L882
Amts- und Anzeigtblatt für den Kreis Gießen
Erscheint tätlich mit Ausnahme beo Montags.
Bureau: Schulstraße 7.
PreiS vierreljahrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 Pf-
Gießen, 16. September.
Die glanzvollen Kaisertage in Schlesien haben nut dem Manöver . des 6. gegen das 5. Armee-Corps bei Groß-Raake am 13. September und dem am Nachmittag dieses Tages vom Kaiser den Spchen der Breslauer Behörden gegebenen Diner ihr Ende erreicht. Sowohl die drei Tage wahrenden Manöver als auch die Festlichkeiten, welche in der schlesischen Hauptstadt zu Ehren der Anwesenheit des Kaisers stattfanden, sind äußerst S^zvoll verlaufen und wer- den diese festlichen Tage sicherlich noch lange im Andenken der Bevölkerung Breslaus leben. Erfreulicher Weise hat der Kaiser sowoh^ den Manovern, wie auch den ihm zu Ehren veranstalteten Festlichketten ohne Benachtheckgung sein r Gesundheit beiwohnen können. Am Donnerstag, den 14. September, ist der Kaiser in Begleitung der königlichen Prinzen nach Dresden abgeretst, wo die Ankunst der hohen Gäste des sächsischen Königshauses am Nachmittag des ge- nannten Tages erfolgte. Die Anwesenheit des greisen Monarchen m der sächsischen Residenz dürste sich nach den bis jetzt getroffenen Dispositionen b s zum 20 d Mts. erstrecken und wird der größte Theil dieser Zeit der Thecknahme des obersten Kriegsherrn an den Hebungen des sächsischen Armee-Corps gewidmet sein. Auch in Dresden sind umfassende Vorbereitungen zu großen Feftlrchkelten anläßlich der Anwesenheit des Kaisers getroffen, .welche den in Schlesiens Hauptstadt stattgefundenen Festen an Glanz sicher nicht nachstehen werden.
Vor seiner Abreise von Breslau hat der Kaiser m einer Cabinetsordre dem Ober-Präsidenten von Schlesien mit — wie es m derselben heißt — bewegtem Herzen und großer Freude seinen Dank für die zahlreichen Beweise der Liebe, Treue und Anhänglichkeit aller Einwohnerkreise und die Anerkennung für freundliche und gute Aufnahme der Truppen ausg^prochen.
Gegenüber den Kaisertaaen in Schlesien und Sachsen schrumpfte das Interesse an den politischen Vorfällen der zu Ende gegangenen Woche auf ein Minimum zusammen, zumal auf diesem Gebiete nichts wesentlich Neues vorliegt. Wie zu erwarten stand, ist die angebliche Unterredung zwischen oem Fürsten Bismarck und emem preußisch-polnischen Magnaten, welche der Krakauer „Czas" verkündigte, von officiöser Seite dementirt worden. Die /,Rordd. Allq. Stq.", welche dieses sehr scharf abgesaßte Dementi bringt, wendet sich hierbei erregt gegen die „Tribüne", welche sich nicht gescheut habe, drese müßige Erfindung aufzunehmen. Da die Nachricht von jener angeblichen Unterredung die Runde fast durch die gesammte deutsche Presse gemacht hat, so erscheint der Zornausbruch der „Nordd. Allg. Ztg." gegen ein einzelnes Blatt nicht recht öerf Au^s Oesterreich-Ungarn lagen in dieser Woche außer den Berichten über den glänzenden Fortgang der Kaiserreise keine bemerkenswertheren Nachrichten vor. Am Dienstag ist Kaiser Franz Joses in Görz, der Hauptstadt von Kram, eingetroffen, wo ihm von der Bevölkerung ein begeisterter Empfang bereitet wurde. Ihren Glanz- und zugleich Endpunkt wird die Kaiserreise in Triest finden, wo der österreichische Herrscher am Sonntag, den 17. d. Mts., mit seiner Gemahlin und dem kronprinzlichen Paare zusammentrifft.
In Frankreich herrscht noch immer tiefe politische Stille. HerrGrävy, der Präsident der Republik, giebt sich in seiner Sommerruhe zu Mont-sous- Vaudry (Vogesen) vollständig den Freuden des Fischfangs und der Jagd hin und auch die französischen Minister sind zum Theil noch von Paris abwesend. Aus Mangel an geeigneterem Stoff beschäftigen sich die französischen Blätter noch vorwiegend mit den bekannten Auslassungen, zu welchen sich der Minister- Präsident Duclerc den Pariser Berichterstatter der „Times" gegenüber bezüglich einer eventuellen Auflösung der französischen Deputirtenkammer Herbeigelaffen hat. Im Allgemeinen werden diese Aeußerungen Duclerc's bespöttelt und manche Blätter sagen es ihm gerade auf den Kopf zu, daß er bei einer Auslösung der Kammer nur nach dem Willen Gambetta's handeln würde.
In England wendet sich die allgemeine Aufmerksamkeit, nachdem der irische Constabler-Strike gänzlich beendigt ist, wieder ausschließlich den orientalischen Angeleaenheiten zu. Am Mittwoch hat ein Cabinetsrath stattgefunden, über dessen Inhalt zwar noch nichts Genaueres bekannt ist, doch darf man wohl annehmen, daß die zu einem Ende drängende Angelegenheit der englisch- türkischen Militär-Convention mit einen Gegenstand der Berathungen gebildet hat Was den Stand dieser Angelegenheit anbelangt, so scheint England keine weiteren Schwierigkeiten machen zu wollen und die „Times" glaubt, daß die Mllitär-Convention unverzüglich unterzeichnet werden würde. Ueber die Einzelheiten ter Convention nach den neuerlichen Abmachungen erfährt man, daß das Trüsche Truppen-Corps 3000 Mann nicht übersteigen, nach Port Said gehen und dort von General Wolseley weitere Weisungen bezüglich des Landungsortes erhalten werde. — Oberst Wilson ist zum englischen Commissar bei dem türkischen Truppen-Contingent ernannt worden.
Aus Rußland war m dieser Woche die mtereffanteste Nachricht dre- jeniqe von dem Besuche, welchen Kaiser Alexander III., begleitet von seiner Gemahlin und den Großfürsten, der ersten Haupistadt seines Reiches abstattete, nach lanaer Heit wieder zum ersten Male. Den Anlaß gab das alljährlich am 11 September stattfindende Alexander-Newski-Ordens-Fest in der Alexander- Newski-Kirche, nach dessen Beendigung das kaiserliche Paar in offener Equipage durch die Straßen Petersburgs fuhr, von der dichtgedrängten Volksmenge jubelnd begrüßt. Am Nachmittag des 11. September kehrten der Czar, die Czarin und die Großfürsten zu Schiff nach Peterhof zurück.
Der türkisch-griechische Grenzconslict ist trotz aller diplomatischen Bemühungen der Mächte noch nicht aus der Welt geschafft Im Gegen- theil, Griechenland führt eine immer drohendere Sprache und unterstützt dieselbe durch seine offenen Mstungen; es will durchaus den Dfftnct von Nezeros haben, dessen Herausgabe die Pforte verweigert, wie man vermuthet, well dort bedeutende Privatgüter des Sultans liegen. Deutschland und Oesterreich sind eifrigst bemüht, die griechische Regierung zur Nachgiebigkeit zu bewegen, vorlausig gefallt man sich aber in Athen noch darin, tüchtig mit dem Sabel zu raffeln.
Die zu Ende gegangene Woche hat auf dem egypaschen Kriegsschauplätze endlich den so lang erwarteten Entscheidungskampf bet Tel-el-Kebrr gebracht, welcher mit der gänzlichen Niederlage der Truppen Arabi Pascha s geendet hat. Schon in den frühen Morgenstunden des 13. September griffen die Engländer die egyptischen Verschanzungen an und nahmen dieselben ichließlich mit dem Bajonett. Eine große Anzahl Kanonen und ca. 2000 Ge angene fielen den Engländern in die Hände; die Egypter wurden nach allen Seiten hm zersprengt und eifrigst von der englischen Kavallerie verfolgt, Arabi Pascha Mst entkam xu Pferde nach Haaazig. General Wolseley ist entschlossen, seinen ^ug rasch äuszuuützen, denn er dirigirte die Hochländer-Brigade sofort gegen Bmlbe.S zu, also in der directen Richtung nach Kairo, wo seine Avantgarde bernts am Donnerstag Abend eingetroffen ist. Die indischen Regimenter unter General Macpherson wurden angewiesen, den wichtigen Eisenbahn-Knotenpunkt Zagazig, westlich von Tel-el-Kebir, zu besetzen, wo sie nach einem
Mittwoch Nachmittag anlangten. Hier erbeuteten die indischen Truppen fun mit Munition und Lebensmitteln reich beladene Eisenbahnzuge nebst den dazu gehörigen Locomotiven. Der Gouverneur von Zagazig hat ferne Unterwerfung dem General Macpherson angezeigt. — Des Weiteren siehe die telegraphischen Nachrichten.____________
Ar. 2L7» Zweites Blatt. Sonntag den 17. September
Wußlano.
Petersburg, 9. September Fast überall im ganzen großen Rustcnr^che hat der Lauer seine Ernte eingebracht und ist wohl auch bereits in den meisten G-^-ttn Mit dem Ausdreschen des geernteten Getreides beschäftigt. An der Wolga ist die Ernte .n diesem ^ahre durchschnittlich ehr gut ausgefallen und oaher der Bauer für den «Si= «ä sä ixxsss k« -in^ÄM-n^^ Woiga'-
Gorwernement folgen und wir werden sehen, daß der russisch- Bauer sehr häustg auch ”on ei7aÄÄ erzähl, unser Gewährsmann in
le'Ä
»weirnal im Herbst. Den Reigen eröffnet gewöhnlich der Schenkwirth. Am Morgen eines Sonn- oder Feiertags erscheint dieser Biedermann mrt Branntwein im Hause des Bmrers begrüßt ihn mit tiefen Verbeugungen, bewirthet ihn mrt Branntwein und bittet, ihm doch einiges vom geernteten Korn zu geben. Der Bauer habe doch bet ihm dem Schenkwirth, so häufig beim Schnapstrtnken umsonst Brot als Aufbitz genossen Der Bauer will zuerst nicht recht d'ran, aber noch einige Züge au§ der Brannt- wkinflasche und der Bauer sührt den Schenkwirth in seinen Speicher. Hier wird dem Branntwein abermals munter zugesprochen und ein Maß Korn nach^dem andernv r- scüwindet im Sack des Schenkwirths, bis der Sack voll ist oder das Werb ihren Mann aus den Händen des Verführers gewaltsam befreit und diesen vom Hofe ähnlicher Weise handeln die Aufkäufer, Schmiede, Dorfschn^der und> wer alle diese Blutsauger des Bauers sind. Niemand aber erscheint ohne Branntwein. Haben die Manner alle Höfe und Hütten eines Dorfes besucht, so treten dre Werber dieselbe Rund- fabit an, um auch rhrersetts so viel als möglich dem Bauer abzuschwatzen- Es erscheint das Weib des Schenkwirths oder Aufkäufers mit Aepftln, eingemachten Gurken, Häringen, wohl aud) mit Branntwein, und tauschen dies- Sach-r. g-g n Korn.Lern- wand Garn u. s. w. aus. Wie vortherlhaft ein solcher Tauschhandel fern muy, r daraus zu ersehen, daß ein Bauernweib für Gurken oder o lepf Getreide gibt. Den betreffenden Obrigkeiten find drese Geschichten M) 9 ^ntit, sie wissen, daß die Bauern auf diese Weise ruinirt werden - und vocy
die eben genannten Personen machen es der- Popr- der BcttjEa (Väterchen) und die Bapin, d sunn? erilbeint ohne ^ranntweiw dafür aber in sorger und dessen Frau nennt. Der Pope erscheint oyn . der Bauer seinen
Begleitung der Dorfobrigkeit. Mit üefen Verbeugung Ag vorhandenen
Seelsorger und sührt ihn rn den Speicher- Der Pope prüft N-caramg^ merben Getreidevorräthe und g'bt dann den Kasten an, au3 » W) 1 schnödem Geiz dem soll. Während dieses geschreht, ermahnt er den, Bauer, ^nr^ mlffe ^hr wohl, Diener der Kirche das bessere Korn vo^uenthalt n. liegen habe, das er für
daß der Bauer in einem anderen Spelcher ss ™ helfen; der Pope gibt sich sich zurückhalten wolle. Keine ^ct^cut^1!eKenf erhalten hat. Einige Wochen später erst zufrieden, nachdem er noch ern Exttag fcyenr ben Bauernwetbern Lein-
unterntmmt die Popm chrersetts eine RundwY r un magt, den Popen
wand, Garn, Flachs, Wolle u. s- w- ab. ^eye oem ^,^nd, daß der Pope oder die Popin unoernchteter Sachezu e '°>'^^M„chtigt sei. Dem Popen fehlt es nach dem Gesetze zu solchen ForderungenVernunft zu bringen. Der Un- nicht an Mitteln, einen solchen W'derspenMg n 8 ä(t# wird ihm als Sühne für glückliche wird 2-3 Stunden in de ■ 0 $|nbur$ f0 und so viel Knie-
irgend em kleines Vergehen auTeriegt, c-,eiliaenbilde au machen, wobei er fedesmal b-ugungen, oft über hund-rt °° -'n-m g' e’™n“ “’m »trb jeder Hof ein. mit dem Kopfe den Fußboden » ™ rechtgläubigen Ruffen eine furchtbare
gesegnet, fein Hof ^-r nicht, hin, den Widerspenstigen rasch ge-
Demüthigung tst. ® Ä UW, bittet diesen demüthig um Ver- fügig zu enueben. Er -rstbeint stetwi g b{n verweigerten Tribut. Daher
bNauch der P?pe Ms die reichsten Gaben nach Hause, so daß er ' Nen großen Theil vei kaufen kann.


