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Azx. 2SS Aweites Blatt. Sonntag den 7. October 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigedlatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Vringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Wochenschau.
Gießen, 6. October.
Auf die bewegten und an unverlöschlichen Eindrücken reichen Kaiserwochen ist gewissermaßen eine Ruhewoche gefolgt, wie man die der Riederwaldfeier folgende Woche bezeichnen könnte und diese Ruhe erstreckt sich auch auf das Gebiet der inneren Politik. Abgesehen von oer Thätigkeit in den Reichsämtern und den preußischen Ressort-Ministerien, in denen man mit der Fertigstellung der dem Reichstage und dem preußischen Landtage in der nächsten Session zu machenden Vorlagen beschäftigt ist, pulsirt das politische Leben noch immer verhältnißmäßig schwach und nur die hier und da stattgefundenen Nachwahlen zum Reichstag und zum preußischen Landtag vermochten auf Momente eine größere Aufregung hervorzubringen, welche indessen doch auch nur localer Matur war. Einzig von größerer Bedeutung war die Nachwahl im alten Wahlkreise des Herrn v Bennigsen, in Otterndors-Neuhaus, den bekanntlich die Fortschrittspartei mit Hülfe der Welfen und Socialdemokraten den Nationalliberalen abgenommen hat.
Eine große Anzahl von Personen sind vom Kaiser anläßlich der großen Manöver sowohl als auch in Folge der Nationalfeier auf dem Niederwalde mit Ordens-Auszeichnungen bedacht worden. Unter den decorirten Persönlichkeiten befindet sich auch der commandirende General des 11. Armee-Corps, Frhr. v. Schlotheim, welchen! vom Kaiser das Großkreuz des Rothen Adler- Ordens mit Eichenlaub verliehen worden ist, eine ganz besondere Auszeichnung. Zugleich spricht der Kaiser in der betr. Cabinetsordre seine außerordentliche Zufriedenheit mit dem Zustande und den Leistungen der Truppentheile des 11. Armee-Corps aus. Der bemerkenswerthe Schluß der kaiserlichen Ordre lautet: „Ich scheide von dem 11. Armee-Corps mit der festen Zuversicht, daß dasselbe nicht allein seinen gegenwärtigen vortresflichen Ausbildungs-Zustand sesthalten, sondern daß es auch in seinem bisherigen Streben nach weiterer Vollendung mit demselben Ernst und mit derselben Hingabe fortfahren wird; es darf keinen Stillstand für den Soldaten geben und unser Wahlspruch ist immer „vorwärts" gewesen."
In Oesterreich bildet die kroatische Frage seit der Eröffnung des ungarischen Reichstages wieder den Hauptgegenstand der politischen Tagesordnung. Indessen scheint man weder in Pesth noch in Agram geneigt zu sein, die Sache auf die Spitze zu treiben; die kroatischen Abgeordneten haben jetzt die Erklärung abgegeben, daß ihre Anträge mit der Anbringung von Wappenschildern ohne Aufschrift nicht im Widerspruch stünden und ebenso liefen ihre Anträge keineswegs auf eine- Revision des ungarisch-kroatischen Ausgleichsgesetzes hinaus. Mit dieser Erklärung kommen die Kroaten den Intentionen der Pesther Regierung entgegen, denn in der Mittwochs-Sitzung des ungarischen Unterhauses beantragte der Ministerpräsident Tisza, das Haus möge das bisherige Vorgehen der Regierung in der kroatischen Frage billigen, indem es die Regierung dazu bevollmächtige, auf Grund des seit 1868 befolgten Gebrauches die jetzigen Staats-Wappenschilder zu belassen, dort jedoch, wo bisher Wappen mit anderer Umschrift gebraucht wurden und durch neue ersetzt werden sollen, im Sinne des §6 des Gesetzartikels 30 vom Jahre 1868 Staatswappen ohne jede Umschrift anzubringen. Der Antrag wurde nach kurzer Debatte auf die Tagesordnung der für nächsten Sonntag anberaumten Sitzung gestellt und kann kaum bezweifelt werden, daß die ministerielle Mehrheit des Unterhauses dem- lelben zustimmen wird. — Kaiser Franz Josef hat sich am Dienstag in Begleitung seiner fürstlichen Gäste, des Königs von Sachsen und des Prinzen Wilhelm von Preußen, sowie des Kronprinzen Rudolf, des Großherzogs von Toscana und des Prinzen Leopold von Bayern mittelst Extrazuges von Schönbrunn nach Neuberg in der Steiermark zur Abhaltung von Hofjagden begeben.
In Frankreich ist die Tongking-Frage durch die unerhörten Vorfälle beim Einzug des Königs Alfonso in Paris einstweilen ganz in den Schatten gestellt worden. Fast scheint es, als ob diese Scandalosa nicht nur eine Ministerkrisis, sondern auch eine Regierungskrisis nach sich ziehen sollten. Wenigstens heißt es, daß der Ministerpräsident Ferry Namens seiner Collegen dem Präsidenten Grövy eindringliche Vorstellungen wegen der fortgesetzten Jn- lriguen seines Schwiegersohnes Wilson gemacht und die Nochwendigkeit dargelegt haben, denselben ein Ende zu bereiten; Herr Grevy soll sich deshalb ernstlich mit Rücktritts-Gedanken tragen. Es sind dies nur unverbürgte Gerüchte, aber verkennen läßt sich doch nicht, daß die französische Negierung durch die Vorgänge während der Anwesenheit des Königs Alfonso in Pari-s in eine recht slüale Lage versetzt worden ist. Nach den jüngsten Nachrichten aus Paris ist die angekündigte Ministerkrisis indessen bis zum Zusammentritt der Kammer vertagt worden, da sich das Cabinet denselben unverändrrt zu präsentiren wünscht. Antiministerielle Blätter wissen zu berichten, daß der Kriegsminister ^hibaudin, obwohl derselbe dem Empfange des Königs von Spanien und dem danket im Elysöe in demonstrativer Weise ferngeblieben ist, seine Demission nicht geben werde. Inzwischen hat sich der von den Parisern so schwer beleidigte panische Herrscher dadurch in wahrhaft königlicher Weise gerächt, daß er durch Vermittelung des spanischen Botschafters, Herzogs v. Fernan Nunez, den Armen ^on Paris hat 10,000 Frcs. überweisen lassen. — Von französischer Seite wird begreiflicher Weise Alles versucht, um wieder gut zu machen, was der -pariser Janhagel gesündigt hat. Hierzu ist auch eine Unterredung zu rechnen, welche der französische Arbeitsminister nach dem Banket mit dem spanischen Minister des Auswärtigen hatte und in welcher Ersterer lebhaft das Project
einer neuen, Frankreich und Spanien verbindenden Eisenbahn über Cansranc erörterte.
König Alphonso ist nunmehr von seinen großen Reisen nach Oesterreich und Deutschland wieder nach Madrid zurückgekehrt, nachdem ihm noch in letzter Stunde die Hauptstadt Frankreichs einen so ungastlichen Empfang bereitet hatte. Dafür ist aber der jugendliche Herrscher Spaniens durch die enthusiastischen Ovationen, welche ihm von der spanischen Grenze an bis Madrid zu Theil wurden, in reichem Maße entschädigt worden. Besonders herzlich und zugleich großartig gestaltete sich sein Empfang in Madrid selbst, wo die Anzahl der Personen, welche den König am Bahnhof und in den anstoßenden Straßen begrüßten, sich auf ca. 200,000 belief. Unter den Personen, welche am Bahnhose erschienen waren, befanden sich auch mehrere vornehme Franzosen, welche Trauerflor trugen. Am Mittwoch wurde dem König bei Gelegenheit eines Spazierganges in Buen Retiro eine enthusiastische Ovation dargebracht; eine antisranzösische Demonstration der Studenten vor dem französischen Gesandtschaftshotel verhinderten die Gensdarmen. Die Journale aller Parteien sprechen sich aufs Schärfste gegen die Pariser Vorgänge aus und gegen letztere wollen auch die in Madrid wohnenden Franzosen einen Protest beim König einreichen.
Der Kronprinz von Portugal ist am Mittwoch in Kopenhagen eingetroffen und am Bahnhofe vom dänischen Kronprinzen empfangen worden. Derselbe geleitete seinen hohen Gast nach dem Hotel d'Angleterre und kehrte sodann nach dem Schloß Fredensborg zurück, wo die Fürstlichkeiten, welche schon so lange die Gäste des dänisches Königshofs sind, sich schon zur Abreise rüsten und dürfte die Rückreise des griechischen Königspaares noch in dieser Woche erfolgt sein.
In Belgrad hat sich sofort nach der Rückkehr des Königs Milan ein neues Ministerium gebildet. Daffelbe ist fogendermaßen zusammengesetzt: Nicola Christic, Präsidium und Inneres, Bogicevic, Auswärtiges, Oberst Petrovic, Krieg, Pantelic, Justiz und interimistisch Unterricht, Oberst Protic, öffentliche Arbeiten, Alexa Spasic, Finanzen und interimistisch Volkswirthschaft. In einem Handschreiben an den bisherigen Ministerpräsidenten Pirotschanatz spricht König Milan dem früheren Mnisterium seinen wärmsten Dank für dessen Thätigtigkeit aus; die auswärtige Politik des Cabinets Pirotschanatz sei stets von der ehrlichen Absicht erfüllt gewesen, Serbien als ein Element des Friedens hinzustellen und Europa zugleich zu beweisen, daß Serbien in selbstständiger Entwickelung die Civilisation fördern wolle. — In der Mittw ochs- sitzung der Skupschtina faxb die definitive Wahl des Präsidenten und der Vicepräsidenten statt und siegten hierbei die von den Fortschrittlern und den Radicalen aufgestellten Candidaten._____________ ___________________________
Verwischtes.
Rothenkirchen, 2. Oktober. Gestern Abend zwischen 6 und 7 Uhr verunglückte unroeit des Tunnels zwischen den Stationen Neukirchen und Burghaun der Hülfsbahnwärter Adam Henning von hier. Soweit man in Erfahrung bringen konnte, hat sich die Sache wie folgt zugetragen. Henning war stationirt zwischen Burghaun und Hünfeld und ist er gegen 6 Uhr in der Absicht, sich auf seinen Posten zu begeben, von hier fortgegangen. Wahrscheinlich hat er den kürzeren Weg durch den Tunnel nehmen wollen und hat das Geleise betreten. Um dem von Hünfeld gegen Vr7 Uhr kommenden Güterzug aus dem Wege zu gehen, ist er in dem diesseitigen Geleise gewesen. In demselben Augenblick, m dem der Güterzug an Hennig vorübergefahren, ist der mit bedeutender Verspätung angekommene Personenzug von Hersfeld her, ohne daß Henning, der diesen Hug offenbar längst durchgefahren glaubte, das H^olinahen gewahrte, indem der Güterzug das Geräusch des Personenzugs unhörbar machte, nahe gekommen, hat den Henning vorwärts gestotzen und überfahren. Nach ^age der Leiche rc. ist anzunehmen, daß Henning vorher ein Stück geschleift und dann erst überfahren worden ift. Die Stelle, wo er zuerst hingeschleudert wurde, ist einrge Schritte von der Stelle, an der die Leiche gefunden wurde, entfernt. Dazwischen wurde d e Mütze, der Stock und ein Taschenmesser des Henning gefunden. Noch hinter der Leiche lag zunächst eine Hand, dann ein entblößter Fuß und endlich einen Schritt weit^.r der Stiefel und Strumpf des abgefahrenen Fußes. Der Tod .^glücklichen offenbar sofort ereilt; sein Kopf war gespalten und Gehirn und Schadelknochen lagen zerstreut umher. — Henning, der sich erst kürzlich zum drittenmale wieder ver^e rath t hat, hat keine Kinder. Ob und inwieweit Jemanden ein Verschulden trifft, scheint noch nicht festzuftehen. Da das Betreten de8 Bahnkörpers auch den Bcchnbeamten streng verboten ist, so könnte event. demjenigen Bahnwärter, dem die betr. Strecke zur Aufsicht übergeben ist, ein Vorwmf dafür gemacht werden, daß er es ^ldete daß Hennmg innerhalb der Geleise ging, vorausgesetzt daß sehen. D^ gericht
liche Untersuchung soll im Gange und das Gericht bereits an Ort und Stelle ge-
— Der Hoben-ollern-Stamm — wie nicht allgemein bekannt sein dürfte hat bereits schon einmal der Welt das bet fürstlichen F°^"enhochstseltene Bildvonvter gleichzeitig lebenden Generationen geboten. Auch der Kurfürst von Brandens Johann Georg (geb. 1525, gest. 1589) hatte, trotz seines verhältnißmäßig E hohen Alters, die stolze Freude, Urgroßvater zu sein. Scherzend pflegte er daher, wenn ihm sein kleiner Urenkel allzu vielen Rumor machte, seinem Sohne zu bemerken : Mem Sohn Joachim Friedrich, sage doch Deinem Sohn Johann Sigismund, daß sein Sohn Georg Wilhelm ein bischen stiller sein soll."
— (Die Nordenskjöld'sche Grönland-Expedition.) Der Führer di^er^Expedition, Baron Nordenskiald telearaphirt der „Times" unterm 21. v M. aus Thunso.
4. Juli brach eine Els-Expedilwn vom Auleitswik-Fjord nach dem Jnuern auf. Als bkfdbe 140 Kilometer östlich °°n der Gletsch-Eenz- MÜckge egt Satte unb sich 5000 Fuß über dem Meeresspiegel befand, wurde sie durch weichen Schnee an der Weiterreise auf Schlitten verhindert. Die Laplander alleür wurden auf Schneeschuhen weiter geschickt und diese rückten über eine fortgesetzte Schneewüste 230 Kilometer ostwärts bis zu einer Höhe von 7000 Fuß vor. Die Bedingungen für ein schneefreies Inneres extstiren demnach hier nicht; aber diese Expedition, wahrend w-.lcher zum ersten Mal Memchen das Innere von Grönland betreten haben, hat wichtige Aufschlüsie über die Natur des Innern eines eißbedeckten Continents geliefert- Das ganze, tm Innern


