Beilage ?u Nr. 148 des Gießener Anzeigers
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8. Weimersheim Nachfolger.
Literarisches.
— Die im Verlage von G. Freitag in Leipzig erscheinende Deutsche Universal- biblioihek: „Das Wissen der Gegenwart", welche sich die großartige Aufgabe setzt, in einer langen organisch gegliederten Reihe von selbstständigen Einzelwerken Anregung und Gelegenheit zur Orientirung auf allen Feldern des Wissens darzubieten, schreitet rasch vorwärts. Zwei der auch äußerlich sehr geschmackvollen Bände „der dreißigjährige Krieg" von G ndely und die „allgemeine Witterungskunde von vr. Hermann I. Klein" sind bereits erschienen: drei andere, zwei ins Gebiet der Geschichte einschlagende und ein naturwissenschaftlicher, sind im Erscheinen begriffen. Der zweite, uns eben vorliegende Band: „die Witterungskunde" von Klein, dürfte einen besonders großen Kreis von Lesern und Interessenten finden. Stoff und Behandlung sind anziehend und die auf wissenschaftlichen Principien und selbstständigen Forschungen ruhende Darstellung, die auch dem Fachmann manches Neue bringen dürste, ist jedem Leser zugänglich, der auf allgemeine Bildung Anspruch erhebt. Der gelehrte Autor Hermann Klein, dem wir eine Reihe trefflicher populär-wissenschaftlicher Werke verdanken, kennt die Meteorologie nicht nur theoretisch, sondern auch practisch, da er als Leiter der Wetterwarte der Kölnischen Zeitung thätig ist. Im vorliegenden Werke behandelt er in einer Reihe von erschöpfenden Kapiteln alle wesentlichen Erscheinungen aus dem Gebiete der Meteorologie (wie Lufthülle, Luftdruck, Wind, Nebel, Wolken, Regen u. s. w.) und zwar in Betreff ihrer Ursächlichkeit, ihrer Erscheinungsformen, ihres mehr oder minder localisirten Vorkommens, ihrer Häufigkeit, ihrer Wirkungen und Consequenzen und behält dabei durchweg das Aufeinanderwirken der verschiedenen Witterungsfactoren im Auge. Ueberblick und Einblick sind durch Tabellen und graphische Darstellungen erleichtert, die Anschaulichkeit rotrb durch vortreffliche Holzschnitte unterstützt. Auf Grund der gegtben<n Erklärungen behandelt das letzte sehr ausführliche Kapitel des Buches die interessanteste Seite der Meteorologie, nämlich die Vorausbestimmung des Wetters. Es ist sehr erwünscht, daß auf diesem Gebiete von höchster practischer Wichtigkeit, auf dem so viele Unberufene ihr Unwesen treiben, sich ein Fachmann in allgemein zugänglicher Darstellung vernehmen läßt. Was Klein in echt wissenschaftlicher Begrenzung mit scharfer Unterscheidung zwischen bewiesener Wahrheit und plausibler Hypothese in dem letzterwähnten Kapitel mittheilt, ist geeignet. Vorurtheile zu zerstreuen, verwerth. bare Anhaltspunkte einer verläßlichen Wetterprognose zu bieten und die Wißbegier theils birect zu befriedigen, theils zur Befriedigung durch selbstständige, geschickt und gewissenhaft angestellte Beobachtungen anzuregen. Das Buch, das — gleich allen Bänden der Universalbibliothek — um den wohlfeilen Preis von einer Mark durch alle Buchhandlungen zu beziehen ist, darf als belehrend, anregend und nützlich den weitesten Kreisen, speciell aber allen, die aus der Witterungskunde für ihre Berufsthätigkeit profitiren wollen, empfohlen werden.
Fleischer gethan, mit dem Messer zu Leibe gegangen. Wenn man das Mittel aus allen Schätzungen zieht, die bisher von verschiedenen Augenzeugen und anderen Näher- betheiligten gemacht worden sind, so ergibt sich das Ergedmß von ungefähr 350 Tobten als Gesammtziffer. Die Verwundeten sind im Verhältmß gering an Zahl. Europäer und Araber werden an der Todtenzahl wohl gleichen Antheil haben. Auf dem Con- sulsplatze war das Gemetzel ein elendes Hetzen starker Rott n hinter vereinzelten Unglück- l'chen her, und wenn auch viele Araber fielen, wo ihnen Widerstand geleistet wurde, so fand dafür w ederum die Mehrzahl der Mordthaten in den engen Straßen statt, die zum Hasen führen, an Leuten verübt, die zu Wagen angefahren kamen, indem sie vom Hafen zurückkamen oder sich dorthin begeben wollten. In diesen Straßen sind Sonntags Nachmittags die meisten Läden geschlossen und oft habe ich sie um diese Zeit recht verödet angetroffen. Beim Ausbruch des Tumults zogen sich natürlich alle in ihre Häuser zurück und Niemand war zur Stelle, der den Unglücklichen in den Wagen zu Hülfe gekommen wäre. Indessen werden einige Eingeborene der besseren Classe namhaft gemacht, die vielen Europäern In ihren Häusern ein Asyl bereiteten, auch erzähl! man von arabischen Frauen, die vorüberfliehende Europäer in ihre Thüren hineinzogen und so den Verfolgern unsichtbar machten. Dagegen war die schrecklichste, tattloseste Thal jenes Unglückstages die, daß alle Europäer, welche in einer Polizeiwache des Hafenquaniers, nahe bet dem größten arabischen Bade von Alexandrien gelegen, Zuflucht suchten, im Innern der Wachtstuben ausnahmslos von den Polizisten mit dem Bayonnett haufenweise niedergestochen wurden. Der erwähnte Herr erzählt auch, wie er auf dem Consulsplatze, wo er durch sichere Haltung und langsames Ein- herichreitcn einem Angriffe der an ihm vorübereilenden Mörder entgangen ist, gesehen hat, wie ein bereits blutüberströmter feingekleideter Mann auf feiner Flucht einer solchen Rotte in den Weg kam und, von zwei Polizeisoldaten von hinten geschoben, keinen Ausweg finden konnte, bis er unter den erhaltenen Streichen zusammenbrach. Die Opfer des Gemetzels sind europäischerseits meist unverheirathete junge Leute, viele den besten Elassen und angesehenen Familien angehörig. Unter ihnen hat auch Deutschland eins zu beklagen in der Person eines jungen, erst seit Kurzem hier angesiedelten Elsässers.
Viele werden noch vermißt und bei der allgemeinen Flucht in's Ausland, wie bei dem unregelmäßigen Hin- und Herziehen Tausender von ihren Wohnungen zu den Sch'ffen im Hafen und wieder zurück läßt sich bis jetzt über ihren Verbleib gar nichts Genaues feststellen. Die Mordbande war aus richtigen Strolchen, wie man solche m einer großen Hafenstadt zu sehen gewohnt ist, zusammengesetzt. Die zerlumpten L-ute werden von Augenzeugen als Lastträger, Karrenführer, Eseljungen, ambulante Verkäufer zweifelhafter Waare, Stiefelputzer und Berberinen geschildert. Die letzte Classe ist in Alexandri-n durch Tausende weggejagter und brotloser Diener aller Art sehr zahlreich vertreten und schon seit lange eine wahre Pest des Straßenverkehrs.
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Aus Aegypten. I.
Ein Berichterstatter der „Köln. Ztg." schreibt derselben aus Alexandrien, 20. Juni:
Ohne den Ergebnissen der Untersuchungs-Commission, die jedenfalls noch lange auf sich warten lassen werden, vorgreifen zu wollen, kann ich über den Unglückstag d s 11. Juni wenigstens dasjenige Tatsächliche zusammenstellen, welches als solches zur Zeit hier nicht nur geglaubt, sondern allgemein als durchaus festilehend angenommen wird-
Die Pöbelzusammenrottungen in Alexandrien waren das Werk eines im Voraus berechneten Planes, um der europäischen Bevölkerung klar zu machen, daß allein der militärische Machthaber im Stande sei, ihr Schutz zu gewähren und die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten Arabi wollte durch diesen verzweifelten Schritt eben zeigen, daß er unentbehrlich sei; und in der Thal wandten sich Consnln, Khediv und türkischer Commissar sofort an ihn als einziger Helfer tn der Noth. Statt abzudanken ober nach Konstantinopel zu gehen, war er im Handumdrehen wieder vollkommen Herr d r Lage. Das war also die Einlösung derjenigen Bürgschaft gewesen, die man erst kurze Zeit vorher von ihm verlangt hatte, als die bestehende Regierung von Aegypten sich völlig aufzulösen drohte. An Beweisen, daß die Pöbelzusammenrottungen absichtlich durch Mit^ülfe der Polizei ober anderer egyptischer Mllitärpersonen zu Stande gebracht worden sind, wird es der Untersuchungs-Commission nicht fehlen. Viele sind bereits stadtbekannt- Die Zusammenrottungen fanden an mehreren Punkten der Stadt zugleich wie auf Verabredung statt- Man hat gesehen, wie die Nabut, jene gefürchteten Knüttel, die ihre Bewaffnung ausmachten, schon früher unter das Volk oertheilt wurden. Erst nachdem die Todtschlägerei vier volle Stunden gewährt, schritt das ägyptische Militär ein. Obgleich der Gouverneur von Alexandrien augenblicklichen Befehl dazu gab, weigerte sich der Befehlshaber, verlangte schriftliche Ordre, machte Ausflüchte, um Zeit zu gewinnen und dann zeigen zu können, daß die Armee nur auf Befehle ihres Ooerstcommandirenden, Arabi, höre. Unmittelbar nachdem dieser ans Küro die gewünschte Ordre heitelegraphirt, zogen die Truppen auf. Ein deutscher K lufmann Hierselbst, der einen Hauplthei! des schrecklichen Dramas mit eigenen Augen gesehen und sich um diese Zeit in verschiedenen Straßen, die den Schauplatz derselben bildeten, bewegte, ist den Truppen gefolgt, bis sie Aufstellung beim Tribunal am Südende des großen sog. Consulplatzes genommen. Ersah deutlich, daß die Pöbelmenge in weitem Abstande von den Soldaten sich wie auf Verabredung ganz ruhig zurückzog, er sah auch, wie alle Soldaten lachten und untereinander lose Reden austauschlen. Der Platz war im Handumdrehen gesäubert. Die Hauptzusammenrottung hat gegen 2 Uhr Nachmittags im westlichen, fast ausschließlich von Arabern bewohnten Theile der Stadt stattgefunden und zunächst wohl in jenem ungeheuren Barackcnquartier, das ganz aus Lupanaren, Victualienmärkten Schänken und Kaffeehäusern zusammengesetzt ist und wo man stets nur dichte Massen der niedrigsten Volksklassen anzutreffen gewohnt war. Eine grade und breite Straße, dieselbe, die zum alten, jetzt als Waaren- haus dienenden Bahnhofe von Gabari und zur Baumwollenbörse von Minet-el-Bassal führt, die Mamudieh ober in ihrem östlichen Theile Rue des Soeurs genannt mündet mitten in das lange Parallelogramm des Consulplatzes ein. Die Meute ergoß sich also unmittelbar über das Cenlrum der eigentlichen Frankenstadt, wo die meisten und reichsten Magazine sind und wo beständig ein großer Theil der Alexandriner Geschäftswelt anzutreffen ist. Nun war cs Sonntag, und um diese früher noch der Siesta geweihte Nachmittagsftunde pflegt der Platz wie alle anstoßenden Straßen ziemlich leer zu sein, das Leben beginnt daselbst erst später- Sa allein lätzt es sich erklären, daß die Mordbande anfänglich auf gar keinen Widerstand stieß. Sie warf sich in starken Rotten auf vereinzelte Unglückliche, die in der Flucht ihr Heil suchten, so aber nur um so sicherer ihren Tod fanden, denn man warf ihnen die Knittel gegen die Beine und sobald sie fielen, regnet es der wuchtigen Schläge auf den Kopf und Rücken, bis sie fein Lebenszeichen mehr von sich gaben. Die meisten Leichen waren durch die große Menge der erhaltenen Mordstreiche so unkenntlich geworden, daß man sie nur nach mühsamer Untersuchung der an ihnen noch haftenden Klciderreste zu identificiren vermochte. Es wird den Leser Wunder nehmen, von einer Bewaffnung der Mörder mit Stöcken zu hören, und dies erheischt einige Erklärung. Diese Bewaffnungsart als diejenige, mit der die Araber am besten umzugehen verstehen, war mit vieler Ueberlegung unb wohl gewählt. Die Mordthaten auf den Landstraßen fern von den Dörfern und Städten pflegen meist auch nur mit diesen Stöcken zu geschehen. Man nennt sie schlechtweg Nabut und es sind eigentlich Nachtwächterstöcke, die in den Dörfern stets das augenfälligste Attribut der Wächter, die dieselben nie aus der Hand legen, darstellen. Die Stöcke haben die Dicke und Länge von Besenstielen, sind aber äußerst wuchtig und fast unzerbrechlich. Sie werden aus Karamanicn eingeführt und entstammen einer der orientalischen Eschenarten. Die Zahl der Getödteten wurde am ersten Tage auf 4 Araber und 45 Europäer angegeben und in dieser Fassung officiell in Kairo verbreitet. Die ungleiche Verlheilung der Todtenzahl unter den zwei Parteien trug wesentlich dazu bei, die hochgehenden Wogen der Erregung unter den Gemüthern der Eingeborenen gerade im ersten Augenblicke etwas zu dämpfen. Bald aber stellten sich ganz andere Zahlen heraus. Ein glaubwürdiger Augenzeuge hat Nachts in der zum Hafen führenden Frankenstraße allein sechzehn mit den Leichen Eingeborener belastete Karren zum Meere fahren sehen. Man weiß auch, daß an mehreren Stellen der Stadt, wo bewaffnete Europäer sich in Gruppen aufgestellt hatten und den Angriffen der Menge trotzten, wenigstens zehn Eingeborene auf einen Europäer gefallen sind. Man hat schwere Steine von den Häusern herab auf die Meute geschleudert, ms den Fenstern auf sie geschossen oder ist ihr, wie das eine Gruppe griechischer
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