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Beilage Nr. 265 des „Gießener Anzeiger".
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 13. November.
Der deutsche Kronprinz ist in Begleitung der Frau Kronprinzessin am Freitag früh von seinem Herbstausenthalte in Wiesbaden wieder in Berlin eingetroffen. Er ist gerade noch zur rechten Zeil nach Berlin zurückgekehrt, um beim Abschied des österreichischen kronprinzlichen Paares zugegen zu sein; dasselbe hat am Freitag Abend die deutsche Kaiserstadt wieder verlassen, um nach Wien zurückzukehren. Jedenfalls nehmen die hohen österreichischen Gäste die angenehmsten Erinnerungen an ihren Besuch am Berliner Hofe in die Heimath mit, da sie sowohl Seitens des Kaiserhofes, wie Seitens der Bevölkerung der deutschen Reichshauptstadt sich einer ebenso glänzenden wie herzlichen Aufnahme zu erfreuen hatten und so wird denn der Besuch des österreichischen Thronfolger- paares am Berliner Hofe ein weiteres bedeutsames Glied in der Kette jener so überaus freundschaftlichen Beziehungen bilden, welche seit Langem zwischen den Kaiserfamilien Deutschlands und Oesterreichs, wie zwischen den beiderseitigen Regierungen obwalten. — Der deutsche Kronprinz aber ist nur in Berlin eingetroffen, um daffelbe in diesen Tagen als der Träger einer bedeutungsvollen Mission wieder zu verlassen. Er ist von seinem kaiserlichen Vater beauftragt, in feinem Namen dem Könige Alfonso in Madrid einen Gegenbesuch zu machen und wirv sich Kronprinz Friedrich Wilhelm zu diesem Zwecke in Genua einschiffen und drei deutsche Kriegsschiffe haben Ordre erhalten, den deutschen Thronerben nach der spanischen Küste zu geleiten. Man darf versichert sein, daß sich der deutsche Kronprinz vom Madrider Hofe, wie von der spanischen Bevölkerung eines glänzenden Empfanges zu gewärtigen haben wird; schon in Hinblick auf die mannigfaltigen Auszeichnungen, welche König Alfonso während seiner Anwesenheit in Deutschland zu Theil geworden sind. Die Reise des Kronprinzen ist ein neues in die Augen springendes Zeichen für die guten Beziehungen, welche sich zwischen Deutschland und der spanischen Monarchie herausgebildet haben und die Umstände, unter denen sie erfolgt, geben ihr einen bedeutsamen politischen Charakter. Der deutsche Kronprinz wird auf seiner spanischen Reise u. A. auch vom commandirenden General des 4. Armee-Corps, Grafen Blumenthal, begleitet sein; die Escorte des Kronprinzen werden die Schiffe „Prinz Adalbert", „Sophie" und der Aviso „Grille" bilden.
Die Lutherfeier ist, soweit uns bekannt, allerorten ohne einen Miß- klang verlaufen und an vielen Orten gestaltete sie sich zu einer wahrhaft imposanten Kundgebung des von Luther geweckten freien deutschen Volksgeistes. Die ganze Lutherbewegung hat ohne Zweifel eine starke Belebung und Kräftigung des protestantischen Bewußtseins in Deutschland mit sich gebracht und steht es zu hoffen, daß diese Bewegung auch ihre Früchte tragen und namentlich dazu beitragen wird, daß sich die einzelnen Richtungen innerhalb des Protestantismus wieder mehr zusammenfinden. Eigenihümlich berührt es, daß gerade in den Tagen des Lutherfestes ein Zug der römischen Kurie bekannt wird, der zeigt, wie wenig mau im Vatikan zu Zugeständnissen an Preußen geneigt ist. Herr v. Schlözer, der Vertreter Preußens beim Vatikan, hatte Namens seiner Regierung die Resignation der abgesetzten Erzbischöfe von Köln und Posen verlangt, vom Kardinals-Collegium ist indessen diese Forderung zurückgewiesen worden und man wird in Berlin über diese schroffe Haltung des Vatikans schwerlich erbaut sein.
Die königliche Verordnung, durch welche der preußische Landtag auf den 20. November einberufen wird, ist nunmehr vom „Reichs- und Staats- Anzeiger" publicirt worden, lieber die Vorlagen, welche den Landtag beschäftigen werden, herrscht noch immer einigerinaßen Ungewißheit; zunächst wird er sich allerdings mit der Feststellung des Etats, der Eisenbahn-Verstaatlichungs- Vorlagen und einigen Gesetzentwürfen von nur provinziellein Interesse zu beschäftigen haben; welche Arbeiten ihn dann aber in Anspruch nehmen werden, ist noch unbekannt und wäre eine baldige Aufklärung hierüber jedenfalls sehr wünschenswerth.
Jedesmal, wenn sich in Wien die gemeinschaftlichen Delegationen versammeln, kommen bei dieser Gelegenheit auch die Angelegenheiten der „Reichslande" Bosnien und Herzegowina zur Sprache. Auch diesmal ist dieses der Fall gewesen und zwar wurden die bosnischen Angelegenheiten m einer der letzten Sitzungen der ungarischen Delegation verhandelt. Der Reichs-Flnanz- minister v. Kallap, welchem die occupirten Provinzen unterstehen, gab über die Lage in Bosnien eine längere Erklärung, welche die dortigen Zustände im Allgemeinen als befriedigende bezeichnet. Die Steuern gehen regelmäßig em, das
Räuberunwesen hat fast ganz aufgehört und die Rekrutirungen gehen regelmäßig vor sich. Trotzdem bedauerte aber Herr v. Kallap, einen materiellen Fortschritt des Reichslandes nicht constatiren zu können, woran er die Schuld dem Umstande gab, daß sich die österreichischen Kavitalskräste von Bosnien fern halten. Hoffentlich werden die von der Regierung in den occupirten Provinzen geplanten Eisenbahn-Unternehmungen ihnen auch zu wirthschastlichem Aufschwünge verhelfen.
Das Cabinet Ferry hat jetzt einen neuen parlamentarischen Erfolg zu verzeichnen und zwar diesmal auf dem Gebiete der Innern Politik. In ihrer Sitzung vom 8. November beschloß die französische Deputirtenkammer und zwar mit 379 gegen 110 Stimmen, den Antrag des radikalen Abg. Lacroix, betr. die Herstellung einer autonomen Verwaltung der Stadt Paris, nicht an die Commission zu verweisen, welcher Beschluß einer Ablehnung gleichkommt ; Lacroix zog auch wohlweislich seinen Antrag zurück. Ein anderer Pariser radikaler Abgeordneter, Telasorge, verlangte das für die andern Städte geltende Recht auch für Paris, welchen Antrag der Minister des Innern, Waldeck- Rousseau, energisch bekämpfte; die Debatte hierüber wurde schließlich vertagt. Bei der fortgesetzten Berathung des Municipalgesetzes wurde schließlich ein Amendement angenommen, welches oer Regierungs-Vorlage entspricht.
Die in England vor Kurzem stattgefundenen Gemeindewahlen haben den Conservativen einen nicht unbeträchtlichen Gewinn von Sitzen verschafft, so daß man in England ganz gut von einem Wiedererstarken des „conservativen Hauches" sprechen könnte. Auf conservativer Seite ist man denn auch in sehr gehobener Stimmung und hofft zuversichtlich auf den Sieg bei den nächsten allgemeinen Wahlen zum Parlamente. Indessen dürfte derselbe noch nicht so leicht gewonnen sein, als man sich im torpstischen Lager einbildet und werden die conservativen Führer im Parlamente und die conservativen Wander- redner noch große Anstrengungen machen müssen, um in dem 1884 bevorstehenden großen Wahlkampfe den Sieg an ihre Fahnen zu fesseln.
Aus Italien signalisirt man Veränderungen im Cabinet dr Pretis. Der Marine-Minister Acton, welcher sich schon seit längerer Zeit wegen verschiedener Fragen der innere Politik im Widerspruch mit der Mehrzahl seiner Collegen befindet, beabsichtigt zu demissioniren und versichert man, daß der Minister für Handel und Ackerbau, Berti, sowie der Justizminister Savelli dem Beispiele Acton's ebenfalls folgen würden. Zugleich wird aber betont, daß die theilweisen Veränderungen im Cabinet keinen Wechsel tm Präsidium und in der Leitung des Finanzministeriums, welche beiden Posten de Pretis bekleidet, nach sich ziehen würden.
In Egypten geht der Aufstand des „falschen Propheten" seinem Ende entgegen. Zwar hat sich die Nachricht, daß er im Kampfe mit den gegen ihn ausgesendeten egyptischen Truppen gefallen sei, noch nicht bestätigt, wohl aber eine andere Nachricht, daß fein Heer eine empfindliche Niederlage erlitten hat, in Folge deren sich die aufständischen Negerstämme in der Provinz Cor- dofan wieder der Botmäßigkeit des Khedive unterworfen haben.
Vermischtes.
München, 9. November. Heute Vormittag machten mehrere hervorragende Fachmänner, darunter Piosessor v. Pettenkofer und Professor Bayer, den Versuch, die Flecken von dem Liebig-Denkmal zu entfernen. Leider war der Erfolg dieses Versuchs ein sehr mäßiger, indem es nur gelang, die Jntenstvität der Flecken einigermaßen abzuschwächen. Jndeß sprachen die Sachverständigen die Hoffnung aus, es werde allerdings nur durch ein langwieriges Verfahren, doch schließlich gelingen, die durch Bespritzung mit einer complteirten Säure bewerkslelllgte Besudelung gänzlich zu entfernen. Die k. Polizeidireetion und der Magistrat haben gemeinschaftlich eine Belohnung von 1000 Mark auf die Entdeckung des oder der Thäter ausgesetzt.
Metz, 9. November. Der Raubmörder Kurowski wurde heute früh 8 Uhr im Hofe des Untersuchungsgefängnisses durch den Scharfrichter Schwarz aus Ochringen (Württemberg) imitelst der Guillotine enthauptet. Gestern Morgen 9 Uhr wurde K. durch den ersten Staatsanwalt die Abweisung seines Gnadengesuchs mitgethetlt. Auf die Frage, „ob er sich des Mordes an der Wittwe Schneider in Quenulen nunmehr schuldig bekenne", antwortete der Verurtheilte, nicht er, sondern sein flüchtiger Com- plice Sonnenschein habe den Mord vollbracht, während er Wache gestanden habe. K. bestieg, g(leitet von zwei Geistlichen, das Schaffst, entkleidete sich selbst und nahm mit „Adieu, meine lieben Herren", Abschied vom Publikum.
Wien, 9. November. Bei der vom Herzog Ernst von Sachsen-Coburg im Reviere Wallsee in Oberösterreich am Montag veranstalteten Fasanenjagd schoß der deutsche Generalpostdirektor Stephan einen Fasan, wobei ein Schrotkorn den Herzog Philipp von Coburg, den Schwager des Kronprinzen Rudolf, an der linken Hand verletzte. Das Schrot wurde durch die Hand vom Eindringen in die Eingeweide abgehalten.
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