Nr. 300. Erstes Blatt. Samstag den 23. December
1882
iehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
'Bureau: Schuistraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vie^eNährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Amtlicher HheiL.
Betreffend: Viehzählung im Deutschen Reich.
Gießen, am 21. December 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
atl die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
nnf ^roßherzoglichcn Centralstelle für die Landes-Statistik mit'getheilt wurde, ist laut Bundcsrathbeschluß in Zeile 2 der Anleitung
auf Der «Eilte das Wort „ständig- zu streichen. Der Strich dieses Wortes ist in den Ihnen zugeschickten Bestimnmngen und Instructionen vorzunehmen. ftAtiftiirf,« s “r ^anlassung entstandener Zweifel in Betreff der Zählung des aus dein Transport befindlichen Viehs von Viehhändlern das Kaiserlich [“‘1»Ä 1 JS°r,r,n(rt'i ^a|3.“l(es bei Händlern „stehende" Vieh aufzuführen sei, sofern es nicht erst am 10. Januar 1883 gekauft -ist, den Aus- b' ! r L daß nicht nur das im Stalle stehende bezw. am 10. Januar 1883 in den Stall gestellte, sondern auch das an diesem Tage aus dun Ensport befindliche Vieh von dem Händler aufzuführen, mithin an dessen Wohnort zu zählen sei, sofern es nicht erst am 10. Januar gekauft ist.
Die Mitglieder der Zahlungs-Commifsionen und die Zähler sind hiervon in Kenntniß zu setzen.
—-.ml______________ l>?. Boekmann.
Deutschland.
Berlin. Man schreibt der „N.-L.-C." aus Hermannstadt: Die Art und Weise der ungarischen Schulpolitik hat soeben eine interessante Beleuchtung erfahren durch den Bericht, den der ungarische Eultus- und Unterrichtsminifter über den Stand der Volksschulen im Jahre 1881 veröffentlicht hat. Darnach haben die Volksschulen Ungarns in jenem Jahr um 98 zugeyommcn, die deutschen Volksschulen aber um 106 abgenommen; die retnmagyartschen Schulen haben sich um 62 vermehrt, diejenigen, in denen das Magyarische zweite Unterrichtssprache war, haben um 517 zugenommen. Es braucht in der That nichts mehr als diese ministeriellen Zahlen, um einen Beweis für die Malsyarisirung der Schulen in Ungarn zu haben, wie ihn noch nie schlagender ein Gegncr der ungarischen Regierung hat liefern können. Der ministerielle Bericht belegt übrigens die magyarffirende Richtung der ungarischen Schulpolitik mit noch einigen weiteren interessanten Daten. Zunächst wird behauptet, die neuerrrchtetnr magyarischen Schulen befanden sich in reinmagyarischen Orten — eine bewußte Unwahrheit, da notorisch solche Schulen mit Vorliebe gerade in nichtmagyarischm Orten errichtet werden und worden sind, um dmt zu magyarisiren, wie z. B. in Ofen-Pest nur magyarische Schulen exiftiren und der Lrtaat nur — gegen das Gesetz — magyarische Schulen errichtet. Darum ist es auch nicht wahr, wenn der Bericht behauptet, der Staat habe bei der Umwandlung deutscher oder anderer Schulen in magyarische keinen Zwang ausgcübi. Der Bericht selbst liefert den gegentheiligen Beweis: es wird darin dargelegt, daß der 18. Gesetzartikel von 1879 von jeder Volksschule den obligatorischen Unterricht in der magyarischen Sprache verlangt; das werde aber, legt der Bericht dar, so ousgcsührt, daß in allen nichtmagyarischen Volksschulen das Magyarische als zweite Unterrichtssprache eingeführt sei. Es kann kein treuloseres Vorgehen geben als dieses; hat doch derselbe Trefort, der diesen Bericht gibt, bei Verhandlung des fraglichen Gesetzes im Jahre 1879 vor der Legislative erklärt: „Es ist uns nie in den Sinn gekommen und fällt uns auch jetzt Nicht ein, den nichtmagyarischen Schulen das Magyarische als Unterrichtssprache aufnöthigen zu wollen" — und nun veranlaßt Trefort das Ungesetzliche selbst. Da tritt doch der Druck der Staatsregierung offen zu Tage. Wenn man diese ungarische Schulpolitik fortwirthschaften läßt, so daß jedes Jahr über hundert deutsche Volksschulen eingehen — so sind in 6—7 Jahren keine deutsche Schulen mehr in Ungarn! . . . Zeigen sie dock seit 1869 eine Abnahme um 471, weil sie zwangsweise magyarisirt werden.
— Die Nachrichten über russische Rüstungen, welche so lebhaften Eindruck auf das Publikum und namentlich den an der Börse betheiligten Theil desselben jüngst gemacht haben, lenken die Aufmerksamkeit auf die in militärischer Beziehung so überaus wichtigen Verkehrsverhältnisse unserer Ostmark. Bei der häufig für den Ausgang des Krieges entscheidenden Bedeutung, welche der rasche strategische Aufmarsch großer Heeresmassen im Beginn und die Versorgung der modernen Heere mit ihrer numerischen Stärke im weiteren Verlauf des Krieges gewinnt, bildet die Gestaltung und die Leistungsfähigkeit des Bahnnetzes in den zunächst betheiligten Gegenden eines der bedeutsamsten Elemente der Stärke resp. der Schwäche der militärischen Position.
In neuerer Zeit ist unleugbar Manches geschehen, um den Osten Deutschlands mit Bahnen auszustatten. Staat und Privatgesellschaften haben zu diesem Ende concurrirt, um Thorn-Insterburg, die Weichselstädte-Bahn, Tilsit-Memel u. A. auf der einen, die ostpreußische Südbahn, Marienburg-Mlawka, Posen- Kreuzburg, Oels-Gnesen u. s. w. in's Leben zu rufen. Alle diese neueren Bahnen, auch diejenigen, welche nicht als Bahnen minderer Ordnung gedacht sind, entbehren, wie dies ja auch dem Umfange des gewöhnlichen Verkehrs entspricht, bis auf die Hauptlinie der Ostbahn, des zweiten Geleises.
In wie hohem Grade aber gerade die militärische Leistungsfähigkeit einer Bahn mit der Herstellung des zweiten Geleises steigt, haben die Verhandlungen wegen Erwerbs der Rhein-Nahe-Bahn gezeigt, bei dem der Staat erhebliche Geldopfer gebracht hat, um die bei der jetzigen Lage der Gesetzgebung wegen der bezüglichen Concessions-Bedingungen nickt erzwingbare Legung eines zweiten Geleises sicherzustellen. Der Schluß liegt nahe, daß auch im Osten die Ausstattung der wichtigeren Bahnlinien mit zweiten Geleisen Die Verteidigungsfähigkeit der Landesgrenze sehr erheblich verstärken würde und daß Demzufolge auch in maßgebenden Kreisen Erörterungen nach dieser Richtung stattfinden.
Für Staatsbahnen bedarf es zu diesem Ende natürlich nur einer Verständigung mit der Landesvertretung, während für Privatbahnen, soweit nicht die Concession Zwangsmittel oder eine gütliche Verständigung erreicht, bezw der Ankauf beabsichtigt wird, der Weg der Gesetzgebung zu betreten sein würde.
Rußland.
— In Betreff der Gerüchte von bedeutenden Anhäufungen von Eavallerie- massen an den westlichen Grenzen Rußlands geht der „Polck. Corr." aus Krakau die Mittheilung zu, daß Entstehung und Umfang dieser Gerüchte durch Personen, welche die militärischen Vorkehrungen im Königreiche Polen aus eigener Anschauung genau kennen lernten, dahin erklärt, bezw. richtiggestellt werden, daß eine keineswegs erheb
liche Vermehrung der Caoallerieposten allerdings in letzter Zeit an der russischen Grenze stattgefunden hat, daß diese Maßregel jedoch nur mit dem Plane der theilweisen Ersetzung der Grenzwachen durch Cavallerie m Verbindung steht, da die russische Regierung auf solche Weife dem in letzter Zeit wieder äußerst lebhaft gewordenen Schmuggel wirksamer zu begegnen hofft.
— Wie man der „P. C." ferner aus Warschau meldet, wird in Betreff der Juden von der russischen Regierung neuestens wieder mit größerer Strenge vorgegangen Den jüdischen Eisenbahnbediensteten der Libauer Bahn wurde sämmtlich gekündigt. Ein in erster Instanz unbemängelt gebliebener Kauf von Grundbesitz durch den Bankier Brodzki in Elisabethgrad wurde vom Senate anullirt. Aus Kowno wird die Entfernung der Juden aus dem durch eine ant'quirte Verordnung ffftgffttllten Grenzterritorium in's Innere als bevorstehend fignalifirt. Den Vorwand gab bte von den Zollorganen erhobenen Beschwerde, daß die nahe der Grenze ansässigen Juden angeblich dem Schmuggel Vorschub leisten und dadurch die Staatseinnahmen verkürzen sollen.
Telegraphische Depesche«.
Wolff'S telegr. Eorrespondem-Bvrea«.
21. December. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht auf den Bericht ber Osnabrücker Handelskammer ein wegen der Organisation der Handelskammern erngegangenes Rescript des Handelsministers Fürsten Bismarck, weiches besagt, die Vorschläge für b'e Neubildung der Handelskammern für die gemeinsamen Angelegenbeiten des Handels, der Industrie, des Kleingewerbes und der Landwirthschaft stimmten mit seiner eigenen Ueberzeugung von der Nothwendigkeit einer einheitlichen Organisation der wirthschaftlichen Interessenvertretung für sämmtliche Zweige der gewerblichen Thatigkett überein. Er beabsichtige nach dieser Richtung hin eine Erweiterung der vorhandenen lediglich vereinzelte Erwerbsgruppen vertretender Institutionen auf dem Wege der Gesetzgebung herbeizuführen und bis dahin auf dem Verwaltungswege Einrichtungen in's Leben zu rufen, welche eine Vereinigung der Vertreter aller Rroeiae wirthfchaftlicher Thätigkeit ermöglichten. y
Dortmund, 21. December. Auf der Zeche Hardenberg stürzte heute in Folge eines Seilbruchs der Förderkorb in den Sumpf. Etwa 20 Arbeiter sollen, der „Dortm. Ztg." zufolge, dabei um's Leben gekommen sein.
Prag, 21. December. Dem „Prager Abendbl." wird aus Wien geschrieben: Gegenüber den Aeußerungen, als gebe es in Oesterreich gegen das deutsch-österreichische Vündniß gerichtete Strömungen und angebliche Gegensätze der inneren und äußeren Politik, muß mit aller Entschiedenheit betont werben, baß man es mit nichtswürdigen Hetzereien zu thun hat, die nur von Leuten ausgehen können, welche die Verhältnisse entweder nicht kennen oder in böswilliger Absicht fälschen. Das deutsch-österreichische Bündniß wird von allen Parteien Oesterreichs, welcher Nationalität dieselben auch immer angehören mögen, (und auch gegen die Polen kann in dieser Beziehung kein Vorwurf erhoben werden) als Der wichtigste Faktor der auswärtigen Politik betrachtet und die Ueberzeugung von der Unantastbarkeit desselben hat in allen Schichten längst solche Wurzeln gefaßt, daß die erwähnten ebenso verdächtigen, wie verdächtigenden Versuche dieselben nicht zu lockern im Stande sein werden. Das haben die letzten Sessionen der Delegationen und ganz besonders Die letzte, jn welcher die gegenwärtige Majorität des Reichsraths die Mehrheit besaß, zur Genüge bewiesen. Wenn aber nun vollends gar dem Minister des Aeußern von leichtfertigen Zeitungs-Correspodenten Neigungen in der Richtung einer Abänderung des deutsch-österreichischen Bündnisses imputirt werden, so genügt wohl der Hinweis des Grafen Kalnoky in den Delegationen, um die Haltlosigkeit aller derartigen Versuche vollständig klarzulegen.
Paris, 21. December. Die Verhaftung des Fürsten Krapotkin fand in Folge der Entdeckung wichtiger Schriftstücke statt, welche bei der jüngst in der Wohnung Krapotkin's vorgenommenen Haussuchung aufgefunden wurden. Die gegen Krapotkin erhobenen Belastungs-Momente machen es unzweifelhaft, daß derselbe an verschiedenen Bewegungen der Anarchisten auf französischem Gebiete theilgenonunen hat. Krapotkin ist in Folge dessen angellagt, an einer Verbindung zwischen Franzosen und Ausländern znm Zweck eines durch Mord und Plünderung zu bewirkenden socialen Umsturzes theilgenommen zu haben und der Anstifter einer anarchistischen Verbindung in Frankreich gewesen, auch nach Lyon gekominen zu sein, um in heimlichen Zusammenkünften den Zwecken dieser Verbindung Vorschub zu leisten. Krapotkin wird in der ersten Hälfte des Januar mit 45 anderen Anarchisten vor den Gerichtshof für Strafsachen in Lyon gestellt werden.
Vermischtes.
Leipzig, 20. December. Die von Salomon Kaufmann zu Viernheim in Baden, der wegen Wucher, Betrug, Erpressung, Diebstahl, Unterschlagung und Urkunden-


