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Sonntag den 11. Februar

Zweites Blatt

1888

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Bureau: Schulstraße 7.

Die Verhandlungen in dem großen Mordproceß, welcher gegenwärtig vor dem Dubliner Gerichtshöfe spielt, scheinen wichtige Aufschlüsse über die Urheber der politischen Mordthaten, welche im Lause der letzten Jahre in Irland verübt worden sind, ergeben zu haben. Vor Allem ist ein Lichtstrahl in die Doppelinord-Affaire im Phönix-Park gekommen und es kann als sicher bektachtet werden, daß sich unter den Angeklagten mindestens die Helfershelfer bei dieser Blutthat befinden. Im Uebrigen hat der Proceß den Zusammenhang der fenischen Verbrecherbande mit der irischen Revolutionspartei deutlich nachge­wiesen und kann man hieraus den Erlaß von Verhastsbefehlen gegen Davilt, Hcaly und Quinn, bekanntlich alle drei hervorragende Mitglieder der Landliga zurücksühren. Heute werden die Verhandlungen in diesem Proceß, welcher sehr interessante Enthüllungen verspricht, fortgesetzt worden.

Für Rußland ist der Erlaß des kaiserlichen Manifestes, welches die feierliche Krönung des Czarenpaares auf den kommenden Mai fest­setzt, ein bemerkenswertes Ereigniß. Augenscheinlich ist das Manifest von der Ueberzeugung dictirt worden, daß man bei der beabsichtigten Feier von den Nihilisten nichts zu befürchten habe und die auffallende Stille, welche in den letzten Monaten in Bezug auf diese geheime Verschwörerbande herrschte, schien die Annahme zu bestätigen, daß letztere überhaupt ihre Thätigkeit eingestellt hätte. Aber gerade in den letzten Tagen haben die Nihilisten wieder einen recht deutlichen Beweis davon gegeben, daß sie unermüdlich auf dem Posten sind. Das nihilistische Executiv-Comitä hat dem Kaiser Alexander em Memorandum der Monarch soll dasselbe in seiner Privat-Correspondenz vorgefunden haben in die Hände zu spielen gewußt, in welchein in bündigster Weise die nihilisti­schen Forderungen wiederholt werden und dem Kaiser Alexander bis zur Krö- nungsseier Zeit gelassen wird, Vie geforderten Reformen durchzuführen, andern- salls wollen die Nihilisten nicht vor der abermaligen Anwendung von Dolch und Dynamit zurückfchrecken, um ihre Pläne durchzuführen. Es ist dies für Kaiser Alexander ein bitterer Vorgeschmack zur Krönungsfeier.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

iehener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Wochenschau.

Gießen, 10. Februar.

Die Verhandlungen des Reichstages waren auch in dieser Woche fast ausschließlich der zweiten Lesung des Etats gewidmet und die Natur dieses Gegenstandes bringt es mit sich, daß die Debatten gegenwärtig einen ziemlich monotonen Charakter tragen. Indessen werden auch bei den Etatsberathungen Fragen von allgemeinerem Interesse berührt, wie dies am Montag mit der Debatte über das Auswanderungswesen der Fall war. Auch am Mittwoch wurde bei der Debatte über das Extraordinarium der Reichsjustiz-Verwaltung wieder ein Thema erörtert, das in der letzten Zeit zu lebhaften Erörterungen in der Presse geführt hat, nämlich die Frage, ob das Reichsgericht seinen defini­tiven Sitz in Berlin oder Leipzig haben solle. Es handelte sich in der Mitt­wochssitzung um die Bewilligung der für den Ankauf des Bauplatzes des Reichs- gerichs-Gebäudes in Leipzig geforderten (Summe von 500,000 JL; der Abg. Braun sprach sich entschieden gegen diese Position aus, da der Preis zu hoch, der Platz zu groß und daneben zu sumpfig sei. Außerdem führte der genannte Abgeordnete noch eine ganze Reihe der bekannten Gründe an, welche gegen das Verbleiben des Reichsgerichtes in Leipzig vorgebracht werden, namentlich wies er auf den Umstand hin, daß 18 Richter aus verschiedenen deutschen Staaten die Berufung in das Reichsgericht rundweg abgelehnt hätten. Von Seiten der Regierung trat Geh. Ober-Regier.-Ralh Dr. Meyr wann für die Bewilligung der gesorderteli Summe ein, wobei er besonders die Unzulänglichkeit der Räume betonte, in denen das Reichsgericht gegenwärtig provisorisch untergebracht ist. Selbstverständlich sprach sich auch der Vertreter Leipzigs, Dr. Stephani, ent­schieden für die geforderte Position aus, indem er die verschiedenen Gründe, welche Abg. Braun gegen das Verbleiben des Reichsgerichts in Leipzig ange- fichrt hatte, in überzeugender Weise widerlegte. Die Position wurde schließlich mit großer Majorität bewilligt, womit das Verbleiben des Reichsgerichts in Leipzig wohl gesichert erscheint. Im weiteren Verlaufe der Sitzung gelangte der Specialetat der Zölle und Verbrauchssteuern zur Berathung, wobei der Abg. Barth (Secessionist) bestritt, entgegen früheren Aeußerungen des Abg. Mmni- gerode, daß die Schutzzollpolitik den Aufschwung des Handels und der Industrie bewirke. Die Discussion über diesen Gegenstand wurde am Donnerstag fortgesetzt.

In der kirchenpolitischen Frage in Preußen scheint die Ent­scheidung nahe bevorzustehen, da nach einer Mitthellung des päpstlichenMom- tmr de Rome" die Antwort des Papstes auf das Schreiben Kaiser Wilhelms vom 22. November v. Js. nunmehr in Berlin eingetroffen ist. Es muß sich nun zeigen, in wieweit inan im Vatikan geneigt ist, der preußischen Regierung entgegenzukommen; als Gegen-Geständniß der Kurie nennt jetzt derMoniteur de Rome": Aufhebung des geistlichen Gerichtshofes und Anerkennung des Grundsatzes, daß die Bischöfe in den Seminarien unbeschränkte Lehrfreiheit haben, wogegen sich die Kurie zur Erfüllung der Anzeigepflicht herbeilassen will; es ist sehr zweifelhaft, ob auf einer derartigen Basis sich eine Verständigung zwischen Preußen und dem Vatikan herbeisühren lassen würde.

In Oesterreich beschäftigt sich die politische und parlamentarische Welt lebhaft mit der Affaire Kaminski. Dieselbe läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß der ReichSraths-Abgeordnete v. Kaminski gegen den Baurath Baron Schwarz eine Klage wegen Nichtbezahlung einer Provision von 625,000 Gulden eingeleitet hat, nachdem es ihm gelungen war, dem Beklagten den Bau der galizischen Transversal-Bahn für 21 Mill. Gulden zu verschaffen. Dieser ohne Zweifel sehr schmutzige Handel hat bereits zur Mandatsniederlegung des genann­ten Abgeordneten geführt und ebenso hat sein Anwalt Wolski sein Abgeord- neten-Mandat niedergelegt. Im Polen-Club des Reichsrathes, welchem Abg. v. Kaminski angehörte, hat diese ganze Affaire große Erregung hervorgerufen und ist von demselben ein Beschluß gefaßt worden, dahin gehend, daß v. Kaminski durch seine Handlungsweise schwer gegen die Stellung eines Mit- gliedes des Polen-Clubs und gegen die Würde der Landes-Repräsentanz ver­stoßen habe. Eine große parlamentarische Kundgebung wird in dieser Ange­legenheit erwartet.

Frankreich wird durch die Thron-Prätendenten-Frage noch immer in Athen: gehalten. Augenblicklich liegt die Vorlage über die Maßregeln gegen die Thron-Prätendenten dem Senate zur Begutachtung vor und es ist kaum zu bezweifeln, daß diese Körperschaft, in welcher das monarchistische Ele­ment eine große Rolle spielt, die Vorlage ablehnen wird. Man nimmt bereits an, daß in diesem Falle das Cabinet FalliöreS zurücktreten würde, was aller­dings schon bei seiner Errichtung allseitig nur als ein VerlegenheitS-Rttnisteriurn bezeichnet wurde und schon nennt man Fern) als zukünftigen Conseilpräsidenten. Bezeichnend für die Stimmung in der Deputirtenkammer ist es aber, daß man hier den Kriegsminister Thibaudin unter allen Umständen beibehalten will, da man von dessen rückhaltsloser Ergebenheit für die Republik und eventuellen Energie gegen die Monarchie überzeugt ist. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß General Thibaudin seine Stellung als Kriegsminister wird behaupten können, denn es ist jetzt klar erwiesen, daß Thibaudin als gefangener Ofsicier sein Ehren­wort, nicht gegen Deutschland zu fechten, gebrochen hat und selbst die Organe der französischen Regierung wagen cd nicht mehr, in dieser Affaire für Thibau­din einzutreten. Das Gerücht, daß Deutschland gegen die Ernennung Thibau- oin's protestirt habe, bedarf wohl keiner besonderen Widerlegung, da dies doch eine innere Angelegenheit der französischen Republik ist, worein sich 311 mischen Deutschland nicht einsällt.

Berlin, 8 Februar. Die deutsche Regierung ist fest entschlossen, sich keines­falls in b<e Frage zu mischen, ob Herr General Thibaudin alias Commagny ein passender Kriegsminister für die französische Republik sei. Es muß den Franzosen, die im Punkte der Ehre so kitzlig sein wollen, überlassen bleiben, ob es sich mit ihrer Ehre verträgt, einen Minister zu haben, der fein Ehrenwort gebrochen hat. Die That- fache selbst ist n cht mehr in Abrede zu st.llen, und so ist em Theil der französischen Presse dahin gekommen, den Satz aufzustellen:Es sei kein Unrecht, sein Ehrenwort zu brechen, um sein Vaterland verthetdigen zu können." Aus diesem Satze aber folgt mit Nothwendigkeit der Schluß, daß ein gefangener Ofsicier fein Ehrenwort brechen müsse. Wenn man wortbrüchig werden darf, um sein Vaterland zu vertheidigen, so handelt Derjenige nnpatrotisch, der von dieser Gestattung keinen Gebrauch macht. Solche Anwendung der Lehre:Der Zweck heiligt die Mittel", die selbst die Zesuiten von sich abzulehnen wünschen, ist doch bei Oificieren sehr bedenklich. Soll dma bei einem künftigen Kriege der Grundsatz zur Geltung kommen, französische Officiere dürsin nicht auf Ehrenwort entlassen werden, denn sie halten es für kein Unrecht, '.hr Ehren­wort zu breche ? Was würde Kön'g Franz I. dazu sagen, der nach der Schlacht von Pavia nach Hause schrieb:Alles ist verloren, nur die Ehre nicht!"

DieBerliner Nordd. AUg. Ztg." schreibt: Wie wir vernehmen, sind dem Reichskanzler in neuester Zeit aus Amerika auf consularischem Wege zahlreiche und bedeutende Geldsendungen zugegangm, zu denen die Nachrichten vonZren Leiden der Ueberschwemmtrn am Rhein den deutschen Bürgern der Vereinigten Staaten Veran­lassung gegeben haben. Der ROchskanzler hat im Auftrage des Kaisers den Gebern den Allerhöchsten Dank ausgesprochen und an die betheiligten Consuln in den Ver­einigten Staaten ein Schreiben folgenden Inhalts gericht.t:

Ew. rc. gefälligen Bericht habe ich zur Kenntniß Sr. Majestät des Kaisers und Königs gebracht Allerhöchstdieselben haben daraus mit lebhaftem Jnterrsse ersehen, wie allgemein die Theilnahme ist, welche die Leiden der Ueberschwcmmten am Rhein unter den deutschen Bürgern der Vereinigten Staaten gesunden haben. Es ist Seiner Majestät in hohem Maße erfreulich, den Berichten aus Amerika die Ueberzeugung zu entnehmen, daß die Anhänglichkeit, welche die dortigen Bürger deutschen Stammes ihren in der Roth befindlichen Landsleuten in der alten Heimath bewahren, den freund­schaftlichen Beziehungen entspricht, welche Deutschland mit Amerika verbinden. Dem Comite, welches dort zusammengetreten ist und inzwischen bereits so erfreuliche Ergeb­nisse erzielt hat, bin ich von Seiner Majestät beauftragt im Namen der Ueder- fchwrmmten den wärmsten Dank abzustatlen und ersuche Sie, diesen Dank an das Comite zu übermitteln. Die Verihcilung der hierher gelangenden Betrage habe ich mir angelegen sein lassen und zum Behuf derselben die Unterstützung des tm Reich8- tage zusammengetretenen Ausschusses der Herren Abgeordneten ber beschädigten Kresse erbeten und bereitwilligst erhalten

_________ v BiSmarck. ______

Vermischtes.

Groß-Gerau, 2. Februar. Der Monat Februar beginnt m" sonnigem für die Jahreszeit warmem Wetter. Die Saatfelder sind, soweit die Eisdecke und das Wasser verschwunden, mit Grün bedeckt und ist gegründete Hoffnung v^handen, daß die Winterfrucht, da, wo sie nicht allzu lang unter dem Naß gestanden, keinen Schaden genommen hat. Das so überaus angenehme milde Wetter hat nur c 1 nen üblen $ec gleiter im G.folge, alle Wege sind giundlos und außer den ^baussien, bie Aeldwege und auch die Dämme nur mit großer Anstrengung zu Die Gegend ienfdt6

der Chaussee in den Gemarkungen Berkach , Dorn hei m, ^osiskehlen unt) Lei lyi t in gleichen, soweit das Wasser abgezogen, einem grundlosen Ui schlämm, in welchem man auf den Feldern fußtief versinkt, weßhalb es auch für bic lanbmirtlje so schwierig ist, ihre in Kauten befindlichen Futtervorräthe und Kartoffeln werken ist schlechterdings nicht beizukommen. Die im Hanse deS H^rrn Gastwirih Grimm in Leeheim etablirte Volksküche ist noch in vollem Betrieb will aber Ende dieser Woche ihre Thätigkeit einstellen, weil inan allgemein befürchtet durch längeren Bestand der Dagheit der Empfänger Vorschub। zu leisten. Klagen hört man nur hie unb da über Mangel an Viehfutter. Am empfindlichsten ist auch hier der Mittelstand betrosfen Dn Reiche kann sich selbst helfen und der Taglöhner findet lohnende Dammarbeit. Das Begehen des WegS Ober den Bensheimer Hof nach dem Damm bruch an dem Hahnensand ist Immer noch mit Schwierigkeit verbunden. Es gehört ein gewisser Grad von Entschlossenheit dazu, entweder durch Schlamm und Wasser zu waten oder abzuwarten, bi« ein mit Ochsen bespannter Kastenwagen unS ohne um