Nr. M.
Zweites Blatt. Sonntag den 1. April L883
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Burearrr Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. A"I*^b^ährlich 2 M«rk 20 Pf. mit Bnngerlohn.
ö ” Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlich er Th eit.
Betreffend: Die Berechnung der Vacanzüberschüsse erledigter Lehrerstellen. Gießen, am 27. März 1883.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherzogliehen Bürgermeistereien und Schulvorstände des Kreises.
Unter Hinweis auf unser Amtsblatt Sir. 1 vom 24. Januar 1878 beauftragen wir Sie, die von Ihnen gemeinschaftlich aufzustellenden Berechnungen des Einkommens vacanter Schulstellen für das Etatsjahr 1882/83 längstens bis zum 10. April er. an uns einzusenden.
Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat der Hamburg-Bremer Feuerversicherungs-Gesellschaft zu Hamburg die Erlaubniß zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen auf Widerruf ertheilt.
Gießen, am 28. März 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_______Dr. Boekmann.___________________________________
Steuer - CommisfaviasMieften^
Amtstage: Dienstag und Samstag, Vormittags von 8—12, Nachmittags von 2—4 Uhr.
Bekanntmachung.
Betreffend: Den «bstbaumwärter-Curfus an der Äckerbauschule zu Friedberg pro 1&83.
_ . r 3ur Ausbildung tüchtiger Obstbaumwärter wird im laufenden Jahre wieder ein Obstbaumwärter-Cursus an hiesiger Ackerbauschule abgehallen werden. Derfelbe begmnt mrt Rücksicht auf die jetzige Witterung erst Montag den 9. April und währt zunächst bis Samstag den 5. Mai, sowie im Sommer von Mrtte August- bis Anfang September. Der Unterricht wird unentgeldlich ertheilt, für Kost und Logis haben die Schüler dagegen selbst zu forgen. Werden dieselben außer der Unterrichtszeit im pomologischen Garten der Ackerbauschule beschäftigt, so erhalten sie dafür entsprechende Bezahlung. T^^oidungen sind möglichst bald, spätestens aber bis zum 8. April an das unterzeichnete Curatorium einzureichen. Etwaige Anmeldungen bei den landwirth- Ichastlichen Bezirks-Bereinen oder Großherzoglichen Bürgermeistereien bitten wir, uns gefälligst übermitteln zu wollen.
Friedberg, den 22. März 1883. Das Curatorium der Ackerbauschule zu Friedberg:
-----Dr. Braden. Dr. Freiherr von Gemmingen. Schmidt. Dr. Tobisch.
Edietalladung.
7 cx- ?Q£®)em ^li nachstehenden, im Bezirk der 49. Infanterie-Brigade ausgehobenen Recruten Heinrich Georg Karl Pfeifer, geboren am zurückzukehrenspätestens""!"?^ fr ^er Ärmliche Desertionsproceß eröffnet worden ist, wird derselbe hiermit aufgefordert, zn seinem Truppentheil
. ., Mittwoch den IS. August 1883, BorwittagS 9 Uhr
?°,r unterzeichneten Gericht anberaumten Termin zu erscheinen, widrigenfalls die wider ihn einqeleitete Untersuchung geschlossen, er in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und m eme Geldstrafe von 150 bis 3000 verurtheilt werden wird.
Darmstadt, den 29. März 1883. Großherzogliches Gericht der Großh. Heff. (25.) Division.
Wochenschau.
, Gießen, 31. März.
Die in einer leichten Erkältung bestehende Unpäßlichkeit des Kaisers hat sich erfreulicherweise fast gänzlich wieder gehoben. Bereits am Mittwoch konnte der Kaiser die regelmäßigen Vorträge des Militär- und des Civil-Cabinets wiederum entgegennehmen und hat er auf ärztliches Anrathen einstweilen nur noch die gewohnten Ausfahrten unterlaßen.
... Die politische Ebbe, die schon vor dem Osterseste in unfern häus- ^" Augelegenheiten herrschte, dauert noch an und wird erst in der kommenden Woche der mit dem Wiederbeginn der Reichstags-Verhandlungen eintretenden parlamentarischen Hochfluth Platz machen. Trotzdem fehlt es den Blättern SSL " r!?" allerhand Betrachtungen, zu denen namentlich die „Affaire ® b,Slan® ^^alten mußte. Indessen, dieses Thema ist nun nahezu
rn$n 9rn b Cä- mir™ Ü4 demselben auch schwerlich eine neue Seite abgewinnen AdmttotRmL""- desnedigung hat die Nachricht hervorgerufen, daß Vice- Adimral Bätsch, einer unserer ältesten und erprobtesten Marine-Officiere, ivelcher gleich seinem bisherigen Chef, Herrn v. Stosch, ebensalls seine Entlassung neh- men wollte, von diesem Vorhaben wieder zurückgetreten ist, so daß^ diese bewahrte Krast unserer Marine erhalten bleibt. Etwas mehr in den SBorber*
5r“9e 9etreten- wozu der bekannte 2trtl?f^er om; 3tg. über den Kardinal Ledochowski und die tele- graphisch anmeigte Note des Herrn v. Schlozer über di e im Bat kau anschemend so einflußreiche Persönlichkeit beigetragen haben. Ob aber gerade ^dochowskl mit zu den Leuten gehört, welche bestrebt sind die Ausgleichs-Verhandlungen zwischen Berlin und Rom zu durchkreuzen, ist' immerhin noch eine offene Frage i fedensalls sind die Auslieferungs-Gerüchte welche sich an die Person des Kardinals Ledochowski tnünfL i <
bie deutsche Regierung würde sogar in Verlegenheit geraden, wenn ihr" der "genannte polnische Pralat wirklich „ausgeliefert-' werden sollte J 9
^fton der Nordd Allg. Ztg." ist der Gedanke der Einsetzung eines Staatsrath es angeregt worden, welche Institution in Nreusten vor i RAR bestand. Der Gedanke begegnet indessen selbst in strLgeonservatfteii Kreisen emem gewißen Wrderspruch und bringt die „Kreuz-Zeitung" gegen dieses Project mancherlei Bedenken vor. Unter den heutigen politischen' und parlamentcnischen Verhältnissen wurde allerdings die Wiedereinsetzung des Staatsrathes aus große Staate^ia^n haFw1 rfb* a^*xx baüfon' bß6 in einem constitutionellen Staate jd schon das Ministerium naturgemäß den „Staatsrath" repräsentirt. r ob für das Zustandekommen eines neuen deutsch-
jpanischen Handelsvertrages trotz des inaugurirten Zollkrieges Aussicht vorhan
den sei, ist zur Zeit noch eine offene. Die Schwierigkeiten, denen die Verhandlungen wegen des Abschlusses des neuen Handelsvertrages begegnet sind, müssen zum großen Theile aus die geringe Geschäftskenntniß zurückgeführt werden, welche hierbei spanischerseits entwickelt worden ist. So verlangte beispielsweise Spanien die Herabsetzung des deutschen Eingangszolles auf Roggen, obwohl Roggen.aus Spanien in Deutschland gar nicht eingesührt wird. Man kann deshalb annehmen, daß weniger der üble Wille, als vielmehr diese geradezu frappirende Geschüftsunkenntniß der spanischen Staatsmänner die Schuld an dem Scheitern der erwähnten Verhandlungen trägt und bei dieser Sachlage erscheint die Hoffnung auf den endlichen Abschluß des deutsch-spanischen Handelsvertrages immer noch nicht als völlig aussichtslos.
In Oesterreich treten hin und wieder Erscheinungen an die Tages-Ober« fläche, die ein eigenthümliches Licht auf gewiße culturelle Zustände im Donaureiche werfen. In Lemberg ist am Sonntag der Abgeordnete zum Reichsrath, Rabbiner Simon Schreiber, am Herzschlag gestorben und bringt man seinen plötzlichen Tod in Zusammenhang mit einem Manifeste, welches auf die Initiative Schreiber's von 320 gleichgesinnten Rabbinern gegen die Führer der jüdischen Fortschrittspartei Galiziens erlassen worden ist. In diesem Manifest werden alle jüdischen Wahlmänner, die bei den in Galizien bevorstehenden Ergänzungswahlen zum Reichsrathe, zur Handelskammer u. s. w. für reformirte Juden stimmen, mit Fluch und Bann belegt; von-^sämmtlichen Unterzeichnern des Manifestes ist von der Staatsanwaltschaft in Lemberg die strafgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden und es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß die Aufregung hierüber den jähen Tod Schreiber's hervorgerufen hat. Jedenfalls ist das Vorgehen der orthodoxen Judenschaft Galiziens gegen ihre aufgeklärteren Glaubensgenossen sehr bezeichnend für gewisse Verhältnisse in Diejein Kronlande. .
Die in Frankreich gegenwärtig herrschende industrielle Krisis ^t bie französische Negierung bereits zu ernsten Erwägungen über diesen Gegenstand veranlaßt. Am Dienstag conserirte der Conseilpräjident Ferri) nut den Vertretern der besonders bedrängten Möbel-Jndujtrie, um Abhulfe für den herrschenden Rothstand zu schaffen. Außerdem leidet Paris letzt. an eurer eigen- thümlichen Wohnungsnoth, da es an Wohnungen für die zahlreiche Klasse der kleinen Miether fehlt, während wiedenim viele Häusir mit großen Wohnungen leer stehen. Die Rttnister des Innern und der Finanzen sind daher mit dem „Credit formier“ in Verbinbung getreten, um benfelben zur Darstreckung einer größeren Summe behufs Erbauung von Häusern für kleine Attether zu bewegen. Inzwischen hat sich der ehemalige Finanzminister Löou Sap über bie finanzielle Situation geäußert. Löou Say, welcher bekanntlich eine Autorität auf dem Gebiete ber Volkswirlhschaft ist, äußerte iu feiner Rede u. A., daß eine Haupt-


