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Mittwoch den 15. März 1»S2.

ießcucr Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

------------------------ - (Breis Vierteljahr lich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. S B 18 Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

werden sollte, wurde es um die fernere Zukunft Rußlands ziemlich bedenklich ausfehen. _ Y . ,. ,

Der Kronprinz und die Kronprinzefsin von Schweden sind am Freitag von ihrer norwegischen Reise nach Stockholm zurückgekehrt. Das Auftreten des hohen Paares, nanientlich aber das liebenswürdige und unge­zwungene Benehmen der Kronprinzessin Victoria hat besonders in der nvrivegi- schen Hauptstadt Christiania einen überaus günstigen Eindruck zurückgelassen.

Rußland.

Petersburg. 12. März. DerGolos" enthält einen Artikel, der die chauvinistische Partei in Rußland sehr energisch bekämpft. In demselben heißt es Es existire kein irgendwie plausibler Grund für einen Krieg. Die Chauvinisten thäten nichts weiter, als die Geister aufzuregen. Der verstorbene Kaiser habe dazu beigetragen, Deutschland zu einigen und zu befestigen, und habe mit demselben freundschaftliche Beziehungen unterhalten, indem er jederzeit einen Krieg zwischen Deutschland und Rußland als ein großes Unglück ange­sehen habe. Die gegenwärtige Regierung habe dieselbe Politik. Deshalb hoffen wir, daß die Bestrebungen der Chauvinisten erfolglos bleiben werden im Namen der Gerechtigkeit, des gesunden Menschenverstaudes und der Liebe zum ^olke, das wider seinen Willen unter panslavistische Vormundschaft genommen werde. Wir wollen den Frieden, vor Allem aber den Frieden mit Deutschland, jm Falle eines Krieges würde selbst der siegende Theil den Sieg zu theuer zu be­zahlen haben. ____

Politische Uebersicht.

Gießen, 14. März.

»ür den bevorstehenden Geburtstag des Kaisers werden am berliner Hofe bereits Vorbereitungen zu einer würdigen Fei« dieses festlichen Taaes getroffen Unter den fürstlichen Gästen, die man anlaKch des kaiser- burtstaassestes am Berliner Hofe erwartet, werden sich dem Vermh- un n2 auch der Großherzog von Hessen mit seinen Töchtern, der Grobherzog ron Oldenburg, das Großherzogliche Paar von Sachsen-Weimar, sowie der nnn Scbwarzbura-Rudolstadt befinden.

Neber die Frage, ob eine Frühjahrs-Session des Reichstages statt­finden wird oder nicht, cursiren in der Presse noch immer die widersprechendsten Gerückte. Von mehreren Blättern war die Nachricht gebracht worden, daß die Einberufung des Reichstages gegen den 17. April zu erwarten sei, welcher Mel­dung gegenüber erst kürzlich ofsicios erklärt wurde, daß m dieser BezrehuW wck gar nichts seststehe. Jetzt bringt wiederum dieNat.-Ztg. die Mitthei- lunq 9 der Reichskanzler selbst habe sich zu mehreren Abgeordneten dahin ge­äußert daß der Reichstag unmittelbar nach Ostern einberufen werden wurde; im Interesse allseitiger Klarheit in dieser Frage wäre eine offene Auskunft von oificio er Seite wohl erwünscht.

Die Eisend ah n-V ersta a tli chungs-P o litik der preußischen Re­gierung hat in der Donnerstags-Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses einen neuen bedeutungsvollen Sieg davongetragen. Der Gesetzentwurf, betr die Erwerbung der Bergisch-Märkischen, Berlin - Görlitz«, Märkisch-Posener, Thü­ringer, Cottbus-Großenhainer und Rhein-Nahe-Eisenbahn wurde ohne erheb­liche Debatte in zweiter Lesung gegen die Stimmen der Fortschrittspartei, des größten Theiles des Centrums und einiger Nationalliberalen genehmigt. Hier­mit ist das große Werk der Verstaatlichung sämmtlicher preußischer Eisenbahnen seinem Endziele wieder um einen bedeutungsvollen Schritt näher gerückt, welches Werk besonders unter der energischen und einsichtsvollen Leitung des Eisenbahn- iilinisters so gefördert worden ist. Hoffentlich entsprechen die Erwartungen, rnelche die Freunde des vollständigen Eisenbahn-Spstems von demselben hegen den hierfür gebrachten fchweren Opfern.

Die militärischen Operationen der Oesterreicher nehmen auch in der Crivoscie, dem ursprünglichen Herde des Aufstandes der Süd- slaven, einen günstigen Verlauf. Die Truppen gewannen im Laufe der ver­gangenen Woche rasch hintereinander die Orte Zvecana, Unirina, Cerkvice, den Celinaberg und die Bela Greda, Ledenice.Superiore und den 4000 Fuß hohen Berg Beli, welcher die Paß Hun einschließenden Höhen beherrscht, von woraus man nach der Ebene von Dragalj hervorbrechen kann. Die Aufständischen weichen auf allen Punkten nach Dragalj und der montenegrinischen Grenze zurück.

In England hat die zwischen Oberhaus und Unterhaus wegen der irischen Frage eingetretene Verstimmung vorläufig zu einem Erfolge des Premiers Gladstone im Unterhause beigetragen. Das Oberhaus hatte diese Spannung durch die Einsetzung eines Sonderausschusses zur Untersuchung der Wirkung der irischen Landbill hervorgerufen, wogegen Gladstone im Unterhause die Annahme einer Resolution beantragte, welche die Einsetzung der erwähnten Commission als den Interessen der Regierung in Irland zuwiderlaufend erklärt. Diese Resolution wurde am Donnerstag vom Unterhause mit 303 gegen 235 Stimmen angenommen und es bleibt nun abzuwarten, wie sich das Oberhaus diesem Votum derGemeinen" gegenüber verhalten wird. Der Attentäter Mac Lean ist wegen Hochverraths vor die Assisen verwiesen worden.

Italien hat den an ein- und demselben Tage erfolgten Tod zweier Männer zu beklagen, welche in ihrer Art nicht unwesentlich zur Ver­wirklichung des italienischen Einheitsstaates beigetragen haben. Am Morgen des 9. März starb zu Rom General Medici und ihm folgte wenige Stunden später der ehemalige ÜJiinifterpräfibcnt Graf Lanza. General Medici focht 1848, 1859 und 1866 mit Auszeichnung gegen die Oesterreicher und war einer der bewährtesten Waffenfreunde Garibaldi's und ein ebenso glühender Patriot. Graf Lanza war lange Zeit Präsident der piemontesischen Kammer und bann Später auch des italienischen Parlaments. Unter Cavour betteibete Lanza das Unterrichtsministerium unb hierauf das Finanzministerium. Unter Lamarmora führte er als Minister des Innern die Verlegung des Regierungs-Sitzes von Turin nach Florenz und später als Ministerpräsident die abermalige Verlegung bes Regierungs-Sitzes von Florenz nach Rom herbei, wie denn überhaupt Lanza oiel für die endgültige Constituirung des Königreichs Italien gethan hat. Das italienische Parlament hielt wegen des Hinscheidens Medici's und Lanza's am 9- März keine Sitzung.

In Rußland dürfte durch die Rückkehr Skobeleff's der Kampf der beiden um die Herrschaft in der Regierung ringenden Richtungen, die der Vertreter der westlichen Bildung und der liberalen Ideen unter Giers, Md diejenige der Anhänger des Panslavismus und des autokratischen Regiments Mter Jznatieff, um ein neues Moment bereichert werden. Falls es der Czar laicht für angezeigt hält, Skobeleff wegen seiner Reden zur Rechenschaft zu «ichen, so würde die panslavistische Partei am russischen Hofe aus dieser Hal- dchz des Czaren frischen Muth schöpfen können und den Kampf gegen die »Westler" mit neuen Kräften weiter führen. Wie dieser gegenseitige Minen- mmpf enden wird, läßt sich schwer sagen, da augenblicklich die Kräfte der Gegner sich die Waage halten, falls aber Herr v. Giers, der Leiter des russi- Men auswärtigen Amtes, durch die Ränke seines Gegners Jgnatieff gestürzt

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telcgr. Correspondenz-Bureau.

Berlin, 13. März. Der Kaiser besuchte gestern den Fürsten Bismarck und verweilte längere Zeit bei demselben. snntf*nftci-(SaneQe

Dem heutigen Trauergottesdienst in der russischen B°Mafts'EapeUe wohnten der Kaiser, der Kronprinz und die übrigen Prinzen bei Der Kaper begrüßte Den Botschafter bei der Ankunft und AbfahU. auf dasHöchste

- Der permanente Ausschuß des ^°lkswirthschaftsrathes berw h heutc die Gewerbeordnungs-Novelle und genehmigte die Artikel .2 -7. emtgen t Ganzen nicht wesentlichen Aendernngen. D.e Berathung des Art. l würbe

Die Kammer der Reichsräthe lehnte nach län- ffSäbÄ -

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Nacht 5 Wagen des Berlin-Münchener Courierzuges kurz vor Bamberg. Vier

Deutschland.

Berlin, 11. März Der permanente Ausschuß des Volkswirthschaftsraths bedaltiite beute zunächst die Entschädigungsfrage. Es sind mehrere Anträge gestellt, welche alle weitergehende Berücksichtigung der zu Entschädigenden verlangen, als bie Vorlage in Aussicht genommen hat. Die Discussion gestaltete sich lebhaft, wobei in erster Reihe die Zahl der Jahre, welche dem Durchschnitt zu Grunde gelegt werden sollen, wie ber schon gestern erwähnte Vorschlag, statt öfach 7'/rsach zu gewahren, be­sprochen werden. Reg.-Comm. Mayr gibt zunächst die Erklärung ab, baß mit der Bemerkung, betr. den Ausschluß der Zollausschlüsse nur gemeint sei, daß das Gesetz sich aus diese nicht erstrecken solle. Personen, welche stch erst kürzlich etabsirt und vor­her in einer Fabrik beschäftigt gewesen, könnten berücksichtigt werden und er bitte eine diesbezügliche Bestimmung zu treffen. - w Nathusius empstehlt subsidtare Unter­stützungen für diejenigen Betriebe, bei welchen sich em günstiges Resultat au§ der Bilanz ergebe, aus den etwaigen Ueberschüssen der vorgesehenen Summen. Koch­hann weist daraufhin, daß die alten Geschäfte größeren Gewinn als die jüngeren haben, die doch theuere Einrichtungskosten gehabt. Nachdem noch mehrere Redner: in ähnlichem Sinne gesprochen, wird zunächst ein Antrag Krüger, wonach Entfchabig- ungsberechtigung emtiitt, wenn Jemand 4 Jahre (statt 6 Jahre der Vorlage) das Geschäft betrieben hat, angenommen. Beim zweiten Alinea 66, betreffenb bte Personal- entschäbigung, werben wesentlich günstigere Bestimmungen angenommen, als bte Regierungsvorlage in Aussicht nahm. Das 3. unb 4. Al., betreffenb bte Ermittelung des Reingewinnes und betreffend mehrere Betriebe in Händen eines Besitzers werden unverändert und sodann der ganze $ 66 angenommen. H'-raus wird bie schon er­wähnte Resolution 'Saari und Genossen, betreffend die Zollausschlüsse angenommen, au S 67 beantragt Äamt en im AI. 2 die Worteober bie Annahme eines ihrer bts- beri ,, -. Dienststellung angemessenen Postens ber bezeichneten Art ohne ausreichenden Grund ablehnen"' zu streichen. ,, . , ..

Reg -Comm. v. Mayr bemerkt hierzu, es würden dann wohl wenig Arbeiter eintreten; wie würde sich deren Lage aber gestalten, wenn sie spater eintreten wollten und bie Monopoloerwattung schon Ersatz hätte? Sn würben ohne Arbeit und 93er= bienst sein. Krüger wünscht einen Zusatz, durch welchen bte T°b-ksbauern welche ferner keinen Tabak pflanzen bürfen, mit ewgeschiossen würden. S 67 wird m,t einer diesbezüglichen, bie Landwirthschafi oetrefftnden Äenberung angenommen Die 68 69 unb 70 werben sodann gleichfalls genehmigt unb hierauf die ganze Vorlage mit 16 gegen 9 Stimmen angenommen. Es stimmten bagegen. Schöpplenberg, Krüger, Kamien, Kabe, Koßmack, Kochhann, Hetmenbahl, Paetsch unb Lepenbecker. Zum Schluß würbe noch folgenbe von Hessel, Vonderbrugge, Spengler unb^Kruschinski beantragte Resolution angenommen:Der Volks- wirthschaftsrath empstehlt ber Monopol-Verwaltung bet Vergebung d-r Verschleiß­stellen in erster Reihe biejenigen Fabrikanten welche ihre Fabrikate selbst ganz ober theflweise im Detail an bie Consumenten verkaufen, zu berücksichtigen. Nächste Sitzung Montag 11 Uhr.