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26.11.1882 Zweites Blatt
 
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Nr. 277. Zweites Biart. Sonntag den 26. November 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MoniagS.

Bureau: Schulstraße 7.

PreiK vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

krisis lag augenscheinlich nicht in den Wünschen der Kammer, denn sie lehnte die radikalen Amendements mit großer Majorität ab. Wahrscheinlich haben die zahlreichen Verhaftungen von Anarchisten und anderen dunkeln Elementen, welche zu Lyon und Paris in den letzten Wochen stattfanden, den Zorn der Radikalen gegen das Cabinet Duclerc erregt, welcher glücklicher Weise keinen weiteren Schaden angestiftet hat.

Das italienische Parlament ist am Mittwoch, den 22. d. Mts., mit einer Thronrede eröffnet worden, die König Humbert selbst verlas. Die Thronrede, welche sich durch einen markigen Styl und lebhaftes Colorit aus­zeichnet, gedenkt der gedeihlichen wirtschaftlichen Entwickelung des Landes und zählt die Erleichterungen auf, welche die letzte Legislaturperiode in dieser Be­ziehung geschaffen habe. Mit besonderer Befriedigung erwähnt die Thronrede der Sorgfalt, welche das Parlament der Vervollkommnung der Armee und Marine gewidmet habe. Die Beziehungen Italiens zu allen auswärtigen Regie­rungen werden als die besten geschildert und spricht die Thronrede die zuver­sichtliche Hoffnung auf Erhaltung des allgemeinen Friedens aus. Ferner wird auf die bevorstehende Vermählung des Herzogs von Genua mit der Prinzessin einer der erlauchtesten deutschen Dynastien, als ein neues Bindemittel zwischen den Völkern Deutschlands und Italiens, hingewiesen. Die Rede schließt mit dem Hinweis darauf, daß das Parlament jetzt volle Freiheit zum Handeln habe, da keine Macht mehr die Unabhängigkeit Italiens bedrohe. - Die Thronrede wurde öfters von lebhaftem Beifall unterbrochen und der König nebst den könig­lichen Prinzen beim Verlassen des Saales mit enthusiastischen Hochrufen begrüßt.

Das russische Kaiserpaar stattete am vergangenen Montag nach längerer Zeit der Hauptstadt Petersburg wieder einen Besuch ab, wobei das­selbe von der Bevölkerung während der Fahrt durch die Stadt mit Enthusias­mus begrüßt wurde. Am Abend kehrte das hohe Paar wieder nach Gat­schina zurück.

Am schwedischen Königshofe findet an diesem Sonnabend, den 25. d. Mts., die feierliche Taufe des neugeborenen Prinzen statt, welchem Acte von deutschen Fürstlichkeiten u- A. auch der Großherzog von Baden, als Groß­vater des Täuflings mütterlicherseits, beiwohnt.

Aus dem Orient war in dieser Woche wenig Belangreiches zu ver­zeichnen. Die Gerüchte von einer bevorstehenden Krisis im türkischen Cabinet beruhen anscheinend auf leeren Combinationen und was die egyptischen Ange­legenheiten anbelangt, so ist weder in Bezug auf Arabi Pascha, noch auf die Jnsurrection im Sudan Neues zu verzeichnen. Die Nachricht von der Abtre­tung des egyptischen Hafens Maffuah am Rothen Meere an Abyssinien hat sich als unbegründet herausgestellt. Beunruhigend klingt jedoch die der internatio­nalen Gesundheits-Commission in Alexandrien vom egyptischen Delegirten zuge­gangene Meldung, daß die Cholera in Mekka noch keineswegs erloschen sei, wie der türkische Jnspector ain 11. d. Mts. zu berichten wußte. Hoffentlich bleibt die gefährliche Seuche auf ihren ursprünglichen Heerd beschränkt.

Berlin, 23. November. Hinsichtlich der auf den 10. Januar 1883 angesetzten Viehzählung erfahren wir, daß jedem Hausbesitzer resp. Hausverwalter m der Zelt vom L dis 8. Januar eineHausliste" übermittelt werden wird. In denselben sind etnzutragen: Pferde, Maulthiere und Maulesel, Esel, Rindvieh, Schafe, Schweine und ^Ziegen, sowie auch die Gesammtzahl der Bienenstöcke, gletchoiel, ob das Vich dem Haus- ^etgenthümer oder den Mtethern, ob einem oder mehreren E'genthümern gehört; auch ist allesvo'ütergehend anwesende" Vieh und das amZähltoge verkaufte hier mit auf- zunchmen. Ist dagegen Vieh der genannten Arten überall nicht vorhanden, so wird die Hausliste durchgeftr chen. Vom 11. bis 15. Januar sammelt die O'tsbchörde die Lasten wieder ein, wobei sie die Richtigkeit und Vollständigkeit der gedachten Angaben zu prüfen und etwaige Mängel zu beseitigen hat.

Der belgische Justizminister hat allen von Deutschland und Holland nach Belgien gekommenen Priestern (Jesuiten), die im Lande bet der Seelsorge veschästigt sind, die von der Staatskasse zu zahlenden Gehälter gesperrt, weil sie als Ausländer nicht zu der allein berechtigten Geistlichkeit gehören.

Straßburg, 22 November. Der Kaiserliche Statthalter, General-Feldmarschall Freiherr v. Manteuffel, hat an den Staatssecrelär, Staatsmin ster v. Hofmann, nach­stehenden Erlaß gerichtet:

Straßburg, den 8. November 1882.

Die medicinische Sachverständtgen-Commission, welche von mir im April d. I. berufen worden ift, um die Einrichtung des höheren Unterrichtswesens in Elsaß Loth­ringen vom ärztlichen Standpunkte aus zu prüfen und zu begutachten, hat sich diests Auftrages in dankenswerlhester Weise entledigt. Je mehr ich die Arbeit derselben schätze, um so lebhafter ist in mir der Wunsch geworden, auch andere wichtige Gebiete des Unterrichtswksens der Prüfung unterworfen zu sehen. Es handelt sich dabet vor­nehmlich um die höheren Töchterschulen und die Elementarschulen. Ueber die erstern sind ähnliche Klagen laut geworden wie die, welche sich gegen die höheren Knaben­schulen richten, nur verstärkt durch den Gedanken, daß jede gesundheitliche Schädigung der Heranwachsenden weiblichen Jugend noch entschiedener auf die kommenden Ge­schlechter wirken muß. Weniger ist das Elementarschulwesen vom Standpunkte der Gesundheitspflege angefochten worden. Allein auf diesem Unterrichtsgebiete hat die Regierung ganz besonders die Pflicht, aus eigenem Antriebe die peinlichste Sorgfalt zu üben, damit gesundheitswidrige Einflüsse ferngehalten werden.

Den Gesellschaftsklassen, deren Kinder die Elementarschule besuchen, geht meist der Sinn und die Muse ab, um dort vorhandenen Schädlichkeiten nachzuspüren. So­dann übernimmt der Staat mit dem Schulzwange, welchen er gegen die Kinder aus­übt, ein erhöhtes Maß von Verantwortlichkeit für die Folgen des Schulbesuchs. Gerade die große Masse der Jugend beider Geschlechter füllt die; Elementarschulen und «in Theil derjenigen Zeit wird darin zugebracht, während welcher der Körper zur Reife heranwächst. Alles, was von gesundheitswidrigen Einrichtungen in diesen Schulen geduldet wird, wirkt daher bis in die weitesten Kreise des Volkes und gewinnt da­durch größere Wichtigkeit als selbst schwere Schäden solcher Unterrichtsanstalten, welche von weniger zahlreichen Schülern und während kürzerer Zeit besucht werden.

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1881

Gießen, 25. November.

Der Besuch, den Herr v. Giers, der russische Minister des Aus­wärtigen, auf seiner Durchreise nach Italien in Varzin beim Fürsten Bismarck und dann am kaiserlichen Hofe in Berlin Anfangs dieser Woche aögestattet hat, ist für unsere Beziehungen zu Rußland ein bedeutungsvolles Ereigniß. In dem Verhältnisse zwischen Deutschland und seinem mächtigen Nachbar im Osten ist seit dem Berliner Vertrage, welcher Rußland zum Theil der Früchte seines vorausgegangenen türkischen Feldzuges beraubte, hier und da eine Trübung ent­standen, welche zu ernstlichen Mißverständnissen zu führen drohte und namentlich auf russischer Seite machte sich die Verstimmung gegen Deutschland in den bekannten Tiraden der Skobeleff, Aksakoff u. s. w. in bemerkenswerther Weise Lust. Um so anerkennensmerther ist es von der russischen Regierung, daß sie durch die Besuche des leitenden Staatsmannes des Czarenreiches in Varzin und Berlin den ersten Schritt gethan hat, um ihren Beziehungen zum Berliner Ca­binet die frühere Klarheit miederzugeben. Daß der russische Staatsmann bei unfern Staatslenkern ein freundliches Entgegenkommen gefunden hat, kann nicht bezweifelt werden, wie dies schon aus dem Umstande hervorgeht, daß Herr v. Giers am Dienstag mit zur kaiserlichen Tafel gezogen wurde. Am Mitt­woch hat derselbe die deutsche Reichähauptstadt wieder verlassen, um seine Reise nach Italien fortzusetzen, doch nicht über Wien, wie zuerst berichtet wurde, son­dern über Frankfurt a. M. und Basel; es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß Herr v. Giers auf seiner Rückreise Wien berühren wird.

Der Bundesrath hielt am Donnerstag eine Plenarsitzung ab. Auf der Tagesordnung stand neben minder wichtigen Angelegenheiten der Antrag Preußens, betr. die Anwendung des § 28 des Gesetzes gegen die gemeingefähr­lichen Bestrebungen der Socialdemokratie, ferner eine große Zahl von Aus­schußberichten über Etats-Entwürfe.

Das preußische Abgeordnetenhaus trat nach viertägiger Pause am Mittwoch in die erste Berathung des Etats ein. Die Redner hielten sich im Allgemeinen mehr wie sonst an den in Rede stehenden Gegenstand, so daß fast alle Parteien zum Worte gelangten. Den Reigen eröffnete der Secessionist Rickert, welcher sich namentlich gegen die Aushebung der vier untersten Klassen- fteuerftufen wandte, in welcher er den Anfang zur Beseitigung des directen Steuersystems erblickte, der die Mehrheit der Volksvertretung nicht zustimmen könne. Der hierauf folgende Redner, v. Tiedemann (freiconf.) erklärte sich dagegen mit dem Steuer-Aushebungsgesetze einverstanden, nur wünschte derselbe eine gerechtere Normirung der einzelnen Steuerstufen und erklärte sich bezüglich der Licenzsteuer zustimmend. Als Vertreter des Centrums sprach Freiherr o. Schorlemer-Alst, welcher für Wahrung der politischen Rechte der von der Steuer zu Befreienden, im Uebrigen aber für eine Erhöhung des Holzzolles und eine ausgiebige Börsensteuer plaidirte. Ihm folgte als Sprecher der Con- fervativen v. Minnigerade, welcher sich ebenfalls für eine procentuale Bör- fenfteuer autzsprach, die stets der ideale Wunfch feiner Partei gewesen sei; zugleich kündigte Herr v. Minnigerode einen dahin gehenden Antrag der Conservativen für den Reichstag an. Namens der Nationalliberalen wies o. Benda auf das eigentümliche Mißverhältniß zwischen dem Steuer-Erlaß und dem bestehenden Deficit hin und erklärte sich für eine Aenderung des be­währten bisherigen Steuerfystems nur insoweit, als jene durchaus nothwendig sei. Die Ausführungen des Finanzministers Scholz lassen sich dahin zusam­menfassen, daß derselbe einfach erklärte, das Haus habe im Vorjahre einem Steuer-Erlaß zugestimmt und die Regierung sei nun hierdurch materiell an einen Steuer-Erlaß gebunden. Die Debatte über den Etat wurde in der folgenden Sitzung am Donnerstag fortgesetzt.

DieKreuz-Zeitung" weiß zu melden, daß auch in der gegen­wärtigen Sesston des preußischen Landtages die Verstaatlichung der Eisenbahnen einen weiteren Schritt machen werde. Wenigstens schienen hierfür die bisherigen Erfolge dieses Systems, sowie einige Anzeichen zu sprechen.

Mit demSchlusse der österreich-ungarischen Delegationen ist der Schwerpunkt des Donaureiches, den man während der Delegations- Sitzungen in Pesch zu suchen hatte, nach Wien zurückverlegt worden. In der österreichischen Hauptstadt wird sich überdies in den ersten Tagen des December der Reichsrath wieder versammeln, dessen neue Session nach mehr als einer Seite hin Abwechselung veispricht. Die Wahlreform, die Schulgesetz- und die Änkommensteuer - Vorlage werden voraussichtlich zu erbitterten Wortgefechten führen. Daneben darf man auch gespannt sein, welche Entwickelung die Partei- vechältnisse auf der Rechten nehmen werden: da durch den Austritt Dr. Lien- da cher's aus dem Liechtenstein-Club in den Beziehungen zwischen Polen, Czechen, Feudalen und Klerikalen eine allerdings noch verdeckte Kluft sich gebildet hat, welche ein unbedingtes Zusammengehen aller dieser die Reichsraths-Mehrheit bildenden Elemente sehr versichern dürfte.

Die Verhältnisse innerhalb der französischen Deputirten- !a miner haben sich wahrend der Mgsten Sitzungen soweit geklärt, daß man d>- Stellung des Cabmets Duclerc einstweilen als gesichert erklären kann. R-imentlich die Verhandlungen vom 20. November über die von den Radikalen im gebrachten Amendements, betr. die Aufhebung der französischen Botschaft bn m Vatikan, resp. die Ersetzung des dortigen Botschafters durch einen Ge- ch°°ftsträger, führten zu einem durchschlagenden Erfolge des gegenwärtigen fron« Mchen Ministeriums. Herr Duclerc drohte sofort mit seiner Demission, falls di- Kammer auf die radikalen Anträge einginge und eine abermalige Minister-

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