Zweites Blatt.
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Turn- und Zugendspiele.
In der am 22. August ds. Js. im Cafä Ebel in Gießen stattgehabten Versammlung des Turnlehrer Vereins für Gießen und Umgegend wurden aeaen fünfifa Turn- und Jugendsp.ele erklärt und besprochen. 6 B
c u Z? b,er Einleitung des Vortrags suchte der Unterzeichnete darzuthun, welchen hohen Werth die Bewegungsspiele im Freien für unsere Jugend haben. Und es ist wohl nicht zu verkennen, daß die Spiele auf den Charakter des Menschen einen wesentlichen Efiifluß ausüben, daß sie zu den Erziehungsmitteln ganzer Nationen, inbesondcre unserer Jugend gehören. Wenn der Schüler durch geistige Arbeit tüchtig angestrengt worden ist, so ist es unbedingt nothwend'g, daß sich derselbe durch körperliche Beweg- “n6 i" frischer Luft erhole. Die beste Erholung ist aber unzweifelhaft das einfache, leicht faßliche Sprel im Freien. Man mürbe sicherlich den Zweck nicht so vollständrg erreichen, wenn man den Schüler nach Erschlaffung des Geistes zu einer weniger anstrengenden Arbeit verurthetlen wollte. Die geistigen Kräfte müssen eine geraume Zeit Tages gänzlich ruhen, damit sich der Schüler gründlich erholt und nmgeftärkt an die Arbeit gehen kann.
Die Bewegungsspiele helfen den Körper gesund erhalten und krankhafte Schüchternheit und Zaghaftigkeit verschwindet von selbst. Ferner wird dadurch Selbstvertrauen, Entschlossenheit, Geistesgegenwart und bet den Mädchen noch außerdem An- muth und Unbefangenheit erzielt. Empfindsame Kinder lernen durch Necken und Lachen im fortgesetzten Spiele ihren Fehler vergessen. Sie haben während des Spieles keine Zett, über die ihnen zugefügte Kränkung nachzudenken. So wird auch auf diese Weise die allzu leichte Reizbarkeit nach und nach überwunden werden. Im Spiel lernt der Einzelne sich dem Ganzen unterordnen, der Gemetnsinn wird geweckt und gepflegt. Ist das Spiel gut, dem kindlichen Geiste entsprechend und wird gut gespielt, so erweckt es im jugendlichen Kreise Lust, Freude und Heiterkeit- Die weniger ansprechenden Spiele, wie man sie hier und da namentlich bet Knaben sieht, werden alsdann von selbst verschwinden. Mürrische Kinder zeigen In einer fröhlichen Gesellschaft meistens sehr bald ein offenes Wesen. Immer ist es rathsam, die Jugend in einem heiteren Tone zu erhalten. Dann dürfte auch das Verschlossene bet vielen Kindern, vielleicht bei allen, welche damit behaftet sind, weichen und der natürlichen Offenheit Platz machen. —
Aus der Einleitung des Vortrags ergeben sich 9 Thesen, welche von dem Referenten gestellt, von der Versammlung in längerer Diskussion besprochen und mit wenigen Abänderungen angenommen wurden-
These 1. Die Turn- und Jugendspiele wirken erziehlich; die Uebungen des Geistes und des Körpers dienen sich gegenseitig zur Erholung.
These 2. Die Spiele helfen den Körper gesund erhalten. Selbstvertrauen, Entschlossenheit, Geistesgegenwart, Anmuth und Unbefangenheit wird dadurch erzielt und krankhafte Schüchternheit und Zaghaftigkeit verschwindet.
Gießen, 8. September.
Seitdem die in unserer Politik bisher obwaltende sommerliche Stille durch die außerordentliche Reichstags-Session unterbrochen worden ist, ist in die inneren Angelegenheiten unverkennbar wieder ein frischerer Zug gekommen Die viertägige Neichstags-Session selbst hat in der Presse eine Unzahl von Rückblicken und Betrachtungen hervorrgerufen, was beweist, welchen Eindruck die vergangene Session trotz ihrer so kurzen Dauer hinterlassen hat; im Allgemeinen zeigen diese Erörterungen — wenn man von einigen nie zufriedenen Organen absieht — daß der Verlauf der Session und ihre Resultate allseitig befriedigt haben. Die im Laufe dieses Monats in Sachsen und Vaden stattfindenden Ersatz- resp. Neuwahlen zum Landtage werden ebenfalls das Ihrige zu dem erhöhten Pulsschlage des politischen Lebens beitragen; ferner ist der bayerische Landtag auf den 28. September einberufen worden und auch der preußische Landtag dürfte bald darauf wieder zusammentreten, so daß sich also die parlamentarische Herbst-Campagne zu einer recht lebhaften zu gestalten verspricht.
Am Mittwoch hat im Wahlkreise Torgau-Liebenwerda die vielerörterte Nachwahl zum Reichstage stattgefunden. Die Verzögerung dieser Wahl ist bekanntlich in der Presse lebhaft besprochen worden, denn am 12. Februar d. Js. wurde die Wahl des bisherigen Vertreters, des Oberjustizraths Dr. Clauswitz (cons.) für ungiltig erklärt, so daß also beinahe 7 Monate verstrichen find, seit die Wähler dieses Kreises endlich zu iner neuen Wahl schreiten dursten. Dem Unmuthe über dieses merkwürdige Verfahren der Regierung ist es wohl hauptsächlich zuzuschreiben, daß viele Wähler diesmal nicht sür Dr. Clauswitz, sondern für seinen liberalen Gegen-Candidaten, den Justizrath Dr. Horwitz, stimmten. Denn während der Letztere bei der vorigen Wahl nur 4733 Stimmen erhielt, hat er, soweit bis jetzt bekannt, 6736 Stimmen erhalten; auf Dr. Clauswitz fielen erst 2671 Stimmen.
Bei der gleichfalls am Mittwoch in Rakel (Posen) stattgefun- ; denen Ersatzwahl^ zum Abgeordnetenhause wurde der seitherige Vertreter, Ober- Regierungsrath Hahn, mit 291 Stimmen wiedergewählt. Der nationalliberale Candidat Falkenberg erhielt 82, der Pole Konäerowski 81 Stimmen.
Die Salzburger Conserenzen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grafen Kalnoky, der Besuch, den der rumänische Ministerpräsident Bratiano in Wien abgestattet und die Unterredung, welche er hier mit dem Grasen Kalnoky gehabt hat, endlich die Reise des rumänischen Staatsmannes nach Gastein, wo er eine Entrevue mit dem deutschen Reichskanzler haben wird - alle diese Vorgänge beherrschen jetzt das Feld der hohen Politik. Es braucht keines besonderen Hinweises darauf, daß zwischen denselben ein enger Zusammenhang besteht und nur, um was es sich bei diesen fortgesetzten Minister-Conferenzen eigentlich handelt, entzieht sich aus leicht begreiflichen Gründen noch der öffent- ichen Kenntniß. Namentlich um die Salzburger Zusammenkunft zwischen dem leitenden deutschen Staatsmanne und dem österreichisch-ungarischen Minister des Auswärtigen hat sich ein förmlicher Sagen-Mythus gebildet und ebenso geben me Conserenzen zwischen dem Grafen Kalnoky und Herrn Bratiano, sowie die Reise des Letzteren nach Gastein überreichen Stoff zu allerhand Conjecturen. Es ist indeffen müßig, über die Besprechungen der genannten Staatsmänner eingehende Combinationen anzustellen und nur die eine Annahme darf man wohl mit Sicherheit aussprechen, daß ihnen die Erhaltung und Befestigung des europäischen Friedens zur Grundlage gedient hat.
Von den das Donaureich und sein buntes Völkergemisch bewegenden Fragen erhält die ungarisch-kroatische Angelegenheit die Gemüther noch immer am meisten in Spannung. Zur Beruhigung der Kroaten wird es allerdings Ichwerlich dienen, daß der gemeinsame Ministerrath in Wien jetzt einen Militär, den General Baron Ramberg, mit Der höchsten Regierungsgewalt in Kroatien bekleidet und denselben mit außerordentlichen Vollmachten versehen hat, denn hmmit ist nur einem entschiedenen Verlangen der ungarischen Regierung Folge Wben worden. Unter der eisernen Faust eines Militär - Dictators werden allerdings die Kroaten wohl oder übel Ruhe halten müffen; ob aber nach Wiederaufhebung der Militär-Dictatur sich die Erregung der kroatischen Bevölkerung gegen Ungarn gelegt haben wird, erscheint vorläufig noch sehr zweifelhaft.
Die Aufmerksamkeit der französischen Regierung wird jetzt stst ebenso durch die Vorgänge im royalistischen Lager als durch die sich ernster gestaltende Lage in Tongking in Anspruch genommen. Der Tod des Grafen Mmbord scheint in der That eine Fusion zwischen Legitimisten und Orleanisten Stande gebracht zu haben, denn die in Görz versammelt gewesenen Legiti- Mlten, unter denen sich die hervorragendsten Stützen der legitimistischen Partei befanden, haben alle den Grafen von Paris als Haupt des königlichen Hauses vorn Frankreich anerkannt. Die Fernhaltung der orleanistischen Prinzen von oen Görzer Leichenfeierlichkeiten scheint demnach nur eine persönliche Entfremdung Mchen den Prinzen einer- und der Gräfin Chambord und deren allernächstem ämhang anderseits darzustellen, während die große Masse der Legitimisten in r?. orleanistische Lager übergeschwenkt ist. Es bedeutet dies demnach eine ot artung der Sache der französischen Royalisten und es kann dies dem Cabinet Mry durchaus nicht gleichgiltig sein, zumal die orleanistischen Organe versuchen, Gesuch, welchen Kaiser Franz Josef dem Grafen von Paris in Wien ab- geMattet hat, auf Kosten der französischen Republik zu einer großen politischen ^niott aufzubauschen. Es ist jedoch noch unbekannt, ob die Regierung des
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Präsidenten Gre'vy ernste Maßregeln gegen die Orleans zu ergreifen gedenkt Was die ostasiatischen Angelegenheiten «belangt, so hat jetzt China offen gegen Frankreich Partei ergriffen, indem es die ansehnliche Truppenmacht von la,000 Mann die Grenze von Tongking überschreiten ließ. Ein französisch- chinesischer Krieg steht also vor der Thür, falls es der Diplomatie nicht noch im letzten Augenblick gelingt, „abzuwiegeln" und hat darum ein in Paris abgehaltener M misterrath beschlossen, unverzüglich 5000 Mann Verstärkungen, welche der algerischen Armee entnommen werben sollen, nach Tongking zu schicken — Der König von Spanien ist am Mittwoch Vormittag in Hendaye (Departement der Nieder-Pyrenäenh eingetroffen und hat an demselben Tage seine Reise nach Paris fortgesetzt.
Das kleine Holland ist durch die furchtbaren Elementar-Ereignisse m der Sundastraße in direkte Mitleidenschaft gezogen worden. Java, die Perle des holländischen Colonialbesitzes, ist durch dieselben auf lange Zeit hinaus wirthschaftlich ruinirt, denn die vulkanischen Eruptionen und kochenden Meeresfluthen haben auf Java und auch auf dem gegenüberliegenden Sumatra Hunderte von Meilen gut bebauten Bodens mit Lava und Geröll bedeckt, blühende Städte, freundliche Dörfer und zahlreiche Faktoreien dem Erdboden gleich gemacht. Die Handelsverluste, welche hierdurch die holländischen Firmen erlitten haben, dürsten sich auf viele Millionen belaufen und unter den circa 100,000 Opfern, welche die furchtbare Katastrophe auf Java und Sumatra gefordert hat, befinden sich außerdem zahlreiche Angehörige holländischer Familien. In Amsterdam hat sich bereits ein Comite unter dem Vorsitze des Prinzen von Oranien gebildet behufs Unterstützung der Hinterbliebenen jener Opfer.
Im Fürstenthum Bulgarien bereitet sich eine Entscheidung in dem dortigen politischen Wirrwar vor. Zwischen der am Hofe von Sofia herrschenden russischen Partei und der bulgarischen Bevölkerung hat sich ein scharfer Gegensatz herausgebildet, welchen zu mildern den Bemühungen des Fürsten Alexander nicht gelungen ist. Jetzt ist von diesem ein Manifest erlassen worden, in welchem zur Herstellung eines dauerhaften Standes der Dinge die Einsetzung einer Commission verkündigt wird, die unter Beihilfe der Minister eine neue Verfassung ausarbeiten und diese einer außerordentlichen Skupschtina unterbreiten soll. Die Bulgaren sollen also wieder eine Verfassung erhalten, was von der Bevölkerung jedenfalls mit Genugthuung begrüßt, von der russischen Partei aber mit ganz anderen Empfindungen ausgenommen werden wird.
Das allmählige Erlöschen der Cholera in Egypten gibt endlich dieses schwergeprüfte Land erst eigentlich dem Leben wieder. Die Quarantäne in Port-Said ist aufgehoben worden und die Durchfahrt durch den Suez- Canal erfolgt wieder wie vor dem Auftreten der Cholera; auch kehren die englischen Truppen nach Kairo zurück. Ferner sind durch vicekönigliches Dekret die Wahlen zum Provinzialrath und zur allgemeinen Landes-Versamm- lung in denjenigen Orten, wo dieselben aus sanitären Gründen bisher ausgesetzt waren, auf den 1. October festgesetzt worden.
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