Ausgabe 
25.5.1882 Erstes Blatt
 
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Daß in der letzten Session des preufi. Abgeordnetenhauses eine ganz gehörige Menge Reden gehalten sind, ist bekannt aus den Sitzungen, und erst recht in­teressant wird es sein zu erfahren, wie ost die einzelnen hervorragenderen Par­lamentarier in den 69 Sitzungen ihre Stimme erhoben haben. Non den Ministern gebührt dem Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten d. Goßler die Krone, er sprach 55mal,, während der Finanz­minister S3mal, der^Licepräsident des Staatsministeriums, Minister des Innern d. Puttkamer 39mal, der Minister der öffentlichen Arbeiten Maybach 37mal, der Minister der Landwirthschaft, Domänen und Forsten Dr. Lucius 30mal, der Justizminister Dr. Friedberg 12mal und der Kriegsminister p. Kemeke 3mal das Wort ergriff. Von den Abgeordneten hat Dr. Windthorst die meisten Reden gehalten, nämlich 105, ihm folgt zunächst der Abg. Eugen Richter mit 89, Dr. Hammacher (Essen) mit 69, Frhr. v. Minnigerode mit 60, Rickert und Büchtemamr mit je 56, Dirichlet mit 46, Dr. Virchow mit 40, v. Rauch­haupt mit 36, Dr. Reichensperger (Köln) mit 32, Dr. Franz mit 30, Gum- brecht mit 29, Berger, v. Eynern, Frhr. v. Hüne, Dr. Frhr. v. Schorlemer-Alst mit je 28, Frhr. v. Zedlitz-Neukirch mit 25, Kieschke, Dr. Köhler (Göttingen) mit je 24, v. Ludwig, Schmidt (Stettin) mit je 23, Sombart, Dr. Lieber mit je 22, Kantak mit 21, Dr. Röckerath mit 20, v. Benda, Hahn mit je 18, Kalle, v. Wedell-Malchow, v. Wedell-Piesdorf mit je 18, Strosser, v. Mayer (Arns- walde) mit je 17, Bachem, Dr. Wehr mit je 16, Francke mit 15, v. Tiedemann mit 14, v. Quast mit 13, v. Bennigsen, Bork, Graf Schack v. Wittenau, Dr. Seelig, Schröder (Lippstadt) mit je 12, Dr. Weber (Erfurt), Graf zu Limburg - Stirum, Schreiber mit je 11, Götting, Dr. Kropatscheck, Stöcker, Dr. Thilenius mit je 10, Dr. Frhr. p. Heeremann, v. Holtz, Schmidt (Sagau) mit je 9 Reden u. s. w. Mag man besonders über Windthorst denken, wie man will, im Reden hat er jedenfalls seine Schuldigkeit gethan.

Schweiz.

Luzern, 22. Mai. An dem heutigen Banket nahmen ca. SOU Personen Theil. Zur Rechten des Bundespräsidenten sah der Minister v. Bötticher, zur Linken desselben der 86 Jahre alte Präsident des italienischen Senats, Tecchio. Ihnen gegenüber hatten die Delegieren der einzelnen deutschen Staaien, die Minister, Diplomaten und Bundes- räthe Platz genommen. Präsident Sanier eröffnete die Reihe der Toaste mit einer Rede, in welcher derselbe aller Derer gedenkt, welche das große Werk geschaffen, der Arbeiter, welche dabei ihr Leben verloren, der Erbauer, der Staaten, welche thie Unter­stützung liehen und sich jetzt durch friedliche Arbeit, durch die Vermittelung der Gott- hardbabn, näher getreten seien. Der Präsident begrüßt sodann Alle, welche zum Feste gekommen, die Deutschen, Italiener und Schweizer, und sagte:Wir feier» ein Friedensfest, einen Triumph der Arbeit und Wissenschaft, ein Verbrüderungsfest. Ich trinke aus das Wohl des deutschen Kaisers und des Königs von Italien und ans den Frieden zwischen Germanen und Romanen." Der Director des Goithardunternehmens, Zmgg, gedenkt der Männer, welche an dem Unternehmen mitgewirkt haben, insbesondere der Bundesräthe Welt, und Escher, der Ingenieure und der Lausenven von Arbeitern, und sagt, der allgemeine Drang geht nach dem Süden, wir wollen die Herzen der Italiener erobern, aber keine Länder. Derselbe trinkt auf die Zukunft eines großen Friedensverbandes. Der deutsche Gesandte, General v. Röder, brachte ein Hoch auf die Schweiz und ihre Thatkrast aus. Der italienische Minister Baccanini wies in seinem Trinkspruche darauf hin, wie Deutschland, die Schweiz und Italien sich nun­mehr näher gebracht seien. Der Präsident des deutschen Reichstags, v. Levetzow, erhob sich sodann und sagte: Der Deutsche Kaiser erklärte am 18. Februar 1871:Meine Nachkommen werden Mehrer des Reichs fein für Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung. Der Kaiser und das deutsche Reich erfreuen sich an der Vollendung des Riesenwerkes, v. Levetzow bringt schließlich ein Hoch auf die Arbeiter und die Gotthardbahn aus. Nach dem Bankett wurde ein Feuerwerk am See abgebrannt und die Spitzen der um­liegenden Berge erleuchtet. Morgen um 7 Uhr erfolgt die Abfahrt »ach Mailand.

Wußland.

Moskau, 22. Mai. DieMosk. Ztg." conftatirt die verderblichen Folgen der Ausiveisung der jüdischen Bevölkerung aus Moskau in öconomischer Hinsicht und theilt mit, 70 hervorragende Moskauer Firmen hätten dem Finanz­minister ein hierauf bezügliches Schriftstück vorgelegt.

Aegypten.

Kairo, 22. Mai. Die Vertreter Englands und Frankreichs, Malet und Sienkiewicz, haben bis jetzt keinerlei Forderungen in officieller Weise gestellt. Inzwischen hält der französische Konsul in Kairo, Monge, Besprechungen nicht officieller Natur mit den Generalen, einschließlich Arabi Bey's, um dieselben zu bestimmen, Egypten freiwillig zu verlassen, wobei er denselben versprochen haben soll, daß sie in diesem Falle ihren Rang und ihren Sold behalten würden. In Folge dieser Unterredungen hatte Arabi Bey heute eine dreistündige Conferenz mit dem französischen Vertreter Sienkiewicz.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correspondenz-Bureau.

Berlin, 23. Mai. S. M. Kbt.Albatroß" hat im Großen Belt an der Nordwestspitze Seelands, auf der Reise von Kiel nach Plymouth, den Grund berührt. Von Kiel ist ein Dampfer abgesandt, um ihn flott zu machen.

Stuttgart, 23. Mai. Der Schriftsteller Edmund Hoefer ist in Kann- statt gestorben.

Baden-Baden, 23. Mai. Der Grohherzog und die Großherzogin haben heute Mittag unsere Stadt nach siebenmonatlichem Aufenthalt verlassen und sich nach Badenweiler begeben. Der Großherzog hat in einem huldvollen Schreiben an den Oberbürgermeister der Bevölkerung seinen Dank für ihre Theilnahme und zugleich die Hoffnung auf ein frohes Wiedersehen ausgesprochen.

Lugano, 23. Mai. Um 2 Uhr trafen die Festtheilnehrner in 4 Zügen hier ein. Die Fahrt hierher verlief äußerst glänzend, auf allen Stationen fand festlicher Empfang statt. Bei Dem Banket in der offenen Halle am See hielten der Nationalrath Battaglini und der frühere italienische Minister Crispi Reden, in welchen sie die Verbrüderung durch die Gotthardtbahn feierten. Minister v. Bötticher brachte in einer enthusiastisch aufgenommenen Rede der Schweiz sein Hoch als Abschied beim Eintritt in Italien.

Göschenen, 23. Mai. Die Theilnehmer an der Eröffnungsfeier der Gotthardtbahn trafen heute hier ein und wurden auf das Festlichste empfangen. Morgen wird der Prinz Amadeus in Mailand erwartet und findet sodann im Schlosse zu Ehren der Gäste ein Dejeuner statt.

Pari-, 23. Mai. Der Ministerrath beschäftigte sich heute Vormittag mit der Demission L«wn Say's. Es herrscht der einmüthige Wunsch und die Hoffnung, dm Zwischenfall zu begleichen. Leon Say wohnte dem Ministerrath bei und hatte vorher mit dem Präsidenten der Republik conferirl. Der Mini- sterrath hat eine Commission von 36 Mitgliedern ernannt, welche den Plan eines Kanals vom atlantischen Ocean nach dem Mitlelineer prüfen soll.

Kammer. Der Zwischenfall betreffs der Demission Say's wurde von der Commission, welche das gestrige Votum veranlaßt hatte, zur Sprache ge­bracht. Die Erklärungen der Redner khaten dar, daß das gestrige Votum kei­neswegs eine feindliche Haltung gegen Say bedeute und das Gleichgewicht des Budgets Say's nicht dienten könne. Die einfache, von der Regierung be­kämpfte Tagesordnung wurde mit 364 gegen 91 Stimmen abgelehnt, die von Say acceptirte Tagesordnung, welche Vertrauen zu Say ausdrückt, mit 302 gegen 36 Stimmen angenommen. Der Zwischenfall ist damit erleoigt.

Moskau, 23. Mai. Die Eröffnung der Ausstellung ist auf den 1. Juni verlegt.

Kairo, 23. Mai. Die gestrige Unterredung zwischen Arabi Bey und Sienkiewicz verlief ohne Resultat. Arabi erklärte, das Land sei mit ihm und begünstige energischen Widerstand, während Sienkiewicz erwiderte, daß Arabi davon schlecht unterrichtet, und daß die Notabelnkaimüer fast einstimmig gegen ihn sei.

Lokale».

Gießen, 24. Mai. (Sterblichkeit in Gießen) In der Wache vom 14. bis 20. Mat war die Sterblichkeit tn unserer Stadt eine fehr geringe, da nur 2 Personen gestorben sind, davon eine an Lungenschwindsucht. Der andere Fall war ein Selbst­mord (Erhängen). G.

In einem Hause am Kreuzplatz gemahnen die Bewobner in vergangener Nacht, daß das ganze Haus mit dickem Rauch ungefüllt war. Die Nachforschungen nach her Ursache des Rauches ergaben, daß im Geschäftsladen auf eine bis jetzt un­aufgeklärte Weise 1 Pack Düten in Brand gerathen und verkohlt war. Da sofort Ab­hilfe geschaffen und gelöscht worden, wurde einem Brandausbrüche vorgebeugt. Indem Laden befand sich eine Menge leicht Feuer fangender Gegenstände.

Heute Nacht brannte in Ltch ein mitten in der Stadt gelegenes alten Gebäude, weiches früher zum Brennen von Töpferwaaren betrugt worden, ab. Weiteren Schaden richtete das Feuer nicht an.

Berwischt«».

Mainz, 19 Mai. Am Mittwoch Mittag hat sich eine stadtbekannte Persön­lichkeit ein absonderliches Vergnügen bereitet. Der betreffende Herr ein Mitglied der Gesellschaft17" miethete sich einen Möbelwagen welcher mit 4 Pferden be­spannt wurde; auf jedem Pferde nahm ein Fuhrmann mit einem neuen weißen Stroh Hut auf dem Kopfe Platz. SiebzehnFreunde", darunter auch die unter dem Namen der Rath" bekannte Persönlichkeit, bestiegen den Wagen, welcher auch 8 Musikanten ausnahm, und nun wurde, bei strömendem Regen, eineLandparthie" unternommen, welche die ganze Nacht andauerte, denn erst am anderen Morgen 4 Uhr, nachdem der Wagen eine Reihe von Ortschaften besucht hatte, wurde die Gesellschaft hier wieder ausgeladen". In dem durch Lampen erhellten Wagen selbst hatte es sich die Gesell­schaft nach Bequemlichkeit und so wohnlich wie möglich eingerichtet; eine Menge- waaren, Fleisch, Wurst, Schinken ic. war vorhanden, auch Wein und Bier im lieber: fing, so daß Niemand Mangel litt; wenigstens ließen dies die schwankenden Gestalten beimAusladen" nicht vermuthen. Zu bemerken ist noch, daß die Gesellschaft aus 17 Personen bestand, die Partie fand am 17. Mai statt und die Bedienung besorgte ein Dienstmann Nr. 17. Gewiß ein absonderliches Vergnügen!

Ein theures Andenken an den Brand der hygienischen Ausstellung in Berlin ist der Firma August Honig in Cöln zugesandt worden. Herr August Honig hatte die Ausstellung mit einer vier Waggonladungen umfassenden Sanrmlnng seiner Fabrikate, Feuerspritzen u. s. w., beschickt. Von alledem ist, wie es In einem ihm zugegangenen Briefe heißt,nichts" mehr vorhanden; nur noch verbrannte und verbogene Röhren liegen umher. Das Andenken, welches der Firma an die bektagenswerthe Catastrophe übersandt wurde, besteht in einem Briefbeschwerer. Auf einer Platte von teigem Marmor ist ein halbgeschmolzenes und dadurch eigenartig gestaltetesMundstück" von einer Zubrinzeifpritze befestigt, welches aus den Trümmern der betagten Sammlung aufgelesen und in dieser Weise verwandt wurde. Die ausgestellten Spritzen hatten einen Werth von 20,000 X; zum Glück für das Geschäft waren sie versichert.

(Die Fraktiiifchrift) Nächst den Ostslaven erfreuen sich die Deutschen der Ehr-, eme besondere Schriit zu haben; ihre Kmder machen in der Schule eine intensivere Bekanntschaft m t Schriftformen, als die k einen Franzosen, Italiener :c da sie neben den laternifchen Alphabeten noch baS große und kleine ABC der Fraktur und der deutsche» Currentschrist lernen und sich somit schon in den ersten Elementarklassen durch Gelehrsamkeit und Vielseitigkeit auszeichnen. Wie Professor Faulmann in feiner jetzt erschein »denJllustrirten Geschichte der Buchdr uckerkunst" nachweist, bestand tm 15. Jahr­hundert noch kein Schristunterschied unter den westlichen Völkern Europas. Die qothtscke Mönchschrist wurde von den Deutschen, Franzosen, Engländern und Holländern »och lange angewendet, ja bei de» letz-eren alsOld-Englisli undDuits für die National­schrift gehalten; ebenso wurde die deutsche Buchschrist von ben Franzosen noch lange alsLettres de Somme gebraucht. Die Sonderung erfolgte erst int 16. Jahrhundert, wo einestheils die französischen Gelehrten und Buchdrucker die römische Schrift bevor­zugten und diefelbe auch in französifchen Werken anwendeten, während die Nürnberger Schönfchreiber eine verschnörkelte Eanzleischrift ausbildeten, welche zuerst in dem untit den Anspielen des Kaisers Maximilian, zu Nürnberg 1517 gedrucktenTheuerdank" an die Orffentlichkeit gelangte. Da die Schrift gefiel, schnitt der Schriftschneider Hiere- nyntus zu Nürnberg einfachere Lettern dieser Art, welche der jetzigen Frakturschriit entsprechen und welche von Albrecht Dürer sofort in seiner Druckerei eingeführt wurde. Da die ost- und nordeuropäischen Druckereien ihren Bedarf an Lettern von deutschen Schriftgießern bezogen, so wurde die Fraktur auch von ben Czechen, Polen, Cittliauerii, Dänen und Schweden angewendet, selbst in Holland florirte sie einige Zeit als .Hock- deutsch". Nachdem aber die französischen, holländischen und englischen Stempelfchneidir die römische Schrift verbessert und ihr eine elegante Form gegeben hatten, verlor dl« Frakturschrist immer mehr Terrain, bis sie gegenwärtig auf den Gebrauch in Deutsch­land beschränkt wurde. Obgleich auch die deutschen Stempelschneider sich abgemüht haben, für die Frakturschrift elegantere Formen zu schaffen, so kann sie doch rhrer eckigen Formen wegen mit der schönen runden Antiqua nicht wetteifern und selbst In Deutschland greift der Gebrauch der lateinischen Schrift immer mehr um sich; von den gelehrten Werken find 60 Proeent mit Antiqua und 40 Procent mit Fraktur gedruckt.

Gewerbliche und technische Notizen.

Ein nicht giftiges Dersilberungswasfer erhält man durch Auflösen von 1 The» falpetcrfaurem Silberoxyd in 18 bis 20 The,len befttHrrtem Wasser und Zusatz von zuerst >/z Theilen Salmtal, bann 2 Theilen unterschwefligsaurem Natron und endlich 2 Theilen Schlämmkreide. Die zu versilbernden Gegenstände werden mittelst ein» Bürste oder bergt, damit eingerieben. Die Versilberung ist sehr schön.

- Zur Befestigung von Messing auf Glas, z. B. von messingenen Brennern auf den Glasgefäßen der Petroleumlampen empfiehlt Pnscher in Artus' Vierteljahrs- schrist 1 Theil Kolophonium in einer Lösung von 1 Thetl Natron in 5 Theilen Wasser durch Kochen zu lösen und dann der Masse die Hälfte Gyps zuzusetzen. Wasser greift den Kitt nur oberflächlich an.

(Düngung der Obstbäume, Vortheile des Obenausdüngens ] Nichts ist für alte wie junge Bäume zuträglicher, als wenn man die Scheiben, nachdem sie gehörig aufgelockert worden sind, im Frühjahr oder besser im Herbst mit frischem Stalldung belegt Bei neugefegten Bäumen sollte dies niemals unterlassen werden, wenn man des sicheren Anwachsens und Gedeihens gewiß sein will. Dasselbe gilt auch sowoü für srischgepflanzte als auch für ältere Rosen. Das Belegen der Oberfläche des Bodens mit Dung wirkt auch für viele andere Pflanzen, namentlich für Gemüse, höchst wohl- thätig. Es ist zugleich das einfachste und beste Mittel, bei trockener Witterung das viele Gießen zu ersparen.