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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Mittwoch den 7. November
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7. November, n Aula.
r. Fromme des Wetters. Zutritt. 7M
V«rea«r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 6. November.
Am Berliner Hofe sieht man anläßlich der großen Hofjagden, welche für den 8. und 9. November in der Schorfhaide angesetzt sind, in diesen Tagen dem Besuche hoher fürstlicher Gäste entgegen. Bereits am Sonntag Abend ist Kronprinz Rudolf von Oesterreich in Berlin eingetroffen; in seiner Begleitung desindet sich diesmal seine jugendlich-liebliche Gemahlin Stefanie, welche die meite Reise trotz der rauhen Jahreszeit nicht gescheut hat- Der Aufenthalt des österreichischen Thronfolger-Paares am deutschen Kaiserhofe ist bis zum 10. November bemessen und kann man diesen langen Besuch wohl als ein sichtbares Zeichen für die so herzlichen Beziehungen auffassen, welche zwilchen den beiden Kaiserhösen von Berlin und Wien bestehen. Ferner sieht man in Berlin dem Eintreffen König,Alberts von Sachsen, welcher ja schon seit Jahren ein häufiger Gast des vreußischen Königshauses ist, und seines Bruders, des Prinzen Georg, jomie auch des Großfürsten Wladimir von Rußland entgegen. Ob noch weitere sremde Fürstlichkeiten sich an den Hofjagden betheiligen werden, ist vorläufig roch nicht bekannt.
In den letzten Tagen sind über verschiedene Mitglieder des preußischen Staatsministeriums unwahre Gerüchte verbreitet worden, denen von der osficiösen Presse jetzt energisch entgegengetreten wird. Zunächst hieß es, daß der Eisenbahnminister Maybach zurückzutreten beabsichtige wegen angeblicher Differenzen, die er mit verschiedenen seiner College» gehabt haben soll, wogegen von osficiöser Seite bestimmt versichert wird, daß Herr Maybach nicht im Mindesten daran denke, zu demissioniren und daß zu einem derartigen Schritte überhaupt nicht der geringste Anlaß vorliege. Ebenso haben sensationsbedürftige Blätter aus dem Umstande, daß die beabsichtigte Reise des Ministers des Innern, Herrn l>. Putlkamer, nach Friedrichsruhe unterblieben ist, Meinungs-Verschievenheiten zwischen ihm und dem Reichskanzler gefolgert, die ebenfalls nicht im Geringsten existicen. Endlich denientirt die officiöse Presse auch die Nachricht, daß zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Geh. Regierungsrath Lohmann Differenzen entstanden seien.
Aus den zur Zeit in Wien versammelten Delegationen sind uns jüngst wiederholt Kundgebungen zu Theil geworden, welche beweisen, wie entschieden man in den leitenden Kreisen Oesterreich-Ungarns an die Fortdauer des europäischen Friedens glaubt. Auch die in voriger Woche publicirten Berichte der Ausschüsse der beiden Delegationen für das Budget des Auswärtigen sind nur eine Fortsetzung dieser Kundgebungen. Beide Berichte betonen hierbei in erster Linie das intime Freundschafts -Verhältniß zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn, aus welchem die Erhaltung des allgemeinen Friedens dasire; im Anschluß hieran verbreitet sich der etwas längere Bericht des Budget- Ausschusses der ungarischen Delegation noch einmal über die Beziehungen des Kaiserstaates zu den übrigen Mächten, ohne jedoch etwas wesentlich Neues vorzubringen. Einzig hervorzuheben ist der Wunsch der ungarischen Delegation, daß Oesterreich die berechtigten Forderungen der Pforte gegenüber Bulgarien energischer als bisher unterstützen möge.
Mit dem parlamentarischen Triumph, den das franzöfüche Ministerium in voriger Woche in der Deputirtenkammer gefeiert hat, contrastirt die unmittelbar hierauf gefolgte Nachricht, daß der Leiter der auswärtigen Politik Frankreichs, Herr Challemel-Lacour, demnächst zurücktreten wird, recht eigenthümlich. An der Richtigkeit dieser Meldung kann kaum mehr gezweifelt werden, denn sie wird von der osficiösen „Agence Havas" selbst bestätigt. Motivirt wird dieser überraschende Entschluß Challemel-Lacour's damit, daß es ihm sein sehr geschwächter Gesundheitszustand nicht mehr erlaube, noch länger seinem verantwortungsreichen Amte vorzustehen und es ist allerdings sehr wahrscheinlich, daß die fortgesetzten Angriffe auf die von ihm in erster Linie vertretene Politik den Minister körperlich und geistig ermüdet haben. Mit dem Vertrauensvotum, welches die Deputirtenkammer dem Ministerium in der Tong- iingfrage ertheilt hat, ist dieselbe aber noch nicht gelöst und Challemel-Lacour scheint es daher vorgezogen zu haben, allen aus der Tongking-Affaire vielleicht noch erwachsenden Schwierigkeiten durch seine Demission aus dem Wege zu gehen. Ob es dem Ministerpräsidenten Ferry, welcher für Challemel-Lacour einspringen will, gelingen wird, die ostasiatischen Händel zu einem guten Ende zu führen, muß abgewartet werden. Einstweilen scheint sich die sranzöstsche Heeresleitung in Tongking wieder zu einer kräftigen Offensive aufraffen zu wollen. Eine Depesche aus Saigon meldet, daß Admiral Courbet mit 600 Mann Marinetruppen am 24. October von Haiphong nach Hanoi ausgebrochen ist, um die Besetzung von Kuanghien vorzunehmen.
In England bilden die auf der Londoner Eisenbahn stattgefundenen Explosionen noch immer einen Theil des Tagesgespräches. Die beiden Gesellschaften der Londoner unterirdischen Eisenbahn haben für die Entdeckung der llrheber der Explosionen eine Belohnung von je 250 Pfd. Sterl. ausgesetzt und die englische Regierung soll zu gleichem Zwecke sogar eine Belohnung von 500 Pfd. Sterl. zugesichert haben, aber trotz dieser Anspornung ist von der Polizei noch nicht die geringste Spur von den Thätern ausgefunden worden. Allgemein ist man der Ansicht, daß dieselben in fenischen Kreisen zu suchen sind,; nur die „St. James' Gazette" glaubt, daß die Socialisten hierbei die Haud im Spiele gehabt haben. — In London-Derry (Irland) haben am Donnerstag blutige Schlägereien zwischen Paruelliten und Orangisten stattgefunden und mußte zuletzt Kavallerie die Ruhe wieder Herstellen.
Die nordsavoyische Neutralitäts-Frage wird von dem Berner
„Bund" immer wieder aufgewärmt. Das genannte Blatt schlägt jetzt als geeignetste Lösung dieser Frage eine territoriale Ausscheidung im Rayon des neutra- lisirten Gebietes vor. Die Schweiz würde sich zufrieden geben, wenn sie etwa das Thal der Arve vom Mont Blanc bis zur Einmündung der Arve in die Rhone zugetheilt erhielte und dagegen das Besatzungsrecht auf den übrigen Theil Nord-Savoyens aufgebe. Vorläufig können aber die Franzosen der Schweiz gegenüber die Rolle der beati possidentes spielen und werden sich daher schwerlich zu dem vorgeschlagenen Ausgleich verstehen.
Die Cholera ist in Alexandrien noch in entschiedener Zunahme begriffen, denn allein in den Tagen vom 27. bis zum 30. October sind ihr in dieser Stadt 33 Personen erlegen. Dagegen scheint sie in den andern Theileu Egyptens gänzlich erloschen zu sein, und auch aus Ober-Egypten, bis wohin die Epidemie in ihrem südlichen Laufe vorgedrungen war, hört man seit Wochen nichts mehr von Cholerafällen. Die deutsche Cholera-Commission wird sich daher in diesen Tagen nach Indien begeben und zwar nach Kalkutta, nicht nach Bombay.
Darmstadt, 5. November. Se. Könial. Hoheit der Großherzog sind heute zur Jagd nach Oberhessen abgereist. Im Gefolge befinden sich Oberstlieutenant und Flügeladjutant v. Herff und Hofjägermeister v. Werner.
— Ihre Großh. Hoheiten die Prinzessinnen Victoria und Elisabeth sind heute Mittag mit dem Zug um 12 Uhr 35 Min. zu einem mehrtägigen Besuch der Gräflich Erbach - L>chönberg'schen Familie nach Schloß Schönberg abgereist.
Darmstadt, 5. November. Das Großh. Regierungsblatt Nr. 23 enthält: Allerhöchste Verordnung, die Ausführung des Reichsgesetzes vom 15. Juni 1883 über die Krankenversicherung der Arbeiter betreffend,
Telegraphische Depeschen.
v Wotff's belegt. CorresUonvrm-Bntearr.
Stettin, 5. November. Der Oberstkämmerer Graf Rödern ist heute Abend gestorbe»!
Berlin, 5. November. Zu dem heutigen Galadiner im Kaiseipalats zu Ehren des österretch scheu Kronprinzenpaares erschien der Erzherzog Rudolf in preußischer Ulanenuniform mit dem schwarzen Adlerorden. Der Kaiser und die Prinzen hatten wieder österreichische Uniformen angeigt mit dem rothen Bande des Stephansordens. Rechts neben dem Kaiser saßen Stephanie, Prinz Wilhelm, Erbprinzession von Meiningen, Friedrich Leopold, links Kronprinz Rudolf, Prinzesstn Wilhelm, die Prinzen Friedrich Karl und August von Württemberg. Nach dem Braten erhob sich der Kaiser zu einem Toast auf das Kronprinzmpa.it. Er sagte: Er freue sich, zum ersten Male die Kron- prtnzesstn hier in Berlin begrüßen zu können und bebaute nur, daß der Kaiserin nicht ebenfalls die Ehre zu Theil geworben, die Kronprinzessin hier zu begrüßen. Darauf stieß der Kaiser mit dem Kronprinzenpaar an, während die Musik mit Tuscb einst?!.
München, 5. November. Die „Allg. Ztg." meldet die Ernennung des Universitäts-Professors Dr. Ritter in Bonn und des Dr. Koppmann zu Barmbeck bei Hamburg zu außerordentlichen Mitgliedern der historischsn Commission bei der Akademie der Wissenschaften.
Hamburg, 5. November. Der Reichstags-Abgeordnete Dr. Röe, dessen Ableben von mehreren Zeitungen gemeldet wurde, hat eine an ihm vorgenommene Operation sehr gut bestanden und befindet sich heute vollkommen wohl und fieberfrei.
Wien, 5. November. Der Dekan Exner hat bei seiner gestern mit den Dele- girten der akademischen Verbindungen stattgehabien Besprechung die freiwillige Bildung eines ständigen Organs zur Aufrechterhaltung der Würde und Ordnung auf der Universität In Anregung gebracht. Vom Rektor Wedl wurde mitgetheilt, daß auf Anordnung des UnterrichtSministers Legitimationskarten für die Stud-nt-n eMgeführt werden sollen, deren Zweck es fei, unberufene Elemente von der Universität auszuschließen.
Daris, 5. November. In der nächsten Sitzung der äußersten Linken wird die Frage gestellt werden, ob das Cabinet über die Depesche Tricou's vom 29. October zu interpelliren sei, in welcher derselbe anzeigt, daß der Vicekönig von China ihn zurückzuhalten suche und sehr beunruhigt sei, und den Marquis Tseng in vielen Stücken desavouire.
— Eine Depesche des Civilcommissars Harmand in Tongkmg von gestern bestätigt, daß Ningbing und Kuangyen von den französischen Truppen ohne Widerstand besetzt worden ist. Der Vertrag von Hue ist im Centrum des Delta zur Ausführung gelangt. In den beiden nördlichen Provinzen wird die Ausführung desselben über durch den Feind verhindert. Admiral Courbet hat den Oberbefehl am 25. v. Mts. übernommen. Der Adjutant des Gouverneurs von Cochinchina, Schiffslieutenant Deleschaut, hat sich nach Hue begeben, ui» dem König von Anam verschiedene Geschenke und Ordens-Auszeichnungen zu überbringen. _ . t m ,
London, 5. November. Aus Ottawa wird gemeldet, daß dem General- Gouverneur von Kanada, Marquis Landsdowne, mehrere Briefe zugegangen seien, in welchen demselben mit dem Tode gedroht wird.
Alexandrien, 5. November. Gestern sind 5 Cholera-Todesfälle vorgekommen.
Lokales.
Gießen, 6. Nov. Heute Vormittag 10 Uhr wurde im sog. Schoorgraben in der Nähe des Gerichtsgebäudes die Leiche des Seconde-Lieutenants Tarnogrocki II. des hiesigen Regiments gefunden. Nach uns gewordenen zuverlässigen Mittheilungen ist anzunehmen, daß der Ltentenant T, welcher gestern Abend noch mit anderen Offizieren seines Regiments das hi-sige W enzel'sche Etablissements besucht und sich etwa um 10 Uhr Abends allein nach Hause begeben hatte, in der Dunkelheit den Weg verfehlt hat und in den


