Einzelbild herunterladen

Freitag den 24 November

Kr. 273.

1982.

iehener Anzeiger

Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße 7.

Erscheint-ttch mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gießen, 23. November.

Die kurze Pause, welche in den Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses bis Mittwoch eingetreten war und welche lediglich bezweckte, den Mitgliedern desselben Zeit zur Orientirung über den Etat zu lassen, gab den Blättern Gelegenheit zu den verschiedensten Betrachtungen über die Anwesen­heit Herrn v. Giers' auf deutschem Boden. Die Petersburger Officiösen behaupten zwar, daß der gegenwärtige Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands seine italienische Reise lediglich in Familien-Angelegenheiten angetreten habe, aber dem Abstecher nach Varzin lagen doch keinenfallsFamilien-Ange­legenheiten" zu Grunde. Was Herr v. Giers am Sonntag mit dem leitenden deutschen Staatsmann in Varzin besprochen haben mag, entzieht sich natürlich der allgemeinen Kenntniß, aber auch ohne dieses wird man die Entrevue des russischen Ministers des Auswärtigen mit unserm Reichskanzler als ein entschie­denes Friedens-Symptom aufzufassen haben, so wenig dies auch den Chauvinisten an der Seine in ihre Berechnungen passen mag. Am Montag weilte Herr v. Giers in Berlin, wo er vom Kaiser und vom deutschen Kronprinzen empfan­gen wurde. Da sich Herr v. Giers entweder auf seiner Reise nach Pisa oder während seiner Rückkehr auch in Wien aufzuhalten gedenkt, so sieht man bei dieser Gelegenheit einer Unterredung zwischen ihm und dem Grafen Kalnoky, dem österreichischen Minister des Auswärtigen, entgegen.

Im Bundesrathe ist man jetzt dabei, den Reichshaushalts-Etat festzu­stellen, damit derselbe dem Reichstage kurz nach der Wiederaufnahme seiner Sitzungen wird zugehen können. Ueber die Frage, ob eine gleichzeitige Ein­bringung auch des Etats für 1884/85 erfolgen soll, scheint man sich im Bun­desrathe erst nach Feststellung des Etats schlüssig machen zu wollen.

Der preußische Etat für 1883/84 führt zum ersten Male die Position: Diäten und Reisekosten für die Mitglieder des Volkswirthschaftsrathes, auf und zwar mit 16,000 JL Bei der Veranschlagung des Bedarfs ist eine 26tägige Sessionsdauer des Volkswirthschaftsrathes zu Grunde gelegt worden.

Die Neuwahlen zum württembergischen Landtage sind auf den 20. December ausgeschrieben worden.

In Pesth erfolgte am Sonntag der feierliche Schluß der ungari­schen Delegation, nachdem zuvor die sanctionirten Beschlüsse beider Delegationen promulgirt worden waren. Aus der Schlußrede des Präsidenten Ludw. Tisza, welche einen Ueberblick der Resultate der abgelaufenen Delegation gab, ist beson­ders der Passus hervorzuheben, welcher die Steigerung der Kampffähigkeit der Armee durch die neue Organisation im Hinblicke auf die Eventualität hervor­hebt, daß das Einvernehmen Oesterreich-Ungarns mit den übrigen Staaten durch außerhalb der Monarchie liegende Gründe gestört würde. An die Delegations- Sitzungen wird sich demnächst die neue Session des österreichischen Reichsrathes schließen, für welche als Eröffnungs-Termin der 2. December genannt wird.

Die Schwierigkeiten, denen das französische Cabinet Duclerc in den ersten Tagen seines parlamentarischen Debüts begegnete, haben augenschein­lich einer günstigeren Stimmung der Kammer für das Ministerium Platz ge­macht. Am Sonnabend nahm die Kammer mit großer Majorität den vom Minister des Innern, Falliöres, in der Subventions-Angelegenheit des Erzbischofs von Algier verlangten Uebergang zur Tagesordnung an. Auch über legitimi- stische Versuche, durch unbequeme Interpellationen und provocirende Bemerkun­gen bei der Discussion des Etats des Ministeriums der auswärtigen Angelegen­heiten Herrn Duclerc Verlegenheiten zu bereiten, half die Kammer der Regierung hinweg. Ferner hatte der Conseilpräsident am Montag einen wesentlichen Erfolg zu verzeichnen, indem die Kammer das von den Radikalen ringebrachte und von Duclerc energisch bekämpfte Amendement auf Aufhebung der französischen Bot­schaft beim Vatikan mit 339 gegen 171 Stimmen ablehnte. Ob freilich diese günstige Disposition der Deputirtenkammer für das Cabinet Duclerc von langer Dauer sein wird, läßt sich bei der unberechenbaren Haltung derselben nicht mit Gewißheit behaupten.

Die englische Expedition nach Egypten ist durch die am ver­gangenen Sonnabend bei London über die aus Egypten heimgekehrten englischen Truppen abgehaltenen Parade zu ihrem eigentlichen Abschlüsse gebracht worden. Circa 8000 Mann aller Waffengattungen, unter dem persönlichen Oberbefehle Lord Wolseley's, defilirten an der Königin vorüber, während die nach Tausen­den zählende Zuschauermenge die einzelnen Regimenter mit donnernden Hochrufen begrüßte. Die Königin beglückwünschte nach dem Vorbeimarsch Lord Wolseley zu der vortrefflichen Haltung der Truppen.

In Italien hat das Verbrüderungsfest der italienischen, der deutschen und der schweizerischen Nation, als welches sich die Eröffnung der Gotthardtbahn darstellte, kürzlich ein würdiges Nachspiel erlebt. Durch die am vergangenen Sonnabend erfolgte feierliche Eröffnung der Eisenbahnstrecke Novara- Pino ist Genua, Italiens größter Hafen- und Handelsplatz, unter Umgehung von Mailand, mit der Gotthardtbahn in directe Verbindung gebracht worden. Anläßlich dieses bedeutungsvollen Ereignisses sanden in Novara und andern Hauptstationen der neuen Bahn verschiedene Festlichkeiten statt, welche ihren Abschluß durch das von der Stadt Genua den zahlreichen deutschen und schwei­zerischen Festgästen zu Ehren am Abend des 20. November veranstaltete Banket von 600 Gedecken erhielten. Auf demselben brachten der Chef der Municipa- lität von Genua und die anwesenden Vertreter der Schweiz und Deutschlands gegenseitig Toaste aus, welche von der Festversammlung mit großem Beifall ausgenommen wurden. Der Prinz Amadeus, Bruder des Königs Humbert,

wurde bei seinem Eintritt in den Banketsaal, sowie beim Verlassen des Festes mit lebhaften Zurufen begrüßt.

Der Bundesrath der Schweiz hat in Sachen der Genfer Nihi­listen bei der Genfer Regierung weitere Schritte gethan. Der Bundesrath ver­langt jetzt Näheres über die Untersuchung, welche der Genfer Staatsrath wegen der Anarchisten-Comitös geführt hat. Man scheint demnach an leitender Stelle in Bern doch entschlossen zu sein, der ganzen Angelegenheit auf den Grund zu gehen.

Von der Westküste Süd-Amerikas sind endlich friedlichere Nach­richten eingelausen. Die Bolivianischen Kammern haben den Antrag auf Ab­schluß des Waffenstillstandes, welcher von Chile angeboten worden ist, angenom­men und der Präsident Cameron ist wieder nach La Paz, der Hauptstadt Bolivias, zurückgekehrt, um die Regierung weiter zu führen. Nur zwischen Chile und Peru herrschen noch die alten Verhältnisse, da Chile auf seinen harten Friedensbedingungen besteht, auf welche wiederum Peru nicht eingehen will. Vielleicht gelingt es aber noch, auch zwischen diesen beiden Staaten ein friedliches Uebereinkommen herbeizuführen.

Deutschland.

Darmstadt, 22. Novbr. Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 17. November l. Js. wurden der Gerichts- schreiber-Aspirant Karl Mann in Mainz zum Hülfsgerichtsschreiber bei den Untersuchungsrichtern am Großh. Landgericht der Provinz Oberhessen und der Gerichts-Accessist Eduard Jäger, dermalen zu Groß-Umstadt als provisorischer Amtsanwalt verwendet, zum Hülfsgerichtsschreiber bei Großh. Landgericht der Provinz Rheinhessen bestellt.

Der Königl. Großbritannische Consul, Herr Charles Oppenheimer in Frankfurt a. M., ist zum Generalconsul ernannt worden.

Darmstadt, 21. November. Der Abgeordnete Arnold hat unterm 7. b. M. bet dem Bureau der zweiten Kammer folgende als eilend bezeichnete Interpellation wegen Auslegung der Artikel 12, 13 und 21 des Gesetzes vom 27. April 1881, den Bau und die Unterhaltung der Kun st st raßen im Grotzherzogthum be­treffend, übergeben:

Ist es bie Ansicht der Großherzoglichen Regierung, daß die Gemeinden, welchen zum Neubau der in Artikel 21 des citirten Gesetzes erwähnten Kreisstraßen die daselbst bezeichneten Staatsmittel bewilligt wurden, die Baukosten, soweit sie nach Aufwendung jener Mittel ungedeckt sind, allem zu tragen haben, oder geht nicht vielmehr bie Ansicht der Großh. Regierung dahm, daß die ungedeckten Kosten nach Maßgabe des Art. 13 des Gesetzes von den betreffenden Gemeinden, dem fraglichen Kreise und der etnschlagenden Provinz zu bestreiten sind?"

Hierauf ist von Seiten des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz m einem an den Präsidenten der zweiten Kammer gelangten Schreiben folgende Antwort erfolgt:

Die Großherzogliche Regierung betrachtet die in dem erwähnten Artikel 21 ein- getretencn Bewilligungen zum Neubau von Kunststraßen als die Erfüllung der im Art. 12 des Gesetzes auferlegten, durch die Provinz zu vollziehenden Psticht, ein Vier- theil der Neubaukosten der betreffenden Kreisstraßen vorweg zu bestreiten; soweit also die Kosten bt§ Neubaus hierdurch nicht gedeckt sind, haben die betreffenden Gemeinden den unter Art. 13, Pos. 1 näher bezeichneten Theil derselben zu bestreiten und der Rest ist in gleichen Therlen von Kreis und Provinz zu trogen. In diesem Sinne ist der Großherzogl che Provinzialdirektor zu Gießen auf eine von ihm bezüglich des Neu­baues von Kreisstraßen tm südlichen Thetle des Vogelsbergs gerichtete Anfrage bereits unter dem 14 März ds. Js. durch das Großherzogltche Ministerium des Innern und der Justiz bedeutet und ist ihm dabet bemerkt worden, daß die in Rede stehenden Straßen schon durch das Gesetz zu Kreisstraßen erklärt worden seien, der Provinzial­tag daher nicht wohl in der Lage sei, den von der Provinz nach dem Gesetz dazu zu leistenden Betrag zu versagen. Von dieser Entschließung ist seiner Zeit auch dem Großh. Kreisbauamte Büdingen Nachricht gegeben worden. Eine weitere bezüglich der Straße von Schlitz nach Salzschlirf von der Großh. Provinzialdirektion Oberhessen an das Ministerium des Innern und der Justiz gerichtete Anfrage ist von diesem unter dem 30. September d. I. in gleichem Sinne erledigt worden. Die vorliegende An­regung hat indessen Anlaß gegeben, auch die Großh. Provtnzialdirektion Starkenburg und die Kreisämter Heppenheim und Groß-Gerau, die in Hinsicht auf die tm Art. 21, Pos. 1 und 2 des Gesetzes aufgeführten Straßen an der Auslegung der bezüglichen Bestimmungen interessirt sind, gleichmäßig zu bedeuten " (D. Z.)

Berlin, 21. November. DieGermania" ist schon jetzt unablässig bemüht, die beabsichtigte 400jährige Gedächtnißfeier des Geburtstags Luther's als eine Störung des konfessionellen Friedens und als eine unerhörte Beleidigung der kaiholischen Kirche darzustellen. Namentlich bringt sie der Gedanke in Harnisch, der Lutherfeter des nächsten Jahres einennationalen" Charakter zu geben. DieGermania" mag sich beruhigen. Niemand wird ihr und dem von ihr vertretenen Ultramontanismus zumuthen, der Reformation und ihrem hervorragenden Werkzeuge Luther eine nationale Bedeutung betzulegen oder von dem in Rede stehenden Gedenktage der evangelischen Kirche irgend welche Notiz zu nehmen. Ein Ansinnen, wie es s. Z. bei der Säcularfeier des Todes von Bonifacius im Jahre 1855 an die protestantische Bevölkerung Deutschlands ge­stellt wu.de, das Andenken des Mannes zu feiern, der der deutschen Christenheit seiner Zeit das römische Joch ausgehalst hat, wird an keinen Katholiken herantreten. Aber ebenso wenig wird es derGermania" gelingen, dem evangelischen Theile des deutschen Volkes den Dank aus dem Herzen zu reißen, den daffelbe nicht blos in religiöser, son­dern auch in nationaler Beziehung und gerade in letzterer Hinsicht in hervorragen­der Weise der Reformation und den Reformatoren schuldet. Auch solche vereinzelte Stimmen, wie die derGörl. Nachrichten" und ihres Redacteurs Dr. Hamel, welche dieGermania" mühsam zusammensucht, um darzuthun, daß man kein Recht habe, Luther zu einem Nationalheldcn zu machen, weil ihmder politische Sinn" gefehlt habe, werden diesem Danke keinen Abbruch zu thun vermögen. Es ist noch niemals einem protestantischen Blatte eingefallen, der römischen Kirche die Gedächtnißfeier eines Ignatius Loyola wehren zu wollen oder wie tm vorigen Jahre erst die eines Canisius, der den Jesuitenorden in Deutschland zuerst eingeführt hat, trotz des unsäg­lichen Elends, das der Jesuitenorden über Deutschland gebracht hat. Also möge die Germania" auch uns mit ihren Protesten gegen eine Lutherfeier verschonen. Wenn sich dieselben zu einer antirömischen Demonstration gestalten sollte, so würde es wesent­lich die Schuld der Blätter sein, die wie dieGermania" es sich jetzt schon, noch ein volles Jahr vor der Feier, zur Aufgabe machen, das Andenken Luthers mit allem nur