführung eines einheitlichen Lehrbuches für die Freiübungen , der einer ernannten Kommission zur weiteren Ausarbeitung überwiesen wurde. Hierauf wurde dann nach längerer Diskussion auf Antrag des Turnvereins Gießen, folgende Resolution gefaßt: „Der Turntag möge den Kreisausschuß beauftragen, an sämmtliche Staaten, die im Mittelrheinkreis vertreten sind (Preußen, Bayern, Hessen, Oldenburg rc.) eine Petition zu richten, um obligatorische Einführung des Turnunterrichts an den Fortbildungsschulen aller jener Orte, deren lokale Verhältnisse dies gestatten. Punkt 4 betraf Nechnnngsablage aus 1882, erstattet durch Gießen- Frankfurt. Die Einnahmen beliefen sich auf vH. 1465, die Ausgaben auf 1448 «H. Hierauf folgte die Wahl der Rechnungsrevisoren. Die Wahl des Festorts für 1884 rief eine längere Diskussion hervor, da ein Antrag des Wiesbadener Turnvereins, das, nächstjährige Fest zu übernehmen, vom Kreisausschuß abgelehnt worden war, da die zwei weiteren, dort bestehenden Turnvereine vom Mitarrangement und von der Theilnahme am Feste dann ausgeschlossen sein würden. Kreuznach bewarb sich sehr um das Fest; schließlich wurde vom T«rntage beschlossen, das 15. Mittelrh. Turnfest 1884 Wiesbaden zu übertragen^ wenn die drei dortigen Vereine dasselbe vereint übernehmen und dies bis zum 15. August dem Kreisausschuß schriftlich angezeigt ist. Geschieht das nicht, so geht das Fest an Kreuznach über. Nach dreistündigen Debatten schloß um 6 Uhr der Turntag mit einem „Gut Heil" auf den Mittelrheinkreis und das Gelingen des 14. Mittelrh. Turnfestes. — Man schritt hiernach zur Bildung des Preisgerichts. Der vorjährige Obmann Stahl-Offenbach eröffnete die Sitzung und wurde Demuth-Gießen einstimmig zum Obmann erwählt. Außerdem fungiren bei dem Preisturnen 22 Preisrichter, welche von den einzelnen Gauen gewählt wurden. Als volksthümliche Geräthe wurden bestimmt: Stabhochsprung, Gewichtstemmen und Weitsprung.
II. Das Banket am Samstag Abend: .Unter den begeisternden Klängen eines von Herrn'.Capellmeister Kr auss e componirten und von der Kapelle des 2. Großh. Hess. Jnf.-Reg. Nr. 116 exact ausgeführtev Turnermarsches „Gut Heil!" füllte sich dte große, architektonffch schöne und prächtig geschmückte Fefthalle rasch bis zum letzten Platze. Die gelungene Durchführung des gesammten Concert - Programms verdiente und erhielt den allgemeinen uud stürmischsten Beifall, welcher ihr wiederholt gezollt wurde, und trug sicherlich nicht wenig zur gehobenen Feststtmmung bei, welche alle Theilnehmer des Bankeis zu erfüllen schien.
Obwohl die Turner feine Preise im Rednertournier erstreben, so durften doch einige patriotische und festtägliche Reden nicht fehlen. Dieser Aufgabe unterzog sich zunächst Herr Reallehrer Schmuck, erster Sprecher des Gießener Turnvereins. Aus seiner von edler Vaterlandsliebe und warmer Begeisterung für das Turnwesen getragenen Rede heben wir nur einige wesentlichen Punkte hervor:
Herr Schmuck hieß vor Allem die Turner des Mittelrheinkreises herzlich willkommen in der Feststadt Gießen, welcher die Turneret, die holde Tochter Jahns, die der Turner zur Braut erkoren, nicht fremd sei. „Was ist es", rief er dann aus, „was Euch bergeführt aus allen Gauen unseres Kreises, von den rebenbegrenzten Hügeln des Rheins bis hinauf zu den bewaldeten Höhen des Vogelsbergs, von den lieblichen Thälern der Mosel bis hinüber nach den lachenden Fluren, die der Main durchwindet. Es ist jener Hochgedanke unseres Turnvaiers, der ihm das Morgenroth seiner Jugend war, der Sonnenschein seiner Manneskraft und der Abendstern, der ihn zur ewigen Ruhe geleitete — der Hochgedanke der deutschen Einheit- Die Turner haben das Banner nationaler Einheit festgehalten in trüben Tagen, sie stehen auch heute noch treulich ihm zur Seile. Zwar sind die Säulen aufgerichtet, die den Bau des neuen Reiches tragen, aber was geschaffen ist, mutz auch erhalten werden. Wenn die Liebe zum gemeinsamen Vaterlande schwindet und die Keile der Zwietracht zwischen die Stämme unseres Volkes sich schieben, dann sinkt der Bau in Trümmer. Darum sei der erste Wahlspruch, den unserem Fest wir widmen, des Dichters Wort:
„An's Vaterland, an's theu're, schließt Euch an, Das haltet fest m>t Eurem ganzen Herzen!"
Der Redner stellte dann die Turnkunst in ihrer Bedeutung für das Vaterland dar und schloß mit einer Aufforderung an die Bewohner Gießens, dte Turner des Mittelrheinkreises mit einem freudigen „Gut Heil!" zu begrüßen.
Der zweite Redner, Herr Emil Reuter aus Darmstadt, der Vertreter des Mittelrheinkreises, welcher d'e Turnfeste im Jahre 1862 und 1874 in Gießen mitgefeiert hat, preist Gießen als die Stadt, welcher man ein Unternehmen, wie ein Turnfest, vertrauensvoll in die Hände legen könne. Seine Erwartungen seien bei jedem Turnfeste in Gießen übertroffen worden, nicht am wenigsten bei dem gegenwärtigen. Der Redner geht hierauf mit einigen Worten zu den Bestrebungen der Turner über und freut sich, daß sie in Gießen so guten Anklang finden. Er glaubt daß Gießens Frauen und Jungfrauen einen Antheil am Gelingen des Festes haben, und läßt sie hoch leben.
Der dritte Redner, Herr Gießen aus Frankfurt, verstand es trefflich, mit einer Anspielung auf seinen Namen beginnend, zwischen der Thätigkeit einzelner Comitäs besonders des Wohnungscomite's und derjenigen der Frauen eine für letztere sehr günstige Parallele zu ziehen, welche reich an munteren Einfällen und guten Witzen war. Auch der Concurrenz der Musensöhne und Turner gegenüber den holden Damen Gießens wurde gedacht mit feinen, die allgemeine Heiterkeit herausfordernden Anspielungen. Bei den großen Sympathien des Redners für die Schönen Gießens konnte es nicht fehlen, daß er sie schließlich auch mit Gießens Bürgern hoch leben ließ.
Der vierte Redner rühmt die Turnerei als eine nationale Sache, die in keinem Lande so gepflegt werde, rote in Deutschland. Er kommt bann im Besonderen auf das Fest-Cornite zu sprechen und bringt ihm ein dreifaches „Gut Heil!" aus.
So nahm das Banket einen würdigen und schönen Verlauf. Als wir die Festhalle verließen, herrschte jene urgemüthliche Stimmung vor, die eine nothwendtge Folge allgemeiner Befriedigung zu fein pflegt.
III. Der Festsonntag: Du hast Recht gehabt, alter Turnvater Jahn, mit deinem Festgruß „Gut Heil", als du sagtest, daß er Geltung habe in Alldeutschland und ein Erkennungszeichen sei für Deutschlands gesammte Turner. Sie haben sich heute wieder erkannt in diesem Gruß die Turner des Mittelrheinkreises, die herbeigeeilt sind aus den Gauen des Rheines und Maines, aus dem Lahnthal, der Wetterau und dem waldigen Vogelsberg. r
Schon in aller Sonntagsfrühe trafen Turner 'und Gäste, namentlich mit den Oberhessischen Bahnen ein und wurden freudig begrüßt von den Vertretern der Comitss und empfangen unter den Klängen unserer Regiments-Musik. Daß der Besuch aus Oberhessen ein ganz gewaltiger war, konnte man an den Transportmitteln ersehen. Auf dem Bahnhof der Oberhessischen Bahn gewahrte man unter Anderem ben er- heiternben Anblick, daß ein Zug einlief, dessen sämmtliche Viehwagen voll gepfropft mit Ffftgä'ten war, von denen man nichts als die Köpfe sah.
Gegen 9 Uhr brachte uns ein Extrazug die Gaste aus Frankfurt, die sich ihre eigene Musik mitgebrocht hatten: kurz vor 10 Uhr trafen die Turner aus Mainz em und als die Züge um 11V2 Uhr anlangten und Hunderte von Turnern hier zurück- ließen, wimmelten die Straßen unserer Stadt von Menschen.
Die eingetroffenen Turner begaben sich zunächst nach ihren Standquartieren und nahmen dort ihre Quartierzettel entgegen-
Wer um die Mittagszeit einen Spaziergang durch die Straßen machte, war überrascht von dem Anblick der prachtvoll geschmückten Häuser, die in Tannenbäumm, Kränzen, Fahnen und Guirlanden völlig eingehüllt waren; nicht minder Überrascht aber über das Gewühl der Menschen, die sich in den Straßen bewegten.
Kurz nach 1 Uhr marschirten die einzelnen Turnvereine in musterhafter Ordnung nach dem Wallihor, wo der Festzug aufgestellt wurde. Hier hatte nun der Fest- Turnwart C- Demuth seine liebe Noth und Arbeit, bis die Vereine gestellt und geordnet, die Musikcorps vertheilt waren und Jedermann seinen Platz inne patte. Zur festgesetzten W leiste sich der imposante Zua in Bewegung, der von^errx.
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