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Gießener Anzeiger
Amts- Md Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringer lohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Bekanntmachung.
T-1.r„r»f.r^anta-6 *»” 12-Februar 1883 soll dahier, in Gemäßheit der Verordnung vom 10. Januar 1879, betr. die Prüfung von Aspiranten für nn Än abgehalten werden Diejenigen Aspiranten, welche sich dieser Prüfung unterziehen wollen, werden aufgefordert,
die '^oßherzogllchesMimsterinm desJnnernundder Justiz, Abtheilung für Schulangelegenheiten, zu richtenden Meldungen hierzu bis spätestens lum 151 ' »en betreffenden Kreisschulcommiffronen bezw. den Directionen der betr. höheren Lehranstalten, denen sie angehören, einzureichen.
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a. ein Tauf- ober Geburtsschein:
b. ein selbstgefertigter Lebenslauf;
e. das Zeugniß der an einem Schullehrer - Seminar bestandenen Entlaffungsprüfnng oder sonstige Zeugnisse über die Erwerbung einer entsprechenden allgemeinen Bildung. In dem Falle, daß der Aspirant auch die Definitorialprüfung bestanden hat, ist das betr Zeugmß gleichfalls beizuschließen; 7 '
<1. ein Zeugniß über die erlangte turnerische Ausbildung und eventuell über bisherige Lehrthätigkeit;
e. em amtliches Leumundszeuge. ’
Darmstadt, den 10. Oktober 1882.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz, Abtheilung für Schulangelegenheiten.
... Knorr. de Beauclair.
Politische Ueberficht.
, Gießen, 24. October.
2bie nachträglich aus Baden-Baden gemeldet wird, war man in der Umgebung unseres Kaisers in Folge dessen letzten Krankheitsansolles eine Zeit lang sehr um den hochbetagten Monarchen besorgt und war auf Veranlassung des Leibarztes Dr. v. Lauer der Generalarzt Dr. Leuthold von Berlin nach Baden-Baden berufen, um tm Nothfalle auch seine Hülfe zu spenden Dank einem gütigen Geschick, war der Kaiser von dem Krankheitsanfalle jedoch fchon am 18. October wieder so ziemlich befreit mid konnte nebst seiner ebenfalls noch leidenden Gemahlin die Glückwünsche entgegennehmen, welche dem Kaiserpaar anläßlich des Geburtstages des Kronprinzen überbracht wurden Das Festmahl, welches zu Ehren des Kronprinzen am 18. October in Baden- Baden stottsinden sollte, mußte indessen aus Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Kagerpaares aufgegeben werden. Die unvermeidliche Last der Jahre drückt nun leider auch unser Kaijerpaar, obwohl gerade Kaiser Wilhelm in wahrhaft heroifcher Weise im Greisenalter ein Jüngling geblieben war. Mag die nun nahende rauhe Jahreszeit der Gesundheit des erlauchten Paares keinen Abbruch thun!
Der Plan des Reichskanzlers, die Budgetarbeiten für das Reich abzukurzen, resp. alle zwe: Jahre zu erledigen, um dadurch für die übrigen parlamentarischen Arbeiten ^ett zu gewinnen und das lästige Zusammentaqen
°!lt ^m preußischen Landtage zu vermeiden, scheint seiner Verwirklichung entgegengehen zu sollen. Dem Bundesrathe liegen verschiedene Special-Etats vor, und zwar zugleich für die Jahre 1883/84 und 1884/85, astens gleichlautend zum Thell aber auch von einander abweichend Es ist mcht anzunehmen daß der Bundesrath die Berathung des Etats für '1884/85 ?blehrtt und somit muß man es als feststehend betrachten, daß auch der Reichstag stch mit den Vorlagen beschäftigen wird.
Das große Ereigniß für unsere innere Politik sind die nun- niehr vollzogenen Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause Obwohl nun zwar die Ent,chcrduug gefallen ist, so sind wir doch noch nicht in der L°äe nfsermatzlg ein genaues Bild über die Wahlresultate zu gebe,? da noch eimqe Tage nothwendig sind um die Wahlstatistik zu vervollständigen. Nach den b s- her vorliegenden Nachrichten scheinen übrigens die Parteiverschiebunaen m preußischen Abgeordnetenhause nicht so bedeutend zu sein denn d ? meisten NM th-ilungen beiagen, daß die Parteien ihren bisherigen Besitzstand bebauvteten Verstärkt hat sich die Fortschrittspartei, aber meisteutheils auf Kosten be§ gemäßigten Liberalismus, wodurch dem liberalen Gedanken vraktiick wobl ein schlechter Dünst erwiesen ist. Für die Conservativen kann sich das Wahlresultat indessen auch noch wefentlich günstiger gestalten, da aus den ländlichen Wahlbezirken, wo d,e Conservativen ihre meisten Anhänger haben noch viele Nacb- eichten fehlen. Die Klerikalen haben in der Hauptsache ihrm Besitzstand gewahrt, nur in Krefeld wird an Stelle eines klerikalen Abgeordneten M liberaler gewählt werden. Da m einigen Wahlbezirken beträchtliche Minoritäten einet dritten Partei gewählt worden find, so läßt sich aus den Urwablm überhaupt noch fein sicheres Wahlresultat entnehmen und wird man die Eraebnisse
am9In 8 statlsindenden Abgeordnetenwahlen abwarten müssen desausschuß vor dem 3anuar \ 883 ™ idjt tinbetufen” roerben mit^der^dritten'°Beratbuna de°s bT” 3ufa"mtentritt »es Landesausschusses sich
können.
R antra3 °blehnen wird, scheint außer Zweifel zu Sf; .. Klassischen Regierungskreisen wünscht man erst die nochmalige Va Reichstago und Bundesraths abzuwarten, bevor man im Lau-
desausschuß den obligatorischen Gebrauch der deutschen Sprache einführt.
Unserm großen Strategen grünt ein neuer Lorbeer, allerdings l nicht vor dem Femde, sondern im pflichttreuen Friedensdienste. G.F.M. Graf
Moltke wird am 29. October sein 25jähriges Jubiläum als Chef des General- stabs begehen.
Der österreichischen Negierung ist wiederum eine recht fatale Ueberraschung passirt. Man hat die Affaire zwar möglichst verheimlicht, indem man dieselbe wahrscheinlich im Keime zu ersticken gedenkt, aber nach Mitthei- lungen aus den Grenzländern bilden sich in der Herzegowina neue Jnsurgenten- Banden. Längs der montenegrinischen Grenze von Bilek bis Blagaj und von Fosca bis hinauf nach Serajewo tauchten kleine Banden auf. Dieselben haben sich in jüngster Zeit formirt, nachdem die österreichischen Truppen aus dem Gebirge in die Garnisonsorte zurückgezogen waren und bestehen die Insurgenten zumeist aus desertirten bosnischen und herzegowinischen Rekruten oder Rekrutt- rungsflüchtigen. Die Banden lassen die Ortschaften unbehelligt und greifen nur die Gensd'armerie-Posten und schwachen Militär-Patrouillen an. So verlautet, daß am 11. ds. die Bande eines gewissen Kljakics auf offener Straße eine sechs Mann starke Patrouille bei Bisina angefallen habe, wobei es beiderseits Todte und Verwundete gab. — Aus Triest wird gemeldet, daß das Urtheil über den Bomben-Attentäter Oberdank gefällt ist, das Kriegsgericht hat ihn zum Tode verurthellt. Die gerichtlichen Akten wurden nach Wien geschickt, von wo die Entscheidung über die Art der Todesstrafe, ob durch Strang oder durch Füsilirung erfolgen wird. Oberdank zeigt sich trotzig, als ob er mit festem Willen dem Tode entgegengehen würde. Er will von Gnade, von Bittgesuchen an den Monarchen nichts wissen. Seine Mutter hat jedoch dem Kaiser ein Gnadengesuch unterbreiten lassen.
In der französischen Republik treiben thatsächlich communistisch- socialistische Bestrebungen einen unheimlichen Spuk und erregen die öffentliche Meinung in Frankreich. Die darauf bezüglichen Thatsachen sind folgende: Das Departement Saone-et-Loire bildet seit einigen Monaten, wie wir bereits früher meldeten, den Schauplatz ernster Ruhestörungen, welche in engen Zusammenhang mit socialistischen Bestrebungen gebracht werden. Die Gerichtsverhandlungen, die soeben vor den Geschworenen in Chalon-sur-Saöne gegen die Theilnehmer an den im August erfolgten Tumulten eröffnet worden sind, verbreiten helleres Licht über jene Vorgänge. Bereits seit längerer Zeit signa- liiirte man in den Jndustriebezirken von Montceau-les-Mines und Le-Creuzot geheimnißvolle Zusammenkünfte, welche des Nachts im Walde, in Steinbrüchen und anderwärts stattfanden und hat sich nunmehr herausgestellt, daß die Zusammenkünfte der Organisirung einer communistischen Bande unter der Führung eines gewissen Bonnot galten. Diese Bande hat Kapellen und Kirchen der Umgegend geplündert und bei ihren weiteren Gewaltakten die Nufe: „Es lebe die sociale Revolution! Tod den Bürgern!" hören lassen. Diese Communistenbande hatte bereits gegen 1000 Anhänger und besaß eine eigene Zeitung, betitelt : „Die revolutionäre Fahne!" Die französische Regierung verfährt mit der größten Strenge und Umsicht gegen diese Ruhestörer und hat amtlich allenthalben die strengsten Maßregeln gegen anarchische Bestrebungen verkündigen lassen, denn auch in Paris zeigten einige Communistenblätter die Unverschämtheit, die Vorgänge in Montceau-les-Dlines zu loben und die Ausrottung der Bürger zu verlangen.
In Bern tagt auf Einladung des schweizerischen Bundesraths die internationale fachmännische Conferenz, betr. die technische Einheit im Eisenbahnwesen. Vertreten sind Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Frankreich, Italien und die Schweiz. Der Vorsitzende der Conferenz, der schweizerische Bundesrath Welti, führte aus, daß die Vereinbarungen, welche die Conferenz anstrebt, den internationalen Verkehr und die commerziellen Beziehungen unter den verschiedenen Nationen in ganz erheblicher Weise fördern, aber auch die Sicherheit des Lebens der Dttllionen von Eisenbahnreisenden durch die vervollkommnete technische Einheit der Eisenbahnen noch erhöhen soll.
Die englische Regierung hat es durch irgendwelche Mittel, sei es durch Drohung, sei es durch eine zur Schau getragene GleichgMgkeit dahin gebracht, daß die Türkei bezüglich der Regelung der egyptischen Frage sich äußerst nachgiebig zeigt und allen Vorschlägen Englands zustimmen will, wenn


