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2.12.1883 Zweites Blatt
 
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pf.

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Gießen, 1. Dccember.

Der Kaiser empfing am Dienstag das Präsidium der preußischen Abge­ordnetenhauses und that l)terbet bezüglich der auswärtigen Lage bedeutsame Steuerungen. Er versicherte auf das Bestimmteste, daß zur Zeit die Erhaltung des Friedens vollständig gesichert sei und daß namentlich die Verhältniste zu Rußland sich zu seiner großen Freude in der glücklichsten Weise gestaltet hätten. Auch außerhalb der Grenzen Deutschlands werden diese zuversichtlichen Worte aus dem Munde des mächtigsten Monarchen Europas nur mit Befriedigung gehört werden.

Seit mehr als einer Woche weilt nunmehr der deutsche Kronprinz auf spanischem Boden und jeder neue Tag seines dortigen Aufenthaltes ist nur ein Glied mehr in jener Kette glänzender und begeisterter Ovationen, welche dem Sohne und Vertreter des Kaisers Wilhelm von der Landung in Valencia an bis jetzt zu Theil geworden sind. Auch bei dem Ausfluge, den König Alfonso und sein hoher Gast am Dienstag nach Toledo unternahmen, waren beide Fürsten unausgesetzt der Gegenstand von Huldigungen Seitens der Bevölkerung. t <

Den Mittelpunkt der Verhandlungen des preußischen Abgeord­netenhauses in dieser Woche bildete unstreitig die zweite Generaldebatte über den Etat. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie sich über weite Gebiete des Staats- lebens erstreckte; der Kulturkampf wie die Steuerfragen, das preußische Eisen- bahnsystem wie überhaupt die gejammte Socialpolitik und Wirthschaftsreform des Reichskanzlers kamen in zum Theil sehr langen und sehr erregten Reden zur Sprache und ist es uns an dieser Stelle unmöglich, dieselben auch nur an­nähernd wiederzugeben. Wir begnügen uns daher, Einzelnes aus der Dienstags- Debatte hervorzuheben, welche eine weit dramatischere, lebhaftere Färbung auf­zuweilen hatte, als die MontagS-Sitzung und diese lebendige Färbung erhielt sie durch die Rede des conservativen Slbg. Prof. Wagner. Dieselbe war, abgesehen von den dem Etat gewidmeten Stellen, zum Theil eigentlich eine Auseinander­setzung mit dem Centrum und namentlich die an eine Bemerkung Schorlemer's anknüpsenden Worte ÜBagnerS,es sei verdammte Pflicht und Schuldigkeit" der Katholiken, im Rothfalle für das Vaterland einzustehen, erregten in den Reihen des Centrums große Entrüstung. Herr v. Schorlemer erwiderte u. A. mit der bissigen Bemerkung, daß er schon mit dem Säbel in der Hand seinen Patriotismus betätigt habe, als Herr Wagner noch die Feder hinter den Ohren trug und noch nicht die Ehre hatte, dem preußischen Staatsverbande «uzugehören. Im klebrigen ist aus den Etats-Verhandlungen hervorzuheben, daß nur die Redner der conservativen Parteien dem Budgetentwurfe des Finanz- niinisters Scholz im Allgemeinen zustimmten, während an demselben die Redner der andern Parteien eine zum Theil scharfe Kritik übten. Das positive Resultat der Verhandlungen war, daß verschiedene Etatstheile der Budgetcommisston überroiefen wurden. Ziemlich glatt verlief am Mittwoch die erste Lesung der Eisenbahnverstaatlichungs-Vorlage, welche schließlich an eine Ltgliederige Com- niission verwiesen wurde. Am Donnerstag trat das Haus in die erste Lesung der Kreisordnung für Hannover ein.

Die bäuerische Abgeordnetenkammer hat in ihrer Mittwochü- Sitzung eine alte Forderung des Ministeriums Lutz, die Dispositionsforderung, iD.tbetumea6^[e^ug।t stehende kriegerische Lösung des Conflicts mit China beschästigt die politischen Kreise Frankreichs gegenwärtig aufS Selb Hafteste und mehr wie je sind die Blicke der Franzosen auf Tongkmg gerichtet. Seit einigen Tagen fehlen indessen alle positiven Nachrichten aus Tongkmg unb waren deshalb in Paris in den letzten Tagen allerlei beunruhigende Ge­rüchte verbreitet, denen die Regierung sogar durch em oificröses Dementi ent- .gegentreten mußte. Unter diesen Umständen gewann die Verhandlung der Com- Mission für die Tongking-Angelegenheit am Mittwoch eine besondere Bedeutung. Derselben wohnten die Minister Ferry, Campenon und Peyren bei, wobei ersterer ein chinesisches Memorandum und die Antwort Frankreichs mittete, welche den einstimmigen Beifall der Deputirtenkammer fand. Das chinesische Memo­randum ist ein langatmiges Aktenstück, welches im Allgemeinen die friedlichen Wünsche Chinas betont, jedoch erklärt, die chinesischen truppen rourben entern fran-ösischen Angriffe auf Bacninh, den Schlüssel Chinas, Widerstand leijien. Die ^französische Antwort läuft darauf hinaus, China solle Sontay und Bacninh dem Admiral Courbet übergeben, was den Weg zu einem friedlichen Arrange- aement anbahnen würde. Aus den Verhandlungen ist ferner eine Erklärung des Kriegsrninisters Campenon hervorzuheben, wonach sofort 6000 Mann ohne Mobilistruna nach Tongking entsendet werden können; weiter erklärte der Marineminister Pepron, er habe dem Admiral Courbet volle Actions- fSeit gelaffen unb tonne" man ihm vollständig vertrauen.^ Mit 9 gegen 2 Stimmen bewilligte sodann die Commission den Kredit für tongkmg tm 33e- traoe von 9 Mill. Frcs. und es ist somit nicht zu bezweifeln, daß auch das Plenum der Deputirtenkammer diesem Beschlüsse zustimnien wird ^zn der Kam- llrr wurde unterdessen die Etatsberathung fortgesetzt und bezeichnete gerbet bet Finanzminister Tirard die Finanzlage Frankreichs als eine günstigere, al» tm We4n8@nglanb ist seit der Niederlage der eapptifchen Truppen im Sudan Egypten wieder in Aller Munde. Man erblickt tn dem Mahdt einen zweiten Arabi unb sieht seine siegreichen Schaaren schon das Nitthal herab- ziehen UndKairo bedrohen. Es scheint allerdings, daß die Regierung des

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Khedive nicht mehr aus eigener Kraft Mohamed Achmet, den falschen Pro­pheten, niederzuwerfen vermag und die Londoner großen Blätter fordern dahen die englische Negierung auf, für den wankenden Thron des egyptischen Schatten^- königs nochmals in die Schranken zu treten. Vorläufig begnügen sich die Engländer damit, ein Panzergeschwader vor Alexandrien zu stationiren, während sie das Weitere der neuen Sudan - Expedition überlassen wollen, welche eben unter dem Oberbefehle Baker Pascha's in Kairo organisirt wird. Baker Pascha ist es gelungen, die Mehrzahl der in egyptischen Diensten stehen­den türkischen Officiere, welche es verweigerten, mit nach dem Sudan zu ziehen, nun doch hierzu zu überreden; ob diese Theilnahme der türkischen Officiere der Expedition Baker Pascha's von wesentlichem Nutzen sein wird, bleibt abzuwarten.

Auch in Italien hat die parlamentarische Maschine wieder zu arbeiten begonnen. Arn Montag ist die Deputirtenkammer zusammengetreten, um sich zunächst mit der Universitätsrefornr des Unterrichtsministers Baccelli zu be­schäftigen. Die vereinigten Oppositionsparteien der Linken wollen bei der Univerfitätsreform den Hebel ansetzen, um.das Cabinet Depretis zu stürzen, da das gesammte Ministerium sich mit dem Unterrichtsminister für solidarisch erklärt und von der Zustimmung der Kammer zur Universitätsreform fein Verbleiben im Amte abhängig gemacht hat.

Die aus dem politischen Wetterwinkel Europas, der Balkanhalbinsel, in der letzten Zeit drohenden Wolken haben sich wieder ver­zogen. Die Ruhe ist in Serbien wieder hergestellt und scheinen die auf­ständischen Banden vollständig zersprengt zu sein. Auch die Beziehungen zwischen Bulgarien und Rußland haben nun wieder ein freundschaftliches Ge­präge erhalten, das seinen Ausdruck darin findet, daß Fürst Alexander kürzlich den diplomatischen Agenten Rußlands in Sofia, Ionin, empfing und mit dem­selben in ungezwungenster Weise verkehrte.

Vermischtes.

Aus dem Großherzogthum Hessen. Die November-Nummer der M-t- theilunaen der Grotzherzogltch Hessischen Centralstelle für die Landesstattstik enthält die interessante Mttihetlung über die am 5. Juni 1882 tm Großherzogthum vorgenommene Berufszählung. Die erhobenen Materialien sind sehr reichhalt g und vielseitig, so dc-tz wir an dieser Stelle nur eine summarische Zusammenstellung der einzelnen Abthetlungen, welche wieder in einzelne BerufSarten, bezw. einzelne Kategorien abgethetlt sind, ver­öffentlichen können. Im Ganzen zerfallen diese Abtheilungen in 145 Berufsarten und 8 Kategorien der Berufslosen; diese Zusammenstellungen beziehen sich nur auf ben Hauptberuf und geben nur die Zahlen derjenigen Personen an, welche ihren ausschließ­lichen oder hauptsächlichen NahrungSzweig in einer der aufgeführten Berufsarten haben. Die BcrufSabtheilungen vertheilen sich im Großherrogthum wie folgt: ,

Starkenburg. Oberhessen. Rheinhessen.

389.686 E'.nw. 260,837 Ei nm. 279,234 Etnw. Erwerbsthätige. Erwerbsthätige. Erwerbsthätige.

1) Landwirihschast, Thier- zncht, Gänneret, Forst- wirthschaft, Jagd und Fischerei .

2) Bergbau, Hütten- und Salinenwesen, Torfgräber, rei, Industrie u. Bauwesen

3) Handel und Verkehr . .

4) Lohnarbeit wechselnder Art u- häusliche Dienstlei­stungen ohne das eigent­liche HsuSgesinde . - .

5) Oeffentl. Dienst und sog. freie BerufSarten, als: Militär., Hof-, bürgerl. und kirchlicher Dienst .

6) Ohne Beruf und Berufs- angabr, dazu gehören die von Renten, Pensionen und Unterstützung Lebende, Zöglinge, nicht bet ihrer Familie lebende Schüler, Studtrenderc., ferner In­sassen von Armen-, Kranken- u. Wohlthätig-

147,062

159,737

38,614

5,718

21,647

138,141

101,157

79,436

100 636

20,224

39,793

3,770

5,407

12,075

21,008

ksttsanstalten, Insassen

von Irren-, Strafan- ,,

ffalten 2C. ...... 16.908 7.191 11.233

Total: 339 (186 26U.837 279,234

IDer Stuttgarter Raubmords Wie raffintrt die Stuttgarter Raubmörder zu Werke gingen, beweist, wie demF I « mitgethetlt wird, daß sie Hollenmafchinen trugen und zwar eine im Hut und eine andere aa, der Brust. Waren die Kerls b<r dem UeberfaU überrafcbt worden, fo hätten sie wahrscheinlich ihre Hüte unter die Leute geschleudert, um beim Wirrwar durch die Explosion zu entkommen Der in Psorzheim nerbaftete Baum saß mit einem andern Reisenden in einer Abteilung 2. Elasts Erst 10 Minuten vor Ankunft des Zuges war die Polizei von dem Raubanfall verständigt worden aber die telegraphischen Angaben lauteten sehr unbestimmt. Gensdarmerie und Polizei umstellten den Zug, der vor der Revision von fernem Reffenden verlassen werden durfte. Als nun ein Gensdarm an die betreffende Abteilung kam, glaubte er tn dem einen Reisenden einen der Signalisiert zu erkennen Auf dre Fragewoher er komme, antwortete der Betreffende: Von Heffbronn. Da nun das Billtt den Stempel Stuttgart trug, wurde Baum alsbald verhaftet und über das Geleise in das Bahnhofsgebäude gefühlt. Vor der Thür des Gebäudes griff Baum nach seinem in der Brusttasche steckenden Revolver; die Gensdarmen fielen ihm in den Arm und rissen ihn zu Boden. Dabei fiel dem Verbrecher der Hut vom Kopse und zwar auf den Rand. Wahrend des R'ngens entlud sich die Maschine auf der Brust Baum's, woher es kommt, daß er selbst die meisten Verletzungen daoontrug. Zufällig trat einer der Polizisten auf den Hut unb so erfolgte die zweite Explosion, durch welche mehrere Gensdarmen uu& Polizisten, glücklicherweise ungefährlich, verletzt wurden.