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Nr. IO. Samstag den 7. Juli 1883.

Siebener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme de« Montag«. 2 20 $f' m't »rinierfete.

Durch bte Poft bezogen vrertelzährlrch 2 Mark 50 Pf.

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Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung. Gießen, den 5. Juli 1883.

Das Großherzogltche Kreisamt Gießen

an die Grobherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Nach Artikel 42 des rubr. Gesetzes kann die Ausfüllung des Fachwerks mit s. g. Fitzgerten und Lehm in Gegenden gestattet werden, wo örtliche Verhältnisse es nothwendig machen, und nach § 65 der zugehörigen Ausführungsverordnung wird diese Ausnahme namentlich in solchen Gegenden zu gestatten sein, wo die vorkommenden Bruchsteine als Baumaterial sich nicht eignen, und Backsteine unverhältnißmäßig theuer aus größerer Entfernung bezogen werden müssen.

Dor allgemeiner Regelung der Frage für den Kreis Gießen sehen wir bis längstens 20. d. M. den motivirten Berichten derjenigen Bürgermeistereien entgegen, welche für ihre Gemeinde eine Ausnahme der gedachten Art als gerechtfertigt empfehlen zu können glauben. ____________________ Dr. Boekmann.

Politische Ueberficht.

Gießen, 6. Juli.

Der Bade-Aufenthalt unseres Kaisers in Ems neigt sich seinem Ende zu, da der hohe Herr seine Kur, welche ihm erfreulicher Weise vortrefflich bekommen ist, Ausgangs dieser Woche zu beendigen gedenkt. Bon Ems aus begiebt sich der Kaiser zunächst zu einem kurzen Besuch seiner erlauchten Gemahlin nach Koblenz, woraus er über Karlsruhe nach der Bodensee-Jnsel Mainau reist. Auf Mainau ist ein achttägiger Aufenthalt in Aussicht genom­men, welchem sodann die Nachkur in Gastein folgt.

Der Reichskanzler hat endlich den Aüfenthalt in den heißen Mauern Berlins mit dem angenehmem in seinem kauenburgischen Tusculum Friedrichs­ruhe vertauscht, wo er im Laufe des Montag eingetroffen ist. Darüber, wie lange der Kanzler in Friedrichsruhe zu verweilen und wann er seine diesjährige Badereise anzutreten gedenkt, ist noch gar nichts Näheres bekannt; versichert wird nur, daß er auch diesmal die Kur in Kissingen gebrauchen wird.

Die von Egypten aus Europa- drohende Choleragefahr bat auch die Reichsregierung veranlaßt, in dieser Angelegenheit vorzugehen. Rach einer officiösen Mittheilung derNorvd. AUg. Ztg." sollen sofort Com­missionen unter Zuziehung des Reichsgesundheits-Amtes zusammentreten, um diejenigen prophylaktischen (vorbeugenden) Maßregeln zu erwägen, welche am besten geeignet sein könnten, die Cholera von unfern Grenzen fern zu halten.

Der päpstlicheMoniteur de Rome" hat jetzt einige Aufklärungen über den Inhalt der jüngsten Note des Kardinal-Staatssecretärs Jakobini an die preußische Negierung gegeben. Hiernach zu urtheilen, wird in der Note eine sehr anmaßende Sprache geführt, denn es wird in ihr zunächst das Erstaunen der Kurie über die Kühnheit der preußischen Regierung ausgedrückt, noch wäh­rend der Verhandlungen mit Rom der preußischen Volksvertretung.eine kirchen­politische Vorlage zu machen. Sodann erklärt die Note mit dürren Worten, daß es, um zum kirchlichen Frieden zu gelangen, nur ein Mittel gebe, nämlich die Herstellung eines Einvernehmens mit dem Vatikan und verlangt endlich als Gegenleistung für die Erfüllung der Anzeigepflicht von Preußen die vorherige Regelung der Fragen betreffs der Vorbildung der katholischen Geistlichen und der Handhabung der geistlichen Amtsgewalt, beides natürlich im Sinne der Kurie. Eine allzusreundliche Ausnahme dürfte die Note unter diesen Umständen Seitens der preußischen Negierung wohl schwerlich gefunden haben.

Der heiße Wahlkampf in Böhmen zwischen Deutschen und ^Zechen ist nun beendigt und für die Deutschen in Anbetracht der obwaltenden Umstände in durchaus ehrenvoller Weise verlaufen. Was die ländlichen Wahl­bezirke anbelangt, so hat hier die deutsche Partei ihren Besitzstand auf der ganzen Linie zu bewahren gewußt und wenn auch die Wahlen aus der Städte- Kurie den Deutschen die beiden einzigen Mandate, welche sie noch in der Haupt- Itabt Prag besaßen, gekostet haben, so ist dieser Verlust doch durch den Ausfall ber Wahlen der Handelskammern wieder ausgeglichen worden. Die vier Ver- treter der Prager Handelskammer, sowie derjenigen der Egerer Handelskammer gehören der deutschen Partei an, während der Abgeordnete der Handelskammer utm Budweis ein Czeche ist; die Pilsener Handelskammer entsendet einen Deut- anufU? ein^n Czechen in den Landtag. Dagegen sind die ausschlaggebenden Großgrundbesitzes, wie nicht anders zu erwarten stand, überwiegend K en $ec Achisch-feudalen Coalition ausgefallen, so daß nunmehr die Deutschen zum ersten Male in der Prager Landstube in der Minderheit sind, ^ro^eni erscheinen sie aber immer noch stark genug, um etwaigen Versuchen .ßrr,. ^uc Abänderung der Wahlverfassung entgegenzutreten, da hierzu die Zustimmung von Dreiviertel der Abgeordneten erforderlich ist und über eine loldje Majorität verfügt glücklicherweise die Partei nicht. Kaiser Franz Josef gQt Anfangs dieser Woche anläßlich der Jubelfeier der 6OOjährigen Zugehörig­er von Steiermark und Kram zu Oesterreich eine längere Reise nach diesen Provinzen angetreten.

r r ^/^gefährliche Erkrankung des Grasen Chambord auf semem Schlosse Frohsdorf bei Wien läßt in Frankreich augenblicklich alle Angelegenheiten der innern und äußern Politik in den Hintergrund treten. <®raf Hemrich Chambord, der legitimistische Prätendent auf den französischen

V0?- ^nJeinen Anhängern bekanntlich Heinrich V. genannt, ist kinderlos sem Ableben würde die Familie der Orleans zum Antritt seiner politischen Erbschaft berechtigen, d. h. diesen oder jenen Prinzen aus ihrer Mitte nunmehr ailö Prätendenten aufzustellen. Bereits sind die orleanistischen Prinzen, der

Graf von Paris und die Herzöge von Nemours und Alenyon nach Frohsdorf abgereist, um bei dem eventuellen Dahinscheiden des Haupt-Repräsentanten der französischen Monarchisten zugegen zu sein. Irgendwelche Kundgebungen haben die Orleans bis jetzt noch vermieden und daran thun sie sehr klug, da die fran­zösische Regierung gewillt ist, in diesem Falle sofort sämmtliche Mitglieder der Familie Orleans auszuweisen. Jedenfalls würde diese.Maßregel in Frankreich auf keinen allzugroßen Widerspruch stoßen, wenigstens ist ja die Entfernung der orleanistischen Prinzen aus der französischen Armee vor sich gegangen, ohne etwas anderes als einige geharnischte Proteste der monarchistischen Blätter her­vorgerufen zu haben. Die Kammerferien beginnen am 20. Juli.

Die Annexion von Neu-Guinea durch die Colonial-Regierung von Queensland (Australien) ist jetzt, allerdings post festum, merkwürdiger Weise auf den Widerspruch des Cabinets Gladstone gestoßen. Daffelbe hat eine Note nach Queensland gesendet, in welcher erklärt wird, die englische Regie­rung könne die Annexion von Neu-Guinea nicht billigen, da dieselbe vom Rechts- Standpunkte aus nicht zu rechtfertigen sei, jedenfalls müßte ein solcher Schritt von Lorwon ausgehen. Es scheint demnach, daß die australische Colonial-Regie­rung ganz auf eigene Faust Neu-Guinea annectirt hat, über welches' eigenmäch­tige Verfahren man in London pikirt ist; von einem Aufgeben der neuen Colonie ist aber selbstverständlich keine Rede. Aus England kommt die Schreckens­kunde von einem abermaligen Massenunglück. In Linthouse (Schottland) schlug der neuerbaute DampferDaphne" während des Stapellaufes um, wobei circa 150 Personen im Wasser umkamen.

Mit merkwürdiger Heftigkeit wüthet die Cholera in Da- miette fort, wo täglich 100 und mehr Personen derselben erliegen, während die Epidemie an den andern infieirten Orten Egyptens bis jetzt nur verhältnißmäßig geringe Opfer gefordert hat. Man will deshalb fämmtliche Bewohner Damiettes in Baracken unterbringen und außerdem den Sanitätseordon verstärken; letzt­genannte Maßregel würde jetzt freilich nichts mehr nützen. In Kairo geht übrigens das Gerücht, daß zwei egyptische Flüchtlinge im Lazareth zu Beirut (Syrien) an der Cholera gestorben -seien.

AeutschlcMd.

Darmstadt, 5. Juli. Se. Königs. Hoheit der Großherzog, Se. Königl. Hoheit der Erbgroßherzog, sowie Ihre Großh. Hoheiten die Prin­zessinnen Victoria, Irene und Alix sind heute Vormittag von Seeheim hierher zurückgekehrt.

Allerhöchst- und Höchstdieselben werden heute Nachmittag 5 Uhr 10 Min. über Paris in ein französisches Seebad abreisen.

Im Gefolge Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs und Sr. Königl. Hoheit des Erbgroßherzogs werden sich der Großh. Flügeladjutant Major Wernher und der Erzieher Herr Muther befinden.

Darmstadt, 5. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 30. Juni den Werkzeichner Christian Thümling zum Werkführer, sowie den provisorischen Werkzeichner Wilhelm Wintz aus Bergzabern zum Werkzeichner bei der Centralwerkstätte der Main-Neckar-Eisenbahn,

am 4. Juli den Kreisassistenzarzt zu Mainz Dr. Karl Spamer zum Kreisarzt des Kreis-Gesundheitsamtes Lauterbach zu ernennen.

Plauen, 4. Juli. (Weitere Meldung). Als heute Nachmittag 3 Uhr bei Besichtigung der Wollkämmerei von Georgi u. Comp. zu Mylau der König und sein Gefolge, welches aus dem Kreishauptmann Dr. Hübel, dem Geheim­rath Bär, dem Oberstallmeister v. Ehrenstem, dem Flügeladjutanten v. Malortie, dem Handelskammer-Präsidenten Georgi, dem Bürgermeister Jacob, deut Director Clad und dem Amtshauptmann v. Welck bestand, sich auf den Fahrstuhl gestellt patten, um von dem ersten in den zweiten Stock zu fahren, bewegte sich der Stuhl wider Erwarten abwärts zum Erdgeschoß und stieß mit mäßiger Gewalt auf dem Erdboden auf. Unmittelbar daraus erfolgte ein schwerer Schlag; ein großes Gewicht hatte sich oben abgelöst und den Kreishauptmann Dr. Hübel, sowie den Director Clad getroffen. Ersterer war auf der Stelle tobt, während Letzterer einen Armbruch erlitt. Alle Uebrigen, insbesondere auch der König, blieben unversehrt. Letzterer hat, tief erschüttert, seine Reise sofort abgebrochen und ist mittelst Extrazuges nach Dresden zurückgekehrt.