srr. 189
Mittwoch den 16. August
1882
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
: Schulstraße 8. 18.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mart 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
gegen die dortigen Christen und ist deshalb das englische Kriegsschiff „Thetis" zum Schutze derselben von Port Said nach Beirut abgegangen.
In Egypten kann man den Beginn größerer Operationen Seitens der Engländer als unmittelbar bevorstehend betrachten. Die von England abgegangenen Truppen sind zum Theil in diesen Tagen in Alexandrien eingetroffen, auch in Suez ist der größte Theil des indischen Expeditions-Corps in voriger Woche eingetroffen. Was die Mitwirkung desselben anbelangt, so wird angenommen, daß das indische Corps nach Kenneh an der großen Nilbeuge in Ober- Egypten soll, um hierdurch Arabi Pascha den eventuellen Mckzug nach Ober- Egypten zu verlegen. Da. die Engländer hierbei die zwischen dem Nil und dem Rothen Meere gelegene Wüste passiren müssen, so haben sie bereits eine große Anzahl von Transport-Kameelen zusammengestellt. — König Johannes von Abessinien hat, als alter Gegner der Egypter, den Engländern seine Bundes- genoffenschast gegen Arabi angeboten, unter der Bedingung, daß Abessinien eine Landerweiterung bis zum Meere erhalte. Ob England die Allianz mit der abessinischen Majestät eingehen wird, ist noch ungewiß.
Die Befürchtung, daß die Mohamedaner Indiens durch das Vorgehen Englands in Egypten in eine bedenkliche Stimmung gegen England versetzt werden könnten, hat sich bis -jefct nicht bestätigt. Die hervorragendsten indischen Lehnsfürsten haben sogar der englischen Regierung ihre sehr beträchtlichen Streitkräfte zur Bekämpfung Arabi Pascha's zur Verfügung gestellt, doch lehnte die Negierung diese Anerbietungen dankend ab. An der Aufrichtigkeit der letzteren ist jedoch nicht zu zweifeln, denn gerade die mittelbaren Lehnssürsten Indiens haben in dem furchtbaren indischen Aufstande von 1857 treu zu England gestanden und an der Seite der Engländer kämpften die Sikh- und Sepoy-Regimenter der treugebliebenen Fürsten auf das Tapferste gegen ihre aufständischen mohamedanischen Brüder.
Deutschland.
Darmstadt, 14. August. Am 9. August wurde der Secondelieutenant der Landwehr Emil Oswald Gustav Walter zum Verwalter an bem- Provinzialarresthause zu Darmstadt ernannt.
Darmstadt, 14. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 12. August den Kreisrath des Kreises Lauterbach, Julius v. Kopp, auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. October l. Js. an — unter Anerkennung seiner langjährigen und treuen Dienste, sowie unter Verleihung des Charakters als „Geheimer Negierungsrath" — in den Ruhestand zu versetzen.
Rußland.
Petersburg, 13. August. Mit Rücksicht auf die Broschüre des Professors Martens über Egypten bemerkt das „Journal de St. Petersbourg", daß Egypten, welches wohl das Recht habe, unabhängig zu sein, wie jedes andere Land, nicht unabhängig werden könne infolge seiner geographischen Lage. Einerseits seien europäische Interessen in Egypten sehr engagirt, andererseits bildeten die Egypter keine Nation, sondern eine Zusammenwürfelung von Nationalitäten, welche unfähig se! zur Eroberung wie zur Vertheidigung. Auch sei die gegenwärtig normale Ordnung der Dinge in Egypten, welche sich als das Resultat der rivalisirenden Triebkräfte charak- terisiren, eine solche, daß es schwierig sein dürfte, eine bessere zu finden für die Wohlfahrt des Landes, die Interessen des Friedens und das Gleichgewicht Europas. Einige Verbesserungen könnten wohl vorgenommen werden, aber im Grunde müsse diese Ordnung der Dinge aufrecht erhalten werden. Egypten werde auch ferner einen Theil des ottomanischen Reiches bilden mit einigen autonomischen Privilegien. Die Beziehungen Egyptens zu der europäischen Cioilisation würden in gerechter Weise geregelt werden und die beste Garantie für seine ruhige Existenz werde immer darin bestehen, daß es das Interesse der Mächte sei, es nicht in die Herrschaft ausschließlich einer einzigen Macht gerathen zu lassen; der Suez-Canal vergrößere dieses Interesse noch.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 15. August.
Der „Reichs-Anzeiger" veröffentlicht einen kaiserlichen Erlaß, datirt Gastein, 4. August, an den Reichskanzler, worin der Kaiser seine lebhafte Befriedigung über die Ergebnisse der Reichspost- und Telegraphen- Verwaltung während der Jahre 1879—1881 und über die in allen Zweigen dieser Verwaltung gemachten Fortschritte ausspricht. Die Aufmerksamkeit des Kaisers sei besonders durch das erfolgreiche Streben erregt worden, dem stets wachsenden Verkehrsbedürfnisse des Publikums auf diesen Gebieten mit einer durch Erfahrung gereiften Einsicht durch fortgehende Ergänzung der Organisation und Anwendung zweckentsprechender Mittel unter alsbaldiger Benutzung technischer Verbesserungen gerecht zu, werden. Der Kaiser spricht schließlich allen bethei- ligten Beamten, durch deren umsichtige Leitung wie treue Pflichterfüllung diese Resicktate gewonnen worden sind, seinen Dank aus. Unsere Reichspost- und Telegraphen-Beamten können mit Recht auf eine derartige schwerwiegende Anerkennung aus dem Munde des Kaisers stolz sein.
Die deutsche Reichsregierung scheint entschloffen zu sein, sich von eventuellen weiteren Ereignissen in Egypten nicht überraschen zu lassen. Zu den zwei in den egyptischen Gewässern bereits befindlichen deutschen Kriegsschiffen, den Kanonenbooten „Habicht" und „Möve", werden noch drei andere Schiffe unserer Marine stoßen, nämlich die Corvette „Gneisenau", der Aviso „Zielen" und das Kanonenboot „Cyclop", welche Schiffe bereits in der Ausrüstung begriffen sind. Die Interessen Deutschlands in Egypten erscheinen sonach jetzt genügend gewahrt.
Noch hat sich die Aufregung über die bekannte Affaire Meiling kaum gelegt, als schon wieder von einem nicht minder sonderbaren Vorfälle berichtet wird. Zwei russische Officiere sollen in den letzten Tagen beim Zeichnen der Festungswerke von Friedrichsort (Kiel) betroffen und verhaftet worden sein. Das Gerücht hiervon war in Kiel mit größter Bestimmtheit verbreitet, selbstverständlich muß man erst nähere Mittheilungen von competenter Seite über diese fast unglaublich klingende Nachricht abwarten.
In Hamburg wurde in diesen Tagen das dritte deutsche Sängerbundesfest unter lebhafter Betheiligung der deutschen wie auch auswärtiger Gesangvereine in glänzender Weise gefeiert.
In Oesterreich hat sich die Erregung über das Triester Bomben- Attentat endlich gelegt und wieder der Erörterung der schwebenden inneren politischen Tagesfragen Platz gemacht. Vor Allem ist man auf den Ausgang der bosnischen Reise des Reichs-Finanzministers v. Kallay gespannt, denn von dem Berichte, welchen Herr v. Kallay nach seiner Rückkehr dem gemeinschaftlichen Ministerium über die Verhältnisse in den occupirten Provinzen vorlegen wird, hängt wesentlich die Reorganisation der Verwaltung in Bosnien und der Herzegowina ab. Etwas Näheres über die bisherigen Resultate der Reise Herrn v. Kallay's ist jedoch noch nicht bekannt.
Das neue französische Cabinet Duclerc ist durch die Ernennung des Bauten-Ministers und der Unterstaatssecretäre in. allen seinen Theilen nunmehr vollständig gebildet. Das Portefeuille der Bauten erhielt der Depu- tirte H^risson, von der radikalen Linken, durch dessen Ernennung auch den noch weiter links stehenden Ultraradikalen (Clemenceau und Genossen) gewissermaßen eine Concefsion gemacht worden ist. Zu Unterstaatssecretären wurden Labuze (Finanzen), Baihant (öffentliche Bauten) und Lozerotte (Unterricht) ernannt. Da auch die neuen Unterstaatssecretäre, mit Ausnahme des Herrn Labuze, als Anhänger Gambetta's gelten, so erscheint dessen Einfluß im neuen Cabinet mehr als gesichert. Welche Consequenzen sich hieraus für die innere und äußere Politik Frankreichs ergeben, wird schon die nächste Zukunft lehren.
Die in England drohende parlamentarische Krisis ist durch die unerwartete Nachgiebigkeit des Oberhauses in der irischen Pachtrückstandsbill nicht zum Ausbruch gelangt. In feiner Sitzung vom 9. August nahm das Oberhaus die Pachtrückstandsbill ohne weitere Abstimmung nach den letzten Anträgen des Unterhauses an, womit es auf die Amendements Salisbury's verzichtet hat. Letzterer erklärte, er habe seine Ansichten über die Unzweckmäßigkeit der betr. Bill nicht geändert, aber in Hinblick auf die Zustände in Irland und Egypten gab er, und mit ihm die conservativen Pairs, die weitere Opposition gegen die Vorlage auf. Dieser Mißerfolg Lord Salisbury's in Sachen der Pachtrückstandsbill dürfte den Lord wahrscheinlich bewegen, die Führerschaft der Conservativen im Oberhause niederzulegen, wenigstens wissen Londoner Blätter zu melden, daß er sich mit diesem Gedanken trage.
In Rumänien ist eine Ministerkrisis ausgebrochen, welche jedoch anscheinend von keiner erheblichen Bedeutung ist. Wie es heißt, würden nur zwei oder drei Minister aus dem jetzigen Cabinet Vratiano ausscheiden und dafür neue Persönlichkeiten eintreten; im Uebrigen würde jedoch das Cabinet intact bleiben.
Ueber die türkisch-englischen Abmachungen bezüglich Egyptens ist noch immer nichts Definitives bekannt. Der Sultan hat allerdings Arabi Pascha als einen Rebellen erklärt, vielleicht aber blos pro forma, nun, dies wird sich wohl bald zeigen. Bezüglich des Abschlusses der englisch-türkischen Militär-Convention herrscht jedoch vollständige Ungewißheit, selbst die Conferenz scheint hierüber nicht näher unterrichtet zu sein, so daß es wohl Zeit wäre, wenn England hierüber einmal Farbe bekennen wollte. — In Beirut (Syrien) herrscht in Folge der Ermordung eines Muselmanns eine bedenkliche Aufregung
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Eorrefpondenr-Burearr.
Berlin, 14. August. Der Kaiser nahm heute auf Schloß Babelsberg die gewöhnlichen Vorträge entgegen. Um 5 Uhr findet daselbst ein kleineres Diner statt, zu welchem mehrere Generale und höhere Officiere geladen find. Die Kaiserin ist durch einen Fall im Zimmer auf einige Tage am Ausgehen behindert, sie konnte deshalb auch gestern dem Gottesdienste nicht beiwohnen.
Kassel, 14. August. Heute Vormittag hat Se. Königl. Hoheit der Prinz Karl zum ersten Male das Stadtpalais verlassen und ist in einem Rollwagen auf der Bellevue-Straße spazieren gefahren.
Wiesbaden, 14. August. Der König von Griechenland ift gestern Abend 10 Uhr hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem König und der Königin von Dänemark und dem Regierungs-Präsidenten v. Wurmb empfangen worden.
St dttff utt, 14. August. Die hier stattfindende 13. allgemeine Ver- sammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft wurde heute von Pros. Lucae eröffnet, der einen Ueberblick gab über die Leistungen aus dem Gebiete der Anthropologie seit der ersten im Jahre 1861 abgehaltenen Veyammlung. Hierauf wurde die Versammlung Namens der Stadt Frankfurt vom Ober- Bürgermeister Miquel begrüßt. Dr. Schliemann berichtete über seine neuesten Ausgrabungen Prof. Dr. Virchow hielt einen Vortrag, in welchem er die praktisch-empirische Thätigkeit der Gesellschaft im Gegensatz zu der constructiven Phantasie vieler Gelehrten hervorhob. Um 12>/3 Uhr wurden die Verhand,


