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4.3.1883 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 4. März

Zweites Blott

Nr. 53

1883.

reßener Anzeiger

Amts- uitb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Sbureaii t Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. tritt Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Wochenschau.

Gießen, 3. März.

Eine volle Woche hat das preußische Abgeordnetenhaus mit der Berathung des Cultusetats zugebracht und hat hierdurch die gejammte Etatsberathung eine derartige Verzögerung erlitten, daß neben den lausenden Tages-Sitzungen auch eine Reihe von Abend-Sitzungen abgehalten werden muß, damit der Etat bis Ostern fertig gestellt werden kann. Die Debatten über den Cultusetat nahmen eben einen Umfang an, der die Grenzen einer parlamentari­schen Verhandlung überschritt, denn von demFrühschoppen" der Studenten an bis zum Darwinianiömus wurde eine Anzahl von Gegenständen in die Debatte gezogen, deren Erörterung in einem Parlamente füglich unterbleiben könnte. Es ist deshalb erklärlich, daß das Haus am Montag kaum das eine Kapitel Universitäten" erledigte und daß auch am Dienstag die Discussion wenig über das KapitelHöhere Lehranstalten" hinausging. In der Mittwochs-Sitzung kam das große Thema des Elementar - Schulwesens zur Sprache und nicht weniger als 17 Redner waren zur Debatte hierüber eingeschrieben. Von Seiten des Centrums griffen die Abgg. v. Stablewski und Steinbusch die Simultan­schulen heftig an und auch der streng conservative Abg. Stroffer sprach sich gegen die Simultanschulen aus, denn wenn auch die Schule eine Veranstaltung des Staates sei, jo müsse sie doch von der Kirche geleitet werden, das religiöse Element sei das erziehlichste Moment des ganzen Volksschulunterrichts. Der Führer des Centrums, Herr Windthorst, forderte die Wiederherstellung des Zu­standes vor Erlaß des Schulaufsichts-GesetzeS; bezüglich der Aufhebung der Simultanschulen müffe ein schnelleres Tempo eingeführt werden. Hervorzuheben ist aus der Rede des Chefs der Centrumspartei die Drohung, daß das Centrum in Folge desCulturkampfes" leicht dahin kommen könne, die Trennung von Staat und Kirche zu verlangen. Aus der Erwiederung des Cultusministers verdient die Erklärung hervorgehoben zu werden, daß er, auf dem Boden der Verfassung und des darauf gegründeten Schulaufsichts-Gesetzes stehend, die gesun­den Grundlagen des preußischen Unterrichtswesens fördern und unausgesetzt bestrebt sein werde, die auf diesem Gebiete leider eingetretenen Trübungen zu mildern. In diesem Bestreben werde er stehen und fallen; selbst im Falle des Scheiterns dieser Bestrebung werde er noch das Bewußtsein haben, dem Besten des Vaterlandes erfolgreich mit diesem Streben gedient zu haben. Rach dieser gewichtigen Erklärung boten die ferneren Debatten kein Interesse mehr dar; der Antrag des Abg. Knörcke, die Mehrsorderung von 100,000 <X für die Schulinspectoren als Zuschüsse für die Emeritengehälter der Lehrer zu verwen­den , wurde an die Budget-Commission verwiesen. Für Donnerstag standen der Rest des Cultusetats und die erste Lesung des Entwurfes, betr. die Gerichts­kosten bei Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Vermögen, auf der Tagesordnung.

Der Hamburger Senat hat in seiner Sitzung vom 26. Februar dem von der Bürgerschaft angenommenen VermittlungS-Projeete in der Zollan­schlußfrage seine Zustimmung ertheilt, womit diese leidige Angelegenheit nun wohl ihre Erledigung gefunden hat.

Im österreichischen Abgeordnetenhause hat Anfangs dieser Woche die General-Debatte über das Budget begonnen und es liegt in der Natur der Umstände, daß die Debatte den Charakter einer Auseinandersetzung sowohl der Parteien unter sich, als auch mit der Negierung erhalten hat. Diese Auseinandersetzung ist bei den eigenthümlichen Parteiverhältnissen in Oesterreich allerdings nothwendig, ob sie aber dazu dienen wird, die Stellung des Cabinets Taaffe zu befestigen, ist sehr zweifelhaft, denn es hat den An­schein, als ob die gloriose Versöhnungspolitik des Grafen Taaffe den sich meh­renden Ansprüchen der Polen, Czechen und Slovenen gegenüber nicht mehr aus noch ein kann. Es ist deshalb erklärlich, daß die Gerüchte über bevorstehende Krisen im österreichischen Cabinet sich hartnäckig erhalten, doch sind diese Gerüchte aus ihrer bisherigen nebelhaften Gestalt noch nicht weiter hervorgetreten. Der Triester Zeitung" meldet man aus Wien, daß Graf Zeno Welsersheim, der Landesvertheidigungs - Minister, an Stelle Bylandt - Reifferscheids das Kriegs­ministerium übernehmen werde und daß Baron Waldstätter zum Nachfolger Welsersheim designirt fei. Ob hierin der Anfang zu den angekündigten Ver­änderungen im Ministerium Taaffe zu erblicken ist, muß vorläufig dahingestellt bleiben.

Die Constituirung des neuen französischen Ministeriums Ferry hat mit der in dieser Woche erfolgten Ernennung der verschiedenen Unter- Staatssecretäre ihren Abschluß erhalten. Zum ersten Male seit längerer Zeit hat nun Frankreich, allem Anscheine nach wenigstens, wieder eine feste Negie­rung erhalten, was bei der zerfahrenen innern politischen Lage des Landes sich auch als eine absolute Nothwendigkeit erwies. Durch die Unterzeichnung der Decrete, welche die in der Armee dienenden Prinzen von Orleans ihrer mili­tärischen Würden enthebt, hat der Ministerpräsident Ferry seinen Entschluß bekundet, die Thron-Prätendenten-Frage mit möglichster Energie ihrer Lösung entgegenzusühren und wird ihn das Parlament in diesem Bestreben hoffentlich unterstützen. In den nächsten Tagen erwartet man die definitive Entscheidung der beiden Häuser des Parlaments bezüglich der Thron-Prätendenten-Vorlage und dürfte hierbei der Senat seinen Widerstand gegen dieselbe wohl schließlich fallen lassen.

Das englische Unterhaus beschäftigte sich auch in dieser Woche fast ausschließlich mit der Adreßdebatte, in deren Verlauf die irische Frage wieder­

holt zur Sprache kam. Von Seiten der irischen Deputirten Parnell und O'Connor wurden Amendements zur Adreßdebatte eingebracht, welche in den heftigsten Ausdrücken die irische Politik der Regierung angreifen und besonders die Beseitigung der Ausnahmegesetze verlangen. Dem ganzen Auftreten der irischen Partei im Unterhause nach zu urtheilen, ist die Erbitterung der irischen Bevölkerung gegen England noch immer im Steigen begriffen, wenigstens ver­sichern dies die Parnelliten.

In Italien treibt die verbrecherische Bande, auf deren Conto die Bom- ben-Attentate von Triest, Ronchi u. s. w. zu setzen sind, ihr Unwesen weiter. Jüngst wurden auf drei verschiedenen Plätzen der Stadt Rom Papier-Petarden gesunden und der Umstand, daß an zwei von diesen Plätzen auf der Piazza di Venezia und auf dem Raume vor dem Palaste Chigi die Vertreter Oesterreichs wohnen, läßt mit Sicherheit darauf schließen, daß es sich hierbei wieder um ein Bubenstück gegen dieselben handelt. Einen Schaden haben die Petarden glücklicher Weise nicht angerichtet, trotzdem bleibt die verdammens- werthe Absicht, in welcher die Hand eines Elenden die Zerstörungswerkzeuge auf das Pflaster legte, bestehen. Die italienische Regierung hatte in dieser An­gelegenheit allerdings mehrere Verhaftungen vornehmen kaffen, aber die Ver­hafteten mußten wieder freigelaffen werden, da sie ihre Unschuld nachweisen konnten; die Nachforschungen werden auf das Eifrigste fortgesetzt.

Bezüglich der Dynamit-Explosion in Ganshoren bei Brüssel ist die gerichtliche Untersuchung in vollem Gange. Dieselbe hat bereits Facta zu Tage gefördert, welche einen Zusammenhang des erwähnten Ereignisses mit dem internationalen Anarchistenbunde unschwer' erkennen lassen. Einer der Ur­heber der Explosion, Paul Matayer, ist inzwischen seinen hierbei erlittenen schweren Verletzungen erlegen.

Die für Mittwoch an gekündigt geweseneallerletzte" Sitzung der Londoner Donau-Conferenz ist aus noch unbekannten Gründen wieder ver­schoben worden. Ueberhaupt verzögert sich der Abschluß der Conferenz-Arbeiten jetzt in auffallender Weise und gewinnt es den Anschein, als ob zwischen den Mächten bezüglich der Donaufrage doch noch nicht Alles so glatt steht, wie aus London immer berichtet wird. Vielleicht sind auch die veränderten Instructionen, welche der Vertreter Frankreichs von Herrn Challemel-Lacour, dem neuen fran­zösischen Minister des Auswärtigen, empfangen hat, nicht ohne Einfluß auf die Verzögerung der Conferenz-Arbeiten geblieben.

Die nordamerikanische Regierung scheint plötzlich das Princip der Nicht-Intervention in fremden Angelegenheiten ausgenommen zu haben. Der Unions-Gesandte Patridge in Lima ist von seinem Posten abberufen worden, weil der nordamerikanische Staatssecretär des Auswärtigen, Frelinghuysen, die von Patridge an Peru und Chile erlassene oder wenigstens mit den Vertretern der andern Mächte vereinbarte Aufforderung, ihre Streitigkeiten beizulegen, miß­billigt. Die Chilenen sind allerdings auch nicht die Leute, sich in ihre Angele­genheiten von andern Mächten hineinreden lassen.

Zur Jubelfeier des 25. Januar 1883.

Am 16. Febluar, 53/< Uhr Nachmittags, wurden Ihren Kaiserlichen und König­lichen Höheren btm Kronprinzen des Deutschen Reichs und von Preußen und der Frau Kronprinzessin das Ergebniß der Sammlung zur Jubelfeier des 25. Januar (der Silvernen Hochzeitsfeiei) überreicht.

Die Deputation repräsentute, soweit dies bei der beschränkten Zahl möglich war, alle Therle Deutschlands. Derselben gehörten an der Herzog von Raubor, Vorsitzender des gcschüstssühi enden Ausschusses der Sammlung, zugleich für Schlesien; der Staats- minisler Dr. Delbrück, der Seehandlungs-Präsident Rötger uud der E'senbahn- Direcior a. D Schrader resp. als zweiter Vorsitz nder, Schatzmeister und Schriftführer des geschäfissührvnden Ausschusses; der Präsident des Reichstags, v. Levetzow, für die Provinz Brandenburg; der Oderdülgermeisier v. Forckcnbeck und der Präsident des Aeltesten-Collegiums der Kaufmannschaft, Geheimer Commerzienrath Mendelssohn, für Berlin; der Kammerherr v. Behr^Schmoldow für Pommern; der Rittergutsbesitzer v. Nathustus-Alihaldensleben für die Provinz Sachsen; der Freiherr v. Landsbergs Steinfurt für Westfalen; der Geheime Commerzienrath Mevissen für die Rhemprovinz; der Landesdirector v. Bennigsen iÜr Hannover; der Professor Dr. Hänel für Schleswig- Holstein: der Oberbürgermeister Miquel für Hessen-Nassau; der erste Vicepräsident des Reichstags Freiherr von und zu Frankenstein für Bayern; der zweite Vicepräsident des Reichstags, Ackermann, für das Königreich Sachsen; der Freiherr v. Wollwarth- Lauterburg für Württemberg; der Consul Kölle für Baden ; der Kaufmann Albrecht Oswald für die Hansestädte und der Professor Hech für Elsaß-Lothringen.

Entschuldigt war der Vertreter für die Provinz Preußen, Oberbürgermeister v. Winter.

Die Deputation versammelte sich im großen Empfangssaale des Kronprinzltchen Palais; zur festgesetzten Stunde erschienen der Kronprinz und die Frau Kronprinzesstn mit der Frau Erbprmzessin von Sachsen-Meiningen und der Prinzessin Victoria.

Der Herzog von Ratlbor überreichte die Gabe mit "ner Ansprache.

Ihm sei, sagte er, die ehrenvolle Aufgabe geworden, als Führer dieser Deputation, welche aus Vertretern aller Thetle Deutschlands bestehe, die c{t)rcr^tc^t0^ lichsten Glückwünsche zu der Feier der silbernen Hochzeit "uszu prechen und eine Gabe zu überreichen, die der allgemeinen freudigen Theilnahme Deutschlands an,^^r auch einen äußerlichen Ausdruck zu geben bestimmt sei. dem regen Interesse, welches das Kronprinzliche Paar allen gemeinnützigen und wohlthattgen Bestrebungen widme, habe man geglaubt, die genehmste Gabe werde eine solche sein, welche diesen Zwkcken^dikn^ b Gab,, bett Ertrag einer Sammlung, an welcher sich ganz Deutschland beteiligt habe, daß da« hohe Paar über die Verwendung derselben zu gemeinnützigen Zwecken ganz nach eigenem Ermessen verfügen möge.

Damit übergab der Herzog von Rattbor dem Kronprinzen in einem geschmack­vollen Porte cuille eine Urkunde, welche den Ertrag der Sammlung (820,000 J4) und die Vertheilung der Gesammtsumme auf die einzelnen Provinzen Preußens und auf die übrigen deutschen Staaten angtbt.