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Beilage Nr. 134 desGießener Anzeiger".

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Politische Ueberstcht.

Gießen, 13. Juni.

Wider Erwarten ist es dem Reichstag nicht gelungen, die Spe- <ialberathung des Etats pro 1884/85 am vorigen Sonnabend zu Ende zu führen und so konnte denn der Schluß, resp. die Vertagung des obersten Parla­mentes erst am gestrigen Tage erfolgen. Im Gegensatz zu der sehr raschen Erle­digung der meisten Etatstitel zog sich am Sonnabend die Verathung über den Etat der Post- und Telegraphen-Verwaltung ungewöhnlich lang hin und wurde dieselbe am Sonnabend nicht erledigt. Der Centrums-Abgeordnete Dr. Lingens brachte hierbei seinen vor 3 Monaten schon einmal abgelehnten Antrag auf größere Beschränkung des Post- und Telegraphen-Verkehrö an Sonntagen und hohen Festen wieder ein, worüber jedoch erst in dritter Lesung des Etats abge­stimmt werden soll. Der Tendenz, welche dem Anträge zu Grunde liegt, den vielgeplagten Post- und Telegraphen-Beamten eine größere Sonntagsruhe als bisher zu gewähren, kann man allerdings seine Sympathien nicht versagen, aber man muß auch andererseits bedenken, wie tief die Resolution Lingens in unsere postalischen Verkehrsverhältnisse einschneiden würde. Hiernach sollen an Sonn­tagen Geldsendungen, Werthpackete und gewöhnliche Packete wenn sie nicht durch Postboten zu bestellen sind gar nicht befördert werden und außerdem soll jedes an solchen Tagen zu befördernde Telegramm mit 20 H belegt werden. Es würde eine derartige radikale Beschränkung des Verkehrs wohl ebensowenig im Jn'teresse der großen Geschäfts firm en wie in demjenigen des Privat-Publikums sein und glauben wir, daß sich vielmehr eine Reducirung der ofsiciellen Dienst- stunden der Post- und Telegraphen-Beamten an Sonn- und Festtagen empfehlen würde. Nachzutragen ist aus der Sonnabend-Sitzung noch, daß die erste Bau- Ttite für das Neichstagsgebäude im Betrage von 1,050,000 «X. mit großer Majorität genehmigt wurde. Außerdem verdient als Curiosum erwähnt zu werden, daß die Sonnabend-Sitzung die 100. Plenarsitzung in der gegenwärtigen Session der längsten überhaupt seit Bestehen des Reichstages war und sah man deshalb den Platz des Präsidenten mit zwei mächtigen Blumen- sträußen geschmückt.

Herr v. Schlözer, der preußische Gesandte beim Vatikan, tritt gegen Witte des nächsten Monats einen dreimonatlichen Urlaub an. Wer hieraus jedoch folgern wollte, daß dieser Urlaub nur der Vorläufer zu der Abberufung des Herrn v. Schlözer sei, würde auf dem Holzwege sein. Es ist allgemeiner Usus bei dem diplomatischen Corps in Rom, daß die Mitglieder desselben in Folge der klimatischen Verhältnisse der Siebenhügelstadt um die genannte Zeit Linen längern Urlaub zu nehmen pflegen und diesem Brauch folgt auch Herr -t). Schlözer. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit wird derselbe auf seinen Posten zurückkehren.

In Oesterreich ist die so plötzlich ausgetauchte Frage der Decentrali- lation der Eisenbahnen noch nicht von der Tagesordnung verschwunden. Die vom Ministerpräsidenten Grafen Taaffe dem Wiener Oberbürgermeister Uhl ge­gebenen beruhigenderen Versicherungen haben ihren Zweck nicht erreicht, vielmehr haben sowohl der niederösterreichische Landtag, als auch der Gemeinderath von Wien beschlossen, diese Angelegenheit einem besonderen Ausschüsse zur eingehen­den Erörterung zu überweisen. Auch verlautet, daß die genannten Versamm­lungen eine Adresse an den Kaiser gegen die Decentralisation der Bahnvermal­tungen richten wollen. Aber trotz dieser Gegen-Agitation wird sich die Negierung des Grafen Taaffe in ihrem Entschlüsse, den Czechen und Polen zu Liebe Filial-Directionen in Prag und Lemberg zu errichten, schwerlich beirren lassen.

Der Abschluß des deutsch-italienischen Schifffahrts- und Handels-Vertrags ist ein neues Zeichen für die zwischen Deutschland und Italien bestehenden vorzüglichen Beziehungen. Diesem Gedanken giebt auch die italienische Regierung in dem ministeriellen Berichte Ausdruck, welcher dem ge­nannten Vertrage, där der Deputirtenkammer noch im vorigen Monat zuge­gangen ist, in diesen Tagen gefolgt ist. Es heißt am Schluffe dieses Berichtes, daß der Vertrag ein beredtes Zeugniß des gegenseitigen Wohlwollens sei, welches die in letzter Zeit zwischen Italien und Deutschland geknüpften herzlichen und innigen politischen Beziehungen erzeugt haben. Die Bureaux der Kammer ernannten eine Commission zur Vorberathung, resp. Begutachtung des Vertrags.

Das hohe Lied von der Moskauer Kaiserkrönung hat nun endlich ausgeklungen; die fremden Gäste haben die alte Czarenstadt an der Moskawa zum größten Theil wieder verlassen und dieselbe wird bald wieder ihre alltägliche Physiognomie annehmen. Aber in der Erinnerung des russischen Volkes und speciell in der Bevölkerung Moskaus werden jene prunkvollen schim­mernden Tage, jene glänzenden Feste, aus denen sich Europa und Asien ein Rendez-vous gaben, fortleben, als ein neues und unvergängliches Zeugniß für die Größe und die Pracht des Czarenthums. Der Kaiser und die Kaiserin verließen noch am Sonnabend, nach Beendigung der großen Truppenrevue, welche den ofsiciellen Schluß der Krönungs-Feierlichkeiten bildete, die Krönungs- stcidt und trafen am Sonntag Nachmittag wohlbehalten in Petersburg ein.

Die Königin von Spanien, bekanntlich eine geborene Erzherzogin von Oesterreich, wird sich in diesen Tagen nach Wien begeben, um dort bis Ende künftigen Monats zu verweilen. Da nach der spanischen Verfassung weder der König noch die Königin Spanien ohne Einwilligung des Ministeriums verlassen dürfen so fand in dieser Angelegenheit schleunigst ein Cabinetsrath statt, welcher felbe Herrscherin

ertheilte. Madrider Blätter wollen wissen, daß König Alphons seiner Gemahlin später Nachfolgen und dann den Herbstmanövern in Deutschland beiwohnen werde; indessen bedarf letztere Meldung noch der ofsiciellen Bestätigung.

Der Sultan hat den Gouverneur von Ostrumelien, Aleko Pascha, nach Konstantinopel berufen, wahrscheinlich, um sich über den Stand der Dinge in Ost-Rumelien Bericht erstatten zu lassen. Man weiß in den lei­tenden Kreisen der türkischen Hauptstadt sehr wohl, daß auch diese Provinz nicht allzusest mehr mit dem Gesammtreiche zusammenhängt. Die russischen Ein­flüsse, welche auf eine Vereinigung Ost-Rumeliens mit Bulgarien hindrängen, machen sich immer stärker bemerkbar, sodaß die türkische Regierung nunmehr wohl energische Maßregeln gegen dieses Treiben wird treffen müssen

Gegen Blut- und Blatt-Laus.

(Mittheilung der König!- Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim a. Rh») Dem der Entwicklung schädlicher Insekten so günstigen Jahre 1882 und dem darauffolgenden milden Winter ist es zuzuschretben, daß trotz des trockenen Frühjahres Blut- und Blatt-Läuse in überaus großer Zahl und Menge auftreten. Von allen Seiten her ertönen Klagen über die beängstigende Zunahme dieser Schädlinge; von überall her bittet man um Angabe bewährter Mittel zur Bekämpfung der Feinde.

Obgleich von Seiten unserer Anstalt diesem Verlangen schon vielfach und auch in der Okffentllchknt entsprochen worden ist, so möge doch an dieser Stelle das bet der Bekämpfung anzuwendende Verfahren nochmals geschildert werden.

Das beste Mittel gegen die Blattlaus ist bis auf den heutigen Tag das sog. Neßler'sche, bestehend aus:

50 Gramm grüner (schwarzer) Seife,

100 Fuselöl (Amyl-Alkohol),

200 Weingeist und

650 Wasser.

Die Seife muß vor Zusatz des Fuselöls und des Weingeistes in dem zu er­wärmenden Wasser vollständig aufgelöst werden, auch schüttle man die Flüssigkeit, welche in jeder Aporheke hergestellt wird, beim Gebrauche mehrfach um.

lieber die Anwendung brt Zwergbäumen jCordons, Pyramiden, Spalieren rc) ist nicht viel zu sagen nöthtg; man bürstet mit kurzborsttgem Pinsel und dem be­schriebenen Mittel die befallenen Stellen tüchtig aus. Junge, stark mit Läusen besetzte Triebe, deren Reinigung nur schwer durchzuführen ist, schneide man vorsichtig ab und verbrenne sie sofort- Um bet Hochstämmen wirksam ankommen zu können, tränkt man ein an einer Stange befindliches Schwammstückchen mit der Lösung, betupft damit die Wundstellen und reibt sie ebenfalls mit Hülfe eines kurzborsttgen Pinsels aus. der an der Spitze einer Stange befestigt wurde. Ich bringe in Erinnerung, daß die meisten Colonien auf der der Erde zugekehrten Sette der Zweige und Aeste sitzen und deßhalb von unten nicht allzu schwer erkannt und erreicht werden können. An älterem Holz befinden sich die Läuse nur in Rindensprüngen und an Wundrändern; der weiß- wollige Flaum, mit dem die Thtere bekleidet sind, verräth ihre Anwesenheit auch dem unkundigen Auge.

Der Kampf gegen die Blutlaus muß aber, wenn er Erfolg haben soll, mit strenger Consequenz geführt werden.

Es gibt kein Mittel, dessen einmalige Anwendung genügt, um fämmtliche Läuse bei Erhaltung des Baumes plötzlich zu vertilgen. Rur bet steter Beobachtung der be­fallenen Bäume und bei sofortiger Unterdrückung neu auftretender Ansiedelungen ist es möglich, die weitere Ausbreitung des Insekts zu verhindern und die Zahl der Läuse auf ein unschädliches Minimum zu rebuciren. Man beginne den Kampf schon im Februar oder spätestens im März, indem man die vorjährigen Blutlansstellen mit der Lösung gründlich ausbürstet, um die überwinterten Thiece zu tobten, welche nach unseren B-obachtungen allerdings fortpflanzungsfähig sind. Führt man von diesem Zeitpunkt an die Vert'lgungsmaßregeln mit gehöriger Consequenz durch, so verhindert man das Erscheinen geflügelter Thiere, welche bas Insekt nach allen Setten hin ver­schleppen, indem ihre Nachkommen Wintereter höchst wahrscheinlich nur auf Bäume legen, die seither noch nickt von der Blutlaus befallen waren.

Gelingt es so der Thätigkeit des Einzelnen, das schädliche Insekt innerhalb seiner Besitzung zn vertilgen oder doch wenigstens unschädlich zu machen, so ist es doch nicht möglich, die Blutlaus in einer Gemeinde auszurotten, wenn nicht alle Obstbaumbesitzer mit gleichem Eiser die Bekämpfung gemeinsam vornehmen- Em einziger befallener, sich selbst überlassener Baum genügt, um vermittelst der geflügelten Thiere das Hebel von Neuem in die Gärten und Pflanzungen zu verschleppen.

Da es nun erfahrungsgemäß sehr schwer hält, eine größere Zahl von Besitzern in solchen Dingen zu gemeinsamem Vorgehen zu bewegen, so dürfte in Anbetracht des den Aepfelbäumen zugefügten schweren Schadens und der ihrer ferneren Cultur drohen­den Gefahr der Erlaß einer Polizeiverordnung allerdings nothwendtg werden, wonach die Besitzer von Zett zu Zett zur Vertilgung der Blutlaus aufzufordern sind. Eine sachverständige Persönlichkeit (Mitglied des Gemeinderaths oder Feldgerichts) begeht jeweilig die Gärten und Pflanzungen, um sich von der Ausführung der Verttlgungs- maßregeln zu überzeugen Bei diesen Visitationen vorgefundene Blutlauskolonien werden ohne Weiteres unter Aufsicht des Conttolems auf Kosten des Besitzers zerstört-

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß ein derartiges Vorgehen Differenzen und Schwierigkeiten im Gefolge haben wird; nach meinem Dafürhalten aber kann nur auf diesem Wege das im Interesse unserer Obstkultur so wünschenswerthe Zie! erreicht und eine nahezu vollständige Unterdrückung der Blutlaus bewirkt werden-

Im Anschluß an diese Bekämpfungsweise der Blutlaus möge ein Mittel gegen Blattläuse folgen, welches sich bet den hier angestellten Versuchen als sehr wirksam und die Zweige nicht beschädigend bewährt hat- Das Rec?pt wurde in Nr. 3 des Vereins- blaites des deutschen Pomologenvereins, Jahrgang 1880 bis 1881 veröffentlicht; das­selbe lautet:

1 Kilo Schmierseife (braune oder grüne) wird in ca. 5 Liter heißem Wasser auf­gelöst und dieser Auflösung ein vorher durchgeseihter Absud von 250 Gramm (V» Kilo) Quassiaspähnen (Quassira amara), welche vorher in ca. 5 Liter kaltem, weichem Wasser ca. 12 Stunden eingeweicht und dann gekocht wurden, zugegeben. Das durch diese Mischung erhaltene Quantum Flüssigkeit wirb dann durch Zusatz von weichem Wasser auf 40 Liter erhöht: das Liter kostet ungefähr 2

Vor dem Gebrauch wird die Flüssigkeit, welche sich selbst in offenen Gefäßen lange aufbewahren läßt, gut umgerührt und je nach Bedarf hiervon in ein flaches Ge­schirr gefüllt. In den Inhalt des Gefäßes taucht man die inficirten Triebe, leicht hin und her bewegend, einige Secunden ein und nimmt diese Arbeit Morgens und Abends oder sonst nur am Tage bei bedecktem H mmel vor.

Kurze Zeit nach Anwendung des Mittels erkrank n die Lause und sterben binnen wenigen Stunden ab; die Triebe werden, wie gesagt, in keiner Weise beschädigt.

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