-kr. 183.
Freitag den 10. August
1888.
Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Butttm t Schulstraße 7.
Erscheint ILglich mit Ausnahme des Montag-.
Preis vierteljährlich 2 M»rk 20 Pf. mit Bringeri ohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 Pf.
Amtlicher H y e i l.
Betreffend: Die Anlage von Entwässerungsgräben 2c. in der Gemarkung Gießen.
Bekanntmachung.
Der Plan über die Zutheilung der Wiesen am Wismarer Weg sammt dem dazu gehörigen Protokolle der Commission, dem Gutachten des Stadtvorstandes von Gießen, den Geschossen :c. liegt vom 15. August bis 5. September l. I. auf unserer Registratur zur Einsicht der Betheiligten offen.
Reclamationen gegen diese Zutheilung können während der angegebenen Frist, müssen aber spätestens im Termine
Donnerstag den 6. September, Vormittags von 11—12 Uhr, bei uns
bei Meidung späterer Nichtberücksichtigung und der Annahme des Einverständnisses mit der Zutheilung vorgebracht werden, indem eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumniß der angegebenen Frist gesetzlich nicht zulässig ist.
Gießen, den 7. August 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___I. V.: vr. Hoffmann, Regierungsrath.__________________________________________________
Betreffend: Feldwege-Anlage 2C. in der Gemarkung Staufenberg.
Bekanntmachung.
Bei der in Gemäßheit des Ausschreibens vom 16. Juni l. I. (Anzeiger Nr. 139) vorgenommenen Abstimmung vom 4. l. M. haben bezüglich .des llmernehmens in Flur VI 15 Betheiligte dagegen gestimmt, welchen eine Fläche von 21722 qm mit einem Steuerkapital von 38 fl. 24 kr. zustehl. Da aber 62 Personen mit einer Fläche von 152 464 qm und einem Steuerkapital von 261 fl. 13 kr. als dafür stimmend anzusehen sind, ist die Ausführung dieses vernehmens beschloffen worden.
Die Feldwege-Anlage in Flur XIV wurde mit Stimmenmehrheit abgelehnt.
Das Protokoll über den Abstimmungstermin sammt Anlagen wird vom 15. bis 29. l. M. auf der Großh. Bürgermeisterei Staufenberg mit dem Bemerken offengelegt, daß eine etwa beabsichtigte Anfechtung der Zulässigkeit oder Rechtsbeständigkeit der Abstimmung oder des vorbemerkten Resultates derselben binnen der genannten Frist bei Meidung des Ausschlusses mittelst Recurses an den Kreisausschuß des Kreises Gießen geltend gemacht werden muß.
Gießen, den 7. August 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_______________________________________________I. V.: Ur. Hoffmann, Regierungsrath.__
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Turchschnittsmarktpreise vom Monat Juni 1883 veröffentlicht:
Hafer 14.80, Heu Jt. 6.—, Stroh JL 3.50 per 100 Kilogramm.
Gießen, den 9. August 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
,;____________________________________________I. V.: Ur. Hoffmann, Regierungsrath.____________________________________
Nr. 18 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr. 1509.) Freundschasts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und den Vereinigten Staaten von Mexiko- Vom 5. December 1882.
Gießen, am 9. August 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Ur. Hoffmann, Regierungsrath.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 9. August.
Die Kaiser-Zusammenkunft in Ischl beherrscht augenblicklich bas Feld der politischen Combinationen und gar mannigfach sind die Commen- lare, welche an dieses hervorragende Ereigniß geknüpft werden. Indessen muß koch darauf hingewiesen werden, daß auch die diesjährige Begegnung Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef in erster Linie nur ein Ausdruck sowohl für Fortdauer des engen Freundschafts-Verhältnisses zwischen den beiden mächti- M Herrschern, als auch für den Weiterbestand der nahen Beziehungen ist, Alche zwischen den Regierungen von Berlin und Wien obwalten. In diesem :mne hat man hauptsächlich die Entrevue von Ischl aufzufassen, wobei aller- ^lgs der Umstand, daß ihr dem Vernehmen nach auch Gras Taaffe, der öster- ^ichische Ministerpräsident, beigewohnt haben soll, der Entrevue eine erhöhte mitische Bedeutung verliehen würde. Darüber, welche politischen Punkte in den Erredungen zwischen beiden Monarchen berührt worden sind, fehlt selbstver- Andlich jeder Anhalt, jedenfalls hat aber die deutsch-österreichische Allianz durch Monarchenbegegnung in Ischl eine weitere Kräftigung erhalten und fest unerschütterlich steht dieses Bollwerk mitten in den Wogen der Parteikämpfe ^» welche Deutschland wie Oesterreich erfüllen. — Natürlich hat es auch be- ''gach der Audienz, welche Gras Kalnoky, der Leiter der auswärtigen Ange- ^»lcheiten Oesterreichs, bei Kaiser Wilhelm in Bad Gastein gehabt, nicht an -^chiedenen Auslegungen gefehlt, denen das halbosficiöse „Wiener Fremden- Jr' mit dem Bemerken entgegentritt, daß Gras Kalnoky nach Gastein gereist ’cl* um dem deutschen Kaiser nach längerer Zeit wieder seine Aufwartung ’n machen; ob dies den thatsächlichen Verhältnissen entspricht, lassen wir dahin- ylhut sein.
Die umlaufenden Gerüchte über eine eventuelle Einberufung des -Mchstages haben jetzt durch eine an hervorragender Stelle stehende Mittheilung ^ordd. Allg. Ztg." neue Nahrung gesunden. Das officiöse Blatt schreibt, Wem es darauf hingewiesen, daß der deutsch-spanische Handelsvertrag die Mmmung sämmtlicher Bundesregierungen gesunden habe: „Für den Fall, ff ;?a™en öur faktischen und provisorischen Herstellung der gegenseitigen Zoll- ^mdlung aus dem Fuße der Vertragsbestiminungen nicht geneigt sein sollte, I' MLr hören, in den maßgebenden Kreisen und auch beim Reichskanzler >e Absicht vorherrschend, den Reichstag sofort und noch vor Mitte dieses -Mats zu berufen." Es ist bekannt, welche Schwierigkeiten die spanische Werung dem Zustandekommen des deutsch-spanischen Handelsvertrages bereitete O _ Weigerung des Madrider Cabinets, den Vertrag noch vor seiner Rati
fication provisorisch in Kraft treten zu lassen, würde daher nicht zu den Unmöglichkeiten gehören. Daß unter solchen Umständen die Reichsregierung die Einberufung des Parlaments zu einer außerordentlichen Session in's Auge gefaßt hat, um ihm den genannten Vertrag zur definitiven Genehmigung vorzulegen, erscheint erklärlich; ob es indessen gelingen würde, die Mitglieder des Reichstages in beschlußfähiger Zahl zu versammeln, ist noch sehr die Frage.
Die Fortschrittspartei ist bei den in letzter Zeit stattgesundenen Nach- und Ersatzwahlen zum Reichstage stark engagirt gewesen. In drei Reichstags-Wahlkreisen, die bis jetzt fortschrittlich vertreten waren, in Hamburg!, Kiel-Rendsburg und Wiesbaden-Rheingau (für Schulze-Delitzsch), hatten Neuwahlen stattgefunden, bei denen der Erstgenannte bekanntlich an die Socialdemokratie verloren gegangen ist. Auch in Kiel machte dieselbe der Fortschrittspartei das Terrain streitig, doch ist es dem fortschrittlichen Candidaten, Prof. Hänel, gelungen, seinen socialistischen Gegner, Schneidermeister Heinzel, glänzend aus dem Felde zu schlagen, da bei der Stichwahl Ersterer, nach nunmehriger Feststellung des Wahlresultats, 13,243, Heinzel aber nur 8830 St. erhalten hat. Was den Kreis Wiesbaden-Rheingau anbelangt, so standen sich hier mcht weniger als 4 Candidaten gegenüber, nämlich Rechtsanwalt Schenk (Fortschr.), Contre-Admiral A. D. Werner (cons.), Frhr. v. Spieß-Büllesheim (Centrum) und Schreiner Joest, (socialdem.), von denen Schenk bis jetzt 6926 Stnn- men erhielt, während jedoch seine drei Gegner zusammen nur 540 i Stimmen aufzuweisen hatten. Endlich muß die Fortschrittspartei auch im Reichstags- Wahlkreise Greifswald-Grimmen in den Wahlkamps treten, wo sich eme Ersatzwahl für den bisherigen Vertreter desselben, Senator Stoll, dessen Leiche bekanntlich vor Kurzem im Rhein gefunden wurde, nöthig macht.
Mil dem Ausgange des Ptocesses von Tisza-Eszlar wendet man sich in Oesterreich wieder mehr den politischen Tagesfragen zu, deren es jetzt allerdings auch im Donaureiche nicht gerade viele siebt. _ Lebhaft wird von der österreichischen und ungarischen Preffe die nunmehr erfolgte officielle Ernennung des Grafen Foucher de Careil zum französischen Botschafter am Wiener Hofe erörtert. Seit dem Abgänge des Grafen Duchätel war der französische Botschafterposten in Wien verwaist, so daß schon eigenthümliche Gerüchte über diese lange Vacanz auftauchten, denen nun durch die Ernennung Careil s ein Ende gemacht worden ist. Graf Foucher de Careil ist ein gemäßigter Republikaner und hat schon mehrfach hervorragende Stellungen im französischen Staatsdienste bekleidet. Daneben ist er auch Philosoph und Schriftsteller und gilt namentlich als ein gründlicher Kenner der deutschen Philosophie und Literatur. Seine Ernennung wird sowohl von der officiösen, wie von der unabhängigen Vreffe Oesterreich-Ungarns mit hoher Befriedigung begrüßt._____________


