Beilage M Nr. 259 des „Gießener Anzeiger".
Amerika.
Newyork im Oktober. New-Yorker Blätter schildern die gegenwärtigen Erwerbs-Verhältnisse ihrer Stadt als höchst ungünstige. Nach den Angaben eines Stellenvermittelungs-Agenten gab es in New-York zu Anfang September allein 5000 stellenlose Buchhalter im Alter zwischen 25 und 30 Jahren. Die Mehrzahl der Angestellten dieser Branche verdient wöchentlich etwa 15 bis 18 Dollars, indeß Hunderte von tüchtigen Buchhaltern ihre Dienste um 12 bis 15 Dollars wöchentlich anbieten. Während in der Buchhalter-Branche das analo-amerikanische Element überwiegt, wenden sich die Deutschen neuerdings mit Vorliebe dem Stande der Barkeeper zu und haben die Irländer, welche früher in dieser Branche dominirten, fast gänzlich aus derselben verdrängt. Uebrigens wimmelt es in New-York gegenwärtig von beschäftigungslosen Leuten; beispielsweise erhielt ein Kaufmann, der eine zu vergebende Klerksstelle annonciren ließ, die nur 10 Dollars wöchentlich eintrug, nicht weniger denn 700 Offerten.
Bezeichnend für die dermalige Lage des Geschäfts dürfte es auch sein, daß die Anchor Line Company, deren Dampfer zwischen New-York und Liverpool verkehren, ein Rundschreiben an ihre Interessenten gerichtet hat, in welchem sie denselben anzeigt, daß sie wegen der ungenügenden Frachtverhältnisse und des bevorstehenden Endes der Reisesaison den Fährbetrieb zwischen Liverpool und New-York während der Wintermonate einstellen werde.
Ueber den Aufstand in Port-au-Prince, der Hauptstadt der Neger-Republik Hayti, liegt in Londoner Zeitungen ein Bericht vom 10. October vor, dem wir Folgendes entnehmen: Am 22. September um 11 Uhr Morgens brach hier in Port-au-Prince eine revolutionäre Bewegung aus, hervorgerufen durch den von den Behörden gemachten Versuch, einige junge Männer zu verhaften, welche als Gegner der Partei des Präsidenten Salomon bekannt waren. Die Aufständischen griffen zunächst das Haus des Bezirks-Generals an und erschossen den General, nachdem seine Leibwache in die Flucht geschlagen war. Sämmt- liche Truppen zogen sich alsdann auf den außerhalb der Stadt gelegenen Palast des Präsidenten zurück. Die Aufständischen zogen mit dem Rufe: „Es lebe die Revolution!" durch die Straßen und feuerten auf Alle, die sie für ihre Gegner hielten. Nach dem ersten Allarm wurden alle Läden und Comptoirs geschlossen und der friedfertige Theil der Bevölkerung zog sich bald von den Straßen zurück. Gegen 3 Uhr Nachmittags hatte Präsident Salomon seine Truppen um seinen Palast herum vereinigt und begann allmälig die Herrschaft über die Stadt wieder zu erlangen. Binnen 3 Stunden waren die Aufständischen zersprengt und suchten Zuflucht in den verschiedenen Consulaten. Um diese Zeit lief das britische Kriegsschiff „Fontana" die Rhede an, von Jeremie zurückkehrend, wohin es gesegelt war, um die dortigen britischen Unterthanen zu schützen. Ehe es Anker warf, steckten die Regierungs-Truppen die Stadt an verschiedenen Stellen in Brand und begannen zu plündern. Mehrere Häuser in der Nähe des britischen Consulats standen in Flammen, und der Consul war genöthigt, sein Archiv in dem feuersesten Erdgeschoß in Sicherheit zu bringen, da zu erwarten stand, daß das Consulat in Brand gerathen würde. Da überdies Drohungen ausgestoben morden waren, bat der Consul den Commodore Grey, Mannschaften zum Schutz des Consulats zu landen, und es wurden 34 Seeleute und Seesoldaten unter der Führung dreier Osficiere an's Gestade gesandt. Beinahe hundert Frauen und Kmder, einige darunter verwundet, hatten im Consulat Zuflucht gesucht. Am nächsten Morgen, als das Brennen, Morden und Plündern fortgesetzt wurde und keine hellfarbige Person ihres Lebens licher war, commandirte der Befehlshaber des „Fontana" einen Lieutenant und zwölf Blaujacken zur Bewachung der Privatwohnung des Consuls. Der aus dem Abschaum der Bevölkerung zusammengesetzte Pöbel und die Regierungs-Truppen bedienten sich eines Feldgeschützes zur Aufsprengung der Thüren der Waaren- speicher. Dabei überluden sie das Geschütz, worauf es barst, sodaß eine Menge Leute getödtet wurden. Die Waarenspeicher wurden dann mit Kerosin besprengt uno angezündet. Als am 23. October, Nachmittags, die Regierung noch immer keinen Versuch gemacht hatte, die Ordnung wieder herzustellen, ließen die Con-
suln dem Präsidenten Salomon sagen, daß, falls der Aufruhr nicht vor Einbruch der Nacht beendigt wäre, die Straßen durch die Gatling-Kanonen der Kriegsschiffe gesäubert und sein Palast beschossen werden würde. Der Präsident ergriff daraufhin Maßregeln zur Wiederherstellung der Ordnung und die Stadt wurde bald wieder ruhig."
B-rmischteS.
Köln, 31. October. Heute wurde, wie die „Rh.-Westf. Ztg." berichtet, in der Strafkammer über eine ekelhafte Behandlung von Lebensmitteln verhandelt. Es stehen vor den Schranken die Eheleute Specerethöndler Wilhelm Betram aus Ehrenfeld, an- geklagt, Stockfische in Urin und Wasser geweicht und zum Verkauf ausgeboten zu haben. Die Sache kam durch die Dtenstmagd, als sie in einen andern Dienst verzogen, zu Tage. Die Polizei beschlagnahmte emgewetchte Stockfische und Wetchwasser, iene wurden vergraben, dieses bem Chemiker Kyll zur Untersuchung überwiesen. Dieser er- klartei er habe Harnsäure in dem Wasser, die unzweifelhaft von einem Zusatz Urin Herrühre, vorgefunden. SanitätSrath Jakobs sagte auS, Harnsäure sei mittel- und unmittelbar gesundheitsschädlich, mittelbar durch den Ekel, wenn die Manipulation später bekannt werde, unmittelbar auch nach dem Genuß. Beide Angeklagten wurden für schuldig erklärt und zu 2 Monaten G-fängniß verurtheilt.
— sGräßltcher Sturz.) Aus Freising, 24. October, schreibt man dem „Bayer. Cur.": Heute ereignete sich um die Mittagsstunde in Neustist bei Freising ein gräßlicher Unglücksfall. Der verheirathete Glasermeister und Maler Herr Schreiner jun., ein noch junger Mann, machte sich auf dem Dache seines Hauses, auf einer Leiter stehend, zu schaffen, als plötzlich eine Sprosse brach und der Bedauernswerthe hinabstürzte, wobei er so unglücklich auf einen Stecken an einem Rosenstocke seines Gartens fiel, daß er sich hieran sörmlich aufspießte und die Spitze dieses Steckens, welche Unterleib und Brust durchbohrte, ihm zum Halse herausdrang. Ein Arzt, welcher soeben des Wegs kam, konnte ihm diesen Stecken zwar noch aus der Wunde ziehen, der Verunglückte verschied jedoch alsbald unter den qualvollsten Schmerzen.
Paris, 27. Ociober. Unter der Ueberschrist „Le fou de Clichy“ bringen alle Blätter spalteniange Berichte über einen furchtbaren Kampf. Gestern Nachmittag kam die Frau des Schreiners Trözel zu dem Polizet-Commissar ihres Viertels und theilte ihm mit, ihr Mann, der bereits früher an Raserei gelitten und mehrere Monate, im Jrrenhause zugebracht hatte, sei wieder tobsüchtig geworden; er habe schon alle Möbel seiner Wohnung zerstört, das Porcellan und Kochgeschirr aus den Fenstern geworfen und die Hausgenossen bedroht. Es wurden in Folge dessen zwei Polizisten abgesandt, um ihn ins Hospital zu bringen. Als die Beamten aber ins Haus kamen, hörten sie, der Wahnsinnige habe sich in einem kleinen Zimmer des Erdgeschosses verschanzt und bedrohe Jeden mit dem Tode, der sich ihm nähere. Das Zimmer hatte ein Fenster noch der Straße; Trözel hatte dieses Fenster durch Vorrücken eines schweren Schrankes unzugänglich gemacht. Eine Thür mit einem Glasfenster führte auf einen Hausgang; vor diese Thür hatte der Wahnsinnige einen schweren Tisch gestellt. Auf diesem hatte er — vollständig nackt — Platz genommen, schwang ein langes Messer und rief fortwährend: „Wer mein Hausrecht verletzt, ist des Todes." Zieht mau außerdem noch in Betracht, daß TrLzel ein Mann von herkulischem Körperbau und sechs Fuß hoch ist, so wird man begreifen, daß die beiden Polizisten den Kampf nicht ausnahmen, sondern eS vorzogen, auf dem Commissariat zu erklären, ohne HÜlssmannschaften könnten sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. Der Commissar begab sich mit acht Schutzleuten jetzt an Ort und Stelle. Eine dichte Menge von Neugierige n hatte unterdessen die Straße und das Haus besetzt und nur mit Mühe konnten sich die Beamten ihren Weg bahnen. Sie bemnffneten sich mit schweren Holzscheiten — im Hofe wurde grade das Brennholz für den Winter gespalten — und stürmten in regelrechtem Angriff die Thür. Jetzt entwickelte sich eine blut-ge Metzelei. Während die Polizisten mit voller Wucht ihre Holzscheit- auf den Wahnsinnigen niedersousen ließen, stach dieser nach rechts und links mit dem Messer um sich und in wenigen Minuten waren fünf Polizisten kampfunfähig. Einem war die Pulsader durchgeschlagen, ein zweiter hatte eine furchtbare Wunde quer über den Schädel, ein dritter einen Stich im Rücken, bem vierten war der Arm gespalten und dem fünften hatte der Rasende ein Auge verletzt. Die drei noch un- verwundeten Beamten trugen ihre Kameraden ins Hospital und der Commissar tele- graphirte an den Präsecten um Hülfe. Der Wahnsinnige benutzte diese Zeit, um sich aufs Neue zu verschanzen. Dabet stieß er gräßliche Laute aus und rief: „Ihr schändet meine Wohnung, ihr müßt alle sterben I" Ein Arzt machte unterdessen den Vorschlag, man solle den Rasenden betäuben. Ein benachbarter Apotheker bereitete schnell einen Schlaftrunk und man reichte diesen dem Wahnsinnigen durch dos zerbrochene Thür- fenfter und redete ihm zu, er möge trinken. Trözel aber goß den Trunk auf den Boden und wälzte sich dann in der Blutlache umher, immer noch fein Messer in der Hand schwingend. Unterdessen hatte der Präfect drei berittene Gendarmen zu Hülfe gesandt. Diese, unterstützt durch vier Schutzleute, näherten sich kriechend der Thür und warfen sich, als Trözel am Boden kauerte, auf einmal unversehens auf ihn. Nach langem und heftigem Ringen gelang es ihnen endlich, den Unglücklichen zu binden und weg- zuführen. Ein Gendarm und ein Polizist erlitten dabei noch gefährliche Verletzungen. Der Zustand der ins Hospital verbrachten Polizisten flößt Besorgnisse ein.
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