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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

1882.

Bureau r Schulstraße B. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringe,lehn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mart 50 g.j.

Z. m llicher H y e i L

Betreffend: Die Tilgung der Schafräude. Gießen, den 24. Mai 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Nach einer Mittheilung des Reichskanzlers an die Großherzogliche Staatsregierung ist für den westlich der Elbe gelegenen Theil Deutschlands ein gleich­zeitiges und übereinstiinmendes Vorgehen zur Bekäinpfung der Schafräude in Aussicht genommen. Wenn die betreffenden Maßregel auch voraussichtlich erst im nächsten Jahre zur Ausführung gelangen werden, so empfiehlt es sich für diejenigen, welche unreines (f. g. Schmier-) Vieh besitzen, doch, dieses schon jetzt allmählig und jedenfalls iin Laufe dieses Jahres vollständig abzuschaffen, um sich vor späterem Schaden und großen Kosten, welche das Hellverfahren jedenfalls verursachen wird, zu bewahren.

Wir beauftragen Sie daher, diejenigen Angehörigen Ihrer Gemeinden, welche unreine Schafe besitzen, hiernach zu bedeuten und darauf hinzuwirken, daß baldmöglichst reine Heerden angeschafft werden.

________________________Dr. Bookman n.______

Betreffend: Die Anschaffung nützlicher Bücher. Gießen, am 24. Mai 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Außer dem in unserem Ausschreiben vom 20. l. M. erwähnten Merkchenüber das Viehversicherungswesen" von Lorenz hat der landwirthschaft- tiche Bezirksverein auch ein Buchüber die Währschaft bei Viehhändelu" von Amtsrichter Zimmermann angeschafft. Wir lassen Ihnen auch von diesem Buche je ein Exemplar mit dem Auftrage zugehen, in geeigneter Weise dasiir zu sorgen, daß der Inhalt beider Schriften in Ihren Gemeinden möglichst bekannt wird.

___________Dr. Boekmann.___

Bekannt wachun g.

Die am 20. l. Nits, angeordnete Sperre der Neustadt von der Bahnhofsstraße bis zur Mühlgasse wird wieder aufgehoben.

Gießen, am 24. Mai 1882. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Frese irt u s.

Politische Uebersicht.

Gießen, 25. Mai.

Die Frage, wie lange der Reichstag nach seinem am 6. Juni erfolgenden Wiederzufammentritte noch tagen werde, ist zur Zeit noch immer eine offene. Die vom Abg. Windthorst angeregte Idee, für das Unfallversiche- rungs- und das Krankenkassen-Gesetz eine permanente Commission einzufetzen und dafür die Plenarverhandlungen des Reichstages bis zum Herbst zu vertagen, stößt in Reichstagskreisen auf so entschiedenen Widerstand, daß. ein hierauf bezüg­licher Antrag durchaus keine Aussicht auf Annahme hätte. Vorläufig liegen die Dispositionen für den Reichstag nach Ablauf der Pfingstferien so, daß derselbe zunächst die zweiten Lesungen der ihm vorliegenden wichtigeren Gesetzentwürfe, also diejenigen über die Gewerbeordnungs-Novelle, die Abänderung des Zoll­tarifs und das Tabakmonopol, erledigen wird. Was dagegen die Vorlage über die Arbeiterunfall- und Krankenversicherung anbelangt, die in erster Lesung be­kanntlich ebenfalls an eine Commission verwiesen wurde, so scheint im Reichs­tage keine große Neigung vorhanden zu sein, auch diesen Gegenstand in der gegenwärtigen Session zu erledigen, es dürfte dies vielmehr der Herbst-Session des Reichstages überlassen bleiben.

Mehreren Truppentheilen der preußischen Armee steht in den nächsten Tagen eine erhebende Feier bevor. Durch einen Erlaß an den Kriegsminister hat der Kaiser bestimmt, daß nnnmehr auch den neu errichteten Regimentern der preußischen Armee 9 Infanterie-Regimenter sowie dem Eifenbahn-Regiment und den beiden Pionier-Bataillonen Nr. 15 und 16 Fahnen verliehen werden sollen, und zugleich hat der Kaiser verfügt, daß die feierliche Nagelung dieser Fahnen am 27. d. Mts., die Weihe derselben am 29. b Mts stattfinden soll. Die bevorstehende Feier steht, wie diePost" mitcheilt, wie die Fahnenweihe von 1866 mit der Erwerbung der neuen Provinzen, in unmittel­barer Beziehung zu der durch die Einverleibung Elsaß-Lothringens erfolgten Erweiterung Deutschlands, denn die Truppentheile, denen diese Fahnen über­geben werden sollen, sind dereinst bestimmt, die Besatzung Elsaß-Lothringens zu bilden.

Der Slavisirungs-Proceß m Den deutschen Provinzen Oesterreichs nimmt seinen ungehinderten Fortgang. Besonders aus Krain kommen für das Deutfchthum fortwährend ungünstige Nachrichten; auf dem Lande wie in den Städten drängt das slovenische Wesen immer mehr vor und namentlich in der Hauptstadt Laibach bemüht sich der slovenische Stadtrath, die deutschen Krämer, Handwerker, Hausirer u. s. w. durch allerhand Maßregeln zu chicaniren. Auch in Schlesien beginnen sich die Slaven (Czechen) zu rühren, obwohl sie nur 22 pCt. der dortigen Bevölkerung ausmachen; so verlangen sie Die Umwandlung verschiedener deutscher Ortsnamen in czechische u. s. w. DieVersöhnungs- politik" des Grafen Taaffe beginnt eben immer mehr, ihre Früchte zu tragen schwerlich aber zum Heile des Gesammtitaates Oesterreich. Als Nachfolger Herrn v. Szlavy's im Reichs-Finanzministerium wird jetzt Graf Anton Szecsen genannt, der bereits früher im ungarischen Ministerium gesessen hat

Die Franzosen können, ähnlich den Oesterreichern in der Crivoscie, mit dem Aufstande im Süden Tunesiens und Algeriens noch immer nicht fertig werden. In den letzten Tagen hat zwischen den Franzosen und den Aufständi- schen abermals ein Zusammenstoß stattgefunden, indem eine Colonne des Generals

Duchesne bei den Schotts von Mehaia (Süd-Tunesien) auf etwa 800 Araber vom Stamme Beinojncls stieß, dieselben angriff und in die Flucht schlug. Der Verlust der französischen Truppen betrug 3 Todte und 5 Verwundete; der Feind ließ 70 Todte auf dem Schlachtfelde zurück.

Aus Petersburg wird derVoß'schen Ztg." die überraschende Mit- theilung gemacht, daß die Krönung des Czaren, welche ganz bestimmt am 6. September d. Js. stattfinden sollte, bis Mai 1883 verschoben worden sei. Am letzten Donnerstag habe in Peterhof ein Familienrath stattgefunden, wobei Graf Worronzoff - Daschkoff, der Minister des kaiserlichen Hauses, vertrauliche Mittheilungen der Berliner, Londoner und Pariser Polizeibehörden vorlegte; dieselben enthalten Detailangaben Über nihilistische Anschläge und stimmen darin überein, daß während der Krönungsfeier, wenn alle höchststehenden Personen des In- und Auslandes an einem Punkte sich zusammenfinden, eine Katastrophe erfolgen werde, deshalb hätten die betr. Polizeibehörden den Angehörigen ihrer Fürstenhäuser die Reise nach Moskau entschieden abgerathen. Die russischen Zustände sind allerdings derart, daß die Furcht vor neuen nihilistischen Atten­taten nicht unbegründet erscheint und man hätte darum der Moskauer Krönungs­feier nur mit Besorgniß entgegensetzen können.

Aus der Schweiz liegt eine ganze Reihe von Mittheilungen Über die Eröffnung der Gotthardtbahn vor, welche sämmtlich die anläßlich dieser Feier in Luzern und andern hervorragenden Orten an der neuen Bahn herrschende freudige Stimmung wiederspiegeln.

Frankreich und England führen in Egypten eine überraschend energische Sprache. Sie verlangen den Rücktritt des egyptischen Ministeriums, die Verbannung Arabi Pascha's, Auflösung der Notabelnkammer und die Her­stellung eines überwiegenden Einflusses beider Mächte in Egypten. Wie sich die übrigen Mächte zu diesen Forderungen stellen werden, ist noch nicht bekannt; daß sie aber keinenfalls in letztgenannten Punkten einwilligen werden, darf man schon jetzt als gewiß betrachten.

AcuLschlünd.

Berlin, 23. Mai. Der Reichstag wird sich, sobald feine Sitzungen nach den Ferien wieder beginnen, mit den beiden von den reichsländischen Abgeord­neten eingebrachten Anträgen zu beschäftigen haben. Derjenige von beiden, welcher den facultativen Gebrauch der französischen Sprache im reichsländischen Landesausschuß gestatten will, hat keine Aussicht, angenommen zu werden , ob­gleich die Fassung desselben, daßausnahmsweise der Präsident solchen Mitglie­dern, welche der deutschen Sprache notorisch vollkommen unkundig sind, den Ge­brauch der französischen Sprache gestatten dars", wie man sieht, eine sehr weitgehende ist. Nicht nur in regierungsfreundlichen und conservativen Kreisen, sondern auch von Seiten des Centrums und der linksliberalen Partei wird man sich gegen denselben erklären.

Der zweite Antrag, der die Aushebung des sog. Dictatnr-Paragraphen im Reichslande beabsichtigt, bewegt sich auf derselben Linie wie diejenigen Bestre­bungen, welche eine allgemeine Aufhebung der Ausnahmegesetze wollen. Er kreuzt somit ein Gebiet der von den verbündeten Regierungen befolgten Politik auf welchem bisher die Mehrzahl der Reichstagsmitglieder mit den Anschanun-