dtr. 172. Donnerstag den 27. Juli 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Deutschland.
Berlin, 24. Juli. Wir entnehmen den „Berl. Polit. Nachr." : Seit den Tagen des Krimkrieges sind England und Frankreich noch nicht wieder Arm in Arm auf der orientalischen Kriegsbühne erschienen. Jetzt steht Europa am Vorabende einer militärischen Aktion der Westmächte; diese aber proklamiren nunmehr Tendenzen, welche den damals verkündigten schnurstracks zuwiderlaufen und außerhalb des englisch-französischen Jdeenkreises nicht immer auf Sympathien stoßen. Damals focht Piemont mit den Alliirten Schulter an Schulter. Das heutige Italien hat die Erbschaft der sardinischen Politik im Innern angetreten; ob es bezüglich der auswärtigen Dinge ebenso handelt, wird sich alsbald Herausstellen lnüssen. Bislang hatten die Velleitäten der römischen Staatsmänner sich in den Geleisen der ostmächtlichen Anschauungen bewegt. Hypersensitive Beobachter wollen jedoch die Entdeckung gemacht haben, daß die neulichen Plaidoyers zu Gunsten Englands, trotz aller ihrer Neservirtheit, in Italien böses Blut erregt und den Quirinal mehr in das westmächtliche Fahrwasser gedrängt hätten. Vorderhand gründet sich diese Vermuthung anscheinend lediglich auf einige Situations-Artikel parteilich beeinflußter italienischer Preßorgane, aus denen ein sicherer Schluß auf die Absichten des Cabinets durchaus nicht gezogen werden darf.
Welchem Schauspiele wir in Egypten nun auch entgegen gehen mögen, Deutschland wohnt demselben als gänzlich desinteressirter Zuschauer bei. Es kennt den Einsatz und die Bedingungen des Spieles. An jenem hat es keinen Antheil, und diese machen ihm keine Sorge. Der endliche Beitritt der Pforte zu der Botschafts-Conferenz ist ein bedeutsames Faktum, welches seinen Werth nicht verlieren wird, mögen auch immerhin im Nilthale die Kanonen zu brummen ansangen. England und Frankreich werden nicht zögern, ihre Machtstellung gegen Arabi Pascha zur Geltung zu bringen. Dieser Eventualität gegenüber hat die Psorten-Politik, indem sie sich hinter die Deckung der Conferenz begab, einen äußerst geschickten diplomatischen Schachzug gethan, der den Beziehungen der Türkei zu Europa Vorschub leistet und so volle Freiheit läßt, ihr Interesse am Nil zu überwachen, ohne daß es dazu einer gebundenen Marschroute bedürfte.
— Es ist schon mitgetheilt worden, daß Seitens des Vereins deutscher Papierfabrikanten dahin gestrebt wird, eine einheitliche, auf dem Decinialsystem beruhende Neueintheilung der Bogenzahl des Papiers zu erzielen. Es wurden bereits diesbezügliche Anträge an den Bundesrath gerichtet, dieselben hatten aber nicht den geringsten Erfolg, da namentlich von Setten der württembergi- schen Negierung darauf hingewiesen wurde, daß innerhalb der Interessenten der Papierbranche die Meinungen über diesen Punkt noch sehr auseinandergingen. Jetzt ist der Antrag gestellt worden, die Reichsregierung zu ersuchen, bei all' ihren Submissionen und Einkäufen von Behörden das Neuries zu 1000 Bogen zu Grunde zu legen. Es ist kaum zu zweifeln, daß der Bundesrath hierauf eingehen wird, da er, wie schon erwähnt, Geneigtheit hierzu zu erkennen gegeben hat, wenn die Einigkeit unter den Fabrikanten erzielt würde, und diese ist jetzt — mit Bezug auf obigen Antrag, erzielt.
— Hinsichtlich der Frage über die mißbräuchliche Ausnutzung der Handlungs-Lehrlinge als kostenfreie Kraft während ihrer besten Entwickelungsjahre und über die mangelhafte Ausbildung, welche in Folge dessen bei jungen Kaufleuten so häufig zu Tage tritt, spricht sich der Jahresbericht der Handels- Genossenschaft zu Konstanz ebenfalls aus. Er betont, daß die Ueberzahl der auf folche Weise herangebildeten mittelmäßigen, ja sogar geringen Arbeitskräfte nicht allein den Handelsstand, sondern sogar die öffentliche Wohlfahrt im Allgemeinen beschwere und stellt in Erwägung, ob nicht die Handelskammern auf Einführung strenger Lehrlingsprüfungen hinzuwirken berufen seien. Die Konstanzer Handelskammer allerdings verkennt die Gefahr nicht, die in dieser Weise darin liegen würde, die gesetzliche Autorität des Staates für Jnternttäten des freien Handelsstandes in Anspruch zu nehmen, aber jedenfalls beweist auch der Umstand, daß aus den Handelskammern selbst heraus diese Frage jetzt zur Debatte gestellt wird, wie dringend geboten eine Lösung derselben erscheint.
— Unter dem directen Impulse der englischen Politik beginnen die Dinge in Egypten wieder ein geschwinderes Entwickelungs-Tempo anzunehmen. Man hat es in London glücklich herausgebracht, daß der Suezkanal eine ganz aparte Sache ist, welcher mit dem egyptischen Problem nur so weit zusammenhängt, als England dies gelten lassen will. Hierin dürfte aber John Bull die Rechnung ohne den Wirth — nämlich ohne Frankreich, gemacht haben. Herr de Lesseps, der französische Erbauer des Kanals, weilt bekanntlich seit Kurzem an den Gestaden jener Wasserstraße, und ist schon jetzt zu Anschauungen gelangt, welche zu seinem noch unlängst zu London vertretenen Standpunkte in scharfem Gegensätze stehen.
Herr de Lesseps plaidirt jetzt mit rührendem Eifer für eine beschleunigte Intervention, und es versteht sich bei einem Franzosen ganz von selbst, daß er sein Vaterland mindestens auf gleichem Fuße behandelt sehen will, als dessen „uneigennützigen" Alliirten. Frankreich also wird auf jeden Fall mit von der egyptischen Partei sein, und wäre es auch nur, um dem britischen Löwen auf Schritt und Tritt gegenwärtig zu halten, daß er im egyptischen Regime nicht der allein Jagdberechtigte ist.
Es mag ein zufälliges Zusammentreffen sein, daß gerade jetzt, wo Frankreich sich zum Handeln anschickt, mit Ostentation von militärischen Vorbereitungen der Pforte, und zwar von der Mobilisirung eines ganzen Armee-Corps
Aegypten.
London 25 Juli Das „Reuter'sche Bureau" läßt sich aus Aleran- drien telearaphiren, dem Khedive sei die Anzeige zugegangen, daß herumstreifendes Bolk aus Alexandrien, bereit zu brennen und zu plündern, nach Kairo a aanaen sek- n Kairo herrschten große Befürchtungen. Von den englischen
gesprochen wird. Rüstungen kosten Geld, mögen sie nun zu kriegerischen, oder blos zu demonstrativen Zwecken vorgenommen werden — und im Tresor der Hohen Pforte liegen gerade keine überflüssigen Schätze aufgespeichert. Aber man bemerkt plötzlich in den Kreisen der englischen Bondholders eine bis dahin nicht vorhanden gewesene Geneigtheit, der Türkei finanzielles Entgegenkommen zu bekunden, und kann sich des Gedankens kaum erwehren, daß zwischen diesen Prädispositionen der türkischen Staatsgläubiger englischen Stammes und den Mobi- lisirungs-Gelüsten der osmanischen Heeresverwaltung irgend welcher ursächliche Zusammenhang bestehe. „Die Partie um den egypptischen Einsatz" — meinte Jemand, der in politicis kein Neuling ist — „hat, mutatis mutandis, verzweifelte Ähnlichkeit mit dem berüchtigten „Kümmelblättchen", nur daß die theilneh- menden Spieler an Gewandtheit einander so ziemlich die Wage halten."
England.
London, 23. Juli. Der Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen dem englischen und egyptischen Heere läßt sich kaum lange mehr Hinhalten. Der Krieg ist thatsächlich längst erklärt; die Einmischung ist ebenso zur unableugbaren Gewißheit geworden; Schüsse zwischen den Vorposten werden gewechselt; der eine Theil schneidet dem andern das Trinkwaffer ab; und eines Morgens wird Europa von einem größern Gefechte hören, bei welchem es sich Herausstellen dürfte, daß die egyptischen Infanteristen ebensowenig zu verachten seien, wie die Artilleristen. General Sir A. Alison ist mit zwei Regimentern Infanterie und einer Schwadron Reitern auf dem Wege nach den Verschanzungen Arabi's. Das Wasser im Mahmudie-Kanal ist um einige Zoll gesunken, ein Beweis, daß Arabi's Abdämmung desselben ihre Wirkung auszuüben anfängt. Die Nachrichten über den bedenklichen Zustand im Innern mehren sich. Arabi hat den heiligen Krieg verkündigt, seine Sendboten predigen die Ausrottung der Christen; Niedermetzelungen im kleinen Maßstabe scheinen allenthalben vorgekommen zu sein. Alle Europäer haben Kairo verlassen. Das Land ist der Gesetzlosigkeit verfallen. In Alexandrien fand im Hause des österreichischen Generalconsuls eine Versammlung der übrigen Consuln statt.' Jener schlug vor, vor jedes Con- sulat eine Wache von 25 Mann zu stellen, die der Mannschaft der Schiffe der verschiedenen Nationalitäten entnommen werden sollten. Beim Fort Guemil, 6 Meilen von Port Said entfernt, haben die Egypter neue Erdwerke aufgeworfen und erhalten Truppenzuzüge aus dem Innern. Um allen weiteren Verbindungen Arabi's mit den verdächtigen Personen aus der Umgebung Arabi's ein Ende zu machen, sind die Telegraphendrähte von Alexandrien nach dein Innern sämmtlich ourchgeschnitten worden. Tewfik scheut sich noch immer, mit seiner Erklärung, daß Arabi ein Meuterer sei, vor die Oeffentlichkeit zu treten (das Absetzungsdecret gegen Arabi ist inzwischen erlassen); dagegen ist Arabi weniger rücksichtsvoll, denn er hat Tewfik einfach für einen Verräther an Egypten in einer öffentlichen an die arabische Bevölkerung gerichteten Proklamation ausaeaeben
London, 25. Juli. Unterhaus Gladstone beantragt, die Berathung über d.e Creditvorlage fortzusetzen. Elcho bekämpft diesen Antrag und beantragt eine Resolution, besagend die Kammer, obwohl bereit, Gelder zu bewilligen, um den Khedive und den Suezkanal zu schützen, sei doch nicht bereit, bet der jetzigen Stellung Englands, als muhamedanische Macht in einen Krieg zur Wiederherstellung der Autorität des Khedive zu ziehen, es sei denn in Gemeinschaft mit den Truppen des Sultans. Gladstone spricht gegen diese Resolution, welche nur England die Hände binden würde. Die Conferenz könne wesentlichere Resultate haben, als Elcho vermuthe. Der Sultan habe die Entsendung von Truppen nicht verweigert, ja, es käme der Wahrheit sogar näh^, zu sagen, der Sultan habe sich im Principe bereit erklärt, Truppen zu senden. Er (Gladstone) könne nicht sagen, daß keine europäische Macht an den militärischen Maßregeln parttctpire. Frankreich thue das an einem gewissen Punkte. Elcho's Antrag, der keine Unterstützung findet, wird hierauf ohne Abstimmung verworfen und me Berathung der Creditvorlage fortgesetzt. Stanley billigt die Aktion und grbt dem Wunsche Ausdruck, daß dieselbe prompt und wirksam sein möge.
Der Premier Gladstone legte die Botschaft der Königin vor, welche me Einberufung der Reserven oder eines Theiles derselben ankündigt, da die ^Ytanoe l Egypten Schritte zur Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung und /um Schutze des Khedive und der Interessen des Reiches notwendig machten. Es ser somit der?^rmg- lichkeitsfall conftatirt. Gladstone kündigt an, er werde «°rg°n beantragen, die Vot- schäft in Erwägung zu ziehen- Campbell (lib.) theilte mit, er werde den Antrag Hartington's, die Kosten für die Verwendung indischer Truppen außerhalb Indiens aus den indischen R-v-nuen zu bestreiten, durch den Gegenantrag b-kampfen, daß es unzweckmäßig und ungerecht sei, die Kosten für eine Intervention in die inneren An gelegenheiten Egyptens Indien aufzubürden.
Italien.
Rom 25 ^uli Der „Diritto" bespricht die durch die Besetzung des Suezkanals Seitens Englands und Frankreichs ^^esabr"?in°ae-
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