Beilage zu Nr. 283 des „Gießener Anzeiger".
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 4. December. i
In den Arbeiten des preußischen Abgeordnetenhauses ist nach den ersten Lesungen des Etats, der Eisenbahnverstaatlichungs-Vorlage und der Kreis-Provinzialordnung für Hannover eine zweitägige Pause eingetreten, welche den Abgeordneten nach den zum Theil sehr anstrengenden Debatten der vorhergegangenen Tage wohl zu gönnen ist. Diese Zwischenzeit hat die Budget- Commission zur Abhaltung zweier Sitzungen benutzt, in deren erster, am Freitag, eine Reihe von Etatstiteln den Regierungs-Anträgen gemäß genehmigt wurden. Dagegen lehnte die Commission die im Etat des Handelsministeriums zur Anstellung von Kesselrevisoren geforderten 144,000 ab und nahm eine Resolution an, welche die Regierung auffordert, die bestehenden Kesselrevisions- Vereine zu berücksichtigen und im nächsten Jahre eine entsprechende neue Vorlage einzubringen.
Der „Staats-Anzeiger für Württemberg" veröffentlicht einen Erlaß des zur Zeit in Sau Remo weilenden Königs Karl, dessen Inhalt sich auf die jüngst in Stuttgart vorgekommenen Mordanfälle bezieht. In demselben wird der Minister des Innern ermächtigt, Maßregeln zu ergreifen behufs Wiederherstellung des Vertrauens und Beseitigung des Gefühls der Unsicherheit und Schutzlosigkeit, zu welchem Zwecke die Vermehrung des Landjäger-Corps ur.b die Einrichtung berittener Gensd'armerie in's Auge gefaßt wird. Dementsprechend hat der Minister des Innern bereits eine Verordnung erlassen, durch welche u. A. eine strengere Controls des Waffentragens und der Fremdenpolizei, eine schärfere Aufsicht über die Vagabunden und die Verbesserung der Ortspolizei angeordnet wird.
An diesem Dienstag, den 4. December, tritt der österreichische Reichsrath wieder zu einer neuen Session zusammen. Bei den so verschiedenen Partei- und Rationalitäten-Fragen, welche sich in dieser höchsten parlamentarischen Körperschaft Oesterreichs zu kreuzen pflegen, kann es auch diesmal nicht fehlen, daß die Geister heftig aufeinander platzen und nach den Erfahrungen früherer Sessionen werden wohl die Deutschen und speciell die Deutschliberalen wiederum den Kürzeren ziehen. Graf Taaffe und sein Ministerium haben nun einmal ihr Glück auf die Coalition der Polen, Czechen, Slovenen, Klerikalen und Feudalen gebaut und im Interesse des Cabinets liegt es, dieses unnatürliche Bündniß aufrecht zu erhalten. Ob das Wirken dieser Allianz dem österreichischen Kaiserstaate zum Heile gereichen wird, das ist freilich eine andere Frage.
Der französische Ministerpräsident, Herr Kerry, kann sich eines neuen parlamentarischen Erfolges in der Tongkingfrage rühmen. Der bekannte radikale Abg. Clemenceau versuchte, den Ministerpräsidenten bezüglich dessen ostasiatischer Politik „anzuzapfen", derselbe hatte aber keine Lust, aus dec Schule zu plaudern; vielmehr verlangte er, daß die Interpellation über die Tongking-Angelegenheit bis zur Berathung der Kredit-Vorlage ausgesetzt werden solle. Herr Ferry motivirte diese Forderung damit, daß sich alsdann das sämmtliche zur genauen Prüfung des Falles nothige Akten-Material in den Händen der Deputirten befinden werde und die Kammer fand diese Begründung so einleuchtend, daß sie mit beträchtlicher Majorität dem Verlangen Ferry's willfahrte. Da die Kammer am Freitag die Generaldebatte über den Etat beendigt hat, so dürfte nunmehr die vielbesprochene Debatte über die Tongking- Kredit'vorlage folgen. Vom Admiral Courbet, dem französischen Obercomman- direnden in Tongking, sind jetzt wieder Nachrichten eingetroffen, welche melden, daß die Vorbereitungen zum Vormarsch auf Sontay und Bacninh eifrigst fortgesetzt werden. Eine nachfolgende Depesche Courbet's meldet bereits, daß die
Allgemein
französischen Truppen den'Vormarsch auf Bacninh begonnen und sehr starke, gut mit Artillerie besetzte Positionen inne haben. Der von der chinesischen Regierung angedrohte casus belli wäre somit eingetreten, aus das Weitere darf man gespannt sein.
In London hat abermals ein Sensationsproceß mit ausgesprochen politischer Färbung sich abgespielt. Es handelte sich um den Mörder des Kronzeugen Carey, den Iren O'Donnel, welcher im Auftrage der geheimen irischen Vehme dem Verräther Carey bis nach den Küsten Afrikas gefolgt war, wo er ihn mit einem Revolverschuß tödtete. In der ersten Verhandlung vor dem Old-Bailey-Gerichtshöfe erklärte sich der Angeklagte für nichtschulvig, während der öffentliche Ankläger nachwies, daß es sich um einen Akt vorbedachten Meu- W chelmordes handle. Ein großes Publikum, meist aus irischen Kreisen, wohnte der Verhandlung bei und schien sich sehr für den neuesten Märtyrer der irischen Sache zu interessiren, welcher von den Geschworenen für schuldig befunden und demgemäß zum Tode verurtheilt wurde. — Das angebliche Complot des Socia- listen Wolff gegen das deutsche Botschafts-Gebäude in London hat sich als ein einfacher Versuch, Geld zu erpressen, herausgestellt.
Im schwedischen Ministerium ist eine Personalveränderung einge* treten. Staatsminister Thyselius legte seinen Posten nieder und wurde an seiner Stelle Staatsrath v Krusenstjerna zum Staatsminister ernannt; über die Ursachen dieser Veränderung verlautet noch nichts Näheres. Die in dem Hochverrathsprocesse gegen das norwegische Ministerium eingetretene Pause hält noch an und werden die Verhandlungen erst gegen Mitte dieses Monats wieder ausgenommen werden.
Aus dem Sudan lagen bis Ende voriger Woche keine neueren Mittheilungen vor, so daß man hinsichtlich der Bewegungen des Mahdi, wie der Details über das Schicksal Hicks Paschas eigentlich im Dunkeln tappt. Unter den Truppen des Khedive scheint eine bedenkliche Disciplinlosigkeit einge* rissen zu fein. Ein Telegramm aus Suez meldet lakonisch, daß von 600 Mann egyptischer Gensd'armerie, die in voriger Woche von dieser Stadt nach Suakim abgegangen sind, 268 oesertirt sind. Wie viele werden da an ihrem Bestimmungsorte wirklich eintreffen ?
Weitere Depeschen des Admirals Courbet besagen, daß am 17. November 2000 Chinesen die Stadt Haidzuong angriffen, aber nach elf stündigem Kampfe von der dortigen französischen Garnison und dm Kanonenbooten „Carabine" und „Lynx" in die Flucht geschlagen wurden. Die Chinesen verloren gegen 200 Mann an Todten, die Franzosen hatten 4 (?) Mann tobt und 24 Mann, theils Seesoldaten, theils Mannschaften der Hülfstruppen, verwundet.
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Vermischtes.
Allendorf a. d. Lumda, 1. December. Bei der gestrigen Wahl wurde der seitherige Bürgermeister Herr Friedrich Bieber mit 135 gegen 80 Stimmen, zur Freude und Genugthuung aller derer, die dem Fortschritte huldigen, wtedergewählt. Herr Bieber, welcher seither das Bürgermeisteramt mit aller Umsicht geführt und dessen Sinnen und Trachten nur darauf abzielte, in seiner Gemeinde nur Gutes und Schönes zu schaffen, wird hoffentlich noch viele Jahre gesund und munter zum Segen Aller an der Spitze der Gemeinde stehen. — Abends wurde dem Wiedergewählten von Seiten ferner Freunde unter Vorautntt eines Musikcorps ein Fackelzug gebracht. Nachdem Herr Bieber durch einen Beauftragten die Glückwünsche der Versammelten dargebracht und der Erstere hierfür seinen Dank ausgesprochen, sangen die Anwesenden unter Assistenz der Musik das schöne Lied: „Brüder reicht die Hand zum Bunde." Hierauf wurde noch em Umzug durch die Stadt gehalten, der Rest der Fackeln auf dem Marktplatz verbrannt und dann begaben sich die Theilnehmer in die verschiedenen Wirthschaften, um sich an einem guten Glas Bier nach den Aufregungen des Tages zu erqivcfen.
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