Nr. 2L6.
Samstag den 21. Oktober
1882.
ickmer Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
rr . . -x ar v a «« j. fi Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
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Amtlicher HHeil. Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf die nachstehende Veröffentlichung machen wir daraus aufmerksam, daß der landwirthschaftliche Bezirksverein Gießen 200 A zu Unterstützungen für den Besuch einer Ackerbauschule vorgesehen hat.
Gießen, am 11. Oktober 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Betreffend: Wintereurfus 1882/83 der Ackerbauschule des landw. Vereins für die Provinz Oberheffen zu Friedberg.
Der diesmalige Wintercursus hiesiger Ackerbauschule beginnt Donnerstag den 2. November und wird gegen Ende März geschlossen. Der Unterricht erstreckt sich auf allgemeine Schulgegenstände, die verschiedenen Zweige der Naturkunde und landwirthschaftlichen Fächer. Er wird von zwei Landwirthschafts- lehrern, dem Culturingenieur Völzing, dem Dr. med. C. Becker und mehreren anderen geeigneten Hülfslehrern erthellt. Die nöthige Anschauung gewähren die reichen Lehrmittel der Anstalt, sowie Excursionen nach nahe gelegenen Gutswirthschaften, gewerblichen Anlagen und sonstigen belehrenden Einrichtungen. Aufnahmsfähig sind alle unbescholtene junge Männer, welche die Volksschule mit gutem Erfolg absolvirt haben. In die 2. Klasse werden nur solche Schüler ausgenommen, welche vorher die 1. Klasse besuchten, oder nachweisen, daß sie sich anderweitig die Kenntnisse angeeignet haben, welche das Lehrziel der 1. Klasse bllden, alle anderen Schuler kommen in letztere. Das Schulgeld beträgt sür die 1. Klasse 45 «A, für die 2. Klasse 35 A Anmeldungen nimmt der Anstaltsdirigent, Großherzoglicher Landwirthschaftslehrer Dr. Tobisch, entgegen, welcher gewünschtenfalls auch anderweitige bezügliche.Auskunft ertheilt.
Friedberg, den 6. September 1882. Das Curatorium der Ackerbauschule zu Friedberg.
Dr. Braden, Kreisrath. Dr Frhr. v. Gemmingen, Kreisassessor. Schmidt, Kreisschulinspector.
Deutschland.
Darmstadt, 19. Octbr. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 10. Octbr. den Steuer-Controleur Karl Hechler zu Darmstadt zum Secretär bei der BrandversicherungS-Commission, unter der Verpflichtung, auch die Geschäfte eines Registrators und Protokollisten bei dieser Behörde zu übernehmen, zu ernennen.
Berlin, 18. Octbr. Der Ausschuß des deutschen Handelstages tritt in Berlin in den Tagen des 27. und 28. October zu Sitzungen zusammen, in welchen u. A. auch die Frage der Reform der Handelskammern zur Berathung gelangen soll.
Im Anschluß hieran tritt am 29. und 30. October der Ausschuß des Centralverbandes deutscher Industrieller zusammen, um sich über die Details zu der in Nürnberg von den Delegirten gefaßten Beschlüsse zu der Krankenkassen- und Unfallversicherungs-Vorlage zu verständigen. Allem Anschein nach dürfte eine die Materie erschöpfend behandelnde Denkschrift ausgearbeitet werden.
— Während der Anwesenheit des Herrn Ministers v. Bötticher im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirke waren an denselben mehrfach Wünsche betreffs Anlegung von Secundärbahnen gerichtet worden. Wie die „Verl. Polit. Nachr." erfahren, haben dieselben insofern schon Erfolg gehabt, als bereits Beamte im bergischen Lande eingetroffen sind, welche sich an Ort und Stelle mit den ersten Vorbereitungen für den Ausbau des dortigen Schienennetzes beschäftigen, nachdem bereits vor einiger Zeit diesbezügliche Erlasse des Herrn Ministers der öffentlichen Arbeiten an die königl. Negierung in Düsseldorf und an die königl. Eisenbahndirection in Elberfeld ergangen sind.
— In den Webergegenden des Königreichs Sachsen und der thüringischen Fürstenthümer nehmen die Strikes noch immer zu. Nachdem seit längerer Zeit in Greiz ein Streit entbrannt ist, welchem sich die Weber in Gera angeschlossen haben, ist jetzt auch in Crimmitzschau der Strike abgebrochen.
— Die „B. P. N." schreiben: Wenngleich die Verständigung der englischen mit der französischen Regierung bezüglich Egyptens unleugbare Fortschritte macht, so geht die Erledigung der Einzelpunkte doch keineswegs so glatt vor sich, als es nach den Mittheilungen der „Times" und mehreren französisch-freundlichen Londoner Blättern den Anschein haben könnte. Diese hofiren dem intimen Alliirten in lächerlich übertriebener Weise und lassen dadurch erkennen, wie bitter ihm die Pille schmecken muß, deren Ueberzuckerung sie sich zur Aufgabe machen. Die Pariser Blätter quittiren mit sauersüßer Miene über die Liebenswürdigkeiten ihrer Londoner Collegen und gestehen resignirt, daß weder Frankreich noch England ein Interesse haben, sich um Egyptens willen ernstlich zu entzweien. Diejenigen Journale, welchen Inspirationen aus dem Elysee zugänglich sind, gehen noch weiter und erklären, daß, so bedeutend Frankreichs Interessen am Nil auch sein möchten, sie dennoch nicht schwer genug wiegen, um eine feindselige Haltung der Republik gegen England zu rechtfertigen. Man müsse aber beiderseits Nachgiebigkeit bekunden. Diese Nothwendigkeit ist von den „Berl. Polit. Nachr." schon wiederholt accentuirt worden.
In Konstantinopel vollzieht sich endlich der Umschwung, welchen man schon früher hätte bewirken sollen. Die Pforte lenkt England gegenüber ein und giebt ihre Bereitwilligkeit zu einer gütlichen Beilegung der egyptifchen Schwierigkeit zu erkennen. In einer an Lord Dufferin gerichteten Note wird Die Hoffnung ausgeft ochen, daß. die wesentlichen Punkte des Status quo aufrecht erhalten bleiben können. Also im Princip selber treten die Konstantinopeler Staatsmänner doch schon den Rückzug an. Ueber das, was sie unter den „wesentlichen Punkten" verstehen, wird sich mit ihnen wohl auch noch reden lassen. Die Türkei sowohl wie Europa kann bei dem Frontwechsel der egypti- schen Politik des Sultans nur gewinnen.
Den Italienern verursachen ihre diesjährigen Militärmissionen zu den fremdstaatlichen Manövern mancherlei Kopfzerbrechen. Kaum hat sich die öffentliche Meinung einigermaßen beruhigt wegen der unterbliebenen Decorirung der
nach Deutschland entsendeten Officiere, so kommt der „Fanfulla" und erzählt, den nach Frankreich gereisten Officiere fei als Beobachtungsfeld das Terrain der kleinen Manöver in der Normandie angewiesen worden, während alle fremdstaatlichen Officiere zu den großen Manövern bei Ormy zugelassen wären. Es habe der directen Einmischung des Königs Humbert bedurft, um den Vertretern des italienischen Heeres in dieser Beziehung die Gleichstellung mit ihren Kameraden der übrigen europäischen Mächte zu verschaffen.
Berlin, 18. Octbr. Nach dem von dem Kriegsminister veröffentlichten allgemeinen Krankheitsberichte sind während des August im deutschen Heere, ausschließlich Bayerns, 12 Selbstmorde vorgekommen, ebenso einzelne Todesfälle in Folge Hitzschlags.
— Nach Mittheilungen aus Hofkreisen besteht das Unwohlsein des Kaisers in einer leichten, durchaus unerheblichen Erkältung, welche indessen doch den Monarchen nöthigt, das Zimmer zu hüten und ihn verhindert, für seine Rückreise die bisherigen Bestimmungen festzuhalten. Man glaubt jedoch, daß Die Unpäßlichkeit in wenigen Tagen vorübergegangen sein wird. Der Kaiser selbst hegt nach derselben Quelle die feste Hoffnung, im November den Hofjagden in Wernigerode, Ludwigslust und in verschiedenen Provinzen Preußens beizuwohnen.
— Gegen Ende October wird es 25 Jahre, daß General-Feldmarschall Graf Moltke, welcher am 26. d. Mts. sein 82. Lebensjahr vollendet, an der Spitze des Generalstabes der Armee steht. Unter dem 29. October 1857 wurde der damalige Generalmajor Freiherr v. Moltke mit der Führung der Geschäfte des Generalstabs der Armee beauftragt und am 18. September des folgenden Jahres endgültig zum Chef ernannt. Welche Dienste der Jubllar in diesem Vierteljahrhundert seinem Könige, der Armee und dem Vaterlande geleistet, ist weltbekannt. Wo die Thaten so laut und deutlich reden, bedarf es keiner Worte mehr zum Ruhme des in Krieg und Frieden bewährten Heerführers.
Kngkand.
London, 17. Octbr. In Dublin ist ganz plötzlich die Schutzwache des viceköniglichen Schlosses verdoppelt worden und die Militärbehörde hat andere Vorsichtsmaßregeln getroffen. So ist den Soldaten eingeschärft worden,..niemals anders als zu Zweien auszugehen. Auch wurde die Anordnung getroffen, daß mindestens eine Hälfte der Truppen der Garnison stets in den Kasernen con- signirt sein soll. Ueber die Gründe für diese verschärfte Wachsamkeit ist bis jetzt nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen.
— Aus Limerick wird geschrieben: Vor zwei Jahren, als die agrarische Agitation in Irland auf ihrem Höhepunkte stand, wurde auf Fräulein Ellard, die Besitzerin eines ausgedehnten Güter - Complexes in Newtown - Ellard, Oola, geschossen, aber sie, sowie der Kutscher entgingen der meuchelmörderischen Kugel. Kurz darauf wurde der Dame Polizeischutz gewährt und zwei Unter-Constabler der Station New Pallas mit diesem Dienste betraut. Einer dieser Constabler, Namens Sheehy, entledigte sich seiner Pflicht in solch angenehmer Weise, daß Fräulein Ellard beschloß, sich seinen Schutz aus Lebenszeit zu sichern. In andern Worten, die junge, reiche und schöne Dame hat dem Constabler ihre Hand gereicht und derselbe ist jetzt der Gatte eines schönen Weibes und ein Grundbesitzer mit einer Jahresrente von 10,000 L.
— Der Henker Marwood hat von der „geheimen Meuchelmord-Gesellschaft" einen mit dem Poststempel Dublin versehenen Drohbrief erhalten, worin er gewarnt wird, daß sein Leben in Gefahr schweben würde, falls er sich jemals wieder für die Vollstreckung einer Hinrichtung in Irland gebrauchen lasse. Marwood hat das Schreiben dem Minister des Innern vorgelegt und sowohl von diesem, als auch von dem Vicekönig von Irland hat er die Versicherung erhalten, daß, wenn seine Anwesenheit in Irland wieder erforderlich sein sollte, für seine persönliche Sicherheit auf's Beste gesorgt werden würde.


