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Mittwoch den 10. October
1883
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint tägkrch mit Ausnahme des 9Ronfag$.
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Politische Ueberficht.
Gießen 9. October.
Das Befinden des Kaisers ist, wie aus Baden-Baden gemeldet mrd, fortwährend ein vortreffliches, wenn er auch in Folge der ungünstigen Witterung in den letzten Tagen wiederholt seine Wohnung im Meßmer'schen hause nicht verlassen konnte. Der Aufenthalt des Kaisers in Baden-Baden wird bis in die zweite Hälfte des October dauern, worauf er sich direct nach Berlin zurückbegiebc, während die Kaiserin noch einige Wochen in Koblenz zu verbringen gedenkt.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck weilt nun wieder in Friedrichs- luhe und wird sein lauenburgisches Tusculum in nächster Zeit auch nicht ver- IllM. Das Befinden des Kanzlers ist im Allgemeinen zufriedenstellend, doch jaben ihm die Aerzte angerathen, sich einstweilen von den Geschäften noch fern ß halten, indessen kann er sich nach Lage der Dinge nicht gänzlich von den Mischen Geschäften zurückziehen, schon deshalb nicht, weil die Minister die iuftimmung des leitenden Staatsmannes zu den Vorlagen einholen müssen, die dm Reichstage und dem preußischen Landtage gemacht werden sollen. In voriger Woche hatte sich zu diesem Zwecke bereits der Slaatssecretär im Reichs- mte des Innern, Herr v. Bötticher, nach Friedrichsruhe begeben und dem Msten Bismarck über die für den Reichstag vorzubereitenden Gesetzentwürfe Ertrag gehalten. In diesen Tagen wird sich auch Herr v. Puttkamer nach Mdrichsruhe begeben, um die Zustimmung des Reichskanzlers bezüglich der ßr den preußischen Landtag ausgearbeiteten Vortagen einzuholen. Ob und Wieweit der Reichskanzler bei den letztern Modistcattonen eintreten lassen wird, zunächst die Frage, und hiervon hängt es ab, ob der preußische Landtag »och im October oder erst im November zusammentritt; der Reichstag wird Wenfalls vor Ende Januar nicht einberufen.
. Die Entscheidung in der Angelegenheit des unter der Anklage ^andesverraths verhafteten Reichstags-Abgeordneten für Rietz, Antoine, ist h nicht erfolgt. Herr Antoine hat bekanntlich seine Freilassung gegen Kautions- «g beantragt, doch ist nicht bekannt, ob man sich zuständigerseits enteisen hat, dem Anträge Folge zu geben.
Der bevorstehende Ausgleich zwischen Ungarn und Kroatien ist ^t nach dem Geschmack sowohl der kroatischen Intransigenten, als auch der .^nschen Unabhängigkeits-Partei. Mehrere kroatische Abgeordnete der äußer- 5 ^"ken haben erklärt, daß sie ihre Mandate zum ungarischen Reichstage ^verlegen werden; außerdem verlangen die kroatischen Radikalen die Revision Zlusgleichs vom Jahre 1868, welche Forderung bei den Ungarn auf den Mgsten Widerstand stößt. Im vollen Gegensatz hierzu verurtheilt die ungarische "Mhängigkeits-Partei die den Kroaten entgeg-enkommende Haltung der Pesther .Porung auf das Schärfste und haben die der genannten Partei angehörigen geordneten beschlossen, eine Resolution einzubringen, in welcher das Vorgehen - uegierung in der kroatischen Frage entschieden gemißbilligt wird. Da
^err das vollständige Vertrauen der liberalen Mehrheit des un- Een Abgeordnetenhauses besitzt, so wird dieser Sturmlauf der Opposition s «le Stellung des Ministeriums erfolglos bleiben.
a französischen Cabinet ist die längst erwartete Krisis jetzt aus- ' wdem der Kriegsminister Thibaudin seine Demission gegeben hat, vom Präsidenten Grevy angenommen worden ist. Das Deinisflons- ■- «9 Thibaudin's weist auf die Machinationen seiner politischen Gegner hin, ' Mn während der parlamentarischen Ferien in eine von ihnen berechnete
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luethen. KmhmstE Pfarrer.
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Bekanntmachung.
... ^.E^.^mit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Steg über die Wieseck im sogenannten Stephansweg abgebrochen und statt dessen ein Steg über dre Wreseck m der Blerchstraße errichtet wird.
Gießen, den 9. October 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
______ Fresenius.
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Der Bundesrath hielt am Freitag eine Plenarsitzung ab, in welcher il sich u. A. auch mit dem neuen Actiengesetz beschäftigte, welches dem Reichste in der nächsten Session zugehen wird.
In Berlin finden in den Tagen vom 18. bis 20. Ootober die Reu- i Zahlen zur Stadtverordneten-Versammlung statt, denen man eine hohe g politische Bedeutung nicht absprechen kann, da es von ihnen abhängt, welche Mtei künftig in der Berliner Stadtvertretung dominiren wird. Die bevor- ^henden Wahlen haben deshalb in Berlin nicht geringe Bewegung hervorge- Jien und tagtäglich halten die drei mit einander concurrirenden Parteien, die Geraten, die deutsche (conservative) Bürgerpartei und die Arbeiterpartei, Ver- Pmlungen ab, in denen jede Partei sich als die allein seligmachende aufspielt, ^viel man bis jetzt erkennen kann, werden die Neuwahlen in der bisherigen Asammensetzung der Berliner Stadtvertretung keine einschneidenden Veränderen Hervorrufen ; der Kern dürste derselbe bleiben und auch die große Majo- Ml den Kreisen der liberalen Bürgerschaft angehören. Vielleicht wird auch ^ Arbeiterpartei einige ihrer Candidaten durchbringen und das könnte gerade V schaden, denn eine rege Thellnahme an der cominunalen Thätigkeit wäre gut geeignet, die Arbeiter von ihren radikalen Ansichten zu heilen.
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Ohnmacht hätten versetzen wollen; dennoch habe er nicht gezögert, seine Demission zu geben, mit der nämlichen Ergebenheit gegen den Präsidenten und die Republik, die er schon an dem Tage gehegt, an welchem er sein bisheriges Portefeuille übernommen habe. Es war ein offenes Geheimniß, daß zwischen Thibaudin und der Mehrzahl seiner Minister-Collegen tiefgehende Meinungsverschiedenheiten bezüglich verschiedener Fragen bestanden und die mehr als zweideutrge Haltung Thibaudin's bei der Anwesenheit des Königs von Spanien in Paris hat dem Fasse den Boden ausgeschlagen, lieber den Nachfolger Thibaudin's ist noch nichts Näheres bekannt, doch heißt es, daß das Kriegsministerium dem General Saussicr angeboten worden sei. Es kann kaum bezweifelt werden, daß die Demission Thibaudin's die Schmierigkeiten, welche in Folge der Demonstrationen gegen König Alfonso zwischen Frankreich und Spanien entstanden sind, wesentlich verringern wird und sind die betr. diplomatischen Verhandlungen eifrig im Gange. Der spanische Botschafter in Paris hat dem Minister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, mündlich Vorstellungen gemacht, die sich dem „Temps" zufolge namentlich darauf bezogen haben, daß keine gerichtliche Verfolgung der Urheber der Kundgebungen gegen den König Alfonso eingeleitet und daß nicht der volle Wortlaut der zwischen König Alfonso und Präsident Grevy gewechselten Erklärungen im „Journal ossiciel" veröffentlicht worden sei. Betreffs dieser beiden Punkte hat die französische Negierung bereits eine Erklärung abgegeben, welche, wie der „Temps" weiter mittheilt, geeignet erscheint, eine Verständigung herbeizuführen.
In England strengen sich die Führer der Opposition ganz bedeutend an, um Stimmung für die conservative Sache zu machen. So fand dieser Tage in Birmingham ein großes conseroatives Meeting statt, bei welchem Lord Cranbrook, im Ministerium Beaconsfield zuerst Kriegsminister und dann Minister für Indien, der Hauptredner war. Derselbe unterzog die innere und äußere Politik Gladstone's einer herben Kritik und bezeichnete z. B. das mit der Suezkanal-Gesellschast getroffene, aber schließlich zurückgezogene Abkommen der englischen Regierung als Etwas, „dessen sich jeder Schuljunge schämen müsse." Streng tadelte der Redner die irische Politik Gladstone's und ebenso seine Colonialpolitik, welche zu den Kriegen im Transvaal und Egypten geführt habe. Es scheint wirklich, als ob die Rede Canbrook's für die Conservatwen „Stimmung" gemacht habe, wenigstens ist bei der am 4. October in Manchester stattgefundenen Ersatzwahl zum Parlamente der conservative Candidat Houldsworth mit 18,188 Stimmen gewählt worden, während sein liberaler Gegen-Candidat Pankhurst nur 6216 Stimmen erhielt.
Die norwegische Ministeranklage-Afsaire zieht sich recht in die Länge. Am Freitag hielt das Reichsgericht zu Christiania eine Sitzung ab, in welcher auf Verlangen des Anklägers die weitere Verhandlung gegen den Staatsminister Kierulf auf den 1. December verschoben wurde. Vielleicht, daß die Radikalen während dieser Zeit noch weiteres „Belastungsmaterial" gegen das Ministerium sammeln wollen.
Darmstadt, 8. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 6. October dem evang. Pfarrer zu Sellnrod, im Dekanate Schotten, Ludwig Vang das Ritterkreuz 1. Klaffe des Verdienst-Ordens Philipps des Großmüthigen zu verleihen.
Darmstadt, 6. October. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 1. October l. Js. Allergnädigst geruht:
den Hosgarten-Assistenten Friedrich Göbel zum Hofgärtner der Hofgärtnerei Mathildenhöhe und
am 4. October mit Wirkung vom 1. November l. Js. dem Hofsilber- Verwalter i. P. Joeckel die Schloßverwalter-Stelle zu Kranichstem provisorisch zu übertragen.
Berlin, 6 Octoder. Die „Agence Havas" meldet, daß der Kriegsminifter Thtbaudrn seine Demission gegeben und Präsident Grevy dieselbe angenommen hat. Damit tft die schon fett längerer Zeit in lat ntem Zustand vorhanden gewesene Krise 'm französischen Cab net zur offenkundigen Thatsache geworden und bet der Gespanntheit der peisönlichcn Bez'ehungen in den Kreisen des osfic-ellen Frankreichs erscheint es fiaglich, ob der begonnene Abbröckelungsproceß des Ministeriums Fer>y bis zum W'edeizusammentritt btr Kammern kein weiteres Opfer fordern wird. Das amtliche Wirken des Herrn Thibaudin ist nicht darnach angethan, die öffentliche Meinung Frankreichs den Rücktritt des Mannes als einen Verlust empfinden zu lassen Es wird unfern Lesern noch erinnerlich fern, daß bei Uebernahme des Kriegsressorts durch Herrn Thibaudin gewisse, aus Den Kriegtzjahren 1870—71 henührende Antezedenlien dieses Militärs zum G genstande lebhafter Erörterungen der Partser Presse gemacht wurden. Trotzdem gelang es Herrn Thibaudin, seine Stellung im Cabinet leidlich zu etabliren und auch mit den Kammern sich auf auskömmlichen Fuß zu fetzen Als in- deß der Confeilsp-räsident die parlamentarische Ferienpause zu energischer Betreibung der ostasiatischen Affaire benutzen wollte, zeigte sich Thibaudin in dem Maße gegen die Anforderungen Ferry's und Challemel-Lacour's ungefügiger, je mehr die letzteren


