Beilage M Ur. 29 des „Gießener Anzeiger".
Wochenschau.
. , Gießen, 3. Februar.
In der zu Ende gegangenen Woche erledigte der Reichstag — und zwar am Dienstag — die Specialberathung des Heeresetats nach langen Debatten, die im Ganzen 6 Tage in Anspruch nahmen. Es sind an diesen, Etat verschiedenene nicht unerhebliche Abstriche gemacht worden, die sich meistens auf projectirte Kasernenbauten beziehen. Am gleichen Tage genehmigte das Haus auch den Etat der Post- und Telegraphen-Verwaltung fast unverändert, wobei auch wieder einmal die Frage einer größeren Sonntagsruhe der Post- und Telegraphen-Beamten zur Sprache kam. Am Mittwoch war „Schwerinstag", an welchem im Reichstage nur Jnitiatw-Anträge aus der Mitte des Hauses zur Erledigung kamen. Diesmal hatte sich das Haus mit dem Anträge Ackermann (conserv.) und Genossen wegen Ergänzung des § 100 der Gewerbeordnung zu beschäftigen. Der genannte Paragraph behandelt ün Allgemeinen die Lehrlings- frage und hatte der Antrag den Inhalt, Arbeitgebern, welche keiner Innung an- gehören, von einem bestimmten Zeitpunkte an das Halten von Lehrlingen zu verbieten. Abg. Ackermann begründete seinen Antrag durch den Hinweis darauf, daß nch lm Handwerkerstande das Verlangen nach obligatorischen Innungen immer mehr rege, daß letztere aber nur dann lebenskräftig sein würben, wenn ihnen das von dem Anträge bezweckte Privilegium des alleinigen Lehrlingshaltens verliehen würde» Die liberalen Redner sprachen sich alle entschieden gegen den Antrag Ackermann aus, namentlich hob der Abg. Dr. Baunibach hSeceff) hervor daß das Verlangen der Antragsteller im Zeitalter des Dampfes und der Elec- tricität mit Dem Zeitgeiste in Widerspruch stehe. Das Centrum trat durch seinen Redner, Dr. Frhr. v. Hertling, für den Antrag Ackermann ein, durch dessen Annahme, rote Frhr. v. Hertling aussührte, die Lösung des Problems der Erhaltung des gewerblichen Mittelstandes einen bedeutenden Fortschritt machen würde. Von freiconservativer Seite sprach sich Abg. Lohren, ebenso Abg. v. Kleist-Retzow für die Verleihung des Lehrlings-Privilegiums an die Znnungsmeister aus.^ Der Antrag Ackermann wurde indessen in namentlicher Abstimmung mit 170 gegen 148 Stimmen abgelehnt. Dagegen stimmten die drei liberalen Gruppen, die Volkspartei, die Socialdemokraten, der kleinere Theil der freiconservativen Fraktion und verschiedene „Wilde", für den Antrag stimni- ten geschloffen die Deutsch-Conservativen, das Centrum, die Polen und die Welfen, außerdem die größere Hälfte der freiconservativen Gruppe und die Abgg. v. Goßler, v. Puttkainer und Langwerth v. Simmern. In der Sitzung vom Donnerstag beschäftigte sich der Reichstag mit der Fortsetzung der Etats- berathung und außerdem mit der fortschrittlichen Interpellation, betr. den Untergang der „Cunbria."
2" der Taktik des Centrums hat die Veröffentlichung des kaiser- Itchen Schreibens vom 22. December v. Js. an den Papst offenbar eine Ver- anderung hervorgerufen. In der Dienstags-Sitzung des Reichstages bat der Centrumsführer, Herr Wmdthorst, seinen Anftrag bezüglich Aufhebung des Expatriirungs-Gesetzes von der Tagesordnung einstweilen abzusetzen. Es deutet dies darauf hin, daß Das Centrum sich vorläufig wieder auf die Politik des Abwartens zu verlegen gedenkt.
Bei der in Freystadt i. Schl, stattgehabten Ersatzwahl zum Reichs- tage wurde nach officieller Feststellung Staatsanwalt v. Uechtritz (deutsch-cons.) mit 5737 Stimmen gegen den Candidaten der Liberalen, Grafen Schack, welcher oo31 Stimmen erhielt, gewählt.
Der österreichische Reichsrath beschäftigte sich in dieser Woche vorwiegend mit der Berathung der socialpolitischen Gesetzentwürfe, die von der Linken eingebracht worden find. Dieselben finden bei der Regierung wie bei den Parteien der Rechten aus naheliegenden Gründen nur eine sehr zurückhaltende Aufnahme und ist die Rechte ihrerseits ersichtlich,bemüht, soviel wie möglich die Ab- stchten der Liberalen zu durchkreuzen. Dies bezweckte auch der Antrag des Abg Mattusch auf Creirung selbstständiger Gewerbekammern, welcher am Dienstag im Reichsrathe zur Berathung gelangte und durch den die Czechen die btinnnen der Kleingewerbetreibenden in Böhmen für sich gewinnen wollen. Die böhmischen Handels- und Gewerbekammern haben die von ihnen für den Reichs- ww für den böhmischen Landtag zu vergebenden Mandate stets den Händen Deutsch-liberaler Männer anvertraut und nun wollen die Czechen durch Errich- M °°"Lbststandigen Handelskammern für den Kleingewerbestand sich die tandate sichern, welche verfaffungsmäßig von diesen Gewerbekammern zu vcr- 0 k s^rden. Der Antrag Mattusch wurde gegen die Stimmen der Libe- aten dem Gewerbe-Ausschuß zur Vorberathung überwiesen.
%wh,l\Sotnbo^ trj“ nächsten Montag die Donau-Conferenz zur S™®, °er. s°8- Donaufrage zusammen. Die Conferenz ist bestimmt, die ver- nnmentHrf, t„ ?re"eTtl.Qn, bei unt.en:n Donau mit einander in Einklang zu bringen, Voriik in hJVnb0ü c06 Entscheidungen darüber getroffen iverden, wer den Ausivoli^.^l-?°"?"^^""^ion zu führen hat, wer das Schifffahrt- und berf S to S6 •* ?er "Ntere" Donau handhaben solle u. s. ro. Beson- ftarfeä27?ehiunas0rerfAilp<h’UZl®?nt u”t Rumänien haben sich über diese Fragen ber SonbJSTnÄWten er0eben unb eä ist »°ch sehr fraglich, ob es erzielen. ercn$ Klingen wird, eine allseitig befriedigende Einigung zu
endli/de^Mnn?-!»^' b/v leitende Staatsmann Rußlands, hat nach mehrwöchentlich ? Abwegs ^anb 0ele0t- er ist am vergangenen Dienstag koMT '"ieder in Petersburg eingetroffen, lieber
beim das mnJmnn si'ck Staatsmannes ruht noch etwas Mysteriöses,
£ den Aufentbalt Mers'°^» besuch dein. Fürsten Bisn.arck in Varfi,y Grafen «'nfunfn Lm an J 0111 un^ Mer seine Unterredungen mit dem M n^ Minister des Auswärtigen, erzählt, gründet
bat firf> iifipr rr ■UUl m“?, Nermuthungen. Herr v. Giers selbst blsidi nti < Erfolge seiner Reise beharrlich „ansgeschwiegen" und es 2 “ welcher Seite der Schleier s Geheimnisses,
welcher über feinen Fahrten ruht, entlüftet werden wird.
«noeariff?.,6 K“ düs' eine Bande der Monteneros die Stadt Piura
ber® ätenK' m ^"i-ckgeroorfeu worden sei. Der Anführer
»cr Monteneros soll gedroht haben, seinen Angriff ZU erneuern. Die Aionte-
neros gehören mit zu jenem Gesindel, schon Krieges in Peru gebildet hat und liche Land durchzieht.
bas sich während des chilenisch-peruani- nun raubend und sengend das unglück-
Bermischt«».
^-^.i^iDff^wstadt, 31. Januar. Von dem Grabdenkmal Ihrer Könlal. Hoheit der N0seeligen Großherzogin Alice von Hessen ist soeben im Verlage der A. Bcrgsträßer- ÄÄ “™"".0.0* /we ^litldung in unveränderlichem Lichtdruck erschienen. D°s Mausoleum au der Rosenhöhe ausgestellte Denkmal wurde bekanntlich l’irhHt spF Königin von England tn London angefertigt und ist die treffliche
Ä ^n?lerra ^n?er ausgeführten Abbildung vortrefflich wtedergegeben. Das Blatt wird als Erinnerungszeichen an die leider allzu früh entschlafene, aber in ihren Werken fortlebende Fürstin sicher zahlreiche Abnehmer finden.
r, DemVernehmen nach ist dem Professor der Geologie an ber tefinifd)en £oc^ ?rprf;^e0Tne?)r' ßepf^'r Don ber Berliner Akademie der Wissenschaften der sehr ehrenvolle Auftrag zu The,l geworden, auf Grundlage der vom Deutschen Reiche her- gestellten topographischen Karten von Attika die Umgegend von Athen tn Gemeinschaft mit einem preußischen Docenten der Geologie geologisch aufzunehmen, um die für die Geologie wichtige und viel erörterte Streitfrage über die Entstehung der Marmorlager J} .?owoglich endgültig zu entscheiden. Zur Ausführung der erforderlichen ^betten ist Herrn Profifior Lepsius ein mehrmonatltcher Urlaub bewilligt worden. Die Abreise soll am 3. Februar erfolgen.
,, “ Der Bedarf an Kohlen für die überschwemmten Orte unseres Großherzog-
tbums welcher aus dcm von Sr. Majestät dem Kaiser zur Verfügung gestellten r rraii£Um ^orkohlen theils kostenfrei, thetls zum halben Kostenpreise bestritten werden soll ist an Händen der eingegangenen Berichte und auf Grund sorgfältiger Prüfung durch das Landescomitä auf zusammen 26,900 Centner feslgcslellt worden- Hiervon sollen erhalten die Orte im Kreis Worms 2500 Ctr-, im Kreis Bensheim 9000 Ctr-, 'm Kreis Offenbach 2800 Ctr., im Kreis Groß-Gerau 56uO Ctr., im Kreis Mainz ^0?0_§tr., Stadt Mainz 2000 Ctr., im Kreis Oppenheim 3000 Ctr. - Neuerdings bat sich an einigen Orten wieder das Bedürfnitz nach wollenen Decken und Kleidern gezeigt, welches aus den vorhandenen Vorräthen beftiedlgt werden soll — Wie «Inden Berichtender Vertrauensmänner hervorgeht, ist den verschiedenartigsten Bedürfnifien vorerst völlig genügt, alle betonen, daß insbesondere die mittleren und
-^eren ^eute am härtesten betroffen sind und hier ein werkthättges Eingreifen am nöthigsten erscheint.
r ^on, 27. Januar. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde ein großer Theil Englands von einem heftigen, von starken Regengüssen begleiteten Sturme heimgesuchi, der zu Lande und an der Küste große Verheerungen, gepaart mit bem Verluste an Menschenleben, anrtchtete. Lo> bon würbe von dem Unwetter ziemlich glimpflich behandelt, desto schlimmer scheint es aber in den Provinzen gervüthet zu haben In Runcorn wurde ein großer Arbeitsschuppen ntedergeweht, glücklicherweise rwx ir^e.r ^orgenftunbe, al§ die Arbeiter noch nicht angekommen waren. In Bradford stürzte ein hoher Fabrikschornstein theilweise ein, doch wurde Niemand verletzt. In einer Baumwollspinnerei tn Oldham stürzte der Grebel ein, wodurch zwei Arbeiterinnen auf der Stelle gelobtet unb fünf anbere schwer verletzt würben. In Asbton-under-Lyne wurde em neugebautts Haus vollständig demolirt; zuerst entführte die Windsbraut das Dach und dann stürzte die Mauer ein. Aehnliche Unglückssälle werden aus Birfinhead, Shrewsbury, Soutport und anderen Städten gemeldet. An der Küste richtete ber Sturm ebenfalls ungeheuren Schaben an. Unweit Liverpool gingen 3 Schiffe unter barunter die beutfche Barke „©tar of Hope" und ein russisches Fahrzeug. Ob die Mannschaft gerettet wo'den, fit bis zur Stunde noch nicht bekannt. Auf der Höhe von Yarmouth sollen ebenfalls mehrere Schiffe gescheitert sein, eines darunter mit Mann und Maus. Es gibt fast keinen Ort an der Küste von dem nicht Sch'ffsunfälle gemeldet werden. An vielen Orten, insbesondere in Warwickshire unb Wales, sind durch den Austritt von Flüssen große Uebeischwemmungen entftanben, bie theilweise erhebliche Verluste an Eigenthum und Menschenleben verursachten. An ber irischen Küste hauste ein von Regen unb Schneefall begleiteter Sturm. Auf bem flachen Lande wurden Hauser niedergeweht. Flüsse verließen ihr Bett und die telegi aphische Verbindung erlitt eine ernste Unterbrechung Aus Schottland liegen ebenfalls Hiobsposten über bie durch den Sturm verursachen Verheerungen vor und die Telegraphenoerbindung zwischen England und Schottland ist fast gänzlich unterbrochen
Hanau, 29. Januar. Daß die letzten Ueberschwemmungen auch dem hiesigen Kreifi arg nvtgefphlt, hat ber auf nahezu 150,000 festgestellte Schaben erwiesen. Durch Wegspülen ber Ackerkrume, Versanbung, Verschüttung mit Steingeröll rc. Haden mehrere Gemarkungen großen Schaden erlitten. So ist derselbe in der Gemarkung Großkrotzenburg auf 9000 JL, Großauheim 40,800 JL, Hanau 4250 JL, Kesselstadt 1200 JL, Dornigheim 14,000 J4, Fechenheim 72.250 JL unb Eichen auf 5000 JL taxirt nnb flanj gewiß eher zu niedrig als zu hoch gegriffen. Auch unser Landratb, Freiherr v. Schrotter, ist aufs eifrigste bemüht, an kompetenter Stelle für die Geschädigten des hiesigen Kreises nach besten Kräften zu wirken.
Bodenheim, 29. Januar. Von unserer Gemarkung, welche am 28. November überschwemmt wurde, ist bis jetzt noch zwei Dritttheil unter Wass r unb ist es nunmehr Aufgabe unserer bei Laubenheim befindlichen Wassermaschine, für das Trockenlegen des noch inunbirten Terrains zu sorgen. Unsere Gemeinde selbst bietet immer noch ein trauriges Bild ber Verwüstung, denn die Häusertrümmer liegen grabe noch so, wie zur Zeit die Hochfluth dieselben zerstörte; nachträglich stellen sich allerdings immer größere Schäden heraus, indem noch eine ganze Reihe von Gebäuden, deren Fundamente durch das Waffer unterwaschen wurden, entweder niedergelegt oder bedeutend repartrt roerben müssen; viele mußten gestützt werben, um nicht zusammenzufallen. Es wäre enbltch einmal an ber Zeit, an die Wieberherstellung des zerstörten EigenthumS zu benken.
l^Zum Untergang ber „Clmbria"j. Allgemein hat bie bereits mitgetbeilte Nachricht in Hamburg Befremben erregt, baß ein CommiS ber Packet-Schifffahrt- Act'engefellschaft an dem Blancooerkauf von Acticn ber Gesellschaft bethetlrgt war. Daraus ergibt sich doch mit Sicherheit, daß die Direct'on in der That Kenntniß von der Katastiophe hatte, lange noch bevor dieselbe officiell bekannt war. Weiter halten di.' Klagen baiüber an, daß die Gesellschaft für bie in Noth gerathenen Zw'fchendecks- paffagiere so gut wie nichts thut. Dieselben sinb bis j-tzt nur auf Privatwoblthät'gkeit angewiesen gewesen. Auch hier ist unsere Kaiserin wieber mit einem glänzenden Beispiel vorangegangen, indem sie dem Vaterländischen Frauen-Hilfsveretn zu Hamburg zu Händen ber Frau Minna Plambeck durch die Commerz- und DtScontobank die Summe von 1000 Mark auSzahlen ließ und gleichzeitig folgendes Telegramm sandte: ^Jch erfahre mit tiefem Mitgefühl das entschliche Unglück, daS unsere Schifffahrt betroffen und bitte den Verein, sofort beiliegende Gabe zu Gunsten derer zu verwenden, denen geholfen werden kann."
Biedenkopf, 29. Januar- Heute Morgen kurz nach 10 Uhr kamen 6 höhere Beamte der Königlichen Eisenbahndirection Hannover in einem eigens zu diesem Zweck von Hannover mitgebrachten auf daS schönste eingerichteten Salonwagen per Extrazug hier an. Nach Ankunft fuhren die Herren in 2 Wagen nach Laasphe, von wo sie nach 2 Uhr wieder retour kamen unb nach 3 Uhr, nachdem dieselben hier daS Mittagsmahl eingenommen hatten, wieder abbampiten Wie uns rnitgetheilt worden, galt eS um die Besichtigung über den Stand ber Bahnarbeiten, um eine bestimmte EröffnungSfrist fest zu st eilen unb eoent. die Fahrzeit der Züge zu bestimmen. Hoffen wir, daß diese Frist recht nahe bevorsteht. lH- A )
Metz, 26. Januar. Eine recht liebevolle Tochter scheint die erst 16j8hrige Therese Bilchholzer aus Saaralben in Lothringen zu sein, welche ihre eigene Mutter erdrosselt unb bann in den Keller geworfen hat, wo sie am 22. d gefunden wurde. Grund dazu soll ein LiebeSoerhältniß gewesen sein, welches daS 16jährige Mädchen mit einem 19jährigen Burschen unterhielt unb das lttcht ohne Folgen blieb, da dies die Mutter oft zu ernsten Vorstellungen und die Tochter zu heftigen Widerreden veranlaßte. Tägliche Zwistigkeiten waren an der Tagesordnung unb der traurige Mnttermord daS Ende-


