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Beilage zu Ur. 160 des Gießener Anzeigers.

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Politische Uebersicht.

Gießen, 12. Juli.

Am Sonntag, den 9. Juli, hat die vom besten Erfolg begleitete Rur Kaiser Wilhelms in Enis ihr Ende erreicht. Der Kaiser begab sich am Nachmittag des genannten Tages zum Besuche Ihrer Mas. der Kaiserin nach Koblenz, von wo aus heute die Reise nach der Insel Mainau fortgesetzt werben soll.

Die kirchenpolitische Frage in Preußen, welche nahezu einge- Uummert war, droht in ihrer ganzen Schärfe wieder aufzuleben. Sowohl ms der scharfen Polemik zwischen der officiösenNordd. Allg. Ztg." und der .Germania", dem Hauptblatte der Ultramontanen, wie aus dem Beschlüsse des Bundesrathes, den diese Körperschaft noch unmittelbar vor ihrer Vertagung faßte, den Reichstagsbeschluß über die Aushebung des sog. Expatriirungs- und Znternirungs-Gesetzes für die renitenten katholischen Geistlichen abzulehnen, geht hervor, daß die preußische Regierung an einem Wendepunkt ihrer Kirchenpolitik stcht. Man scheint an leitender Stelle in Berlin endlich zu der Einsicht gekom­men zu fein, daß ein weiteres Eingehen aus die Wünsche der Centrumspartei nnb der römischen Kurie, ohne entsprechende Gegenleistungen von dieser Seite, nicht mehr möglich sei und ist der Erlaß des preußischen Unterrichtsministers v. Goßler bezüglich der Entbindung der katholischen Candidaten der Theologie welche unter Erfüllung gewisser Vorbedingungen erfolgen soll vom wissen­schaftlichen Culturexamen wohl als das letzte Zugeständniß der preußischen Negie­rung an die Kurie zu betrachten. Auch von der Rückkehr der abgesetzten Bischöfe in ihre Sprengel ist, wenigstens was die Herren Melchers und Ledo- chowski anbelangt, keine Rede mehr und somit dürfte auch das Zusammengehen der Conservativen und Klerikalen sein Ende erreicht haben, wovon die Neuwahlen zum preußischen Landtage jedenfalls Beweise bringen werden.

Das Central-Comit6 der Hygieine-Ausstellung in Berlin hat sich durch den Brand derselben nicht entmuthigen lassen. Wie Berliner Nachrichten melden, wurde von dem genannten Somit 6 der einstimmige Beschluß gefaßt, die Ausstellungsgebäude auf dem alten Platze in Glas und Eisen zu errichten und bis zum nächsten Frühjahre fertigzustellen.

In dem vielsprachigen Oesterreich bildet die Sprachenfrage schon feit längerer Zeit einen stehenden Gegenstand der Tagesordnung und hat die Regierung geglaubt, durch die Erlasse der verschiedenen Sprachenverordnungen ben Wünschen der einzelnen Nationen entgegenkommen zu müssen. Bei jeder Sprachenverordnung handelt es sich aber weder um ein praktisches Bedürsniß, Aoch um die Gleichberechtigung, sondern um politische und staatsrechtliche Ziele. Bei der Sprachenverordnung für Böhmen und Mähren sollte der Gedanke der böhmischen Krone zum Ausdruck gebracht, bei derjenigen für Steiermark, Kram nnb Kärnthen dagegen sollte der Boden für das schon lange in den Köpfen der Elovenen spukendeKönigreich Slavonien" vorbereitet werden und in Galizien handelte es sich darum, das polnische Element aus Kosten des ruthenischen zu Märken. Jetzt soll nun auch die Sprachenverordnung in Schlesien Eingang finden und haben die Polen und Czechen Schlesiens bereits ein Memorandum an zuständiger Stelle eingereicht, wonach in Schlesien neben der deutschen auch die polnische und die böhmische Sprache als Landessprachen zu gelten haben. Es ist dies der erste Schritt zur Slavisirung dieser noch überwiegend deutschen

fclthflhlfitei- Provinz und bei dem gegenwärtig in Oesterreich herrschenden Systeme erscheint tzüMhav foie Slavisirung Schlesiens als durchaus im Bereich der Möglichkeit liegend.

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iBp-tk M 3'WWflgen dürfen, die in Irland stehenden Regimenter zu vermindern und so sieht ' sH die englische Negierung genöthigt, auf ihre indischen Hilfsquellen zurückzu- «reifen. Ob freilich die zum Thell mohamedanischen indischen Truppen sich in f einem Kampfe mit ihren Glaubensgenossen, den Arabern, als zuverlässig erweisen htfhlUÖ« ' würden, bleibt noch abzuwarten. Das Unterhaus genehmigte am 7. Juli in V*" h e K- dritter Lesung die irische Zwangsbill mit allen gegen 4 Stimmen.

Der in voriger Woche zu Moskau erfolgte plötzliche Tod des ^nerals Michael Skobeleff hat in- und außerhalb Rußlands begreiflicherweise if powofses Aufsehen erregt. Ueber die Todesursache courfiren neuerdings vielfache wie Wiener Blätter melden, nicht gerade sehr schöne Nachrichten. Jedoch Lr; hitfl mortuis nil nisi bene. Mit dem Hinscheiden Skobeleff's, des

E B Melden von Plewna, ist die Laufbahn des Mannes zu einem Unerwarten Ab-

0%. gelangt, der noch vor wenig Monaten ganz Europa durch seine Reden

2 Nregung setzte und der so recht eigentlich berufen schien, der Hort des

' Favismus zu werden. Die Leiche Skobeleff's ist auf seinem Gute

irfP (Gouvernement Rjasan) beigesetzt worden.

[Mfn In der französischen Hauptstadt werden die Vorbereitungen zur

.iioit. Mionalfeier der Franzosen am 14. Juli, dem Jahrestage der Erstürmung der

ig meiner Bastille, mit großem Eifer betrieben. Den Mittelpunkt der Feier wird diesmal

>ie Hemn 0^ne Zweifel die Einweihung des neuen Pariser Stadthauses bilden, wozu der

09 ^Aben * Nmeinderath der Hauptstadt außer den Bürgermeistern der europäischen Haupt- Mt

von denen die meisten aber abgelehnt haben, auch die in Paris beglaip Vertreter der Mächte, die französischen Minister, Senatoren, Deputirten, .Zuu n commandirenden Generäle, Vertreter der Künste und Wissenschaften u. s. w.

g" f j 1^ eingeladen hat. Auch Henri Rochefort hatte eine Einladung erhalten, doch lehnte

der einstigeLaternenmann" dieselbe mit dem Bemerken ab, daß ihm dieGesell­schaft nicht passe." Die von klerikalen französischen Blättern gebrachte Nach- ,. richt, die Nihilisten beabsichtigten, das Stadthaus am Tage der Einweihung in ' iäer die Luft zu sprengen, wird von Niemand ernst genommen und nur als ein Parteimanöver betrachtet, dem Einweihungsseste möglichst Abbruch zu thun.

E, In den gegenwärtigen Rüstungen Englands tritt besonders

m ^er Umstand hervor, daß indische eingeborene Truppen in verhältnißmäßig be­

trächtlicher Zahl in Egypten mit Verwendung finden sollen. Die englische Negie- . rung motivirt die Heranziehung ihrer indischen Truppen damit, daß die an die

Sonne Indiens gewöhnten Truppen auch das Klima Egyptens weit üO-x ertragen würden, als die aus England kommenden Regimenter. Dies 15Regeben, so ist aber noch ein anderer zwingender Grund für die Verwendung irdischer Truppen vorhanden. Die Engländer sind trotz aller Großsprechereien fe nicht im Stande, augenblicklich eine zu einem Feldzuge in Egypten genügende

Berlin, 8. Juli. Eine Eingabe der Handelskammer zu Frankfurt a. M. an den Bundesrath regt die Einführung einheitlicher deutscher Postwerthzeichen, die Beseitigung der speciellen bayerischen und württembergischen Postmarken an. Die Verkehrserschwerung und Belästigung des Publikums, die in der Beibehal­tung verschiedenartiger Postwerthzeichen in Deutschland liegt, ist so handgreiflicher Natur, daß zur Empfehlung des Vorschlags kein Wort gesagt zu werden braucht. Wer hätte diesen Uebelstand nicht schon selbst hundertmal lästig empfunden! Allein es ist uns doch sehr fraglich, ob die Einführung einheitlicher Postwerth­zeichen praktisch durchzusetzen, ohne daß die beiden in Betracht kommenden Län­der, Bayern und Württemberg, überhaupt die Selbstständigkeit ihrer Postverwal­tung zu Gunsten der Neichspostverwaltung aufgeben. Wir meinen nun freilich, ein Verzicht auf die eigene Postverwaltung würde die Souveränität der beiden süddeutschen Königreiche ebensowenig beeinträchtigen, wie es gegenüber Sachsen und Baden der Fall ist. Allein an die Aufgabe dieses Reservatrechts, daß bei Vereinbarung der Neichsverfassung von den Betheiligten mit großer Zähigkeit festgehalten wurde, wird unter den heutigen Verhältnissen, wo der Partikularis- mus sich schwerlich etwas abringen läßt, nicht zu denken sein. Und so wird man sich den fortdauernden Umlauf verschiedenartiger Postwerthzeichen als eine wenn auch unerfreuliche, so doch verhältnißmäßig harmlose Erinnerung an bun­destägliche Zeiten gefallen lassen müssen.

Berlin, 8. Juli. Es ist eine durch die Statistik sowohl, wie durch die Er­fahrungen der hervorragendsten medicinischen Capacitäten bestätigte Thatsache, daß den Verheerungen der Menschenblattern bis jetzt nur durch die Impfung, event. Wieder­impfung mit Erfolg zu begegnen ist. Aus diesem Grunde wurde im deutschen Reiche die Zwangsimpfung eingeführt, die sich ja auch im Allgemeinen bei uns glänzend bewährt hat- Denn während in allen größeren Städten unserer Nachbarländer, in Petersburg, Warschau, Wien, Pesih, Prag. Paris, London, wo Zwangsimpfungen nicht bestehen, alljährlich große Pockcnepidemien auftreten und viele Hunoerte, ja, oft Tausende von Menschen hinraffen, zeigt doch das unbestreitbare Faktum, daß in den deutschen Großstädten, also in Berlin, München, Hamburg, Breslau und namentlich in den Seestädten Bremen, Altona, Stettin, Danzig, obgleich ein stetiger und inniger Kontakt mit den erstgenannten Städten vorhanden und dadurch die Gefahr einer Ein­schleppung der Epidemie sehr nahe liegt, die Pocken seit Einführung des Impfzwanges nur höchst vereinzelt austreten, daß es zu einer ausgedehnten Pockenepidemie nirgends mehr gekommen ist. Aehnliche Resultate liefern die Berichte aus Schweden, Norwegm und Dänemark. Auch hier sind die Impfungen obligatorisch und Pockenepidemten seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Noch deutlicher tritt der durch die Impfung hrrvor- gerufene Schutz in denjenigen deutschen Landesdiftricten zu Tage, welche nach Rußland ungrenzen (Ost-, Westpreußen. Posen und Oberschlesien). Obwohl in den meisten russisch-polnischen Grenzortschaften Pocken stets und oft recht bösartig auftreten, obwohl ferner durch die Unkenntniß des Landvolkes mit manchen sanitären Vorkehrungs­maßregeln die Gefahr der Ein- und Verschleppung noch größer wrrd als in den Städten, ist es in jenen Gegenden seit der Zeit der Einführung des Impfzwanges nicht wieder zu einer ausgedehnten Pockcnepidemie gekommen. Bis vor Kurzem wurde zu den Impfungen humanisirte Lymphe fast allgemein in den Gebrauch gezogen, da einer Conservirung animaler Lymphe, deren großer Vorzug vor der humanisirtm Lymphe nicht zu bestreiten ist, nicht zu erlangen und weil UebertraAungen von an­steckenden Krankheiten, besonders Syphilis, in nur sehr vereinzelten Fallen mit Gewiß­heit zu constatiren war, welche Uebertragungen aber auch durch gewisse Vorsicht beim Aussuchen abzuimpfender Kinder noch seltener gemacht werden konnten. Seitdem aber die leichte Uebertragung speciell der Tuberculose und Scrophulose durch die Entdeckungen Koch's außer allen Zweifel gestellt ist, ist die Jmpffrage eine viel dringendere geworden, da durch die Impfungen von Arm zu Arm nicht blos in einigen Fällen Keime von Syphilis, sondern auch der Keim von Scrophulose und Tuberkulose von einem kranken auf em gesundes Kind übertragen werden kann. Und in der That erinnern einzelne von den Jmpfgegnern angeführte Fälle von Jmpfbeschädigungen an das Bild der Scrophulose, resp. der Tuberculose. Da nun durch die Koch'schen Entdeckungen ein­wandfrei festgestellt ist, daß die Tuberkulose und Scrophulose (Perlsucht) von derselben Bacille hcrvorgerufen werden, also identisch sind und nur in der Form des äußeren Bildes sich von einander unterscheiden, so ist dies bei der großen Verbreitung der Scrophulose unter den Kindern von ungemeiner Wichtigkeit. In Folge dieser Ent­deckung wird wohl auch bei Aerzten und Laien eine erneute Agitation nicht blos gegen die Impfung mit humanisirter Lymphe, sondern auch gegen das gan^e Jmpfgesetz nicht ausbleiben. Die Impfung und mit derselben den Impfzwang können wir aber nach den bis jetzt gemachten Erfahrungen nicht entbehren. Es muß deßhalb die animale Impfung aufrecht erhalten bleiben. Für diesen Fall hat das kaiserliche Gesundheits­amt, wie wir erfahren, hinreichend technisches Material gewonnen und sind insbesondere die beiden Methoden der Conservirung animaler Lymphe nach Pissin und Reißner weitgehenden und sorgfältigen Untersuchungen unterworfen worden, die sich nach jeder Richtung hin bewährt haben. Die dazu benutzten Kälber zeigten im Verlauf der Impfung und der Lymphabnahme keine Gesundheitsstörungen, so daß nach Beendigung des Versuches die Untersuchung der geschlachteten Kälber nichts der Gesundheit Schäd­liches ober Krankes aufwies. In Folge dieser und noch weiterer Versuche dürfte die Herstellung von animaler Lymphe für Massenimpfungen unzweifelhaft sein und ein Verbot der Anwendung humanisirter, dagegen der Gebrauch von nur animaler Lymphe zum Impfen, die nothwendige Folge sein, wie solches im, Großherzogthum Hessen bereits gesetzlich eingeführt ist.

Vermischtes.

Der gefeierte Operateur Billroth mußte sich seine jetzige Stellung auch erst erobern und fand manche Gegnerschaft. In einem medicinischen Blatte erschien sogar eine Aufsehen erregende Not>z, in welcher dem Professor vorgeworfen wurde, er habe bei einer Operation an einer kranken Frau einige Schwämmchen im Leibe der Patientm liegen lasten. (Sine Fluih von Artikeln und Gegenartikeln folgte dieser »Enthüllung aus der Klmik. Die Patienten der Stadt befühlten sich an allen Korperstcllm, ob nicht vergessene Lanzetten da ruhten, und auch die Witzblätter bemächtigten sich des Themas. In einem derselben erschien sogar ein Scherz-Inserat des Inhalts: Jener junge Herr, welcher kürzlich in meinem Bauche einen Operngucker vergessen hat, wird ersucht, denselben wieder abzuholen! Billroth rief die Gerichte an und die Schluß- Verhandlung ergab, bafi der Vorfall sich auf der Ablh-ilung B'llrolh>s nie und mmm-r- mehr ereignet habe. Der gefeierte Operateur erhielt eme glanzende ^bnugthlm^und dennoch wollte das Mährchen lange nicht aus dem Gedächtnisse der^Leut Lachend sprach kürzlich der Meiller davon, wie Z-ih das^Leben einer solchen L-gend- ist, die sich an eine bestimmte Person knüpft,In Wien , sMrDt6 fort,ift ba3 Mährchen schon längst vergessen, aber daß es in entlegenen Winkelni Deutschlands noch in manchem Kopfe spuken muß, habe ich vor nicht langer Ze,. erf. <^a^eit^e,"e^ schönen Sommerabend stand ich mit meinem SD?«fter 2an0enbelf aut ber Bretten irenpe be§Schweizerhoses" in Luzern; mir sahen auf das mundervvlle Landscha tsbtld daS sich vor uns ausbreitete, als ein Bekannter L-mgenbeck s uns gesellte. 63 er. Ute eine gegenseitige Vorstellung- Herr L aus - «« «.«J. SäSmSw ä %£ 'iS mit recht zufrieden."