Ausgabe 
1.7.1883 Erstes Blatt
 
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Nr. 149. Erstes Blatt. Sonntag den 1. Juli 1888

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bortoli i Schulstraji- 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des StewtM». Preig vierte-iahrlich 2 Marl 20 ?f. >,.it Bringerlohn.

Durch bie Post bezogen rnertesiahrlich 2 Marl .50 Ps.

Amtlicher Hheil.

e Betreffend: Das Verfahren bei Schulversäumnissen. Gießen, am 28. Juni 1883.

1 Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commisswn Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Es ist zu unserer Kenntniß gelangt, daß in einzelnen Gemeinden in rubr. Betreff nicht nach § 17 und 18 der Instruction für die Schulvorstände verfahren worden ist. In einigen Gemeinden sind die erhobenen Strafgelder einfach in die Gemeindekaffe geflossen, ohne im Sinne des Art. 26 des Volks­schulgesetzes für Schulbedürfnisse armer Kinder verwendet zu werden, oder sie sind nur theilweise dafür verbraucht worden. Wir verweisen in dieser Buchung auf § 18 der Instruction. In anderen Gemeinden sind Schulstrafen wegen Uneinbringlichkeit einfach gestrichen worden gegen die ausdrückliche Bestimmung des § 24 des Volksschulgesetzes, wonach bei Uneinbringlichkeit der Geldstrafen die Umwandlung in Haft bei Großherzoglichem Kreisamt zu beantragen ist.

Wir bringen deshalb die angeführten gesetzlichen Bestimmungen zur genauen Nachachtung in Erinnerung. Bei sich ergebenden Überschüssen aus den Strafgeldern empfehlen wir dringend die Verwendung derselben für Anlage und Erweiterung der Schulbibliotheken.

Am Schluffe jeden Schuljahres werden wir die Berichte der Schulvorstände einfordern, in welchen die Ergebnisse bezüglich der Schulstrafen und ihre Verwendung darzulegen sind.

____________Dr. Boekmann.______________________________________

Gefundene Gegenstände:

2 Taschentücher, 1 Kinderschürze, 1 Brille, 1 Halskette, 1 Taschenmesser, 1 Notizbuch, 1 Goldstück, 1 Taille von einem Kleid, 1 Regenschirm, 1 Handtuch, 1 Kopfkiffenüberzug, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.

Gießen, den 30. Juni 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Wochenschau.

Gießen, 30. Juni.

Die Rücknahme der Regierungs-Maßregel, wonach das in Stettin für die chinesische Regierung erbaute PanzerschiffTing-Yuen" durch deutsche Marinesoldaten nach China überführt werden sollte, hat in weiteren Kreisen nicht geringe Ueberraschung hervorgerufen. Dem Vernehmen nach bildete die Uebersührung des Panzerschiffes durch deutsche Marinesoldaten nach China nut eine Bestimmung des mit der chinesischen Negierung abgeschlossenen Ver­trages und da gerade jetzt die Zeit der Ablösung sür das in den ostasiatischen Gewässern stationirte deutsche Marine-Commando heranrückt, so hätten die ab- lösenden Mannschaften auf derTing-Yuen" eine recht bequeme und nota bene billige Fahrgelegenheit gehabt. In Berliner diplomatischen Kreisen verlautet, daß die Reichsregierung sich zur Rücknahme jener Maßregel in Folge vertrau­licher Vorstellungen des französischen Botschafters in Berlin, Barons v. Courcel, entschlossen habe. Derselbe soll darauf hingewiesen haben, daß ein solcher Trans­port im Falle eines Conflictes zwischen Frankreich und China sicher politischen Mißdeutungen ausgesetzt sein würde. Es bleibt abzuwarten, ob und inwieweit die Berliner osficiöse Presse diese Darstellung berichtigen wird.

Ueber den Ausgang der Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Neustadt-Landau sind vomWolff'schen Telegraphen-Bureau" zuerst ungenaue Mittheilungen verbreitet worden, denen zufolge der nationale Candidat Mahla den Sieg errungen haben sollte. Nach neueren Meldungen verhält sich die Sache aber wesentlich anders; Herr Mahla hat nicht 9406, sondern nur 9223 Stimmen erhalten, während aus den fortschrittlichen Candidaten, Sar­torius 9284 Stimmen fielen und sich 70 Stimmen zersplitterten. Es ist dem­nach eine Stichwahl zwischen dem nationalliberalen und dem fortschrittlichen Candidaten nothwendig, deren Ausgang noch sehr zweifelhaft erscheint. Der Wahlkampf ist mit ungemeiner Erbitterung geführt worden und namentlich hat die Fortschrittspartei nichts unversucht gelaßen, um die nationalliberale Partei aus diesem ihrem alten Sitze zu verdrängen (siehe jedoch Depeschen).

Jn der Tongkingfrage hat auch diese Woche keine neue Wendung gebracht und was man von dem angeblich bevorstehenden Rücktritte des fran- zöstschen Ministers des Aeußern, Challemel-Lacour, spricht, ist vorläufig wohl nichts weiter als ein Gerücht. Herr Challemel-Lacour, welcher noch zur Zeit rn Vichy zur Kur weilt, hat seine Rückkehr nach Paris und die Wiederüber­nahme der Leitung seines Ressorts sür die nächsten Tage in Aussicht gestellt, was allerdings den Gerüchten sowohl über seine ernste Erkrankung, als auch über seme bevorstehende Demission widersprechen würde. Marquis Tseng soll ?Eärt haben, er würde nicht eher nach Paris zurückkehren, zurückgetreten sei, doch klingt diese Mittheilung wenig Ö h , S*n. der französischen Deputirtenkammer war jüngst

auch t)oii der m Aussicht stehenden Demission des Marineministers Brun die l'1* dieselbe mit der Tongking-Angelegenheit in Verbindung ge- bracht Es ist nun hierauf eine offiewie Erklärung erfolgt, des Inhalts, daß bet Marmemimster erkrankt sei und deinnächst auf Urlaub gehen werde, daß er aber nicht daran denke, zu bemiffiomren. - Die Pariser Radikalen haben be- schlossen, um chrer Entrüstung über die Verurtheilung der Louise Nüchel Aus­druck zu verleihen, am 14. Juli, dem französischen Nationalfesttaae, schwarze Fahnen auszuhängen, auch scheinen sie für diesen Tag verschiedene kleine Putsche vorgesehen zu haben, so daß die sranzösische Negierung gut thun wird, auf ihrer Hut zu fern. 1 y

In England herrscht zur Zeit politische Windsülle, obwohl das Par­ament noch versammelt ist, doch in beiden Häusern schleppen sich die Verhand- ungen über wenig bedeutende Vorlagen so langsam hin, daß dieselben absolut kem Interesse erregen. Was Irland anbetrifft, so herrscht hier ebenfalls Ruhe

und hat es in der That den Anschein, als ob endlich in dem unglücklichen Lande geordnete Zustände zurückkehren wollten, wozu man dem Cabinet Gladstone nur Glück wünschen könnte.

Aus Rumänien meldet man einen eigenthümlichen Vorfall. Anläßlich der jüngst in Jassy erfolgten Einweihung des Denkmales Stephans des Großen fand in dieser Stadt ein Banket statt, aus welchem Senator Gradisteano einen Trinkspruch auf die baldige Vereinigung des Banats, der Bukowina und Sie­benbürgens mit Rumänien ausgebracht hat. Hinzugefügt wird noch, daß König Karl, welcher ebenfalls aus dem Banket anwesend war, sogar mit dem Redner angestoßen und ihm verständnißinnig die Hand gedrückt habe. In Wien hat dieser Vorfall begreiflicher Weise böses Blut gemacht und die österreichische Re­gierung verlangt daher von dem Bukarester Cabinet ein osficiöses Dementi des Vorganges.

In Unter-Egypten tritt die Cholera mit großer Heftigkeit auf und hat auch schon in Port Said am Suez-Kanal ihre Opfer gefordert. Der PariserTemps" behauptet, daß das Auftreten der Cholera schon am 12. Mal von Bombay signalisirt wurde und daß der internationale Gesundheitsrath in Konstantinopel strenge Maßregeln angeordnet habe. Diese seien aber von dem englischen Dekegirten vereitelt worden, indem derselbe geltend gemacht habe, daß den Handelsinteressen ebenso Rechnung getragen werden müffe, wie den In­teressen der öffentlichen Gesundheitspflege. Hoffentlich legen die Mächte gegen eine derartige Anschauung Angesichts einer so eminenten Europa bedrohenden Gefahr energischen Protefl ein. Anzuerkennen ist, daß die türkische Regierung sofort für alle in türkischen Häfen aus Egypten ankommenden Provenienzen eine zehntägige Quarantäne angeordnet hat.__________________________________

Telegraphische Depeschen.

Wolff s telear. Correspondenz-Bureau.

* Aachen, 29. Juni. Ein in der Gummiwaarenfabrik von I. P. Mon­heim ausgebrochenes Feuer verbreitete sich schnell über das ganze Rathhaus- Viertel. 9 Häuser und die beiden Rathhaus-Thürme sind abgebrannt, der Krö­nungssaal und der Schatz sind gerettet. Aus Köln ist die Feuerwehr und das Pionier-Corps requirirt morden. Das Feuer ist noch nicht bewältigt. .

Breslau, 29. Juni. Nach Fertigstellung der provisorischen Brücke an Stelle der zerstörten aus der Strecke Königszelt - Striegau, ist der Bahnverkehr der vorbezeichneten Strecke in vollem Umfange heute wieder eröffnet worden.

Landau, 29. Juni. Nach amtlicher Feststellung erhielt bei der Reichstags- Ersatzwahl in Landau-Neustadt Mahla (nat.-lib.) 9290, Sartorius (Fortschritt) 9208 Stimmen. 72 Stimmen zersplitterten sich. Mahla ist somit gewählt.

Hamburg, 29. Ium. Bet her Stichwahl tm Hamburger 1. Wahlkreis erhielt Rabe 11,608 unb Bebel 11,711 Stimmen: 160 Stimmen waren ungültig. Der Soclalfft Bebel ist somit mit 103 Stimmen Majorität gewählt.

Paris, 29. Juni. Bezüglich der Choleragefahr weist ^.emps dmauf hin, dav bereits aUe Mächte, Englanb ausgenommen, Maßregeln gegen bie Cmschleppung der Cholera getroffen haben. Wenn bie Cholera erst von Portsaid in die Hasen Englands gelangt sei, dann werde es unmöglich sein, die 2BeiterVerbreitung nach dem Conttnent zu verhindern. Wenn Europa aber von der Cholera befallen werde, verdanke man bas der Gleichgültigkeit eines Landes, welches durch eine allzu engherzige Sorge um seme materiellen Interessen Europa der Gefahr bereits aussetzte^

Tunis, 29. Ium. Mehrere verhaftete Falschmünzer aus Malta, Griechenland unb Italien ftnb Nachts nach ihrer Verhaftung aus den Konsulargefängnissen ent­sprungen. Dies beweist, baß die Aufhebung der Kapitulationen dringend nothwendig ist.

Petersburg, 29 Juni. Zu Sermaxa am Swirflusse fand gestern die feierliche Eröffnung des Swlr - Siaßkanals durch den Kaffer und die Kaiserin statt. Mit den Majestäten waren zugleich mehrere Minister aus Petersburg eingetroffen. Deputa­tionen der Petersburger und Rybinsker Kaufmannschaften begrüßten die Majestäten und überreichten eine Dankadresse. In der Erwiederung auf bie Ansprache derselben aab der Kaffer der Hoffnung Ausdruck, daß der neue Wasserweg zur Förderung des russischen Handels beitragen möge. Auf der Hin- wie auf der Rückreise wurde die kaiserliche FloffUe von den enthusiastischen Ovationen der am User des Ladoga - See'S