harren. Dieser Moment innerer Ruhe kam der am 9. October in Petersburg stattgefundenen Begräbnißfeier des russischen Nationaldichters und Schriftstellers Turgenieff zu Gute, die sich unter großartiger Theilnahme der Bevölkerung vollzog und in dem politisch so stillen Lande vielstimmig widerhallte.
Die bulgarische Sobranje hat ihre Arbeiten bis zum 27. November vertagt, um dem neuen Ministerium Zeit zur Ausarbeitung des Budgets zu lassen. Die wichtigste Aufgabe der Sobranje war die Berathung der Orientbahnverträge, die zwischen Oesterreich, der Türkei, Bulgarien und Serbien auf der Wiener sogenannten Conference ä quatre vereinbart worden sind. Die Sobranje hat den betreffenden Entwurf mit großer Majorität angenommen, was nebenbei als ein Beweis dafür erachtet wird, daß der neue Ministerpräsident Zankow vollkommen Herr der Situation in Sofia ist. In der Angelegenheit der Orientbahn trifft der neue serbische Minister des Auswärtigen in Wien ein, um auch Namens seiner Regierung die Zustimmung zu dem Vertrage zu überbringen.
Die jüngsten Nachrichten aus Egypten zeugen von einer neuen Regung, zu welcher das unter der Schreckensherrschaft der Cholera ganz erstarrte politische Leben des Pharaonenlandes jetzt erwacht ist. Die vicekönigliche Regierung hat zwei Decrete erlassen, von dem das eine für die während des egyptischen Aufstandes begangenen Verbrechen eine ziemlich allgemeine Amnestie gewährt, das andere die Aufhebung der bisher in Kairo und Aexandrien bestandenen Kriegsgerichte und besonderen richterlichen Commissionen ausspricht. Die Wahlen zur Legislative werden vor Ende dieses Monats beendigt sein und erfreuen sich einer regen Betheiligung. Die Einberufung der Notablenkammer des gesetzgebenden Rathes und der Provinzialräthe erfolgt voraussichtlich im November.
Die deutsche Bevölkerung Philadelphias feierte in dieser Woche das 200jährige Jubüäum der Ankunft der ersten deutschen Colonisten in Nord- Amerika. Die Erinnerung hieran wurde am Montag durch einen prächtigen historischen Festzug gefeiert, an dem sich Vertreter aller deutschen ®eraer6* treibenoen beteiligten.____________________________________________________________
Vermischtes.
Mainz, 7. October. Zum Zweck von militärischen Hebungen wurde in der verflossenen Nacht — nachdem der letzte Zug von Frankfurt kommend die Etsenbahn- brücke passirt hatte — der unterhalb der Brücke bestndltche Viaduct in der sog. Neuen Anlage durch Truppentheile des Hessischen Pionierbataillons gesprengt. Im Laufe des gestrigen Tages wurden die Vorarbeiten gemacht und durch drei Ladungen wurde das ganze Werk zerstört; zwei Stunden nach der Sprengung war das unter dem Vtaducte befindliche Bahngeletse wieder fahrbar. Der Bahnumfübrungsarbetten wegen mußte der Viaduct entfernt werden.
Mainz, 9. October. Am Sonntag Abend hat sich an dem Commandantur- gebäude auf der großen Bleiche ein bedauerlicher Fall ereignet. Ein Mann aus Castel hatte das Gebäude verunreinigt, ein vorübergehender Soldat vom brandenburgischen Artillerie-Regiment sah dies mit an und meldete cs dem Wachtposten. Dieser eilte auf den Mann zu, ,um denselben zu verhaften; doch lief der Mann davon und nun machte der Brandenburger Jagd auf den Flüchtling; ein anderer Soldat, der des Wegs kam, nahm diesen fest und gemeinschaftlich brachten ihn nun die beiden Soldaten zu dem Wachposten, der den Mann in's Schilderhaus steckte. Dem Eingesperrtcu bc- b<igte aber die Haft nicht und er versuchte zu entweichen, worauf die Wache dem Aerestanten mit dem Bayonnet einen Stich in den Unterleib beibrachte. Der schwer Verletzte befindet sich nunmehr im Rochushospttal.
Mainz, 10. October. Eine lebende Vogelspinne gehört gewiß zu den größten Seltenhnten. Eine solche wurde, wie der bekannte Ornithologe Herr v. Reichenau im „M. Tgbl." mittheilt, in einer Ladung brasilianischen Farbholzes von Beamten des Zollhafens gefunden und durch Herrn Rendant N tz ins zoologische Museum gebracht. Es ist die echte Vogelspinne (Mygale avicularia), deren Größe mit ausgespre zten Beinen fast die einer menschlichen Hand erreicht, während ihre Brust von Wallnußgröße ist. Das prächtig seidenartig-kupfern schillernde, sonst schwarzbraun behaarte Thier ist ein Männchen und hat dementsprechend einen kleinen Hinterleib. Wahrscheinlich fristete die Rtesenspinne während ihrer langen Seereise mit Schiffsungeziefer ihr Leben; hier nahm sie bis jetzt noch keine andere Nahrung an, als das Endglied eines ihrer eigenen Beine, welches sie sich leider heute Nacht abfraß. Die Nahrung dieser Würgspinne besteht aus verschiedenen Spinnen, Fröschen (die sie mit den Knochen verzehrt), Eidechsen, kleinen Vögelchen u. s. w. Hoffentlich gelingt es noch, sie zum Fressen von Thieren zu bewegen und bis zum nächsten Jahre am Leben zu erhalten.
H o l z h a us e n (Kreis Kirchhain), 7. October. Gestern Nachmittag gegen i/25 Uhr begab sich der hiesige Förster Kohlhaußen mit seinem Sohne in den Hirschpark, um einen Rehbock abzuschleßen. Kaum 200 Schritte vom Ausgang entfernt, kommt der 4jährige Hirsch Max, welchen der Förster großgezogen, hinter beiden her, trabt an ihnen vorüber und vertritt dann beiden den Weg. In demselben Augenblick stürzt sich Max mit voller Wuth auf seinen Wohlthäter, dieser jedoch parirt mit der Büchse, quer in der Hand, den Stoß wohl ab, sinkt aber zu Boden, läßt nun die Büchse fallen und faßt sich den Hirsch mit beiden Händen. Vater und Sohn kämpfen nun auf Tod und Leben mit dem Hirsch, beide fassen das Geweih, drehen die beiden Enden desselben nach unten und stemmen sie in die Erde, um etwaige Hilfe abzuwarten. Lange durfte dieser Kampf nicht dauern und da Hilfe ausblieb, hteß es hier „Sieg oder Tod". Es mußte nun diese Stellung aufgegeben und das Geweih des Hirsches zwischen einen Baum gebracht werden; hier erneuerte sich der Kampf. Endlich, nachdem der Förster verschiedene Verletzungen erhalten und die Kräfte der Angefallenen abnahmen, mußte der Vater den Sohn veranlassen, obwohl es ihm sehr wehe gethan haben mag, dem Hirsch einen Schuß zu geben. Während der Vater nun den Hirsch allein festhielt, gab der Sohn dem Hirsch trotz der Aufregung einen wohlgezielten Schuß aufs Blatt und wurde hierdurch dem schrecklichen Kampfe, welcher mindestens 20 Minuten anhielt und mit Gewandtheit und Geistesgegenwart ausgeführt wurde, ein Ende gemacht.
Rüdesheim, 4. October. Nachdem der Festjubel verrauscht ist, hat hier ein gewisser Katzenjammer Platz gegriffen. Sowohl die Stadt, wie die Turngemcinde werden ein Deficit zu decken haben und die Wrrthe konnten froh sein, nmn sie mit einem blauen Auge davon kamen, denn trotz der großen Menschenmenge, die da zusammenströmte, war der Consum em geringer, woran das schlechte, wenig anlmirenbe Wetter die Hauptschuld trug. Der Besitzer des „großen Kaiserzeltes" ließ seine massenhaft übrig gebliebenen Vorräthe versteigern. Es wurde da gelöst z. B für einen ganzen Schinken 2 JL, für einen großen Kuchen 80 H rc. Dagegen sollen die beiden Mainzer Wstthe Porspergcr und Hoffmann ihre Rechnung gefunden haben-
Frankfurt a. M, 6. October. Die Miß Bezzi, unsere von Alt und Jung seit 25 Jahren verhätschelte Elephaniin im Zoologischen Garten, hat in den letzten Tagen em Handwerk erlernt. Dieselbe schaute den Renovirungsarbeitm in ihrem Behälter ganz aufmerksam zu und störte die Arbeiter nicht im Geringsten durch eine ihrer bekannten Unarten. Besonders gefielen ihr die Weißbinder und Maler, denen sie ein ganz besonderes Interesse bekundete. Die Arbeit derselben mochte ihr vielleicht selbst nicht rasch genug von ücken und drängte es sie, so schnell als möglich au5 der unfreundlichen Luft in ihr Winterquartier zu kommen. Als die Arbeiter vorgestern beim Msttaa- (ff-n waren, ergriff sie einen dickm Pinsel, tauchte ihn ein und fing nun selbst an zu streichen und zwar in einer Weise, daß das Fertiggestellte übermalt und das nicht Fertige grunbitt wurde. Bei der ganzen Arbeit drückte der Elephant durch Töne ein rechtes Behagen aus. Arn Gerüst, welches außen aufgeschlagen war, und dem sie seither sorgsam fern geblieben, gefiel Bezzi ein Brett nicht. Als die Maurer herunter waren, nahm sie dasselbe herunter, warf es über die Umzäunung und legte ein anderes, wenn auch quer hinauf.
Köln, 9. October. Gestern Abend gegen 6 Uhr fand Hierselbst, wie die „Köln. Zig." meldet, in einem chemischen Laboraiorium auf dem Maritiussteinwege eine Dampfkessel,xplosion statt, der eine Explosion von. Säuren folgte. Das ganze Gebäude gerieth dadurch in Brand; eS war gleich von oben bis unten gerissen und mußte durch die Feuerwehr gestützt werden. Mehrere Personen trugen Beschädigungen davon.
— Der „Rhein. Cour." schreibt: Durch einen besonders glücklichen Griff beim Umbrechen des Satzes schließt das Feuilleton in der ersten Ausgabe unseres heutigen Blattes wie folgt: „Ina gerieth in eine wahre Extase des Glückes, sie faltete die Hönde und richtete die Augen wie im Gebet gen H'mmel, indem sie ausrief: (Fortsetzung folgt) Dergleichen ist zwar schon allen Blättern passirt, aber es macht sich doch immer wieder schön und gewährt gewiß auch unseren Lesern einen heiteren Augenblick.
London , 7. Del ob er. Die Fischerflotte von Ramsgate war wahrend der letzten zwei Nächte vom Glücke sehr begünstigt. In der Nähe des berühmten Badeortes tauchte plötzlich ein nach Millionen zählender Schwarm von Makrelen auf, der die Netze der Fischer zum Brechen füllte. Viele hundert Lasten der vortrefflichen Fische wurden jeden Morgen im Ramsgater Hafen gelandet. Für die meisten Boote betrug die Ausbeute in der Nacht nicht weniger als 5 Lasten, die zum Preise von 1200 M. jedem Fischerboote 6000 JL eintrugen.
— Die Verhaftung der Redacteure der Zittauer Morgenzeitung wegen Zeugniß- verweigerung steht mit einer Sache im Zusammenhang, welche m der sächsischen Presse viel besprochen worden ist. Ein Geschäftsreisender aus Leipzig, der unter dem Verdacht, ein Verbrechen begangen zu haben, verhaftet und in das Gefängniß zu Ebersbach ab? geführt worden war, hatte sich daselbst erhängt. Bald nach den ersten Berichten über den Vorgang, welche in der sächsischen Presse erschienen und die Schuld des Geschäftsreisenden als unwahrscheinlich hmstellten, meldeten die Redactionen der Oberl. Volks- zeitungen in Gersdorf und der Zittauer Morgenzeitung, daß bet ihnen Nachsuchung nach den Manuscriptm stattgefunden. Diese Nachsuchung wurde einige Tuge später wiederholt, scheint aber ergebnislos gewesen zu sein. Nun ist in Zittau auf Beschluß des Gerichts auf Antrag der Staatsanwaltschaft die Verhaftung aller vier an der Redaction der Zittauer Morgenzeitung beteiligten Personen G und E- Billig, Lenk und Trautmann erfolgt, nach Angabe der Rdaction wegen der Nichtnennung des Verfassers einer anonymen Zuschrift, dessen Name ihnen selbst nicht bekannt sei. Das Verfahren gegen alle vier in der Redaction beschäftigte Personen erscheint etwas auffällig, wenn es sich nicht um wichtigere Dinge handelt, als man bis jetzt anzunehmen geneigt ist. Die Zittauer Morgenzeitung hatte nicht undeutlich zu verstehen gegeben, daß sie an einen Mißgriff der Justiz in d-rn vorliegenden Falle glaube, der die Aufmerksamkeit der höheren Instanzen auf sich ziehen müsse, und Schreiben des Vaters des Unglücklichen, sowie Schreiben des Amtsgerichts in Ebersbach über den traurigen Vorgang veröffentlicht-
— [öranbffatiftif.] Nach einer statistischen Zusammenstellung der in Leipzig erscheinenden „Feuerspritze" haben im Jahre 1881 in Deutschland 14.883 Brände statt- gefunden, wofür 54 Millionen Jü Brandschäden vergütet werden mußten, 197 Personen wurden^ habet getöötet und 790 beschädigt. Von den Rettungsmannschaften wurden 8 gelobtet und 107 verwundet. Aus Vorstehendem kann man ersehen, welch riesige Summen in unserem deutschen Reiche jährlich für Schadenfeuer bezahlt werden es ist dies jedoch auch eine ernste Mahnung an die, Regierungen und Bebörden, ben in manchen Ländern bis jetzt noch ziemlich vernachlässigten Feuerlöschwesen eine größer! Aufmerksamkeit zuzuwenden, da erfahrungsmäßig in Folge guter Löfchanstalten dir Brandschäden bedeutend weniger werden, wofür Bayern und Braunschweig ein beredte« Zeugniß abgeben.
— (Vacante Stellen für Militäranwarter im Bereich des 11. Armeecorps- Kassel, König!. Strafanstalt, Aufseher, 1110 Gehalt Ober-Landesgericht, Canzlel- Diätar, 1200 Frankfurt a. M-, Garnison-Bautnspector Meyer, Schreiber und Bau- bote 21/2—3 <M. pro Tag. Marburg, Postamt, Postschaffner, 908 JL Gehalt.
Schiffsnachrichten.
Bremen, 10. October. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfei Habsburg, Capt. H. Hellmers, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am26.Septdc von Bremen und am 28. September von Southampton abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.
Bremen, 10. October. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfei America, Capt. F. Hamelmann, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 26. September von Bremen abgegangen war, ist heute wohlbehalten in Baltimor! angekommen.
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